19.10.1992

„Sonst kommst du nach Auschwitz“

Stella - Eine Jüdin auf Judenjagd für die Gestapo im Berliner Untergrund (I)
Es war nicht verwunderlich, daß Stella Goldschlag und Lieselotte Streszak sich damals anfreundeten, als das große Blutvergießen in Europa begann. Stella war 17, Lilo 16. Beide waren hübsch, von den Jungs in der Nachbarschaft umschwärmt, beide waren jüdisch und Kinder liebevoller, bürgerlicher Eltern in Berlin-Wilmersdorf.
Man schrieb den Herbst 1939, und Hitler hatte gerade den Zweiten Weltkrieg entfesselt. Für jüdische Jungen und Mädchen _(y 1992 Peter H. Wyden, Inc. ) gab es nur noch eine Zufluchtstätte, an der sie sich treffen konnten, die Wohnungen ihrer Mütter und Väter. So versammelte sich Sonntag nachmittags bei dem jüdischen Geschäftsmann Kurt Kübler in der Mommsenstraße eine Handvoll Teenager, um zu tanzen, zu flirten und sich zu unterhalten. Manfred, der Sohn des Hauses, wurde Stellas fester Freund, und auch Lilo und Stella lernten sich dort kennen und fanden rasch Gefallen aneinander.
Als sich das Kriegsgeschick langsam gegen Hitler wendete und sein Wahn, die Juden "auszumerzen", in den Todeslagern grausamste Wirklichkeit wurde, besorgten sich beide Mädchen falsche Papiere und gingen in den Untergrund; sie verloren sich aus den Augen, bis sie sich im Februar 1944 beim Schlangestehen vor einem Milchladen in ihrem alten Stadtviertel zufällig wiedertrafen.
Lilo durchfuhr ein Schreck. Unter den Berliner "U-Booten" - so eine gängige Bezeichnung für die in der Illegalität lebenden Juden - kursierten wilde Gerüchte. Über den "Mundfunk", das heimliche Kommunikationssystem, mit dem die untergetauchten Juden Neuigkeiten austauschten, die über Leben und Tod entscheiden konnten, war zu hören gewesen, ihre alte Freundin Stella sollte eingewilligt haben, Juden zu verraten, aufzuspüren und zu verhaften.
Als Stella sie jetzt jedoch anlächelte und sich nur über das Wiedersehen zu freuen schien, beruhigte sich Lilo schnell. Die jungen Frauen plauderten angeregt und verabredeten, in Verbindung zu bleiben.
Zehn Tage später, vor Lilos Wohnungstür, lächelte Stella nicht mehr. Ein junger Mann in Zivil stand drohend hinter ihr. "Tut mir leid, Lilo", sagte sie, "ich habe Befehl von der Gestapo, dich zu verhaften. Mach keinen Unsinn und versuche nicht zu fliehen. Sonst muß ich von meiner Pistole Gebrauch machen!"
Von bestimmten Menschen und Szenen aus meiner Jugend habe ich einen unauslöschlichen Eindruck in meiner Erinnerung behalten. Dazu gehört das Bild der 14jährigen Stella Goldschlag in bauschigen schwarzen Turnhosen auf dem Weg in die Turnstunde.
Stella war der umschwärmte Star unserer Schule: groß, schlank, lange Beine, kühle, helle, blaue Augen, Zähne wie aus der Zahnpastareklame, blasse Satinhaut. Ihr blond glänzender Bubikopf schien bei jeder Bewegung zu tanzen. Ihre Haltung, ihre Schönheit waren perfekt. Meine Phantasie stellte sie auf ein Podest - für einen pubertierenden Jungen war sie unerreichbar und unvergeßlich.
Wir besuchten beide die Goldschmidt-Schule, eine private Schule für Juden in Berlin. Stella und ich hatten einiges gemeinsam: unseren tyrannischen Klassenlehrer zum Beispiel und vor allem den von Dr. Bandmann geleiteten Schulchor, in dem wir nebeneinander standen.
Nun schrieb man das Jahr 1988, und die ehemaligen Schüler der Berliner Goldschmidt-Schule hatten sich zu einem Treffen zusammengefunden. Ich stand in einem überhitzten Saal im Deutschen Club der New York University am Washington Square in Greenwich Village, aß Horsd''oeuvres und balancierte ein Glas Weißwein. Der Saal knisterte vor Erinnerungen. Ich unterhielt mich mit dem Direktor einer Maschinenbaufirma aus Westchester County, New York, und auf einmal zog er aus seiner Brieftasche ein verkrumpeltes gelbes Stückchen Stoff mit einem schwarzen Judenstern hervor. Ich konnte mir also denken, daß er den Krieg in Berlin in einem Versteck als U-Boot überlebt hatte, denn der Stern wurde erst im September 1941 eingeführt, und damals gab es kein legales Entkommen mehr.
Ich wußte, daß auch Stella, wie der Ingenieur aus Westchester, in Berlin festgesessen hatte. Doch was war mit ihr passiert? Lebte sie noch? Und wenn, wo? Gerüchte schwirrten durch unser Wiedersehensfest. Niemand hatte Stella gesehen seit der Zeit kurz vor dem Krieg, trotzdem hatte sich herumgesprochen, daß mit unserer Schulkameradin etwas Ungewöhnliches los war.
