19.10.1992

Im Canyon der Kristalle

Rahelio, der Halbindianer, steht auf einer Felszunge über dem Tal, die Hände ausgebreitet, als wolle er es segnen. Das Tal ist ein sanfter grüner Traum aus Joshua-Bäumen und Bananen-Yuccas, aus rotblühenden Kakteen und silbernen Chollas, und gegenüber steigt der Fels in den Himmel wie eine Kathedrale, kupferrot, monumental, ewig. Wer hier nicht fromm wird, ist entweder blind oder Immobilienmakler.
Den Hopi-Indianern war das Land der roten Felsen heilig. Sie betraten es, um ihren Ahnen und ihren Göttern zu opfern, und sie legten ihre Medizinräder aus Felsbrocken auf die rote Erde, und sie beteten, und dann kehrten sie zurück zu den trockenen Hochebenen in den Nordosten Arizonas.
Und nun steht Rahelio dort, reglos und mit geschlossenen Augen. Er lehnt sich hinaus wie durch ein unsichtbares Fenster ins Jenseits, und alle in seiner Reisegruppe lehnen sich sehnsüchtig mit: Der Börsenmakler aus San Francisco, die Ärztin aus Malibu, der Vertriebsleiter aus Florida und die Psychologie-Studentin aus New York harren vereint, wie in einem Spielberg-Film, auf eine Begegnung der dritten Art.
Nur Stille. Keine Schreie diesmal, keine Zusammenbrüche, keine Geständnisse, hier auf dem magischen Punkt in den Felsen, den Rahelio "Vortex" nennt, ein Kraftfeld, ein Energiewirbel, ein gewaltiger Verstärker, der die Gefühle und Stimmungen und Seelenlagen seiner Besucher aufbläst und den Kontakt zu den Geistern schafft. Im Fels gleißen Kristalle, und im Tal krächzt ein Rabe, und Rahelio murmelt: "Der Bote des Unterbewußten."
Rahelio sieht aus, als wäre er von den Stuyvesant-Strategen für die "Come together"-Kampagne erfunden worden. Ein Teint aus Bronze und lange, blauschwarze Haare bis zum Gürtel - der edle Wilde des Computerzeitalters.
Wie viele seiner Freunde war Rahelio von einer Stimme in die Canyons von Sedona befohlen worden. Er hatte eine Vision, wie sie in der Kirchengeschichte oft vorkommt: Er sah ein Licht. Allerdings sah er in diesem Licht nicht die Mutter Gottes, sondern ein Ufo, weshalb Rahelio für eine Seligsprechung nicht in Frage kommt. Aber er ist ein Apostel des New Age, des neuen Zeitalters.
New Age ist das erste siegreiche postmoderne Glaubenssystem. Es ist die Religion der Fernsehgeneration: fernöstlich wie Kung-Fu-Filme, geheimnistief wie Stephen Kings Horrorbestseller und so wissenschaftsbesessen, wie es Science-fiction nur sein kann. Und es rehabilitiert, in sympathischen Wiedergutmachungsreflexen des christlichen Ideenterrors, mystische Traditionen und Mythologien wie die der Hopi-Indianer und bereitet sie auf für die Benetton-Generation. New Age saugt, wie ein Schwamm, alles auf, was der abendländischen Rationalität zum Opfer gefallen ist.
Hier in Sedona liegt der Wallfahrtsort der Bewegung. Eingebettet in die roten Felsen die Hauptstraße, zwei Ampeln, ein Supermarkt und ungezählte Bücherläden, die "Kristall-Mine" oder "Das Goldene Wort" heißen, vegetarische Restaurants und Tempel, eine Kultur aus Traktaten und Talismanen, aus Heiligenbildchen und Hellsehern, aus Kupferpyramiden und "brain machines". Touristen werden in Hotels wie dem "Ort der Verzückung" untergebracht, wo Uqualla, der Hausindianer, die Geister der Gegend gnädig stimmt.
New Age ist spirituelle Technologie. Ihr Ziel, in einem Bild zusammengefaßt: ein Telefonat mit Gott über den Zeitpunkt des Weltendes, möglichst ein R-Gespräch.
