26.10.1992

„Sonst kommst du nach Auschwitz“

Stella - eine Jüdin auf Judenjagd für die Gestapo im Berliner Untergrund (II)
Drei Jahre waren vergangen, seit Günther Rogoff Stella zuletzt in der Kunstschule von Feige und Strassburger gesehen hatte. Sie war dünner geworden und etwas weniger modisch gekleidet, als er ihr auf einer der belebten Straßen begegnete, die viele der untergetauchten Juden als sicheres Versteck betrachteten. Rogoff war entzückt, die Frau wiederzusehen, an die er sich schon auf der Kunstschule herangemacht hatte, wenn auch damals ohne Erfolg.
"Was machst du so?" fragte er, ohne seine Freude zu verbergen. "Ich lebe im Untergrund", sagte Stella. "Und du?" - "Ich auch", sagte Rogoff, und dann, ohne Luft zu holen: "Ich fälsche Papiere für die Leute. Vielleicht kann ich dir auch helfen?" Dies war eine fast schon selbstmörderische Mitteilung, doch Rogoff war ein Mann, der das Spiel mit der Gefahr liebte.
Stella tat, als würde man ihr unentwegt gefälschte Papiere auf der Straße anbieten, und bemerkte ganz nebenbei, ja, vielleicht könne sie doch Günthers Hilfe gebrauchen. Rogoffs Gedanken waren schon weit voraus. "Jetzt mach'' ich was, das ich sonst nie mache", sagte er. "Ich zeige dir mein Zimmer." Dieses Angebot war tollkühn, aber Rogoff war offenbar benebelt von der Aussicht, endlich mit Stella im Bett zu landen.
Zusammen bestiegen sie die Linie 76 zur Kantstraße, wo Rogoff unter falschem Namen ein möbliertes Zimmer bewohnte. "Hast du keine Angst vor deinem eigenen Leichtsinn, wenn du mich mit zu dir nimmst?" erkundigte sich Stella, als die Bahn losfuhr. Jetzt erst kam Rogoff zur Besinnung. "Doch", sagte er verlegen, und sie stiegen an der nächsten Haltestelle wieder aus.
"Ein Wunder", erinnert er sich fast 50 Jahre später, "und absolut untypisch für mich. Ich wollte sie kaufen, aber zu mir war sie immer fair."
Diese Begegnung löste eine Kette von Ereignissen aus, die Stella schließlich in den Dienst der Gestapo führte. Denn die Nazis hielten Rogoff für einen gefährlichen Verbrecher.
Von klein an hatte Rogoff, der gut zeichnen konnte, davon geträumt, Künstler zu werden. Es kam anders, seine Familie teilte das tragische Schicksal, das für viele deutsche Juden typisch war. Rogoffs Vater, ein Chemiker, hatte sich erst 1937 um Auswanderungspapiere bemüht. Den amerikanischen Behörden reichte die vorgelegte Versorgungsgarantie nicht aus. Viel Zeit war verloren. Zusatzgarantien mußten nachgeliefert werden - zu spät.
Obwohl Rogoff einen guten Job als Grafiker gefunden hatte, wollte sein Vater ihn aus dem Land haben, wenn auch der Rest der Familie bleiben mußte. 1000 Mark kostete es, den Jungen nach Belgien zu schmuggeln. Der Versuch mißlang: Günther wurde an der Grenze geschnappt und nach Berlin zurückgeschickt. Als nächstes versuchte die Familie den illegalen Ausweg nach Palästina, doch da griffen die Nazis schon zu und zwangen Rogoff zur Arbeit in einer Rüstungsfabrik.
Das sollte nicht lange seine einzige Beschäftigung bleiben. Seit sich der Naziterror gegen die Berliner Juden verschärfte, hatte im Untergrund ein schwunghafter Handel mit "verbesserten" und gefälschten Ausweisen begonnen. Papiere konnten Leben retten, und Dutzende von Juden und ihren Helfern arbeiteten in diesem neuen Handwerk. Manche verlangten wenig für ihre Kunst, manche gar nichts, und wieder andere machten ein Vermögen.
