27.07.1992

RepublikanerAuch mal irren

Extremistischer Nachwuchs sorgt in der neuen Jugendorganisation der Republikaner für Unruhe.
Seinen jugendlichen Parteifreunden gibt Franz Schönhuber, 69, Bundesvorsitzender der Republikaner (Rep), schon mal Tips zur Freizeitgestaltung: "Geht nicht nur in die Disco, sondern singt und wandert auch wieder zusammen, so wie wir früher."
Mit solcher Lagerfeuer-Romantik allerdings halten sich viele aus dem Jungvolk nicht lange auf. Beim Bundesparteitag Mitte Juni hatten die Reps (rund 20 000 Mitglieder) den Aufbau einer eigenen Jugendorganisation, der "Republikanischen Jugend", beschlossen - prompt bekam die Parteispitze mit dem Nachwuchs ersten Ärger.
Junge Reps vor allem in Berlin und in den neuen Bundesländern rebellieren gegen den von Schönhuber verordneten Kurs, Distanz zu Rechtsextremisten und Neonazis zu halten. Der selbsternannte "Erneuerer Deutschlands" will die Partei bis weit in die bürgerlichen Mittelschichten hinein wählbar halten.
Um dies zu gewährleisten, soll die junge Garde vorsorglich an die kurze Leine gelegt werden. Die Vorstände haben Landesjugendbeauftragte ernannt, die bis zu einer Konferenz im Herbst die neue Parteigliederung organisieren sollen.
Der Nachwuchsverein darf nach dem Parteistatut lediglich ein "Arbeitskreis" für Mitglieder zwischen 18 und 30 Jahren sein - die Rep-Jugend muß alle Presseerklärungen und Flugblätter den Vorständen zur Genehmigung vorlegen.
Die Jugendorganisation soll, so der stellvertretende Rep-Bundesvorsitzende Alexander Hausmann, 40, "eng angebunden" und "keine Partei in der Partei" werden. Doch an der Basis zeigen junge Reps extremen Rechtsdrall.
So sorgte etwa der Berliner Landesjugendbeauftragte und dortige Chef der Republikanischen Jugend, Frank Seifert, 21, mit Parolen wie "Deutschland, Deutschland, über alles" und "Berlin ist Hauptstadt und nicht Israel" für Unmut. Bislang konnte der extremistische Jung-Rep, der seine Parolen auch auf dem Bundesparteitag verbreitete, beim Parteichef noch auf Nachsicht rechnen - ein junger Mann, entschuldigte Schönhuber die Ausfälle, dürfe "auch mal irren".
Doch Seifert, kaufmännischer Angestellter von Beruf, macht mit rund 50 Kameraden im Alter zwischen 15 und 30 unbeirrt weiter. "Unterricht nur von deutschen Lehrern" und "Keine Schulausflüge mehr zu sogenannten Gedenkstätten" propagieren Flugblätter der Schönhuber-Jugend in Berlin. "Vor allem im Osten", weiß Seifert, "kommen wir sehr gut an."
Die Parteiführung, in Sorge um ihre Strategie für den Einzug in den nächsten Bundestag, geht eilig auf Distanz. Seifert, so der aus der CSU kommende Schönhuber-Vize Hausmann, sei "nicht legitimiert, für die Republikanische Jugend zu sprechen". Hausmann droht den Jungradikalen bereits mit Parteiausschluß: "Wir werden denen erst die gelbrote und dann die rote Karte zeigen."
Auch einige Jung-Reps halten Abstand zu ihren Berliner Altersgenossen. Thomas Friedrich, 24, Landesjugendbeauftragter der Partei in Nordrhein-Westfalen, fordert von der Republikanischen Jugend "eine eindeutige Abgrenzung vom Rechtsradikalismus".
Dem moderaten Friedrich, Angestellter in einer Baumschule, sagen Rep-Strategen Aufstiegschancen zum Bundeschef der Republikanischen Jugend nach. Statt mit extremen Parolen zu provozieren, will Friedrich mit seriös klingenden Forderungen ("Finger weg von Drogen") Jungpatrioten sammeln, "die sich demokratisch einordnen".
Die sind dünn gesät. Selbst der Stammverband in Bayern, mit 5600 Mitgliedern stärkste Landesorganisation der Reps, bringt nicht einmal 300 Aktivisten für den Jugendverband auf.
Und im deutschen Osten ist der Rep-Nachwuchs vielen rechten Jugendlichen einfach zu lasch. Dort kann die Schönhuber-Jugend bisher nur bescheidene Erfolge vorweisen: In Mecklenburg Vorpommern meldeten sich 100 Novizen, in Sachsen nicht einmal 40.
In den neuen Ländern konkurrieren die Jung-Reps mit militanten Neonazi-Gruppen wie der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei und der Deutschen Alternative, die bereits mehrere tausend Aktivisten und Sympathisanten mobilisiert haben. Viele Jugendliche in Ostdeutschland suchen, nach dem Ruin der DDR, ihre "Vorbilder, Ideale und Orientierungshilfen", die das Rep-Parteiprogramm für die Jugend vage fordert, ausgerechnet im Dritten Reich.
Rund 40 Prozent der Lehrlinge in Sachsen, so eine Umfrage der Forschungsstelle Sozialanalysen Leipzig, glauben inzwischen, der Nationalsozialismus habe "auch seine guten Seiten" gehabt. 11 Prozent der Auszubildenden im südöstlichen Bundesland befürworten gar "die Machtergreifung durch eine neue nationalsozialistische Partei".
Durch solche "Heilsschreier" will sich Schönhuber seinen geplanten Marsch nach Bonn nicht stören lassen. Zwar ist seine Partei anfangs auch durch Alt- und Neonazis großgeworden. Nun aber hat Schönhuber Rückhalt für seinen Abgrenzungskurs gegen "Radikalinskis und Skins, die sich selbst Neonazis nennen, obwohl sie mit Sicherheit vom Programm der NSDAP keine Ahnung haben" (Schönhuber).
Bisweilen allerdings packt den Rep-Chef, der sich trotz seines Alters immer wieder jungenhaft rebellisch gibt, eine ähnliche Nostalgie wie die von ihm verschmähten jungen Extremisten. In einem Interview in der Zeit forderte Schönhuber, "junge Menschen" müßten wieder ihren "Körper stählen".
Ein Sprachgebrauch, der Erinnerungen weckt: Daß "die jungen Körper . . . die notwendige Stählung für das spätere Leben erhalten" sollten, schrieb in den zwanziger Jahren ein Buchautor, in dessen Leibstandarte der junge Schönhuber später als Unterscharführer der Waffen-SS diente - Adolf Hitler in "Mein Kampf".

DER SPIEGEL 31/1992
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