26.10.1992

Der alte Mann und das Mädchen

Was geschah am 1. Oktober im Bonner Reihenhaus der Grünen Petra Kelly und Gert Bastian? Die wenigen Indizien deuten auf eine Verzweiflungstat des Generals, rational nicht erklärbar: Er setzte sich allein an die Schreibmaschine, begann einen Brief, erhob sich - und ermordete erst die Geliebte und dann sich selbst.
Noch hoffe ich, jemanden zu finden, der bereit ist, mit mir auf der Suche nach dem Himmel aufzusteigen.
DIE 18JÄHRIGE PETRA KELLY 1966 BEI DER ABSCHLUSSFEIER DER HIGH-SCHOOL IN HAMPTON/USA.
Der Abschied war Fragen. Acht Zeilen schrieb Lukas Beckmann zum Gedenken an die beiden Toten in das schwarze, ledergebundene Kondolenzbuch, das im einstigen Fraktionssaal der Bonner Grünen auslag - Zeichen der Trauer, Ausdruck der Ratlosigkeit:
Liebe Petra
Lieber Gert
Warum jetzt
Warum so früh
Warum ohne Abschied
Warum ohne ein Wort
Ihr bleibt ja und seid doch fort
seid fort und bleibt doch
Lukas Beckmann, einst Geschäftsführer der Grünen, war einer der engsten Freunde von Petra Kelly und Gert Bastian, die am Montag abend vergangener Woche tot in ihrem Bonner Einfamilienhaus gefunden wurden.
Zwei Symbolfiguren der Grünen und der vergangenen Friedensbewegung, faszinierende Erscheinungen der Zeitgeschichte, die darin nur noch wenig Gegenwart hatten.
Ein alter Soldat und eine 24 Jahre jüngere Pazifistin waren sich vor zwölf Jahren begegnet. Eine romantische, manchmal überquellende Liebe verband sie bald, so sehr wie bedingungslose politische Leidenschaft.
Radikal brach der General damals mit seinem Leben als Militär und geißelte fortan die "in gefährlicher Weise auf militärisches Denken fixierte Politik" von SPD-Kanzler Helmut Schmidt und seinem Außenminister. Auf seinem Geburtstagsfest in Halle feierte im letzten Jahr einer der beiden, Hans-Dietrich Genscher, das Paar als "meine Lieblingsgrünen".
Petra Kelly repräsentierte, wie niemand sonst, die Grünen. Mit Unerbittlichkeit forderte sie die Umkehr, eine Welt ohne Waffen, den Frieden mit der Natur.
Sie stand, im Ausland mehr noch als daheim, für eine neuartige bürgernahe politische Bewegung, die sich von den herkömmlichen Parteien grundlegend absetzte. Das Sunday Times Magazine rechnet Petra Kelly zu den tausend überragenden Gestalten des Jahrhunderts.
Der Tod muß Spekulationen und Legenden hervorrufen, weil er das Leben Petra Kellys und Gert Bastians nicht vollendet, sondern in Frage stellt:
▷ Zwei Pazifisten, die für Friedfertigkeit, Gewaltlosigkeit und Menschlichkeit gestritten haben, sollen sich selbst mit einer Waffe getötet haben?
▷ Zwei Menschen, die sich über viele Jahre beispielhaft um Angehörige und Freunde gekümmert haben, lassen diese urplötzlich hilflos zurück?
▷ Zwei Politiker, die viele ihrer Willensäußerungen als politische Demonstration und öffentlichen Protest verstanden, scheiden aus dem Leben, ohne ein Zeichen für das Warum zu hinterlassen?
Sofort begannen Boulevard-Zeitungen, das Vakuum zu füllen.
Bild ("Eifersuchts-Mord?") bot als Petra Kellys "letztes Geheimnis" einen tibetischen Arzt auf. Andere sahen das Grünen-Paar kurz vor dem finanziellen Offenbarungseid - oder als Stasi-Spitzel, die sich vor der öffentlichen Bloßstellung in den Freitod flüchteten.
Für die Ost-Berliner Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley und viele Kelly-Freunde bleibt angesichts der eigenen Erklärungsnot nur die phantastische Vorstellung vom perfekten Mord. Petra Kelly und Gert Bastian, so begründet Bohley ihren Verdacht, hätten die Mitstreiter in der Friedens- und Umweltbewegung niemals "ohne politische Botschaft verlassen".
