27.04.1992

Schalcks Wunderwaffe

Das Sturmgewehr mit der Bezeichnung "Wieger 940", Kaliber 5,56 Millimeter, ist im jugoslawischen Bürgerkrieg, an der indisch-pakistanischen Grenze und in Peru im Einsatz. Aber auch Terroristen und Mafiosi sollen sich in den letzten Jahren das handliche Gerät zugelegt haben.
Selbst in der Maschinengewehr-Version ist die Waffe ohne Magazin nur ein Leichtgewicht von 3700 Gramm. Theoretisch zumindest können Feuerstöße von 600 Schuß in der Minute abgegeben werden, hundert Schuß Dauerfeuer sind allerdings eher realistisch. Die Patrone besitzt eine Mündungsgeschwindigkeit von 930 Metern in der Sekunde. "Die tödliche Wirkung der Geschosse" wird von den Erbauern "bis mindestens 1000 Meter gewährleistet".
Wieger 940 war die Geheimwaffe der DDR. Sechs Betriebe unter Leitung des VEB Geräte- und Werkzeugbau Wiesa haben jahrelang an der Entwicklung gearbeitet. Im August 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, ging die Wieger 940 in Serie.
Das "Spitzenerzeugnis" auf "internationalem Höchststand" erfüllte, laut Abschlußbericht des Werkes, sogar die "Anforderungen eines guten Designs". Die aus der Wieger abgefeuerten Stahlkerngeschosse können noch auf 500 Meter Stahlhelme und Panzerwesten durchschlagen.
Treibende Kraft bei der Wieger-Entwicklung war Stasi-Oberst Alexander Schalck-Golodkowski, der Chef des Devisen-Imperiums Kommerzielle Koordinierung (KoKo). Die Anführer der Nationalen Volksarmee hätten lieber weiter auf das Sturmgewehr vieler Revolutionen gesetzt, die in Wiesa nachgebaute russische Kalaschnikow in den Varianten AK-47, AKM oder AK-74. Doch Schalck hatte für die Umstellung auf das Nato-Kaliber 5,56 Millimeter ein durchschlagendes Argument:
Der KoKo-Chef wollte damit Absatzgebiete in westlich orientierten Ländern erschließen.
Ganz billig war der Bau der neuen Knarre nicht. 10,849 Millionen DDR-Mark Entwicklungskosten mußte Schalcks Waffenfirma Imes Import-Export GmbH aufbringen; weitere 2 Millionen Mark kamen aus dem Fonds Wissenschaft und Technik.
Die Jahresproduktion des Automatgewehrs sollte ab 1991 bei 30 000 Stück liegen, der durchschnittliche Jahresgewinn wurde auf 4,8 Millionen Mark taxiert. Die Waffe sollte ein Exportschlager der chronisch devisenschwachen DDR werden.
Schon ab Herbst 1988 schwärmten Emissäre aus, um die Wieger an die Front zu bringen. In zwölf Ländern wurde akquiriert. Schalck bot neben den Reisekadern von Imes sogar einen NVA-Oberst als Verkäufer auf. 6000 Wieger-Gewehre, viele davon in Handarbeit hergestellt, wurden eilig zur Truppenerprobung nach Peru und Indien verschickt.
Der KoKo-Chef träumte von riesigen Geschäften. "Die Emirate sind ein potentieller Abnehmer für dieses Gerät", notierte "Henry" von der Stasi für seinen Auftraggeber KoKo. Ein britischer Waffenhändler empfahl sich als Kontaktmann für den schwarzen Kontinent. Er witterte in Westafrika "beträchtliche Chancen". Ein Österreicher bot sich für die Wieger als Vermittler "zu den fortschrittlichen Kräften in Namibia" an. Selbst bei den dort stationierten Uno-Truppen könne was drin sein.
Der Fall der Mauer stoppte den Siegeszug der DDR-Wunderwaffe: Im August 1990 wurde die Produktion eingestellt. Tausende Gewehre verschwanden im Untergrund.

DER SPIEGEL 18/1992
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