Durch einen Zufall - meinen Einsatz mit der U.S. Army in Berlin gleich nach dem Krieg - war ich der einzige Ehemalige, der das Geheimnis kannte: die unsäglichen Verbrechen, die Stella begangen hatte, um zu überleben. Sie war von einem russischen Militärtribunal wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" und später von der westdeutschen Justiz wegen Beihilfe und Anstiftung zu mehrfachem Mord für schuldig befunden worden. Wie vieler Morde? Niemand wußte es genau, denn so gut wie jeder mögliche Ankläger war in den Vernichtungslagern zum Schweigen gebracht worden. Aber offensichtlich war sie verantwortlich für den Tod mehrerer Dutzend Juden, höchstwahrscheinlich mehrerer hundert.
Stella hatte Juden in ganz Berlin aufgespürt und an die Gestapo verraten, die sie zum Sterben in die Konzentrationslager deportierte. Sie fungierte wie ein Henker im Sinne der "Endlösung" für Hitlers "Judenfrage". Warum hatte sie das getan - wo sie doch jüdisch war wie wir? Es war ein grausiger Rollentausch - die Gejagte, die sich zum Jäger machte, das Opfer, das zum Täter wurde.
Da war noch vieles, das ich nicht wußte. Was war aus Stella geworden? Und warum nur war sie jenen satanischen Pakt mit Hitler eingegangen? Ich hatte das Rätsel der Traumfrau meiner Jugend schon immer lösen wollen. Jetzt war die Zeit gekommen, meine fixe Idee in die Tat umzusetzen. Die Erinnerungen, wie alles angefangen hatte, standen mir lebhaft vor Augen.
Das Berlin der frühen Jahre Stellas war die wilde Metropole der "Dreigroschenoper" und des "Blauen Engels" der Marlene Dietrich. Stellas Zuhause gehörte nicht zu dieser turbulenten Szene. Als verhätscheltes, übermäßig behütetes Einzelkind wuchs sie im biederen Wohlstand des Berliner Westens auf, eine kleine Prinzessin, von ihren Eltern, Gerhard und Toni Goldschlag, auf fast erdrückende Weise geliebt.
Darüber hinaus war Stella das Produkt jüdischer Assimilation, Mitglied jener versnobten Anpasser, die sich "Deutsche jüdischer Herkunft" nannten. Wären nicht so viele von ihnen einfach durch ihr Aussehen aufgefallen, hätten sie sich von den Nichtjuden überhaupt nicht unterschieden.
Sie waren zu erfolgreich, zu sichtbar mit ihren eindeutigen ethnischen Namen, zu verwundbar durch den Neid der Nichtjuden. Sie hielten zu viele öffentliche Stellen besetzt. Im Gegensatz zu ihnen lebten Zehntausende Ostjuden - insgesamt gab es damals in Berlin etwa 173 000 Juden, in Deutschland rund eine halbe Million - westlich des Alexanderplatzes, in einem Slum im Herzen der Stadt, dem Scheunenviertel. Durchweg bitterarm, waren sie Ausgestoßene gewesen, ehe sie nach Deutschland gekommen waren, und auch in Berlin waren sie noch immer ausgestoßen, von Nichtjuden und von assimilierten Juden wie Goldschlag gleichermaßen verachtet.
Gerhard Goldschlag, Stellas Vater, gehörte zwar nicht gerade zur Prominenz, konnte sich aber auf dem damals heißesten Pflaster des Journalismus mit Erfolg behaupten: bei der Kino-Wochenschau. Er war Chefredakteur im Berliner Büro von Gaumont, Hauptsitz Paris: ein Renommierberuf, denn die Wochenschau war die lebendige Verbindung der Öffentlichkeit zu den Tagesereignissen, das Fernsehen von damals.
Als ausländische Firma konnte Gaumont dem Druck der Nazis bis 1935 widerstehen, Goldschlag zu entlassen, doch dann duldete das Propagandaministerium keine Juden mehr in Positionen, in denen sie auf das mächtigste politische Medium Einfluß nehmen konnten.
Als Goldschlag seine Arbeit verloren hatte, entschloß er sich, auf einem ganz anderen Feld neu anzufangen: Er widmete sich der Musik, der deutschen Musik. Als Liederkomponist wollte er in die Nachfolge seiner großen romantischen Vorbilder Schubert und Schumann treten. Sein Einkommen als Klavierlehrer und gelegentlicher Klavierspieler im jüdischen Kulturbund reichte kaum aus, den Lebensunterhalt zu bestreiten und die Miete für die Wohnung in der Xantenerstraße 2 in Wilmersdorf, gleich hinter dem Kurfürstendamm.
In demselben Jahr zwangen die neuen Nazi-Gesetze Stella Goldschlag, die öffentliche höhere Schule zu verlassen und sich bei einer privaten jüdischen Schule anzumelden, nämlich der von Dr. Leonore Goldschmidt am Roseneck im exklusiven Grunewald. Das versetzte sie offiziell und zum erstenmal unter die meist dunkelhaarigen und manchmal großnasigen Kinder der verhaßten Minderheit, der Verfolgten, der Aussätzigen. Und es verpaßte ihr den Stempel der Armut: Die Goldschmidt-Schule war teuer, und Stella konnte nur mit einem Stipendium teilnehmen. Auch das wurmte sie.