Heute glauben 67 Prozent aller Amerikaner an übernatürliche Erscheinungen, und 42 Prozent wähnen sich in Kontakt mit Toten. Für New Ager ist Jesus eine Reinkarnation unter anderen und Erzengel Gabriel ein Extraterrestrischer. Daß es auch böse Außerirdische gibt, weiß selbst die Regierung: Deshalb stellt sie unter Titel 14, Section 1211 ihres "Code of Federal Regulations" vom 16. Juli 1969 alle Versuche unter Strafe, mit Aliens oder ihren Vehikeln Kontakt aufzunehmen. Nach Professor Carl Raschke von der Universität von Denver ist New Age "die mächtigste soziale Kraft im Lande". Eine wirtschaftlich potente dazu - 3,5 Milliarden Dollar setzt die amerikanische New-Age-Industrie jährlich um.
Und es ist so amerikanisch wie Coca-Cola. Das amerikanische Weltverständnis war von jeher endzeitlich und erweckungsgläubig, geplagt von Apokalypse-Vorstellungen und hypnotisiert von Paradies-Verheißungen.
Obwohl New Age in der okkulten Gegenkultur der sechziger Jahre wurzelt, ist es doch homogener Bestandteil der amerikanischen Glaubensgeschichte, die eine der Visionen, der gnostischen Religionsgründungen und Massenekstasen ist. Woodstock, der schwärmerische Generationenaufstand, der das nahende "Zeitalter des Wassermannes" feierte, hatte Tradition: Schon am 6. August 1801 hatten sich in Cane Ridge, Kentucky, 25 000 versammelt, um in ekstatischen Tänzen und Gebeten, lachend und bellend und singend, ein neues Zeitalter vorzubereiten, das Weltende und das Reich Gottes.
Immer ist Endzeit, dieses Bewußtsein teilt New Age mit etablierten amerikanischen Religionen. Reagans Innenminister James Watt, ein Pentecostalist, Angehöriger einer Pfingstgemeinde, die "in Zungen redet", strich Umweltschutzprogramme zusammen, weil die Welt, wie er öffentlich erklärte, innerhalb der nächsten zwei Generationen ohnehin verschwinden werde.
An das Weltende glaubt auch Rahelio, und er stützt sich dabei auf eine Weissagung der Hopi-Indianer. "Mutter Erde schüttelt sich", kommentiert er das Wüten des Hurrikans Andrew, "und sie wird die großen Städte verschwinden lassen." Erleuchtete werden der Katastrophe entkommen - Freunde Rahelios legen sich bereits Vorratskammern an.
"Schau dir an, wohin die bisherige Politik das Land gebracht hat", sagt Rahelio. "Was spricht dagegen, etwas ganz Neues auszuprobieren?"
Während die Republikaner ihren Parteitag in Houston als eine Art reaktionären Kirchentag ausrichten und Präsident Bush vor den Problemen des Landes in heilige Eide auf die Fetische Fötus und Fahne flüchtet, beten die New Ager in Sedona in einer Messe mit Kristallkugeln in der Hand um eine Massenhimmelfahrt. Es ist nicht entschieden, welche der beiden Veranstaltungen abwegiger, wohl aber, welche freundlicher ist. Während die Politprediger zum Kreuzzug gegen Schwule und Wohlfahrtsempfänger rufen, predigen New Ager Toleranz. Sie haben ein "höheres" Bewußtsein. Sie sind für den Umweltschutz. Sie sind harmlos und gut.
Zwei korpulente Priesterinnen, die Haare mit viel Spray zu Gebirgen toupiert, leiten die Messe. Draußen haben sich die heiligen roten Felsen in erhabene Wolken gehüllt, und hier drinnen stehen zwei Frauen vor ihrer Gemeinde, die katholische Meßgewänder über ihren Übergrößen-Jeans tragen, Osterweiß mit Silberkreuz die eine und Karfreitagsviolett die andere, und die Stolen sind an den Rändern leicht fleckig.
Die Priesterinnen erzählen von ihren Kontakten mit dem Jenseits, von Erzengel Gabriel, von Isis und Saint-Germain; sie schwärmen in sanftem Irrsinn, und ihre Brillengläser sind dick wie Flaschenböden und lassen ihre Augen zu großen Pfützen verschwimmen.
"Wir alle sind göttlich", sagt die Blonde, "wir alle sind Licht", und die Gemeinde murmelt zustimmend, und dann beten sie zusammen ein abgewandeltes "Vaterunser", eine "Direktübersetzung aus dem Aramäischen", in dem von einem Atem, einem Licht und einem Tempel die Rede ist.