Rogoff zögerte zunächst, als man sich zum ersten Mal wegen eines Passes an ihn wandte. Die Bitte kam von einer jungen jüdischen Bekannten, die in einer Widerstandsgruppe arbeitete. Der Mann, der die Papiere brauchte, war in Gefahr, verhaftet zu werden.
"Ich versuch''s", sagte Rogoff. Er erhielt einen der echten Pässe, die Sympathisanten besorgt hatten, zumeist treue Anhänger der protestantischen Kirche, die bei der Polizei angaben, ihre Papiere "verloren" zu haben. Rogoff hatte nur noch das alte Foto mit dem des potentiellen Flüchtlings zu vertauschen und auf dem neuen Foto die Stempelmarkierung zu ergänzen.
Das war der Beginn einer hektischen Karriere. Von September 1942 bis zum 3. Oktober 1943 fälschte Rogoff rund 200 Dokumente: Pässe, Lebensmittelkarten, Kennkarten, Postausweiskarten und Bombenscheine, die bestätigten, daß ihre Inhaber sämtliche Unterlagen bei einem Bombenangriff verloren hatten, schließlich sogar Wehrpässe.
Das Geschäft lief blendend. Rogoff kaufte sich ein 3000 Mark teures Segelboot, das an einem Anleger unweit der Pichelsdorfer Brücke festgemacht war, und hier vergnügte er sich mit seinen Freundinnen. Niemand wunderte sich über den Skipper, der offenbar das beste Überlebensrezept gefunden hatte: nämlich selbstsicher, ja arrogant in der Öffentlichkeit aufzutreten. Menschen, die das durchhalten konnten - meistens sehr junge Männer -, fanden diese zwielichtige Existenz nicht unattraktiv. Alle Tage Räuber und Gendarm.
Während andere jüdische "U-Boote" die Nächte im Park durchfroren oder riskierten, bei endlosen U-Bahnfahrten verhaftet zu werden, quartierte sich Rogoff nacheinander in einer Reihe bequemer, möblierter Zimmer in feinen Gegenden ein. Er fand diese Quartiere durch das städtische Wohnungsamt und stieß nach fünf oder sechs Anfragen unweigerlich auf eine Vermieterin, der er gefiel, die seine Tarngeschichte schluckte, daß er ohnehin bald zur Wehrmacht müsse, und die ihn vorübergehend bei sich wohnen ließ, ohne die langen polizeilichen Meldeformulare vollzukritzeln.
Günthers Fälscherei lief ohne Stocken, denn sowohl die Nachfrage hielt an wie auch der Nachschub an Papieren. Wie versprochen, beschaffte er auch Stella einen Ausweis und übergab ihn ihr bei einer Verabredung auf der Straße. Er nahm kein Geld dafür und verschwand spurlos.
Rogoff überlebte Hitler dank seiner Chuzpe und seines guten Riechers, der ihn bis zu Stellas Verhaftung im Sommer 1943 schützte. Erst jetzt erschien sein Name unter "Meistgesucht" auf einem Steckbrief der Berliner Polizei, und Rogoff merkte, daß es Zeit war zu verschwinden.
Als Fluchtweg hatte er sich das Städtchen Stein am Rhein ausgesucht. In Hitlerjungen-Kluft wirkte er mit seinem Rucksack wie auf einer Ferienreise. Er war mit dem Fahrrad unterwegs und übernachtete in gemütlichen Gasthöfen, versehen mit den besten Papieren, die er hatte machen können.
Innerlich bebend betete er ein Schema Jisrael, als er in der Ferne die Schweizer Flagge erblickte. Die Grenze zog sich an einem kleinen Fluß entlang. Rogoff versteckte sein Rad im Gebüsch und watete hinein. Auf der Schweizer Seite angelangt, küßte Rogoff, der Fälscher mit Flair, den Boden.
