05.07.1993

LeichtathletikLottogewinn in Gefahr

Alle Trainingstheorien ignorierend stürmte der Deutsche Nico Motchebon in die Läuferelite. Jetzt holt ihn das System ein.
Lächelnd kritzelt der hochgewachsene Läufer seinen Namenszug in die Schulhefte, die ihm auf dem Trainingsplatz des Jenaer Ernst-Abbe-Stadion drei Mädchen hinhalten. Schüchtern fragt eine Autogrammjägerin den schwarzen Athleten, aus welchem Land er denn komme? "Deutschland natürlich." Und wie er heißt? "Motchebon, den Namen müßt ihr euch merken."
Nico Motchebon, 23, hat sichtlich Gefallen daran gefunden, in den Stadien von Fans und Experten wie ein Überraschungsgast in einer etwas langweilig gewordenen Show bestaunt zu werden.
In Zeiten, in denen der Hochleistungssport geplant ist wie der Produktionsablauf in einer Autofabrik, dürfte es eine Karriere wie die des Sohnes einer Deutschen und eines Kameruners eigentlich gar nicht geben. Ohne ernsthaftes Training, ohne Hilfe von Medizinern oder Sportwissenschaftlern ging Motchebon ("Als Schwarzer muß man wohl schnell laufen") an den Start - und siegte einfach.
Als sich der Berliner im Herbst vergangenen Jahres beim SC Charlottenburg unter die Mittelstreckler mischte, wollte er zum Ende einer Karriere nur ein wenig mitlaufen. In acht Jahren Leistungssport als Moderner Fünfkämpfer hatte sich sein Herz vergrößert, er durfte deshalb mit dem Training nicht abrupt aufhören.
Doch schon mit dem sechsten Lauf seines Lebens über 800 Meter gewann der Informatikstudent die Deutsche Hallenmeisterschaft. Und in seinem neunten Rennen düpierte Motchebon, dessen Laufstil ein wenig an den kubanischen Wunderläufer Alberto Juantorena ("das Pferd") erinnert, endgültig die etablierten Leichtathletikkollegen: Als einziger im deutschen Männerteam holte er im März bei der Hallenweltmeisterschaft in Toronto eine Medaille.
Was Bundestrainer Paul Schmidt "wie einen Lottogewinn" für die deutsche Leichtathletik empfindet, bringt Motchebon jedoch Probleme: Ihm fehlt noch die Qualifikation für die Weltmeisterschaft. Der Mann, der in der Halle alle Trainingstheorien über den Haufen rannte, hat die Normzeit des internationalen Verbandes bisher nicht erreicht.
Der Berliner begann seine Blitzkarriere erst, als die Freiluftsaison '92 bereits beendet war. Und in diesem Jahr verhinderte eine Verletzung zunächst die vorgesehenen Testläufe. Da kann selbst Ex-Olympiasiegerin Heide Rosendahl, die für die neue deutsche Verbandsführung als eine Art Florence Nightingale der Tartanbahn tätig ist, nicht helfen: "Es tut mir leid, aber an dieser Norm kommen wir nicht vorbei."
Motchebon muß es erscheinen, als drehe sich die Diskussion im Kreis: Spitzensport ohne Normen geht nicht - aber gerade der steile Aufstieg des unkonventionellen Läufers dokumentiert die Krise, in die sich der Leistungssport manövriert hat.
Überall in Deutschlands Übungshallen wird versucht, sportliche Erfolge mit Hilfe von Computern, Trainingsdiagnostikern und Biochemikern zu produzieren. Der Athlet wird dabei zur Nebensache degradiert, fühlt sich im Wettkampf verlassen und versagt.
Auch Motchebon trainierte jahrelang als Moderner Fünfkämpfer 13 Stunden täglich, rund um die Uhr stand ihm ein Beraterstab zur Seite. Doch als sich der zweimalige Deutsche Meister im letzten Jahr für Olympia gerüstet glaubte, wurde er ein Opfer taktierender Funktionäre und Bundestrainer. Die Verbandsführung nominierte ihn in Barcelona nur als Ersatzmann, sie wollte Defizite beim Laufen erkannt haben.