Die Gesichter der Gemeinschaft erinnern an die der biederen Satanisten aus dem Polanski-Film "Rosemary's Baby" - nicht fanatisch, sondern beseelt, und eine, die ihren Arm in einem Verband trägt, hat eine Erscheinung.
In der Predigt spricht Priesterin Helga, die Rothaarige, von dem Jüngling, der ihr erschienen war und der mit seinen weißblonden Haaren, seiner dicklichen Figur, seinem wallenden Satingewand als ein weicher, erotischer Schmuseschwabbel-Traum-Jesus beschrieben wird, den sie Janin nennt und der ihr geraten habe, mit dem Auto vorsichtig aus der Garage herauszufahren.
Ein wenig enttäuschend ist es schon, daß die Geister, auch die prominentesten unter ihnen, wie Jehova oder Commander Ashtar, nie ein gültiges Rezept gegen Krieg und Hungersnöte verraten - immer nur Anweisungen auf Kleingärtner-Ebene: Paß auf dein Auto auf, laß die Suppe nicht verbrennen. Katastrophenverhütung für Hausfrauen.
Die Ikonographie des Andachtraumes bebildert das religiöse Begehren mit einem merkwürdigen Kitschpotpourri. Ein Jesus in Gelb hängt da, gleich neben einem Waldstück mit Bach und Elfen, und immer wieder Kristallkugeln in kosmischen Räumen, die Embryos in sich bergen. Zu allem plätschert elektronische Harfenmusik.
Alle lächeln, alle sind leise, und als es zur Kommunion kommt, die hier "Healing Service" heißt, treten alle vor und lassen sich die Hand auflegen, die weich und rund und dick ist. Ähnlich wie Drewermanns homöopathischer Katholizismus verlangt auch das New Age kein Opfer. New Age tut keinem weh - das erklärte Ziel ist Wohlgefühl, grenzenlose Harmonie, Therapie.
Sedona, die 11 000-Seelen-Gemeinde, ist ein metaphysisches Disneyworld, in dem Platz für alle Arten von Buden ist. Karl, schwedischer Fachmann für Reinkarnationsanalysen, der vergangene Leben sichten kann, bedrückt den Reporter zunächst mit der Schilderung besonders langweiliger Wiedergeburten: Geschäftsmann in Österreich! Davor Bauer in der Normandie, über Jahrhunderte hinweg! Karl spürt die Bestürzung in den zaghaften Nachfragen und bessert nach: zur Römerzeit siegreicher Feldherr. Warum nicht gleich so?
Robert Shapiro, in einem früheren Leben Staubsauger-Vertreter, steht als Spezialist für Channeling gleich mit mehreren Geistern in Verbindung. Er lebt in einem Trailer am Fluß und verlangt 60 Dollar die Stunde. Nie weiß er vorher, welcher der Geister aus ihm sprechen wird. Er trägt ein Stirnband über grauem Haar, und plötzlich sackt er in sich zusammen, ein Röcheln und Grummeln dringt aus seiner Kehle, und dann ist da die dunkle Stimme von "Bear Claw", Bärenklaue, einem Indianer aus dem Jahre 1520.
Bärenklaue ist der Schamane seines Stammes und kann in die Zukunft schauen und deshalb, über Robert Shapiro, mit dem Reporter reden. Doch er ist so mißtrauisch, als würde er am liebsten über seinen Anwalt mit ihm verkehren. "Ich werde nichts sagen, was der weiße Mann gegen mich verwenden kann." Die Feindseligkeiten gipfeln in einer besonders gehässigen Reinkarnationsschilderung. "Weißer Mann war einmal ein Packesel, auf einem anderen Planeten."
Derartig getroffen, kann weißem Mann nur noch eine Vokalheilung helfen, welche die fünfte Chakra, die Kehlengegend, befreien und von der schönen "Basadhra" verabreicht wird. Während die zierliche Linda von Basadhras hohem A aus dem Teilnehmerkreis geschleudert wird, empfindet der Reporter bei einem warmen Halbton nur noch Wohlgefühl, das ihn durch den milden Sedona-Wahnsinn trägt.