Stella, die sich früh ihrer Wirkung auf das andere Geschlecht bewußt war, verabscheute es, jüdisch zu sein. Ihr "arisches" Aussehen hatte ihre alte Schule nicht davon abgehalten, sie ihrer Religion wegen auszusperren. Sie empfand das als eine ungerechte persönliche Kränkung. Sie wollte etwas Besseres sein als jüdisch. Juden waren Verlierer. Also log sie in der Hoffnung, ihre jüdische Identität abzustreifen. Aber die Freundinnen wußten, daß ihre Mutter im Chor der Synagoge sang, und sie kicherten hinter Stellas Rücken, wenn diese behauptete, ihre Mutter sei Christin.
Ich habe diese kehlige Stimme noch im Ohr, die viele der Zuhörer in Trance zu versetzen schien. Aus dem Radio in unserem Klassenzimmer tönte sie feierlich, flehend, knurrend, sich überschlagend in heißer Wut und Ekstase. Und dazwischen das Crescendo der Sprechchöre: "Heil! Heil! Heil!"
Ich war erstarrt. Es war 1934 in meiner Oberschule in einem westlichen Vorort Berlins. Ich war elf Jahre alt, einer von zwei jüdischen Jungen unter 800 Kindern. Es war nichts Ungewöhnliches, daß Reden des "Führers" über die Lautsprecher den Unterricht unterbrachen, und sobald Hitler eine Pause machte, standen alle auf, hoben den rechten Arm zum Hitler-Gruß und brüllten "Heil Hitler!"
Das war Vorschrift. Ich hatte dieses mechanische Heilhitlern immer mitgemacht, auch wenn ich mir albern dabei vorgekommen war, den ganzen Tag lang den Verrückten zu grüßen.
An einem Morgen des Jahres 1934 hatte ich plötzlich eine Idee. Ich wollte nicht länger mitmachen. Ohne lange Überlegung lehnte ich mich mit beiden Armen auf mein Pult, als bräuchte ich eine Stütze. Es klappte. Ich hatte Hitler nicht gegrüßt. Ein Gefühl des Triumphes stieg in mir auf, es war ganz leicht gewesen.
Als ich an diesem Nachmittag aus der Schule kam, flogen ein paar Steine in meine Richtung. Sie trafen mich nicht. Aus meinen Fahrradreifen war die Luft herausgelassen, aber die Reifen waren heil, und ich konnte sie schnell wieder aufpumpen. Trotzdem hatte ich eine Riesenangst. Mir stand sofort die Hitler-Jugend-Gruppe vor Augen, die auf der letzten Klassenwanderung hinter mir hermarschierte und das populäre Nazi-Marschlied gesungen hatte: "Und wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann geht''s noch mal so gut."
Von da an habe ich nie wieder versucht, den Hitler-Gruß in der Schule zu verweigern. Mein "Widerstand" kam mir kindisch und nutzlos vor und keineswegs tapfer.
Ende 1935 mußte ich die Schule verlassen. Juden wurden aus dem öffentlichen Leben entfernt, auch von den Schulbänken. Im November meldete mich meine Mutter in der jüdischen Goldschmidt-Schule an.
Dort saßen Jungen und Mädchen in gemeinsamen Klassen, was für die damaligen Verhältnisse noch keineswegs üblich war. Angesichts der Lage ging die Schulleitung davon aus, daß die Schulabgänger ins Ausland mußten, um dort studieren zu können, deshalb wurde auf Englisch besonderer Wert gelegt. Die Schülerzahl wuchs schnell auf 300, dann auf über 500. Ein Viertel unserer 24 Lehrer stammten aus England.
Wir fühlten uns dort draußen zwischen den Bäumen und ausgedehnten Rasenflächen des Grunewalds sicher. Niemand hier warf Steine.
Ich fuhr meistens mit der Straßenbahnlinie 76 oder 176 den Kurfürstendamm hinauf zur Schule und achtete immer darauf, daß ich die Elektrische abpaßte, in der "meine" Mädchen saßen.
Meine Mädchen, das waren Stella, ihre beste Freundin Lili Baumann, deren Kusine Renate Baumann und die kleine Edith Latte. Sie bildeten eine Clique und gehörten zu den hübschesten Mädchen der Schule. Ich hoffte, daß etwas von ihrem Glanz auf mich abfärben würde, wenn ich mich auf der Straßenbahnfahrt bei ihnen einschmeichelte.
Die treibende Kraft für unsere Auswanderung war meine Mutter, eine energiegeladene Frau und ausgebildete Sängerin. Nicht, daß sie vorausahnte, was geschehen sollte, aber ihr ausgeprägter Realitätssinn duldete kein Zaudern. Selbst wenn Hitler den Juden keinerlei körperlichen Schaden zufügen würde, erschwerte er uns zunehmend das Leben - von Lebensfreude ganz zu schweigen.
Schon wurden einige jüdische Geschäfte von der Enteignung bedroht. Mit jedem Jahr gab es neue Schikanen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis das bequeme Leben mit all den Annehmlichkeiten, die nach Ansicht meiner Mutter unbedingt zu ihrem Lebensstil gehörten, unmöglich würde. Nein danke. Sie wollte fort, und zwar nach Amerika, ein bescheideneres Zufluchtsland kam für sie nicht in Betracht.
Bereits 1935 war die Emigration in die Vereinigten Staaten ein quälend langsamer Vorgang, aber immerhin möglich, solange man gesund war, einen halbwegs vermögenden Verwandten dort hatte und selbst genug Geld besaß, um die Nazis auszuzahlen. Tag für Tag wartete mein Vater mit der endlosen Geduld eines Vertreters in der Schlange vor dem amerikanischen Konsulat. Indem er zwei Jahre lang Schlange stand, brachte er uns Zentimeter um Zentimeter der Reise nach New York näher.
