05.07.1993

„Die Stars müssen leiden“

SPIEGEL: Mr. McCormack, führen Sie immer noch minutiös Statistik über Ihr Leben?
MCCORMACK: Es bringt mir einfach Spaß, alles genau zu wissen - etwa, daß ich im letzten Jahr 240 Tage zusammen mit meiner Frau Betsy verbracht habe.
SPIEGEL: Wie viele Stunden haben Sie denn in den letzten Monaten geschlafen?
MCCORMACK: In den ersten 22 Wochen des Jahres durchschnittlich 315 Minuten pro Nacht und 90 während meines Nachmittagsschläfchens.
SPIEGEL: Und wie oft liegen Sie wach und machen sich Sorgen, weil die Rezession auch die Geschäfte mit dem Sport erfaßt?
MCCORMACK: Ich stehe jeden Morgen um 4 Uhr auf und bin hellwach - Krisen kann ich bei uns nicht entdecken.
SPIEGEL: Wenn Mercedes Werbeverträge mit Golfer Bernhard Langer oder Franz Beckenbauer nicht verlängert, wenn Lufthansa und Volvo als Tennissponsoren ausscheiden - sind das keine Krisen?
MCCORMACK: Werbeagenturen und traditionelle Marketingfirmen haben in der Tat mit Problemen zu kämpfen, wir aber nicht. Die Firmen verteilen ihr Geld sogar noch mehr von den traditionellen Medien hin zu dem, was ich als "alternative" Werbung bezeichne: Werbung im Sport. Wenn Sponsoren abspringen, steigen sofort andere ein. Sehen Sie sich die Entwicklung der Preisgelder im Tennis an, das wird von Jahr zu Jahr mehr.
SPIEGEL: Dann sind die sechs Millionen Dollar, mit denen der in München ausgespielte Grand Slam Cup dotiert ist, die Norm für die Zukunft?
MCCORMACK: Nein, das glaube ich nicht. Insgeheim wünschen sich alle, daß dieser Cup, der von Anfang an eine schlechte Idee war, verschwindet. Sie mögen es zwar nicht laut sagen, aber so ist es.
SPIEGEL: Weil die Spieler jetzt ähnliche Preisgelder in Wimbledon einfordern?
MCCORMACK: In Wimbledon könnte das Preisgeld halbiert werden, und keiner würde wegbleiben. Jeder Topspieler will in seiner Karriere doch um jeden Preis in Wimbledon gewinnen.
SPIEGEL: Wesentlicher Grund für das Interesse ist neben dem sportlichen Prestige ja wohl, daß nach einem Wimbledonsieg Zusatzzahlungen der Sponsoren fällig werden.
MCCORMACK: Ich bin überzeugt, daß beispielsweise im Vertrag von Steffi Graf mit Opel eine Klausel ihr etliche hunderttausend Dollar zusätzlich für den Wimbledonsieg garantiert.
SPIEGEL: Sind das nicht allmählich aberwitzige Summen?
MCCORMACK: Wenn man das aus der Entfernung betrachtet, würde ich sagen: _(* Helmut Sorge, auf dem Golfplatz ) _("Schloß Nippenburg" bei Stuttgart. ) Ja, die Preisgelder für Tennisspieler sind zu hoch. 500 000 Dollar, die Steffi für ihren Sieg in Paris kassiert hat, sind ein Haufen Geld für zwei Wochen Arbeit. Aber es gibt eben genug Städte in der Welt, genug Veranstalter, die bereit sind zu zahlen. Wir könnten noch mehr Turniere ausrichten.
SPIEGEL: Die Stars beklagen sich doch jetzt schon, daß sie zuviel spielen müssen und überfordert sind.
MCCORMACK: Die wollen möglichst um 100 Millionen Dollar Preisgelder spielen, aber nur zweimal im Jahr antreten.
SPIEGEL: Dem Tennis könnte es eines Tages wie der Formel 1 ergehen. Dreht sich die Lohnspirale bis zur Selbstzerstörung?
MCCORMACK: In der Formel 1 wie auch im Baseball ist bereits zu erkennen, daß die abenteuerlichen Preisgelder sinken. Das ist wie überall in der Welt: Wenn Sean Connery 5 Millionen Dollar am Film verdient und der Produzent 50, verlangt Sean beim nächsten Mal 10 Millionen und dann wieder mehr. Am Ende kassiert Connery alles und jene, die das Geld riskieren, nichts. Und dann ist Schluß.
SPIEGEL: Zudem verliert das Profitennis an Faszination, weil Unterhalter wie Connors oder Genies wie McEnroe fehlen.
MCCORMACK: Es gibt ja Becker und Agassi und natürlich Monica Seles. Es ist traurig, was ihr angetan wurde, sie ist ein wunderbares Mädchen. Ich glaube, daß sie auch die mentalen Folgen des Anschlags überwindet. Sie wird wieder antreten und weltweit zu einem Publikumsliebling _(* Oben: am 10. Januar beim Turnier in ) _(Katar; unten: nach dem Sieg beim ) _(Golf-Masters in Augusta am 11. April. ) werden. Die Menschen wollen oft, daß ihre Stars leiden, sich hocharbeiten, verlieren und wieder siegen. Monica war zu schnell zu erfolgreich. Aber die Leute werden ihr nach dem, was ihr angetan wurde, jetzt zujubeln.
