20.07.1992

„Management by Champignons“

Lenk, 57, wurde 1960 Olympiasieger im Achter. Der Karlsruher Professor der Philosophie gehört zu den entschiedenen Kritikern der inhumanen Entwicklung des Spitzensports.
SPIEGEL: Herr Lenk, mit Ihrem damaligen Trainer Karl Adam wird der Beginn des wissenschaftlichen Trainingsaufbaus verbunden. Hat Adam eine Entwicklung eingeleitet, die nicht mehr aufzuhalten ist?
LENK: In anderen Sportarten gab es das schon vorher; im Rudern allerdings hat Adam eine Vorreiterrolle gespielt. Unter ihm wurde das Training systematisiert, wenn es auch damals noch nach einfachen Faustregeln ablief. Es gab zudem Begleitforschungen, zum Beispiel in der Sozialpsychologie - mit dem Erfolg, daß im Team Aggressionen enstanden, die sich auf den Trainer fixierten.
SPIEGEL: Heute wird versucht, letzte Ressourcen mit allen Hilfsmitteln herauszuholen. Wo ist die Grenze?
LENK: Bei Schiller heißt es: "Und siegt Natur, so muß die Kunst entweichen." Im Sport ist es heute oft umgekehrt: Die Technik siegt, und die Natur muß weichen. Wo, wie beim Skifahren oder Segeln, die Technologie bereits allein entscheidet, sollten alle Teilnehmer das gleiche Material bekommen. So käme die Idee vom natürlichen Beherrschen des Sportgeräts wieder zum Tragen.
SPIEGEL: Bringt die Technisierung nur Nachteile?
LENK: Der Athlet ist noch abhängiger geworden von einem großen Beraterstab. Insbesondere die Deutschen neigten schon immer dazu, sich zu sehr von Spezialisten umsorgen zu lassen. In entscheidenden Phasen sind sie dann nicht in der Lage, sich selbst zu vertrauen. In Groß-Deutschland werden nach dem Motto "Wir sind wieder wer" immer mehr Experten und Expertisen aufgeboten.
SPIEGEL: Empfinden Sie das als anmaßend?
LENK: Es gibt so etwas wie ein Grenznutzengesetz in diesem Kampf um marginale Zuwächse. Das Leistungspotential wird immer brutaler ausgenutzt und der technologische Aufwand immer größer. Das führt zu Inhumanitäten . . .
SPIEGEL: . . . die zu Lasten der Athleten gehen?
LENK: Der Sport orientiert sich ausschließlich am Sieger. Es besteht eine Neigung, Leistungsunterschiede selbst dort noch auszuweisen, wo es keinen Sinn mehr macht. Was bringt es, Miniunterschiede auf tausendstel Sekunden auszurechnen? Besonders abstrus ist da das Beispiel von der Weltmeisterschaft 1991 in Tokio, als zwei sowjetische Geher nach 50 Kilometern Arm in Arm ins Ziel marschierten und einer schließlich nach mühsamer Foto-Finish-Arbeit zum Sieger erklärt wurde.
SPIEGEL: Machen Vorausberechnungen die Wettkampfspannung zunichte?
LENK: Natürlich läßt die Brisanz für den Zuschauer nach, besonders wenn er weiß, daß Athleten manipuliert sind. Aber es bleibt eine gewisse Dramatik bestehen, weil es immer noch Zufälle und außergewöhnliche Kraftanstrengungen gibt, die über den Sieg entscheiden.
SPIEGEL: Reicht das für eine Existenzberechtigung der Showbranche Sport?
LENK: Die Suche nach versteckten Vorteilen führt zu Dilemmasituationen. Schon der Hammerwurf-Olympiasieger Harold Connolly hat gesagt, er würde alles tun, was ihn nicht gerade umbringt. Das Wichtigste scheint heute das 11. Gebot zu sein: Du sollst dich nicht erwischen lassen. Training war früher "ein Scheißspiel", wie wir immer sagten. Heute ist es eine Pinkel-Affäre. An dieser dramatischen Entwicklung sind alle _(* Neben der Bronzeplastik "Der Denker" ) _(von Karl-Heinz Krause vor der ) _(Universität Karlsruhe. ) beteiligt: Trainer, Politiker, Journalisten, Funktionäre.
SPIEGEL: Die Funktionäre könnten diese Situation ändern?