Weil das so sei, versuchen sich Freunde in der ganzen Welt an denk- und undenkbaren Erklärungen. Der russische Schriftsteller Lew Kopelew vermutet einen KGB-Anschlag. Der Journalist Peter von Stamm will von einer Organisation der Chinesen wissen, die einen politischen Mord geplant haben könnte. Von "politischem Mord" und einer "Querverbindung Ex-Stasi und Neonazis" spricht ein "Hanseatisches Büro für die Vereinten Nationen".
Der ukrainische Kernphysiker Wladimir Tschernosenko, der gemeinsam mit Kelly die Folgen von Tschernobyl recherchierte, glaubt, die Atommafia sei zum Mord bereit gewesen.
Richtig ist, daß Petra Kelly in den letzten Monaten Drohbriefe auch von Rechtsradikalen erhielt, in Amerika sogar beschossen worden sein soll, so Tschernosenko, und "seit langem unter Bedrohungsängsten litt". Ihr Haus im Bonner Stadtteil Tannenbusch war mit einer Alarmanlage gesichert, selbst enge Vertraute bekamen nur Zutritt, wenn sie sich vorher durch ein spezielles Klingelzeichen zu erkennen gegeben hatten. Petra Kelly stand bei der Polizei auf der Liste gefährdeter Persönlichkeiten, Personenschutz lehnte sie jedoch immer ab.
Dennoch gibt es nicht ein einziges Indiz, das für eine Ermordung der beiden Grünen spricht. Im Gegenteil: Bereits wenige Stunden nachdem eine Nachbarin am Montag abend voriger Woche die beiden Leichen in dem zweistöckigen Reihenhaus entdeckt hatte, sah die Bonner Staatsanwaltschaft keinen Anlaß mehr, Ermittlungen gegen Dritte einzuleiten.
Für Kripobeamte wie Staatsanwälte gilt als gesichert, daß der Bundeswehrgeneral a. D. Gert Bastian am 1. Oktober erst Petra Kelly und dann sich selbst erschossen hatte - mit seiner eigenen 38-Millimeter-Pistole, einer zweiläufigen "Derringer Special".
Petra Kelly lag im ersten Stock auf dem Schlafzimmerbett, als Bastian den sofort tödlichen Schuß dicht an ihrer linken Schläfe ansetzte. Dann, so ermittelte die Bonner Mordkommission, war der Ex-Soldat durch die Schlafzimmertür auf den Flur gegangen und hatte seinem eigenen Leben mit der zweiten Kugel ein Ende gesetzt.
Daß Bastian selbst die tödlichen Schüsse abgab, steht für die Kripo außer Frage. Obwohl die beiden Leichen mehr als zwei Wochen unentdeckt geblieben und stark verwest waren, ließen sich bei Bastian Schmauchspuren an einer Hand nachweisen. Bastian stand aufrecht in dem engen Flur, die Waffe war von oben auf eine Stelle kurz oberhalb der Stirn gerichtet.
"Da hätte man eine Leiter nehmen müssen, um diesen 1,80 Meter großen Mann zu ermorden", so ein Kripobeamter. Nichts im Haus deute auf einen Kampf hin, Spuren von Einbrechern waren nicht zu entdecken, weder Schmuck, Papiere noch Hausschlüssel fehlten.
Doch auch sonst war wenig zu finden, das die Tat hätte erklären können - kein Abschiedsbrief, keine Tagebuchnotizen, kein Testament oder andere Aufzeichnungen, die das Rätsel lösen könnten: War es Resignation? Eifersucht? Kurzschluß? Depression oder eine Krankheit?
Spuren von allem zeigen sich im Leben wie im Sterben der beiden.
Gerade in den letzten Jahren hatten sich bei Kelly und Bastian die Rückschläge gehäuft. Mit der Wahlniederlage der Grünen 1990 hatten auch deren prominente Vorkämpfer, der General und die Idealistin, in der Heimat an politischer Wirkung verloren. Kelly kämpfte seither verzweifelt - und oft ohne den erhofften Erfolg - um finanzielle Unterstützung für ihren weltweiten Friedens- und Freiheitskampf.