Drei Faktoren entschieden über unsere Zukunft: die "Quote" - die Gesamtzahl aller deutschen Flüchtlinge, die gemäß den kleinlichen Einwanderungsgesetzen in die Vereinigten Staaten einreisen durften; das "Affidavit" - die Bürgschaftserklärung eines obskuren Vetters x-ten Grades, der damit garantierte, uns wenn notwendig zu unterstützen; und das "Visum" - die abgestempelte Eintrittskarte in das gelobte Land.
Die Nazis machten mit dem jüdischen Exodus ein einträgliches Geschäft. Es gab intensive Verhandlungen über den Betrag, den wir als "Reichsfluchtsteuer" zahlen sollten, ein von den deutschen Behörden verlangtes Lösegeld.
Im Februar 1937 war es soweit. Während der Überfahrt nach New York lag ich die meiste Zeit seekrank in unserer Familienkabine. Wir reisten zweiter Klasse auf der S. S. "Washington", in großem Stil, wie ich fand. Zur Genesung brachte mir ein Stewart in gestärkter weißer Jacke Sandwiches mit Hühnerfleisch ans Bett.
Meine Mutter war wie geschaffen für das Tempo in New York. Sie kramte sofort ihr Schul-Englisch hervor und fand auch rasch Gesangsschüler. Mein Vater aber brach mit 50 zusammen. Er lernte nie Englisch und fand nie wieder eine richtige Arbeit. Man konnte ihn nicht verpflanzen. Doch wir waren alle in Sicherheit, und wenn ich in der New York Times die Nachrichten aus Europa las, dann fühlte ich mich hin- und hergerissen zwischen Erleichterung und Schuld, Wut auf Hitler und Niedergeschlagenheit wegen des Schicksals der Goldschlags und der anderen, die wir zurückgelassen hatten.
Mitte Juli 1938. Evian-les-Bains, Badeort der internationalen Superreichen. Inmitten einer Postkartenlandschaft auf der französischen Seite des Genfer Sees gelegen, ist das "Royal", ein riesiges weißes Hotel im Zuckerbäckerstil, mit seinem exklusiven Kasino, ein Schauplatz von gediegener Schönheit.
Die Hotelgäste in den dunklen Anzügen - Vertreter von 32 Nationen, die hierhergekommen waren, um über das Schicksal der europäischen Juden zu bestimmen - genossen ganz offensichtlich die heitere Atmosphäre ihres Konferenzortes.
"Die Delegierten haben sich gut unterhalten", erinnert sich der alte Portier des Royal. "Sie machten Bootsausflüge. Sie spielten nachts im Kasino. Einige gingen reiten, einige spielten Golf. Wir haben einen schönen Golfplatz mit Blick auf den See."
Und die Sitzungen?
"Ja", erinnert sich der alte Mann, "ein paar waren da. Aber natürlich ist es schwer, drinnen zu sitzen und Reden anzuhören, wenn draußen alle Freuden warten, die Evian zu bieten hat."
Die Verhandlungen der internationalen Flüchtlingskonferenz in Evian sind heute so gut wie vergessen. In den Geschichtsbüchern ist kaum etwas darüber zu finden. Ein bemerkenswerter Akt der Verdrängung. Denn dadurch, daß sie nichts unternahmen, inszenierten die Konferenzteilnehmer ein tödliches Drama.
Der amerikanische Publizist Jimmy Sheehan, der an zwei Sitzungen teilnahm, erinnert sich voller Ekel in seinen Memoiren: "Beide Sitzungen erreichten einen hohen Grad an dummer, scheinheiliger, herzloser Wichtigtuerei und Langeweile. Ein Delegierter nach dem anderen stand auf und las eine lange Rede des Inhalts vor, daß sein Land mit dem Leid der Juden tiefes Mitgefühl empfinde, aber leider nichts tun könne, um ihnen zu helfen. Die Stühle waren hart, und die Stimmen auch. Ich bin zu keiner weiteren Sitzung mehr gegangen."
Obwohl die Konferenz zehn Tage dauerte, wurden die Anträge der beinahe 40 jüdischen Organisationen aus aller Welt auf einen einzigen Nachmittag zusammengedrängt. Die Gruppen aus Deutschland und Österreich - zusammengesetzt aus den jüdischen Gemeindeältesten, die die Nazis per Sonderregelung hatten ausreisen lassen - wanderten durch das Hotel wie Gespensterscharen. Sie kamen überhaupt nicht zu Wort, als mit großen Tiraden ihr Schicksal besiegelt wurde.
Das Ganze war ein Einfall von Sumner Welles gewesen, Präsident Franklin D. Roosevelts mächtigem zweiten Mann im Außenministerium, eine publikumswirksame Reaktion auf den Druck der amerikanischen Liberalen und Juden. Welles riet dem Präsidenten, "die Flucht nach vorn anzutreten und zu versuchen, den Druck zu verteilen, vor allem mit dem Ziel, einer Liberalisierung der Einwanderungsgesetze vorzubeugen".
All das lief auf ein bitteres Wort hinaus: "Quote". Die Einwanderungsquote bestimmte willkürlich darüber, wie viele Menschen überleben durften und wie viele sterben mußten. So war die Zahl der Zuwanderer aus Deutschland und Österreich auf jährlich 27 730 festgesetzt, und von diesen raren Plätzen im Rettungsboot blieben einige auch noch jahrelang mit Absicht unbesetzt.