Die Schlange vor dem Feinkostladen am Olivaer Platz bewegte sich so langsam vorwärts, daß die Wartenden Gelegenheit hatten, miteinander zu reden. Und so kam es im Frühjahr 1943 zu der schicksalhaften Begegnung zwischen Stella Goldschlag und Rolf Isaaksohn.
Sie gehörten beide zu der tödlich gefährdeten Spezies der "U-Boote", der in die Illegalität abgetauchten Berliner Juden.
Rolf war 22, dunkelhaarig, gutaussehend, schlank und stets makellos gekleidet. Doch er hatte mehr zu bieten als ein gepflegtes Äußeres. Er hatte Geld, war gewitzt, ein idealer Beschützer. "Er besaß eine außerordentliche Präsenz", erinnert sich seine damals zehnjährige Cousine Dorothea, die einen großen Teil ihrer Zeit mit ihm und Stella zusammen verbracht hatte. "Sein Auftreten war so selbstbewußt. Er war ein vollendeter Schauspieler, der in jede Rolle schlüpfen konnte." Ähnlich wie Stella.
Rolf verdiente mit diesem Talent sogar etwas Geld als Komparse an der Staatsoper Unter den Linden. Für das Überleben im Untergrund war Rolf Isaaksohn der perfekte Partner. Seine Anpassungsfähigkeit, sein angenehmes Auftreten und seine guten Manieren täuschten die meisten Menschen. Er hatte keine Moral. "Rolf geht über Leichen, wenn es sein muß", sagte seine eigene Mutter über ihn.
Rolf Isaaksohn, der sich von Jagow nannte, hatte sich beträchtliche Fertigkeiten als Fälscher angeeignet, die ihm ein gutes Einkommen sicherten. Genau wie Günther Rogoff, der so unvermittelt aus Stellas Gesichtsfeld verschwunden war.
Das schöne Paar zog sehr bald zusammen. Sie wohnten in der Lietzenburger Straße bei einem jüdischen Mann, der durch seine christliche Ehefrau vorläufig vor Verfolgung geschützt war. Insgesamt lebten in dessen Dreizimmerwohnung zehn Personen. Da die Nachbarn nicht erfahren durften, daß sich nebenan so viele Menschen versteckten, mußten die Untergetauchten geräuschlos leben.
Nicht mehr als drei von ihnen durften sich gleichzeitig in der Wohnung bewegen, nicht einmal barfuß. Deshalb war das Bett ein bequemer Zufluchtsort. Stella und Rolf verkrochen sich unter der Decke, während einige der anderen herumschlichen und sich flüsternd unterhielten.
Langeweile und Rolfs Arbeit als Fälscher trieben das Paar und die kleine Dorothea immer wieder auf die Straße. Stammlokal des Trios wurde das Cafe Bollenmüller in der Mittelstraße, ein Treffpunkt von Musikern, Film- und Zeitungsleuten. Die drei vertrauten darauf, daß sie hier nicht von Gestapo-Leuten überrascht werden würden.
Um die Mittagszeit des 2. Juli 1943 saß Stella im Bollenmüller und wartete auf Rolf und Dorothea, als Inge Lustig, eine jüdische Bekannte Stellas, plötzlich ins Lokal kam, Stella nervös zuwinkte und wieder verschwand. Gleich darauf drängten sich Gestapo-Leute in das Cafe. Stella versuchte zu flüchten, doch einer der Männer packte sie, schlug ihr ins Gesicht und führte sie ab.
Inge Lustig gehörte zum neuen Menschenschlag der Greifer: Juden, die für die Gestapo auf Judenjagd gingen. Greifer zu sein war für sie mit verlockenden Privilegien verbunden. Sie lebten fast wie normale Bürger, man sperrte sie nicht in Lager ein. Sie brauchten keinen Judenstern zu tragen. Sie wurden anständig bezahlt und verköstigt. Sie trugen Pistolen und besaßen Gestapo-Ausweise zur Bestätigung ihrer Befugnisse. Ihre Namen verschwanden von den Deportationslisten.