Ihr Versuch, in diesem Jahr beim Privatsender SAT 1 als Moderatorin des Umweltmagazins "Fünf vor Zwölf" Fuß zu fassen, endete vor dem Arbeitsgericht. Im Juli und September versuchte sie ohne Erfolg, das Konzept der Umweltsendung an RTL und den SFB zu verkaufen. Bei Zeitungen ging Gert Bastian betteln, damit sie Äußerungen von Kelly druckten.
Immer wieder erlitt Petra Kelly Nervenzusammenbrüche und mußte in Kurkliniken wieder auf die Beine gebracht werden. Sie habe in jüngster Zeit gefährliche Phobien gehabt, erzählen Angehörige.
"Ich wußte", sagte Eva-Maria Quistorp, "daß es Petra oft nicht gutgeht." Doch die "unheimliche Verbitterung", die zeitweise zu spüren gewesen sei, so die Abgeordnete der Grünen im Europäischen Parlament, sei ebensooft von "Fröhlichkeit und neuem Pläneschmieden" abgelöst worden.
Bezeichnend für die Zerrissenheit waren die vielen Pläne, die kaum zu verwirklichen waren. Zwei amerikanische Universitäten - in Hawaii und Washington - hatten ihr Professuren angeboten. Sie lehnte erst ab, erzählte dann aber wieder, sie wolle nun doch annehmen.
Auch bei ihren bundespolitischen Aktivitäten war sie unsicher. So plante sie, 1994 für den Bundestag oder das Europaparlament zu kandidieren. Ein Freund: "Das hätte sie gar nicht durchgestanden."
Schwierig war immer Kellys Verhältnis zum Geld. Klagte sie an einem Tag über Geldnot - allein für ihre umfangreiche Post brauchte sie bis zu 2000 Mark Porto im Monat -, so sprach sie am nächsten Tag davon, daß sie finanziell gesichert sei. Ihr stehe als berufliche Rückfallposition die Brüsseler EG-Kommission offen, für die sie bereits von 1971 bis 1982 gearbeitet hatte. Dabei haßte sie die Arbeit in Brüssel.
Geldmangel, Zukunftsangst, politische Enttäuschungen - sie können den rätselhaften Tod allein nicht klären. Aus der Zusammenschau, dem Zusammenleben wie dem Zusammenprall der beiden Persönlichkeiten fügen sich Facetten zu einem Bild.
Ein Leben lang war Petra Karin Kelly, geboren als Lehmann, auf der Suche nach dem Vater. Der leibliche, Richard Siegfried Lehmann, trennt sich Anfang der fünfziger Jahre von Frau und Tochter; bei der Scheidung ist Petra sieben Jahre alt.
Die Mutter Marianne arbeitet ganztags auswärts; Petra wird von der Großmutter Kunigunde Birle erzogen. Die Biographin Monika Sperr:
Der Verlust des Vaters, der ein sanfter, zärtlicher Vater gewesen war, schmerzte das Mädchen tief - mehr vielleicht als andere Kinder, die ohne Vater aufwachsen müssen. Diese frühe Erfahrung hinterließ so nachhaltige Spuren, daß sie zu einer nicht überwundenen, tiefverwurzelten Prägung wurde. Petra idealisierte ihren Vater, beschloß in späteren Jahren aber zugleich, nie von einem Mann abhängig zu werden. Selbständig wollte und würde sie sein, autark in jeder Hinsicht.
Dieses Ziel hat sie nicht erreicht.
Vom zweiten Vater, dem US-Oberstleutnant John E. Kelly, nimmt Petra den Namen an, nicht aber eine Adoption: "Sie wollte Deutsche bleiben", behauptet die Biographin; tatsächlich war das kränkelnde, zierliche Mädchen damals elf Jahre jung.
Stiefvater Kelly nimmt die Kleine 1959 in die USA mit; kurz vorher war die Halbschwester Grace Patricia geboren, die von Petra zärtlich betreut wird. Im Alter von sieben Jahren stellen Ärzte bei der kleinen Schwester einen Augentumor fest, kämpfen gegen den Krebs mit Operationen und Strahlen, vergeblich. Die Schwester stirbt 1970 - an den Folgen der Bestrahlung, wie Petra meint. Damals denkt sie in ihrem Schmerz an Selbstmord.