SPIEGEL: Die Profis sind bei einer Abstimmung gefragt worden, ob Monica Seles für die Turniere, an denen sie wegen ihrer Verletzung nicht teilnehmen kann, auch weiterhin Punkte erhalten soll. Hat es Sie überrascht, daß die Ladys abgelehnt haben?
MCCORMACK: Die Frauen-Profi-Vereinigung hat sich schon so einiges geleistet, was ich als nicht besonders intelligent bezeichnen würde. Aber jetzt hat sie sich selbst übertroffen. Die Realität sieht doch so aus: Steffi Graf, die ich bewundere und als große Sportlerin achte, kassiert wahrscheinlich von ihren Vertragspartnern einen Bonus von 500 000 Dollar, wenn sie die Nummer eins ist, und 200 000 Dollar für die Plätze zwei bis fünf.
SPIEGEL: Folglich hätte sie sich um 300 000 Dollar gebracht, wenn sie einverstanden gewesen wäre, Monica Seles bis zur Genesung auf Platz eins zu belassen?
MCCORMACK: Genau. Nicht die Konkurrenz, sondern die Verantwortlichen des Sports hätten sich zusammensetzen und nach einer akzeptablen Lösung suchen müssen. Das Tragische ist jetzt, daß der Verrückte, der Monica Seles attackierte, genau das erreicht hat, was er wollte: Steffi Graf ist seit ihrem Sieg in Paris die Nummer eins der Weltrangliste.
SPIEGEL: Soll Steffi Graf ihren Bonus an Monica Seles weitergeben?
MCCORMACK: Sie kennen offenbar Peter Graf nicht sehr gut.
SPIEGEL: Ist die Gier inzwischen grenzenlos?
MCCORMACK: Es ist nicht einmal Gier, es ist einfach alles selbstverständlich geworden. Wenn Mercedes ein neues Turnier mit 500 000 Dollar Preisgeld ausschreiben würde, müßten sich die Spieler eigentlich verneigen und Gott für Mercedes danken. Aber nein, wenn wir sie bitten, sich auf einen Cocktail zum Sponsor zu begeben, sagen viele: "Was soll ich da?"
SPIEGEL: Sie selbst aber haben doch erheblich daran mitgewirkt, den Sport zu dem zu machen, was er heute ist.
MCCORMACK: Ohne die Kommerzialisierung hätte der Sport nicht den Unterhaltungswert. Selbst die Gründer der Olympischen Spiele der Moderne würden heute bei Olympia die besten Athleten wollen: In Barcelona spielten bereits das "Dream Team" der US-Basketballer und die Tennisprofis, demnächst starten Radprofis und Berufsboxer.
SPIEGEL: Und für den Olympiasieg werden Preisgelder ausgelobt, werden die Sportler noch mehr als rennende Werbespots benutzt?
MCCORMACK: In diese Richtung wird es wahrscheinlich laufen. Nicht morgen, nicht im Jahre 2000, aber es wird so kommen.
SPIEGEL: Würden Sie die Sprinterin Katrin Krabbe heute noch unter Vertrag nehmen?
MCCORMACK: Ist sie schön?
SPIEGEL: Die Boulevardpresse hat sie als "Grace Kelly der Leichtathletik" bejubelt - momentan ist sie aber wegen Doping gesperrt.
MCCORMACK: Warum soll ich nicht mit jemanden arbeiten, der seine Strafe verbüßt hat? Ich weiß von allen möglichen Sportlern, die in irgendeiner Weise _(* Am 30. April in Hamburg. ) mit Doping oder Drogen zu tun hatten. Ich bedaure Ben Johnson, der für seine furchtbaren Dopingfehler bitter büßen muß, ja selbst Mike Tyson tut mir leid.
SPIEGEL: Betrachten Sie die Bezeichnung "rücksichtslos" für sich als persönliche Beleidigung oder eher als Kompliment?
MCCORMACK: Wenn Sie mir unterstellen, ich würde die Interessen meiner Klientel rücksichtslos vertreten, kann ich damit leben, aber ich akzeptiere diese Charakterisierung nicht für mein sonstiges Verhalten. Härte im Geschäftsleben, Konkurrenz ist Teil meines Jobs.
SPIEGEL: Ihre Klienten kassieren, ob sie sich bemühen oder nicht, in jedem Fall. Denn die Manager verlangen oft Antrittsgelder, die das Preisgeld bereits übersteigen.
MCCORMACK: Wenn der Golfer Greg Norman in Australien spielt, sind die TV-Einschaltquoten dramatisch hoch, spielt er nicht, ist das Interesse erheblich geringer. Als Sponsor oder TV-Sender habe ich also ein Interesse daran, daß Norman spielt. Selbst wenn ich ihm 500 000 Dollar Antrittshonorar zahle, obwohl das Preisgeld nur 300 000 Dollar beträgt, lohnt es sich.