Er führt Gespräche mit Erzengel Michael und der Göttin Gaia, erhält fotografische Beweise für den allerheftigsten Ufo-Flugverkehr über den roten Felsen und wissenschaftliche Belege für Marsbesiedlungen, schlägt bedauernd Einladungen zu erotischen Vortex-Ekstasen ab und erlebt Mentalverstärkung durch Marihuana und Kristallkugeln sowie Lichterscheinungen durch Hyperventilation.
Doch Sedonas mildes Irrsinnslächeln täuscht - das Tal der roten Felsen ist für manche ein Schlachtfeld. Etwa für den Reverend Jerald Bushman. Er trägt eine braune Krawatte zu seinem dicken braunen Winteranzug, er hat Gallenfalten, und im Restaurant bestellt er sich weißes Hühnerfleisch zwischen zwei trockenen Brötchenhälften. Das Obst läßt er stehen. Er würgt auf seinem Brötchen herum und erzählt von seinem Kampf gegen den Satan. Rund ein Fünftel der Einwohner Sedonas hält er für aktive Christen. "Und wenn man die Katholiken hinzurechnet, ungefähr die Hälfte." Unter dem heillosen Rest wütet der Satan.
Der Reverend verschwendet keinen Blick an Snoopy Rock, der hinter der Panoramascheibe seine Farben angeberisch glühen läßt. "Vor fünf Jahren kamen sie hierher", erzählt Bushman, "die Anbeter Satans, die New-Age-Leute, die sich selber göttlich nennen. Damals gab es eine planetare Konstellation, die sie Harmonic conversion nannten, Sonne, Erde, Mond auf einer Linie." Für sie war es das Zeichen des Aufbruchs ins Zeitalter des Wassermannes, ins Neue Zeitalter. Doch er erkannte es als Zeichen des Satans.
Der Reverend Bushman ist auf die Entscheidungsschlacht vorbereitet. Er zieht das Neue Testament aus der Tasche, und er findet die Stelle mühelos. Paulus im 1. Timotheus-Brief 4,1: "Der Geist sagt deutlich, daß in den letzten Zeiten einige von diesem Glauben abfallen und irreführenden Geistern und teuflischen Lehren anhängen werden, verleitet durch Heuchelei der Lügenredner . . ." Die letzten Zeiten, meint der Reverend, erschöpft auf seinem trockenen Trockensandwich kauend, seien jetzt angebrochen. Er schätzt: noch 20 Jahre bis zum Jüngsten Gericht.
Eines hat Bushman mit den New Agern gemeinsam: Er mag nicht auf wissenschaftliche Beweise seines Glaubens verzichten. "Ein russischer Wissenschaftler", sagt er, "hat kürzlich den eindeutigen Beweis für die Existenz Gottes geliefert."
Hier, in Sedona, wo die Felsen rot sind und der Sand glüht wie in den Wüsten Palästinas, ist Offenbarungsstunde, wie vor 2000 Jahren. Ein Stimmengewirr von Sehern und Predigern, von Prophezeiungen und Deutungen, die, wie alle Wahnsysteme, eines gemeinsam haben: Sie entdecken einen Geheimplan hinter der chaotischen Wirklichkeit, prächtige, poetische Blaupausen einer Weltvernunft und ebenso prächtige Systeme von Weltverschwörungen.
Der Geheimplan in der politischen Sphäre wird Konspiration genannt; auch im Konspirationsverdacht verbirgt sich die Sehnsucht nach Ordnung. Gleich neben den Kristalläden und den New-Age-Reiseveranstaltern "Mystic Tours" und "Earth Wisdom Tours" liegt die Tankstelle von Sedona. Sie wird von dem Serben Cedic betrieben. Cedic ist frei vom New-Age-Verdacht - er betet orthodox. Doch er kultiviert ein eigenes, ein politisches Wahnsystem. In seinem Kassenhaus hat Cedic ein großes Poster aufgestellt: "Amerika erwache. Geheimhaltung ist gefährlich. Die Regierung muß für alle dasein." Cedic will die amerikanische Regierung zwingen, alle Karten auf den Tisch zu legen. Er hat Beweise für ein Komplott: James Baker und Kurt Waldheim wollen die Menschheit vernichten. Innerhalb der nächsten fünf Jahre wird es zum Weltkrieg kommen.
"So ähnlich sehen das die Hopi-Indianer auch", sagt der Reporter. "Eine globale Katastrophe. Allerdings ohne Waldheim." Cedic runzelt die Brauen. "Die Hopi?" sagt er, "haben Sie Schriftstücke, Beweise?"