In jener Zeit ist sie schon politische Akteurin. Sie studiert an der School of International Service der American University in Washington, organisiert Internationale Wochen und lernt dabei US-Demokraten wie Robert Kennedy und Hubert Humphrey kennen, der für die Schwester eine Messe lesen läßt.
Petra heimst Auszeichnungen, auch ein Forschungsstipendium der EG ein; ein Professor lobt ihre "höchste Empfindsamkeit, intellektuelle Reife, Mitleid, Wärme". Und die Biographin ergänzt: "Vermutlich ist sie im ganzen Universitätsbereich das einzige Mädchen ohne Liebesaffäre gewesen." Petra hatte keine Zeit für die Liebe, und "Sex um des Sexes willen interessierte sie nicht".
Erster Liebhaber - und dritter Vater - wird Sicco Mansholt, Präsident der EG-Kommission, Chef der jungen EG-Praktikantin Kelly und 39 Jahre älter. Die Affäre mit dem verheirateten Lebemann dauert knapp drei Jahre. Der alte Mann beendet in dieser Zeit seine Karriere; die junge Frau tritt ins öffentliche Leben, als Verwaltungsrätin im Wirtschafts- und Sozialausschuß der EG.
Dort lernt sie den 20 Jahre älteren Gewerkschaftsführer John Carroll kennen und lieben, Vater Nummer vier, verheiratet auch er. Sie wird schwanger, eine Scheidung kommt für den katholischen Iren nicht in Frage.
Petra will das Kind - und will es nicht. Sie nimmt seit Jahren keine Rücksicht auf ihre Gesundheit. Sie hat nur noch eine Niere, fürchtet den Krebstod, den sie bei ihrer Schwester erlebte; Kreislaufbeschwerden fällen sie manchmal auf offener Straße. Der Arzt stellt ihr eine medizinische Indikation aus: "Es war sehr schmerzhaft für mich", erinnert sie sich.
Nach der Abtreibung schenkt ihr Carroll einen riesigen Nelkenstrauß; dabei kann sie Nelken nicht ausstehen. Die Beziehung zerbricht Ende 1978.
Letzter Vater, letzter Gefährte wird Gert Bastian.
Dieser Bastian, damals 57, ein Vierteljahrhundert älter als Petra, hat eine Entwicklung durchgemacht, die manchen Dozenten der Bundeswehrschule für psychologische Verteidigung in Euskirchen als "geglücktes Umdrehen eines hohen Offiziers durch die psychologische Kriegsführung der sowjetischen Seite" erschien. Seit Oktober 1976 hatte Generalmajor Bastian die 12. Panzerdivision kommandiert. Im Januar 1980 ließ er seinen Verteidigungsminister wissen, daß er sich "entschieden gegen die Nachrüstung" wende.
Ein Sakrileg. Wie kein anderes Militärthema seit der Wiederbewaffnung hatte die Debatte um die Pershing-Raketen die Gemüter in Deutschland bewegt. Kaum ein Thema hatte so sehr die Bürger polarisiert und so viele Menschen auf die Straße getrieben. Und nun wechselte ein hoher Soldat, der im Zweiten Weltkrieg gegen die bolschewistische Sowjetunion gekämpft hatte, die Fronten und trat nach 24 Jahren Bundeswehr als Kronzeuge wider die Rüstungspolitik auf.
Er formuliert den Krefelder Appell, der schließlich ein Jahr später mehr als zwei Millionen Unterschriften tragen wird: Bastian gilt als von Moskau bezahlt, von der DDR gelenkt und von allen guten Geistern verlassen. Er engagiert sich bei den Grünen. 1984, 1986 und 1988 wird er wegen dreier Sitzblockaden zu Geldstrafen von insgesamt 36 900 Mark verurteilt.
Der konvertierte Militär und die geborene Idealistin werden unzertrennlich; doch die Balance zwischen den beiden verändert sich, wie sich die grüne Partei verändert. Hat der erfahrene General nach seinem Bruch mit der Bundeswehr in der hitzigen Nachrüstungsdebatte der parlamentarischen Anfangszeit hohe Bedeutung für die Grünen, so mindert sich sein politisches Gewicht in dem Maße, wie sein Ziel einer weltweiten Abrüstung näherrückt.