LENK: Die arbeiten doch nur nach dem Gebot "Hauptsache, das eigene Image stimmt". Ansonsten benehmen sie sich wie Ersatzpolitiker im Freizeitbereich. Im Sport reüssieren viele Leute, die lieber in anderen Bereichen der Gesellschaft erfolgreich gewesen wären, dort aber scheiterten. Dadurch kommen immer mehr Technokraten und Opportunisten ins Spiel, was zu erheblichen Problemen geführt hat. Durch die Möchtegern-Mächtigen wurden die vier F der Turner - Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei - umgewandelt in die vier M: Mammon, Macht, Medien, Mediokrität.
SPIEGEL: Würden Qualifikationstests für Funktionäre weiterhelfen?
LENK: Der deutsche Sport hätte die Chance eines "Management by Champions", weil er über viele erfahrene Meister verfügt. Statt dessen wählte er aber die aus der Organisationssoziologie wohlbekannte Strategie des "Management by Champignons": Die Mitarbeiter im Dunkeln lassen und mit Mist bedecken. Und wenn sich Köpfe zeigen - abschneiden.
SPIEGEL: Auch Willi Daume, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), der einst die Olympischen Ideale pries, setzt inzwischen voll auf Kommerzkurs. Ist dieser Wandel symbolisch für eine Funktionärskarriere?
LENK: Unter dem Publicitygebot unserer Gesellschaft sind die meisten Offiziellen profilneurotisch. Besonders opportunistisch sind aber die Aufsteiger. Die schmeißen sich an die alten Herrscher heran und haben mit ihrem Speichellecken auch noch Erfolg. Doppelzüngigkeit ist oft die herausragende Qualität der Funktionäre.
SPIEGEL: Kennen Sie das aus eigenem Erleben?
LENK: Die Diskuswerferin Liesel Westermann hat berichtet, daß sie einem Funktionär mitgeteilt hat, daß Topleistungen nicht mehr ohne Doping zu schaffen seien. Der antwortete nur: Du bist selbst schuld, wenn du nicht dopst.
SPIEGEL: Sie meinen den NOK-Vizepräsidenten Professor August Kirsch?
LENK: Ein solcher Mann spielt sich heute als Saubermann auf, hat jetzt den Deutschen Leichtathletik-Verband im Fall Krabbe international vertreten.
SPIEGEL: Sie haben schon 1975 im NOK auf die Dopinggefahr hingewiesen. Hat man Ihnen nie zugehört?
LENK: Wohl nicht. Ich habe es schließlich aufgegeben: Im deutschen Sport sind Querdenker nicht erwünscht. Ein führender Vertreter des Deutschen Sportbundes hat in meinem Beisein vor Jahren gesagt: Professoren sind nur nützliche Idioten. Wobei die Frage ist, ob ihm klar war, daß er dabei Lenin zitiert hat.
SPIEGEL: Sie sind doch selbst Persönliches Mitglied im NOK. Haben Sie da nicht die Chance, inhumanen Entwicklungen entgegenzusteuern?
LENK: Im NOK hat man doch nur einmal im Jahr die Möglichkeit, bei Themen das Wort zu ergreifen, die vorher schon längst vom Präsidium entschieden sind. Die NOK-Hauptversammlung ist eine reine Zustimmungsmaschinerie. Es ist sehr deprimierend, weil alles hinter den Kulissen abgekartet wird. Wer sich kritisch äußert, fällt unangenehm auf, wird isoliert, geschnitten, als Nestbeschmutzer beschimpft. Vielleicht gehe ich zu den Sitzungen gar nicht mehr hin.
SPIEGEL: Ist die Bedenkenlosigkeit ein deutsches Phänomen?
LENK: Das geht bis in die höchste Spitze des Internationalen Komitees. Auch diese Möchtegern-Prominenz konnte nicht verhindern, daß aus der Olympiade über den Weg der Dopiade inzwischen eine mediokratische Kommerziade entstanden ist - ein teleökonomisches Superspektakel. Auch wenn es, im wahrsten Sinne des Wortes, auf den Ausverkauf der Olympischen Idee zugeht.
* Neben der Bronzeplastik "Der Denker" von Karl-Heinz Krause vor der Universität Karlsruhe.

DER SPIEGEL 30/1992
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