19.04.1993

AffärenProfessors Unrat

Hat Skandalminister Günther Krause auf seinem Baugrundstück einen Schwarzarbeiter beschäftigt?
Wenn es um illegale Beschäftigung von Arbeitskräften geht, versteht der sonst so launige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm keinen Spaß. Dieses Vergehen, mahnt der Christdemokrat, sei "kein Kavaliersdelikt, sondern kriminell".
In großformatigen Anzeigen warnt Blüms Ministerium neuerdings vor den Folgen solchen Fehlverhaltens: Verantwortungslose Arbeitgeber würden "unnachsichtig" bestraft, denn sie "vernichten Arbeitsplätze und verhindern die Schaffung von neuen".
Jetzt muß sich der Arbeitsminister fragen lassen, ob so ein Missetäter, ausgerechnet, gemeinsam mit ihm am Bonner Kabinettstisch sitzt.
In bösen Verdacht geraten ist, wieder mal, Bundesverkehrsminister Günther Krause, 39, der wegen zahlreicher Affären, etwa um seine vom Arbeitsamt finanzierte Putzfrau oder um vergessene Rechnungen für Staatsflüge seines Sohnes, politisch angeschlagen ist. Seit Ende vergangener Woche muß sich der Skandalminister nun auch noch des Vorwurfs erwehren, einen Nachbarn in seinem mecklenburgischen Heimatdorf Börgerende illegal beschäftigt zu haben.
"Schwarzarbeit bei Krause?" fragte Bild am vergangenen Freitag forsch auf der Titelseite der Ostausgabe. Das Boulevardblatt berichtete, ein arbeitsloser Hausmeister sei zwei Wochen lang auf einer "Krause-Baustelle beschäftigt" gewesen.
Gemeint ist das Grundstück an der Börgerender Seestraße 73, das durch Krauses Verwicklungen in zwielichtige Geschäfte in den letzten Wochen zu einer der prominentesten Adressen der Republik avanciert war (SPIEGEL 13, 14/1993). Bevor dort der erste Spatenstich für Krauses neues Reetdachhaus gemacht werden konnte, mußte der Garten umgepflügt, ein Schuppen abgerissen und das Grundstück des Professors von Unrat befreit werden.
Auf Bitten von Krause-Gattin Heidrun, 37, habe er, so bestätigte der Ex-Hausmeister Gerhard Hesse dem SPIEGEL, im letzten Frühjahr auf dem Krause-Areal "Aufräumungsarbeiten gemacht". Zwei Wochen lang, "sechs Stunden am Tag", habe er da "rumgemacht" und "drei bis vier Container Schutt" gefüllt. Hinterher habe ihm Heidrun Krause "was in die Tasche gesteckt", damit er sich "mal ein Bier kauft".
Über die genaue Höhe des angeblichen Trinkgeldes wollte sich Hesse letzte Woche partout nicht äußern - gut für Krause. Denn jede Summe könnte den Minister in die Zwickmühle bringen.
Würde Hesse bezeugen, für die tagelange Schufterei nur mit ein paar müden Mark abgefunden worden zu sein, stünden die Krauses als geiziges Großverdiener-Ehepaar da, das sich zwar ein schniekes Landhaus und einen 34 000-Mark-Geländewagen für Sohn Christian, 17, leistet, zugleich aber die Hilfsbereitschaft eines armen Nachbarn ausbeutet.
Würde Hesse hingegen einräumen, halbwegs angemessen entlohnt worden zu sein, wären die Krauses erst recht in der Klemme: Sie wären dringend verdächtig, entgegen ihrer bisherigen Darstellung den Hausmeister zur Schwarzarbeit angestiftet zu haben.
Ob (juristisch zulässige) Nachbarschaftshilfe, ob (illegale) Schwarzarbeit - der Fall Hesse ist symptomatisch für die Grauzone, in der Arbeitsamtsfahnder operieren müssen. Laut Bundesarbeitsministerium ist die Behauptung, es habe sich nur um Nachbarschaftshilfe gehandelt, das klassische "Schlupfloch für Schwarzarbeit", um drohenden Bußgeldzahlungen (bis zu 50 000 Mark) zu entgehen.
Was auch immer sich letztlich herausstellt - in jedem Fall bleibt ein politischer Hautgout an den Krauses hängen. Daß die wohlhabende Familie nicht eine der um Aufträge verlegenen Ostfirmen mit den Aufräum- und Abrißarbeiten betraut hat, macht den Minister nicht eben glaubwürdig als Förderer des Aufschwungs Ost.
Krause selber erklärte letzte Woche, Hesse habe "selbstverständliche Nachbarschaftshilfe" geleistet. Seine Mitarbeit, bestritt der Minister die Darstellung des Hausmeisters, sei nur "sporadisch und keineswegs über einen Zeitraum von zwei Wochen erfolgt".
Im übrigen habe er, so Krause, mit Hesse "keine Entgeltvereinbarung" getroffen. Doch läßt der Hinweis auf die fehlende Vereinbarung die Frage nach dem Entgelt selber offen. Und die Erklärung des Ministers, mit Sicherheit habe es "keinen steuerpflichtigen Tatbestand gegeben", teilen Steuerexperten so nicht.
Grundsätzlich handele es sich bei jeder Tätigkeit gegen Entgelt, und sei der Lohn auch noch so gering, um einen "steuerpflichtigen Vorgang", urteilt etwa ein Hamburger Steuerprüfer: Der Fall hätte, "wenn es korrekt gelaufen wäre, eigentlich gemeldet werden müssen". Wenn das unterblieben sei, handele es sich um einen "klassischen Fall von Schwarzarbeit". Es sei schließlich Sache der Finanzbehörden, zu prüfen, "ob dabei wirklich etwas herauskommt", sagt der Experte.
Das Ergebnis bleibt abzuwarten. "Das zuständige Finanzamt in Rostock", erklärte ein hoher Beamter Ende letzter Woche, "guckt sich die Akten von Krause und Hesse noch sehr genau an."
Sollte das Amt im Fall Krause fündig werden, könnte sich bewahrheiten, was die Bonner Anzeigenkampagne illegalen Arbeitgebern androht: "Sie werden wünschen, Sie hätten es nie getan."

DER SPIEGEL 16/1993
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