Kelly geht es nicht anders. Die Grünen sind mit ihrer bedeutenden Gründergestalt zuletzt immer weniger zurechtgekommen und Petra Kelly nie mit ihrer Partei, der "Anti-Parteien-Partei", die eine Welt ohne Waffen und den Frieden mit der Natur zum überragenden Epochenthema erklärte.
Kelly, Symbolfigur von Aufstieg und - zeitweiligem? - Niedergang ihrer Bewegung, beharrte auch noch auf den Regeln der Gründerzeit, auf außerparlamentarischen Aktivitäten, als ihre Partei in die Landtage einzog und sie selbst in den Bundestag. Die Grünen veränderten sich zur Partei; weil sie sich nicht wandelte, wurde sie ihren Freunden immer fremder. In Wahrheit stand der Name Kelly immer nur für die grünen Ideale, nicht für die grüne Partei.
Obwohl sie auf dem zweiten Parteikonvent 1980 zur ersten Sprecherin gewählt wurde, hatte sie nur geringen Einfluß auf die bald schon beginnenden Richtungskämpfe. Weder Fundamentalisten noch Realos konnten sie zu den Ihren rechnen.
Nach Kellys Verständnis sollten die Grünen Gedanken anstoßen, aber nicht teilhaben an der Macht. Dem pragmatischen Denken der herrschenden Politik in kleinen Schritten setzte sie den radikalen Idealismus entgegen, der allein das Entweder-Oder kennt. Immer eilig, immer gehetzt, argumentierte sie global und allemal persönlich betroffen. "Das Realitätsverständnis der grünen Realisten war nicht ihr Ding", meint ihr Freund Lukas Beckmann. Sie wollte die ganze Welt verändern, die Parteifreunde erschienen ihr provinziell.
Sie verstand es, in ihren Zuhörern das schlechte Gewissen zu wecken, wenn die sich nicht umgehend fürs Elend der Welt und der Ungerechtigkeit der Politik zuständig fühlten. Das Leid der Hilfsbedürftigen zu lindern betrachtete sie als Berufung. Beckmann: "Aber ihr fehlte der Filter, um die Not der Menschen von sich abzugrenzen."
In ihrem chaotisch überfüllten Büro sammelte sich ein Heerlager von Ratsuchenden und Helfern. Pausenlos arbeitete die Pamphlet-Maschine.
Sie kümmerte sich um die Aborigines in Australien und die Indianer in Amerika. Kontakte hatte sie zur Anti-Atom-Bewegung in Tasmanien und, alte Liebe, zur Transportarbeitergewerkschaft in Irland. In den USA war sie zunächst bekannter als Helmut Kohl. "Sie machte Weltpolitik ohne jede Logistik", so der Ex-Grüne Otto Schily.
Mit dem Dalai Lama kämpfte sie gegen die Unterdrückung in Tibet. Sie gehörte zu einer Minderheit der Grünen, die Bürgerrechtler in der DDR mit Büchern oder Fotokopierern versorgte. "Sie brachte uns die Welt ins Haus", schildert Bärbel Bohley die Lage der damaligen DDR-Dissidenten.
Doch als die Partei nach der Einheitswahl aus dem Parlament flog, wuchs die Bedeutungslosigkeit. Die beiden aber hatten keineswegs den Eindruck, die Weltgeschichte sei über sie hinweggegangen.
Die Linke wirkte seither zwar gelähmt und erholt sich langsam erst aus ihrer Sprachlosigkeit. Dem Paar aber ließ das Friedensthema auch nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums keine Ruhe. Ob die Menschenrechte im einstigen Jugoslawien sogar mit Gewalt geschützt werden dürften, diese Frage trieb die rigorosen Pazifisten wieder und wieder um.
Die Isolation, über die sie bisweilen klagten, hatten sie selbst verursacht oder gar gewählt. In ihrem Selbstverständnis, das egomanische Züge hatte, erhob sich Petra Kelly weit über die grünen Niederungen.