Verärgert mutierte der Fünfkämpfer zu einem Hobby-Leichtathleten, der nur noch "nach dem Spaßprinzip" trainierte. Dabei fiel die Wahl eher zufällig auf die 800 Meter, er wollte sich einfach "nie mehr so quälen" wie früher.
Eine kürzere Distanz kam für den Umsteiger nicht in Frage, weil man auf diesen Strecken "ohne Manipulation" nichts werden könne. "Das Geilste", sagt Motchebon, sei es, "jemanden zu schlagen, von dem du genau weißt, daß er etwas genommen hat."
Nachdem er vom Fünfkampf "regelrecht verscheucht" wurde, betrachtet er nun amüsiert, mit welchem Eifer sich Funktionäre um sein Talent bemühen.Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) nahm den "neuen Wunderläufer" (Bild am Sonntag) eilig in seinen WM-Kader auf, einen kleinen Zirkel von Topathleten, die bei der Weltmeisterschaft im August in Stuttgart Medaillen für Deutschland versprechen.
Über die plötzliche Fürsorge kann sich Motchebon nur wundern: "Meine Zeit war wirklich nicht so berauschend." Seine Bestmarke (1:46,9 Minuten) lag sogar noch vier Zehntelsekunden über jener Zeit, die der Dresdner Rudolf Harbig vor 54 Jahren lief.
Doch mit seiner Unbekümmertheit hat der Meisterläufer die Leistungsplaner schlichtweg überrannt. Regelmäßige Laktatmessungen zur Formüberpüfung, das Credo des modernen Spitzensports, sind ihm ebenso lästig wie streng reglementierte Trainingspläne. Er trimmt sich nur drei- bis viermal die Woche; meist läuft er wie ein Alltags-Jogger abends durch den Berliner Grunewald und beweist damit, "daß man mit wenig Aufwand oft viel mehr erreicht".
Auch für das aufgeblähte Trainersystem des Verbands hat er nicht mehr als nette Worte übrig. Den Berliner DLV-Stützpunktleiter hält er für "engagiert", der Bundestrainer scheint ihm "ganz vernünftig", vom DLV-Cheftrainer ("Der sollte sich in Toronto um mich kümmern") kennt er mittlerweile sogar den Namen. Er höre sich auch gern an, was die zu sagen haben. Dann aber "entscheide ich, was gemacht wird". Am Wettkampftag, sagt Motchebon, brauche er die gutbezahlten Helfer ohnedies nicht: "Da reicht ein guter Masseur."
So erhält sich Motchebon in seiner zweiten Sportlerkarriere die Lockerheit, die den verplanten Spitzensportlern oft abgeht. Schrauben seine Konkurrenten vor dem Start hektisch an ihren Spikes, läßt er sich noch von einem Pressefotografen den Verschluß einer Spiegelreflexkamera erklären. Während seine Gegner in Jena nervös an den Trikots nesteln, schwatzt er angeregt mit dem Publikum. "Ich muß nicht gewinnen", sieht er sich gegenüber den Alteingesessenen im Vorteil.
Zu viele Athleten, hat Motchebon festgestellt, würden sich selbst blockieren, weil sie "den Sport als Lebensgrundlage betrachten". In der Leichtathletik werde "mit wenig Leistung viel Geld" verdient, einen Ausrüstervertrag habe bereits "jeder Mockel". Den dadurch erzeugten Druck aber würden viele Athleten "kopfmäßig nicht packen": Sobald der Startschuß ertöne, seien die Muskeln wie gelähmt.
Doch das System hat auch den unbekümmerten Motchebon eingeholt. Im Frühlings-Trainingslager auf Teneriffa ließ er sich, obwohl "schon reichlich kaputt", von seinem ehrgeizigen Trainer zu einer weiteren Übungseinheit überreden. Die Sehnenscheide an seiner Ferse reagierte mit einer Entzündung.
Nach seinem mehrwöchigen Trainingsausfall steht der Aufsteiger des Jahres bei den Deutschen Meisterschaften am kommenden Wochenende in Duisburg nun selbst unter Druck: Motchebon muß schon eine persönliche Bestzeit laufen, will er sich noch für die Weltmeisterschaft in Stuttgart qualifizieren.

DER SPIEGEL 27/1993
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