SPIEGEL: Ihr Klient Andre Agassi ist für Turniere in Europa morgens aus den USA eingeflogen, hat das Antrittsgeld kassiert und saß abends nach der Niederlage wieder im Flugzeug gen Las Vegas.
MCCORMACK: Sponsoren dürfen das Honorar eben nur unter der Voraussetzung zahlen, daß die Profis eine bestimmte Zeit anwesend sind, selbst wenn sie früh im Turnier scheitern. Das würde einen wie Agassi sicher ermuntern, sich mehr anzustrengen.
SPIEGEL: Ist Agassi für Sie eine Enttäuschung?
MCCORMACK: Es geht ihm wie Boris Becker, der offensichtlich durch seine Midlife-crisis geht. Zunächst sind die Profis vom Geld beeindruckt, dann haben sie alles gewonnen, die Verträge sind unter Dach und Fach - und schließlich erkennen sie, wieviel Arbeit damit verbunden ist, oben zu bleiben. Schon mit der Frage, ob sich das alles lohnt, hat man sich bereits entschieden und sucht nach Argumenten. "Es gibt wichtigere Dinge im Leben" - das ist dann die Entschuldigung für das Nichtstun.
SPIEGEL: Ärgern Sie sich gelegentlich noch darüber, daß Ion Tiriac Ihnen Becker weggeschnappt hat?
MCCORMACK: Tiriac versteht was von Tennis. Er hat sich auch Goran Ivanisevic, Anke Huber und Mary Joe Fernandez von uns geholt. Aber alle werden zurückkommen.
SPIEGEL: Warum sind Sie da so sicher?
MCCORMACK: Weil wir besser sind. Was Tiriac erreicht, erreicht er weitgehend mit seinen deutschen Kontakten. Aber er hat keine Ahnung, wie es mit dem Geschäft anderswo ist. Wir aber haben internationale Beziehungen wie sonst niemand. Die Eltern und den Spieler selbst beeindruckt sein Versprechen, einen neuen Becker zu kreieren. Aber nach einer Weile erkennen sie: Er verbringt nicht soviel Zeit mit ihnen, wie er versprochen hat, und besser spielen sie auch nicht.
SPIEGEL: Haben Sie keine Skrupel, 12- oder 13jährige Tennisspieler unter Vertrag zu nehmen?
MCCORMACK: Ich nehme auch 10jährige, wenn sie gut genug sind.
SPIEGEL: Die Gefahr, daß die Kinder durch intensives Training und Einbindung in ein Hochleistungslager Schaden nehmen, ist Ihnen gleichgültig?
MCCORMACK: Lassen Sie es mich so formulieren: Wenn ich wüßte, daß bei einem Talent niemand anders bis zum 15. Lebensjahr kommerzielle Interessen anmeldet, wäre ich mehr als glücklich, solange zu warten.
SPIEGEL: Warum sind ähnliche Regeln im Tennis nicht zu verwirklichen, wie sie im amerikanischen Universitätssystem gelten? Manager, die Sporttalenten während der College-Jahre Profiverträge anbieten, machen sich strafbar.
MCCORMACK: Das schließt doch nicht aus, daß viele der Topspieler schon an den Schulen Verträge unterzeichnen und dafür die Eltern in heimlich gekaufte Häuser einziehen, die Athleten Geld, Autos, ja sogar Rauschgift erhalten. Wie soll man denn reagieren, wenn die Mutter von Anna Kurnikowa Geld benötigt, um Rußland verlassen zu können? Dort gab es für die hochtalentierte 11jährige Tochter nicht die Trainingsmöglichkeiten, wie wir sie bieten können.
SPIEGEL: Ist diese Einstellung nicht zynisch?
MCCORMACK: Viele dieser Kinder stammen aus einfachen, armen Verhältnissen. Eine talentierte Nachwuchsspielerin kann schon im Alter von 12 Jahren ihrer Familie Millionen sichern - Geld, das die finanzielle Unabhängigkeit garantiert. Wenn sie sich mit 14 so verletzt, daß sie nicht mehr spielen kann, hat sie zumindest die Grundlage für ein vernünftiges Leben geschaffen.
SPIEGEL: Träumen Sie gelegentlich davon, welchen Aufschwung der Golfsport in Deutschland nehmen könnte, wenn Ihr Klient Bernhard Langer jenes Charisma hätte, das Boris Becker zum Liebling der Deutschen werden ließ?
MCCORMACK: Das ist ein Gedanke, der schon mal kommt. Bernhard ist ein sehr solider Mann, berechenbar, eine sehr professionelle Einstellung, eine sehr angenehme Persönlichkeit und nicht so sprunghaft, so emotional wie Becker. Wenn Becker nicht deutsch sprechen würde, könnte man an seinem Verhalten nicht erkennen, daß er Deutscher ist.
SPIEGEL: Mr. McCormack, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Helmut Sorge, auf dem Golfplatz "Schloß Nippenburg" bei Stuttgart. * Oben: am 10. Januar beim Turnier in Katar; unten: nach dem Sieg beim Golf-Masters in Augusta am 11. April. * Am 30. April in Hamburg.
Von Helmut Sorge

DER SPIEGEL 27/1993
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