Der General hinterließ letzten Monat eine Spur, die nachträglich als Indiz für eine verdüsterte Weltsicht zu deuten ist. Die Bundesrepublik, schrieb Bastian, habe "die Maske aus Gewaltverzicht, Toleranz, Solidarität mit Schwächeren" abgelegt. Im neuen Deutschland zogen statt Friedensdemos plötzlich randalierende Rechtsradikale durch die Straßen: "Da ist sie wieder, die Fratze des häßlichen Deutschlands."
Mit ihren hohen Ansprüchen und ihrer rigorosen Moral strapazierte sie ihre Parteifreunde. Als Ausnahmeerscheinung forderte sie für sich und auch den Lebensgefährten selbst stets Ausnahmeregeln, Flüge 1. Klasse oder Verzicht auf das Gebot der Rotation. In Fraktionszeiten bildete sich eine Interessengemeinschaft der Kelly-Geschädigten.
Zuweilen wirkte Bastian in der Öffentlichkeit wie ein Lakai, als Kofferträger seiner Gefährtin. Der Generationsunterschied fällt auf. Sie bleibt rastlos, er wirkt müde. Seine politischen Erklärungen erreichen allenfalls die Leserbriefspalten des SPIEGEL (40/1992, Seite 10). Sie sucht immer wieder neue Themen - Tibet, Tschernobyl, Krebskinder - und wird, da ohne Parlamentsmandat, doch nicht gehört. Die Süddeutsche Zeitung druckt ein Interview mit sieben Monaten Verspätung, nach der Todesnachricht.
Bastian mag Gemunkel gespürt haben, daß in Petras Leben zuweilen andere, jüngere Männer auftauchen - und wieder verschwinden, Spuren ihres immer kompromißlosen Einsatzes für wechselnde, aber jeweils wichtige Themen.
Wichtigtuer sehen etwa in der Beziehung zu einem Arzt aus dem Sauerland das Motiv für einen Eifersuchtsmord. Dabei war die Affäre längst vorbei, geklärt, verjährt.
Der Mediziner, ein Tibeter, kannte die beiden seit dem Tibet-Hearing im Bundestag im April 1989. Die Beziehung zu Petra, sagt der 39jährige, sei bis Mitte vergangenen Jahres "sehr eng" gewesen, zu Bastian "sehr gut". Aber: "Ich habe Bastian als einen Mann von Größe kennengelernt, der über derlei Dinge erhaben ist."
Aktionismus - oder Idealismus - treibt das Paar weiter, etwa Mitte September zu einer Uran-Anhörung in Salzburg, am 18./19. September zur BMW-Medientagung nach München und Ende September zum Strahlenopfer-Kongreß nach Berlin. Aber die Politik vollzog sich ohne die beiden; sie wurden nicht mehr wahrgenommen. Zwei Zeugen, die das Paar am 8. Oktober in Berlin gesehen haben wollten, irrten, unabhängig voneinander.
Letzter Eintrag im Register des Hotels Kempinski für die Nacht vom 29. auf den 30. September.
Von Berlin fuhren Petra Kelly und Gert Bastian am Nachmittag des 30. September mit dem Zug zurück nach Bonn. Vor der Abfahrt hatte Bastian sich für 110 Mark eine Bahncard für Senioren (Gültigkeit ein Jahr) gekauft.
Vor Mitternacht waren sie wieder in ihrem Reihenhaus und begannen, die kargen und rätselhaften Spuren zu hinterlassen, die Kriminalbeamte 19 Tage später fanden. Sie haben nichts verzehrt von den Vorräten im vollgepackten Kühlschrank, kein Geschirr benutzt, nicht einmal einen Kaffee gekocht. Petra Kelly und Bastian haben sich, den Spuren zufolge, ohne viel Verzug zum Schlafen niedergelegt.
Aber nicht für lange. Sehr früh am Morgen des 1. Oktober setzt sich Bastian in Hemd und Hose an seine elektrische Schreibmaschine im unteren Wohnzimmer und beginnt, Briefe zu schreiben. Nichts Ungewöhnliches an sich. Der alte Soldat war Frühaufsteher.
Nicht ungewöhnlich auch die Adressatin des ersten Briefs mit dem Hinweis auf die frühe Stunde. Er ist an seine Frau Charlotte in München gerichtet, die er als verwundeter 22jähriger Leutnant im Frühjahr 1945 in Starnberg geheiratet hatte. Im vertrauten Plauderton schickt er ihr noch einen Gruß, ehe sie in die Ferien fährt, und berichtet ihr mit Genugtuung, daß die Zeit seinen Diskussionsbeitrag zum Thema Rechtsradikalismus gedruckt habe. Im SPIEGEL war's der Leserbrief.