Der starre Kurs in der Einwanderungsfrage war vom Präsidenten selbst festgelegt worden. Kurz vor der Konferenz von Evian erläuterte ein vertrauliches Memorandum der Regierung die Position Roosevelts: "Es wäre unklug, einen Vorschlag zu machen, der Streit und Opposition in der Öffentlichkeit hervorrufen könnte, wie etwa eine Veränderung der Einwanderungsquoten oder Kredite aus öffentlichen Mitteln."
Angesichts der innenpolitischen Situation in den USA wäre eine liberale Haltung den ausländischen Juden gegenüber wahrscheinlich in der Tat unrealistisch gewesen. Die Wirtschaftskrise war noch nicht vorbei, die Arbeitslosigkeit grassierte. Die Kongreßabgeordneten buhlten mit schamlos antisemitischen Reden um Wählerstimmen. Mehr Juden waren mehr Mäuler, die gestopft werden mußten, und diese Aussicht war für die Mehrheit der Steuerzahler unannehmbar. Just im Monat der Konferenz in Evian stimmten mehr als zwei Drittel der Befragten (67,4 Prozent) in einer Umfrage der Zeitschrift Fortune der Aussage zu, daß "wir unter den gegebenen Umständen versuchen sollten, sie draußen zu lassen".
Herzlos? Natürlich. Aber andererseits: Die Gaskammern kamen erst drei Jahre später. Absolut niemand konnte damals etwas Ähnliches wie den Holocaust ahnen, kein Präsident, auch keiner der jüdischen Warner.
Am 10. November 1938 wurde Stella vorzeitig aus der Schule nach Hause geschickt. Es hieß, ein Pogrom sei im Gange, aber sie wußte nicht, was das bedeutete. Erst als sie auf dem Heimweg durch die Fasanenstraße fuhr, dämmerte ihr, daß eine systematische Gewaltaktion gegen die Juden stattfand: Aus der Synagoge mit den drei großen Kuppeln quoll Rauch, die Feuerwehr stand tatenlos dabei.
Als sie nach Hause kam, war ihr Vater fort, und ihre Mutter erklärte ihr flüsternd, daß sie sich so still wie möglich verhalten müßten. Der Vater habe sich in der Wohnung von Freunden versteckt, die als amerikanische Staatsbürger geschützt seien.
In der ganzen Stadt wurden die jüdischen Männer zusammengetrieben. Die Gefahr für die Frauen schien weniger groß zu sein, doch auch darauf konnte man sich nicht verlassen.
Ohne zu ahnen, daß sie für die kommenden Jahre trainierten, lernten Stella und ihre Mutter die Kunst des lautlosen Lebens. Niemand sollte bemerken, daß sie sich in ihrer Wilmersdorfer Wohnung aufhielten. Sie gingen auf Strümpfen, knipsten das Licht nicht an, benutzten die Toilettenspülung nicht und bereiteten keine warmen Mahlzeiten zu. Selbst das Klappern von Geschirr war eine Gefahr für ihr Schattendasein.
Für jeden Juden, der bis dahin gehofft hatte, sich mit dem Hitler-Regime arrangieren zu können, bedeutete die "Kristallnacht" das unmißverständliche Ende seiner Illusionen. Auch wenn zunächst die Brutalitäten des Pogroms keine Fortsetzung fanden, der Schock dauerte an. Die Erinnerung an das berstende Glas und die Raserei der Plünderungen hinterließ einen Geschmack von Gewalt und Lebensgefahr.
Sie mußten raus - schnell, sofort! Auch Stellas Vater sah ein, daß er endlich etwas unternehmen mußte, um sich und seine Familie zu retten. Er schrieb an seinen Vetter Leo Ellenburg in der Maple Avenue in St. Louis, Missouri, und bat ihn um eine Bürgschaftserklärung für seinen Visumantrag. Leo antwortete sofort und begann, sich voller Schwung für die Goldschlags ins Zeug zu legen. Er stellte Unterlagen zusammen, telefonierte mit den Behörden und holte sich Rat bei seinen Freunden in St. Louis, die ihrerseits versuchten, Verwandte zu retten.
Es wurde spät für Stella, sehr spät, und eine Todesangst, die nicht mehr wich, nistete sich in ihren Gedanken ein.
1939 - Hitler hatte den Zweiten Weltkrieg entfacht, und Stella sang Cole Porter und Hoagy Carmichael in der kleinen Band, zu der sich sechs jüdische Teenager zusammengefunden hatten. Bandleader war Manfred, ihr Freund und künftiger Ehemann.
Die Musiker nahmen ihr Hobby ernst. Oft trafen sie sich abends zu Proben bei einem der Mitspieler, Hans Sonntag, in der Wilmersdorfer Straße. An Wochenenden spielten sie auf Partys. Das war riskant. Denn die Goebbels-Propaganda verunglimpfte die amerikanische Musik als dekadent. Aber die jüdischen Partygäste liebten sie um so heißer.
Sie bewunderten Stellas dünnen, aber hübschen Sopran und ihre tolle Figur. Mit 17 war sie ein Star. Unterdrückung hin, Krieg her, auch Goebbels'' fanatische Hetztiraden konnten die jungen Juden nicht davon abhalten, auf ihren Partys zu tanzen.
Stella betrachtete den "Jatz" auch als eine Stufe in ihrer Karriere. Sie rechnete noch immer damit, daß die Familie in die Vereinigten Staaten auswandern würde. Sie wollte Manfred mitnehmen, und sie wollten drüben eine Band gründen, genau wie zu Hause. Manfred würde als Musiker genausogut ankommen wie in Berlin und zudem in Dollar bezahlt werden.