"Halt", sagt Jeanmarie leise. Vor uns in der flimmernden Hitze ein endloses Band aus Asphalt, das karges, verbranntes Land durchschneidet. Hopi-Land. Wir steigen aus. Jeanmarie schaut hinauf. Über uns in der blauen Himmelsstille kreist lautlos ein Falke. Jeanmarie nimmt Tabak aus einem Beutel und Piwi, heiliges Oblatenbrot aus blauem Mais, das sie zerreibt. "Danke, Bruder Falke", sagt sie und streut die Mischung zu Boden, "daß du hier auf uns gewartet hast, um uns zu Großvater zu führen. Wir kommen mit guten Absichten. Wir versprechen dir, dein Land mit Respekt zu betreten."
Natürlich ist es völlig bescheuert, in der Mittagsglut auf einer Straße zu stehen und mit einem Vogel zu reden. Aber in Jeanmaries Worten liegt eine schöne, ungekünstelte Ehrfurcht. Und hat nicht auch der heilige Franziskus zu den Tieren gesprochen?
Jeanmarie, Professorentochter aus Dakota, hatte in den frühen siebziger Jahren einen Blackfoot-Indianer zum Mann. Als der sich weigerte, das gemeinsame Kind anzuerkennen, das blond war und blauäugig, fand Jeanmarie bei den Hopi-Indianern Aufnahme. Skywoman wird sie von ihnen genannt, "Himmelsfrau", und Jeanmarie arbeitet im Reservat und wird geachtet.
Jeanmarie besucht ihren adoptierten Großvater, Häuptling Eugene Sekaquaptewa, einen Schlangenpriester auf der dritten Mesa, einer Hochebene, die wie ein riesiger Tisch in die Halbwüste gestellt ist. Eugenes Dorf Oraibi ist über 10 000 Jahre alt und damit die älteste ständig bewohnte Ansiedlung Nordamerikas.
Weites Land, trauriges Land: Die Überlebenden des amerikanischen Völkermordes leben in tristen Reservatsbaracken in erster Linie von Wohlfahrts-Schecks. "Die Alkoholismus-Rate liegt hier bei 100 Prozent", sagt Jeanmarie, und die Indianerbeauftragten der Regierung, fügt Häuptling Eugene hinzu, "sind korrupt bis ins Mark".
Überdies sind die Hopi mit den Navajo in einen absurden Landstreit verwickelt, der sich seit 20 Jahren hinzieht. Der edle Wilde - ihn gibt es nur noch als Hollywood-Klischee.
Häuptling Eugene führt uns zum "Prophezeiungsfelsen" in der Nähe des Dorfes. Bierflaschen liegen im Schatten der Gebetsstelle. Und der Schlangenpriester spricht über das alte Hopi-Orakel. "Koyaanisqatsi", sagt Eugene, "die letzte Zeit ist angebrochen. Großmutter Erde wird sich von ihren Geschwüren befreien, es wird regnen, und wir alle, die wir das Geheimnis kennen, werden bereit sein, und danach wird es keine Hautfarben mehr geben, nur noch Menschen."
"Koyaanisqatsi" sagt am Abend auch Jeanmaries Freund Two Birds (Zwei Vögel), als er die indianische Schwitz- und Reinigungszeremonie vorbereitet. Auf Jeanmaries Ranch zum "Lächelnden Apachen" wurde ein Erdloch ausgehoben und darüber ein Zelt aus Zweigen und Decken errichtet. Rahelio ist mit seiner Freundin und vier weiteren blonden Mädchen erschienen, von denen eines in die Zeremonie der Pfeife eingeführt wird.
"Lange wird es nicht mehr dauern", sagt Häuptling Two Birds, der Gedichte schreibt und das "große Geheimnis" beschwört, und er reicht die Pfeife weiter und singt ein altes indianisches Lied. Neun nackte Menschen sitzen im Dunkel der Zelthöhle um glühende Steine herum, und sie singen und schwitzen und beten. Sie könnten die ersten Menschen sein oder die letzten Überlebenden. Drei Männer und sechs Frauen - immerhin, damit wäre ein Neuanfang möglich.
Draußen, im Mondlicht, werfen die Felsen hohe schwarze Schatten. Sie haben 330 Millionen Jahre gebraucht, um zu wachsen. Und sie sehen ziemlich gleichgültig aus.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 43/1992
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