Keine gravierenden Mitteilungen, keine besonderen Sorgen - bloß eines jener Schreiben, mit denen er Kontakt hält zu seiner lebensklugen Ehefrau und seinem früheren Leben, ganz offenbar mit dem Einverständnis Petra Kellys. Die Polizei findet das Schreiben im zugeklebten Umschlag, unfrankiert. Dazu einen zweiten Brief, der unvollendet noch in der Maschine steckt und in einem unerheblichen Rechtshandel (Bastian behielt gern recht) an seinen Anwalt in München adressiert ist.
Der Schreiber dieser alltäglichen Zeilen hat nicht nur mitten im Satz, er hat mitten im Wort aufgehört: "müs . . ." Die Maschine ist noch angestellt, als die Polizei endlich kommt.
Ein Mann, der fingerfertig Maschine schreibt, wird so jäh unterbrochen (oder er unterbricht sich so jäh), daß er statt "müssen" nur noch "müs" zu Papier bringt, nimmt seine Pistole und erschießt erst die Geliebte. Dann geht er, obwohl er ein Jahrzehnt lang Petras Nähe suchte, in den Flur und tötet sich selbst.
Ordinäre Eifersucht war nicht das, was den gewandelten Soldaten und die zerbrechlich-zähe Missionarin in ihrer trotzigen Amour fou bedrohte. Das Problem war, daß Petra Kelly gar nicht mehr ohne Gert Bastian leben konnte, auch wenn sie es gewollt hätte (und nichts lag ihr ferner).
Als sie sich 1980 verbündeten, war Petra Kelly noch halb Schutzengel, halb Blindenhund für den General, der die fallenreichen Pfade alternativer Politik betrat und mit befehlsgewohnter Stimme zum Frieden ohne Waffen rief. Zufrieden mit dem Zögling lobte sie: "Er hat sich in Kreise hineingefunden, auf die er durch sein Soldatenleben überhaupt nicht vorbereitet war."
Zwölf Jahre später hing eine zutiefst erschöpfte, zunehmend neurotische Petra Kelly in beklemmender Symbiose an dem gealterten General. Nie mehr durfte er sie allein lassen mit ihren wachsenden Ängsten. Er führte den Haushalt und umsorgte sie mit oft unfaßlicher Geduld - wie ein King Lear seine Lieblingstochter Cordelia.
Schließlich war sie nicht mehr fähig, allein das Haus zu verlassen, auch nur um Brötchen zu holen, geschweige denn ein Taxi zu rufen und allein zu verreisen. Gut dotierte Vorträge in den USA hat sie in diesem Frühjahr abgesagt, weil Gert Bastian mit verletztem Bein im Krankenhaus lag und eine andere Begleitperson für sie nicht in Frage kam. Statt dessen zog sie zu Bastian in die Klinik.
Die beiden haben anscheinend nie direkt an einen gemeinsamen, bewußten Selbstmord gedacht. Aber sie haben angesichts ihres Altersunterschieds und ihrer überlasteten Kräfte auch vor Freunden oft vom Tod gesprochen. Jedenfalls Petra hat davon geredet und geschrieben, was geschähe, wenn Gert stürbe. Die Botschaft, oft wiederholt, war unzweideutig: "Wenn Gert nicht mehr ist, will ich auch nicht mehr sein."
Das klang, bei ihrer symbiotisch-kindlichen Abhängigkeit, nur zu glaubwürdig, gerade für Bastian. Bei ihm mag der Gedanke gewachsen sein: "Wenn ich sie verlasse" - durch Tod oder eigenen Entschluß -, "bring' ich sie um." Daß der General sich tatsächlich in ein solches absolutes Verantwortungsgefühl für Petra Kelly hineingesteigert hat, wird von Menschen bestätigt, die ihn und seine Schutzbefohlene in den letzten Jahren näher kannten.