Vorerst ließ Stella sich in der Kunstschule von Feige und Strassburger einschreiben, die von zwei jüdischen Teilhabern in der Nürnberger Straße hinter dem KaDeWe betrieben wurde. Nicht, daß Berlin noch mehr Künstler gebraucht hätte. Den meisten Neuzugängen diente die Schule in diesen Jahren eher zur Tarnung, als Scheinbeschäftigung, mit der sie sich die Zeit bis zur Emigration vertreiben konnten.
Stella wählte das Studienfach Modezeichnung. Auch wenn ihr Interesse daran begrenzt war, bewahrte der Status der Modeschülerin sie zunächst vor der Zwangsarbeit. Eine Tante zahlte die Studiengebühren.
Stellas Onkel in St. Louis hatte sich inzwischen rührend bemüht, den Berliner Verwandten zu helfen: Er war nach Washington gereist und hatte versucht, die Bürokratie anzukurbeln. Und er schickte Geld für drei Dampferkarten - _(* In der Fasanenstraße nach der ) _("Reichskristallnacht" vom 9. November ) _(1938. ) ein des großen Uncle Sam würdiger Onkel.
Vergebens, es half nichts. Die Hoffnung zerstob Anfang 1940. Nachdem Goldschlag fast den ganzen Tag gewartet hatte, war es ihm gelungen, sich durch die Masse der Bittsteller in das amerikanische Konsulat zu drängeln - um sein Urteil zu hören. Er war ungefähr als 52 000ster eingestuft. Zur Zeit bearbeitete man die Registriernummern um 38 000. Seine Familie würde vielleicht in zwei Jahren an der Reihe sein.
Gerhard Goldschlag suchte nach anderen Auswegen. Er zahlte 400 Mark im voraus an einen Anwalt - einen "jüdischen Anwalt", wie Stella später anmerkte - für ein Visum nach Santo Domingo, doch der Anwalt lieferte nicht. Und wieder stand Goldschlag in endlos langen Warteschlangen und gelangte schließlich in das Palästina-Amt, Meinekestraße 10, um dort eifernden Berliner Zionisten gegenüberzutreten.
Diese hartgesottenen Ideologen praktizierten ihren eigenen Insider-Antisemitismus. Der Riß zwischen Zionisten und Nichtzionisten unter den Berliner Juden war immer deutlich spürbar gewesen, und der Überlebensdruck hatte die Animositäten noch gesteigert. Die Bürokraten in der Meinekestraße begegneten assimilierten deutschen Juden wie Gerhard Goldschlag mit einem Vorbehalt, der dem seinen ihnen gegenüber in nichts nachstand.
Man fragte ihn sofort, ob er Zionist sei, und er sagte schroff: "Nein!" Die Mitarbeiter im Palästina-Amt mögen sich gewundert haben, wie da einer versuchte, einen der begehrten Schiffsplätze ins Gelobte Land für seine Familie zu ergattern. Todesangst reichte nicht als Qualifikation: Die hatte jeder.
Die Goldschlags blieben also weiter auf die Gnade Franklin D. Roosevelts angewiesen. Der hatte zwar vor einer Delegation jüdischer Sprecher Hitler-Exzesse wie die Kristallnacht als unerhört "barbarisch" und unerträglich verurteilt, doch fünf Tage nach diesen Bekundungen seines Mitgefühls weigerte er sich erneut, die Einwanderungsquoten zu erhöhen.
Vom 15. September 1941 an durfte sich in Hitlers Reich kein Jude mehr ohne Judenstern in der Öffentlichkeit oder bei der Arbeit zeigen. Das Zeichen seiner Identität und Schande hatte aufgenäht, nicht festgesteckt zu sein. Es mußte auf der oberen linken Brustseite gut sichtbar getragen werden. Es war verboten, den Stern durch Vorhalten einer Handtasche oder sonstwie zu verdecken.
Stella empfand es als eine besondere Ungerechtigkeit, durch den Stern gebrandmarkt zu sein. Warum sollte sie öffentlich exponiert und als Jüdin identifiziert werden, wenn sie sich weder als Jüdin fühlte noch wie eine Jüdin aussah? Ironischerweise wurden sie und Manfred, ebenfalls blond und blauäugig, öfter von Passanten angehalten und gefragt, warum sie den "Judenstern" trügen, wenn sie doch ganz offensichtlich nicht jüdisch seien.
Manfred und Stella hatten im Oktober geheiratet. Beide waren 19, beide waren inzwischen zur Fabrikarbeit in Rüstungsbetrieben zwangsverpflichtet worden. Stella riskierte es nach einiger Zeit, den Stern nur noch am Arbeitsplatz zu tragen. Für sie war das ein Akt der Befreiung. Sie wollte nicht zu den gebrandmarkten Sklaven gehören.
Eines Nachmittags im Oktober 1942 erschien ein krummbeiniger kleiner SS-Mann _(* In der Berliner Kunstschule ) _(Feige-Strassburger. ) im Hof des ehemaligen jüdischen Altersheims in der Großen Hamburger Straße 26, das jetzt ein "Sammellager" für Juden war, die von den Nazis aus ihren Wohnungen vertrieben wurden. Der neue Mann, es war Alois Brunner, die rechte Hand von Adolf Eichmann, teilte den jüdischen "Ordnern" mit, daß hier jetzt andere Saiten aufgezogen würden. In Wien hätte man vorexerziert, wie eine Stadt "judenfrei gemacht wird". Jetzt komme Berlin dran.