Aber wie konnte eine solche Liebespassion, die auch ein Shakespeare nicht erklären könnte, zum Todesschuß in die Schläfe der Schlafenden führen? Welcher Wahnanfall kam über den Mann an der Schreibmaschine? Der Toten Nahestehende halten es für möglich, daß die Schreckenstat von einem Unglück verursacht worden ist, das sich ohne Vorwarnung im Hirn oder Herzen des Mannes ereignet hat.
Das Drama mag an den gemeinsamen Selbstmord des Dichters Heinrich von Kleist und seiner Henriette Vogel am Wannsee oder an andere Melodramen erinnern. Alles nur Annäherungen, auch Entfernung von der Wirklichkeit, hilflose Versuche des Begreifens.
Die Tragödie folgt spezifischen Gesetzmäßigkeiten, meint der Berliner Gerichtspsychiater Wilfried Rasch, 67, der eine inzwischen als Klassiker geltende Analyse über die "Tötung des Intimpartners" schrieb.
Ob Petra Kelly ihren Tod durch die Hand des Generals wünschte wie die literarische "O" in letzter Unterwürfigkeit unter ihren Meister, oder ob sie gegen ihren Willen im Schlaf erschossen wurde - bei Bastian scheidet nach Raschs Ansicht Heimtücke, das Charakteristikum für Mord, aus.
Erst recht führt bei Verbrechen zwischen Liebenden in der Regel nicht der Haß, sondern die übergroße Nähe zur fatalen Verstrickung. Entsprechend zeigen sich in der Realität fließende Grenzen zwischen dem gemeinschaftlichen Selbstmord und dem um den geliebten Partner "erweiterten" Selbstmord.
Während die Täter wie Bewußtlose, ohne vernünftige Einsicht, sich selbst fremd agieren, folgen sie aus der Sicht des Psychiaters Rasch einer Regieanweisung, die sich aus der gesamten Vorgeschichte ergibt. Im letzten Moment passe plötzlich auf unvorhersehbare Weise alles zusammen.
So paßte zu dem Mann Bastian, der die längste Zeit seines Berufslebens Soldat war, die Waffe, mit der er tötete. Was er am meisten verabscheute, war "jede Art von Brutalität", und doch besaß er in seiner Waffensammlung die kleine Pistole, die jene andere Seite des Kämpfers für Abrüstung und Frieden symbolisierte. Sie war das Ding, durch das sich so sterben ließ, wie er es sich schon mitten im Leben gewünscht hatte: "Schnell und schmerzlos".
Am Ende ihrer und seiner Existenz stand, was Bastian zu Lebzeiten als seinen größten Fehler erkannt hatte: "die Überforderung der Toleranz anderer".
Ende dieser Woche rüstet sich die Republik, kurz nach dem Staatsakt für Willy Brandt, ein zweites Mal für eine Totenfeier. In der Bonner Beethovenhalle wird ein Kapitel zugeklappt. Lew Kopelew, der russische Dissident, die einstige DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley und der Zukunftsforscher Robert Jungk, der mit den beiden gemeinsam Blockaden vor Atomdepots anführte, werden die Totenreden halten. Für die Woodstock-Generation singt Joan Baez - Abschied von einer Epoche.
Eine Woche später wird ein letzter Text von Petra Kelly erscheinen, den sie Anfang September für das Buch "Frauenleben, Frauenpolitik" über "Frauen und EG" abgeliefert hatte*.
Zum Schluß des Beitrags äußerte sie drei Wünsche:
Ich wünsche mir eine kinder- und frauenfreundliche zivile Gesellschaft, wo die Menschen einander zutiefst respektieren und solidarisch zueinander sind.
Ich wünsche mir die Verwirklichung des von mir initiierten Modells für krebskranke Kinder "Der Kinderplanet".
Ich wünsche mir ein langes, fruchtbares, schöpferisches Zusammenleben und Wirken mit meinem Lebens- und Seelengefährten Gert Bastian.
[Grafiktext]
__26_ Die Grünen: Von der Bewegung - zur Partei - Spaltung durch
_____ Mitregieren
__27_ Die Grünen: Von der Bewegung - zur Partei - Spaltung durch
_____ Mitregieren
[GrafiktextEnde]
* Gabriele Presber: "Frauenleben, Frauenpolitik". Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, Tübingen; 169 Seiten; 25 Mark.

DER SPIEGEL 44/1992
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