Brunner hatte mehrere jüdische Ordner aus Wien mitgebracht. Ihre Aufgabe war es unter anderem, beim Absperren von Wohnblocks und beim Durchsuchen der Häuser nach versteckten Juden mitzuhelfen. Sie kannten seine Methoden. Wenn sie den Dienst verweigerten oder jemandem bei der Flucht halfen, würden sie ohne Zögern erschossen, und ihre Familien kämen in den nächsten Deportationszug nach Osten.
Die Brunner-Zeit, wie die Juden diese neue Etappe des Nazi-Terrors nannten, hatte am Jom Kippur begonnen. Der Rabbiner Leo Baeck war gerade bei der Morgenpredigt in der kleinen Synagoge in der Joachimsthalerstraße, als der Telefonanruf kam. Moritz Henschel, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Philipp Kozower, sein Stellvertreter, und Martha Mosse, Leiterin der Wohnungsabteilung, sollten sich sofort in der Burgstraße, der gefürchteten Gestapo-Dienststelle, melden.
Einige der jüdischen Funktionäre fanden einen Ausweg, als sie gezwungen werden sollten, im Auftrag Brunners gegen ihre eigenen Glaubensgenossen vorzugehen: Sie brachten sich um, so wie Siegfried Falk und seine Frau, die bei den Razzien als Helfer mitwirken sollten. Die meisten Funktionäre jedoch folgten wie betäubt den neuen Verordnungen der Brunner-Zeit.
"Ich erinnere mich deutlich an den Abend", berichtet einer der Gefügigen von damals, "an dem 100 Angestellte der jüdischen Gemeinde und der jüdischen Institutionen in den Versammlungssaal gerufen wurden und den Auftrag bekamen, aus dem Material, das ihnen die Deutschen gaben, Listen zu erstellen, geordnet nach Berufen und Alter. Ich gehörte zu denen, die diese Listen überprüfen mußten. Es waren die Listen für die ersten Deportationen."
Die unter dem Terror der Nazis zu Kollaborateuren mutierten Funktionäre sorgten dafür, daß es ständig neue Listen gab, "ordnungsgemäße" Listen von jüdischen Opfern. Sie bewunderten die "Selbstbeherrschung und stoische Ruhe" der Verdammten. Und sie folgten den Befehlen. Ganz wie Nazi-Führer, die sich nach dem Krieg herausredeten, verstanden diese Gemeindeältesten sich als hilflose "kleine Leute".
Auch Rabbi Leo Baeck machte mit, wenn auch unter Qualen. "Als sich die Frage stellte, ob jüdische Ordner dabei helfen sollten, Juden für die Deportation festzunehmen", so erinnerte er sich, "war ich der Meinung, daß sie es tun sollten, weil sie wenigstens rücksichtsvoller und hilfreicher als die Gestapo wären und das Martyrium erleichtern würden. Es lag kaum in unserer _(* Zionistisches Auswanderungsamt, ) _(eingerichtet von der "Jewish Agency", ) _(der offiziellen jüdischen Vertretung der ) _(Britischen Mandatsregierung in ) _(Palästina. ) Macht, diesem Befehl wirksam entgegenzutreten."
Wenn Brunner mit Erschießen drohte, mußte man das wörtlich nehmen. Ende Oktober hatte er eine "Gemeindeaktion" angeordnet. Viele der Angestellten der jüdischen Gemeinde mußten sich zur Deportation melden. Einige erschienen nicht; daraufhin ließ Brunner acht ihrer Führer verhaften, am 2. Dezember wurden sie erschossen.
Im Lauf des Jahres 1940 hatten die Vollstrecker der Judenverfolgung das Interesse daran verloren, die Juden aus dem Land zu treiben. Es ging ihnen viel zu langsam. Am 23. Oktober 1941 hatte die SS erklärt, mit ihrer Geduld am Ende zu sein. Ein allgemeines Auswanderungsverbot trat in Kraft.
Dies war kein Zufall, es standen nun andere Methoden zur Verfügung. Einen Monat zuvor waren in einem Vernichtungslager bei dem damals völlig unbekannten Städtchen Auschwitz die ersten Massenmorde mit dem Giftgas Zyklon-B durchgeführt worden. Mit dieser Erfindung brach der Damm.
Im März 1943 war Berlins jüdische Bevölkerung auf 27 250 Menschen geschrumpft, im April waren es noch 18 300, im Juni 6800. Am 19. Juni erklärte Goebbels die Reichshauptstadt für "judenfrei" und kam damit der Wahrheit sehr nahe.
Insgesamt sind schließlich 57 Züge nach Auschwitz gefahren. Zwischendurch fuhren weitere Züge nach Litzmannstadt (Lodz), Riga, Theresienstadt, nach Bergen-Belsen und in andere Todeslager.
Eines der spektakulärsten Ereignisse innerhalb dieses genau dokumentierten Deportationssystems war die "Fabrik-Aktion" --- S .192 am 27. Februar 1943. Sie richtete sich gegen die etwa 11 000 "Rüstungs-Juden", die den Todestransporten nach Osten entgangen waren, weil sie in den Rüstungsbetrieben arbeiteten. Im ganzen Reich sollten nun die jüdischen Arbeiter durch ausländische Sklavenarbeiter ersetzt werden. Was mit den Juden geschehen würde, war klar.
Stella hatte zunächst in einer der beiden "Judenabteilungen" der Elmo-Werke von Siemens gearbeitet. Dann wurde sie zur Frühschicht in der Ehrich & Graetz-Munitionsfabrik in Treptow eingeteilt, auch hier sechs Tage in der Woche, zehn Stunden am Tag. Sie stand an der Bohrmaschine, ihre Mutter bediente in derselben Abteilung die Presse. Stellas Vater arbeitete meist in der Nachtschicht, ihr Mann schuftete in einer Baufirma in Borsigwalde.
Über den jüdischen "Mundfunk" erfuhren die Goldschlags, daß sich eine größere "Aktion" zusammenbraue. Die Gespräche in der kleinen Wilmersdorfer Wohnung, die Stella und Manfred inzwischen mit Stellas Eltern teilten, drehten sich nur noch um die verzweifelte Suche nach einem Ausweg.
Man könne nichts machen, meinten die Eltern. Berlin zu verlassen sei unmöglich. Um im Untergrund zu leben, brauche man Papiere und Lebensmittelkarten, woher sollte man die bekommen? Doch das entscheidende Problem war der fehlende Wille, wie Stella im nachhinein begriff. Es gab ein paar Juden, die sich zu Fuß über die Schweizer Grenze retteten. Das war nichts für Gerhard Goldschlag.
"Mein Vater war ein Träumer", wird sie später sagen. "Er weigerte sich zu glauben, daß Menschen andere Menschen umbringen." Schon gar nicht Deutsche, die Schubert liebten; sie würden keinem etwas antun, der romantische Lieder komponiert, sich aus der Politik heraushält und für das deutsche Vaterland im Weltkrieg an der Front gewesen war.
Stella gewann immer mehr den Eindruck, daß ihr Vater zum Überleben zu anständig sei, zu vertrauensselig. Für alle Fälle unternahm sie einen Erkundungsgang durch den Keller bei Ehrich & Graetz und machte ein Versteck hinter einem Stapel Baumaterial ausfindig.
Der 27. Februar 1943, ein Samstag, war ein typischer, trüber Berliner Wintertag. Gegen neun Uhr kam ein nichtjüdischer Freund wie beiläufig in Stellas Fabrikhalle geschlendert und flüsterte: "Alles wird von der SS umstellt!"
Stella lugte aus dem Fenster auf den großen Hof. Lastwagen fuhren vor. Schwerbewaffnete SS-Männer sprangen ab. Und schon kam die Anweisung, Stellas Gruppe solle sich unten versammeln. Stella reagierte sofort. Sie zupfte ihre Mutter am Ärmel und bedeutete ihr, sich Zeit zu lassen und als letzte aus dem Saal zu gehen. Im Treppenhaus blieben die beiden noch weiter zurück und konnten so in den Keller schlüpfen und in Stellas Versteck verschwinden. Dort blieben sie bis zum Schichtwechsel und gelangten dann an der verschlafenen Wache vorbei, indem sie die Rückseiten ihrer Ausweise ohne das große lila "J" für Jude vorzeigten.
Was sie aber in Wahrheit rettete, war ihr Haar: Beide waren Blondinen, und die Nazis glaubten immer noch, daß Juden nicht blond sein konnten.
Stellas Entkommen war um so bemerkenswerter, als die Fabrik-Aktion peinlich genau von Alois Brunner geplant war. Tausende von SS- und Gestapo-Männern sowie 300 Lastwagen hatten zur Verfügung gestanden, und alle Bewegungen sollten koordiniert sein wie bei einem Blitzangriff.
Keines der Opfer durfte noch etwas zu essen oder einen Mantel holen. Die Frauen wurden in dünnen Arbeitskitteln auf die Lastwagen getrieben. Die Männer aus dem Kesselraum mußten mit nacktem Oberkörper hinaus. Innerhalb weniger Stunden waren die vier für diesen Zweck provisorisch bereitgestellten Sammellager bis zum Bersten voll.
Dennoch herrschte in den oberen Rängen der Partei Enttäuschung. "Das Judenproblem in Berlin ist immer noch nicht gelöst", klagte Goebbels im März in seinem Tagebuch. Zu viele Juden waren bei der Fabrik-Aktion entkommen. Wie Stella.
Nicht so Stellas Ehemann. Manfred wurde von der Zwangsarbeit auf einem Schrottplatz vor der Stadt geholt. Bevor man ihn in den Zug nach Auschwitz trieb, gelang es ihm noch, durch einen sogenannten Abholer, einen jüdischen Helfer, eine Nachricht an Stella zu senden. Darin hieß es, daß er sie in der Wohnung von Freunden treffen wolle. Man hat nie wieder etwas von ihm gehört. *HINWEIS: Im nächsten Heft Stella als "U-Boot" im Untergrund - Verhaftung im Cafe Bollenmüller, Folter in der Burgstraße - Pakt mit der Gestapo - Das "schöne Paar" auf Judenjagd in Wilmersdorf
y 1992 Peter H. Wyden, Inc. * In der Fasanenstraße nach der "Reichskristallnacht" vom 9. November 1938. * In der Berliner Kunstschule Feige-Strassburger. * Zionistisches Auswanderungsamt, eingerichtet von der "Jewish Agency", der offiziellen jüdischen Vertretung der Britischen Mandatsregierung in Palästina.
Von Peter Wyden

DER SPIEGEL 43/1992
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