Manche erhielten sogar Prämien: Für jeden Fang wurde ein Verwandter von den Listen gestrichen, zudem gab es 200 Mark Belohnung pro Kopf. Und: Alle Greifer blieben am Leben, zumindest eine Zeitlang. Später ließ man sie als lästige Zeugen verschwinden. Die meisten von ihnen wurden in den Vernichtungslagern vergast.
Als Rolf und Dorothea nach Stellas Verhaftung wie verabredet im Cafe Bollenmüller auftauchten, flüsterte ihnen eine Kellnerin zu: "Die Gestapo war hier und hat Stella mitgenommen." Die beiden waren fassungslos und verließen das Lokal so langsam und unauffällig wie möglich.
Rolf wurde im Oktober geschnappt und zeigte sehr bald, wie erschreckend richtig seine Mutter ihn eingeschätzt hatte: Das erste Opfer war sein eigener Onkel, am 19. November erschien Rolf mit der Gestapo vor dessen Wohnungstür. "Er hat meinen Vater getötet, um der Gestapo zu beweisen, wie gut er zum Greifer taugte", sagt Dorothea heute.
Auf dem Berliner Stadtplan der Kriegszeit gab es ein paar Adressen, deren bloße Erwähnung bei jedem Juden Panik auslöste: Es waren die Sammellager, in denen Juden zusammengetrieben wurden, um meistens schon nach wenigen Tagen deportiert zu werden. Außer der Synagoge in der Levetzowstraße waren es das Jüdische Altersheim in der Großen Hamburger Straße 26 und kurze Zeit später auch das Jüdische Krankenhaus in der Schulstraße 79. Beide sollten für Stella Wohnsitz und Arbeitsplatz werden.
Am unheimlichsten in dieser Topographie des Schreckens waren die Gestapo-Büros in der Burgstraße. Wann immer ein Mitarbeiter der jüdischen Gemeinde hierher vorgeladen wurde, legte er Ringe und andere Wertsachen zu Hause ab, denn er wußte nie, ob er je zurückkehren würde.
Eben hierher wurde Stella nach ihrer Festnahme gebracht. Die meiste Zeit verbrachte sie in Einzelhaft, in einer fensterlosen, kahlen Zelle, in der sie weder sitzen noch liegen konnte, weil der Fußboden unter Wasser gesetzt wurde. Zu jeder beliebigen Tages- oder Nachtzeit wurde sie zu Verhören geholt. Und immer wieder ging es dabei um denselben Punkt: Stella sollte der Gestapo sagen, wo sich Günther Rogoff aufhielt.
Nach ihrer Festnahme hatte die Gestapo nämlich schnell herausgefunden, daß Stellas Papiere aus der Werkstatt Rogoffs stammten. Rogoff stand auf der Fahndungsliste, seit er seine Brieftasche in der Straßenbahn verloren hatte, sein Bild, seine Handschrift waren bekannt, und nun glaubten die Gestapo-Männer, den Aufenthaltsort dieses meistgesuchten Fälschers aus der schlanken Blondine herausprügeln zu können.
Sie erklärte, sie habe nie erfahren, wo er wohne. Die Gestapo glaubte ihr natürlich kein Wort. Diese "Vernehmungen" fanden immer in den Kellern statt, in denen der Lärm einer Wasserpumpe die Schreie übertönte.
Jahre später, bei ihrem zweiten Strafverfahren nach dem Krieg, schilderte Stella den Staatsanwälten, wie sie in der Burgstraße behandelt worden war: "Mir wurde ein doppelter Steißbeinbruch getreten, eine Rückgratkrümmung geschlagen; ich blutete aus Mund, Ohren und Nase, konnte acht Tage weder essen noch meine Lippen bewegen; man wollte mich erwürgen, dreimal legte man mir die entsicherte Pistole an die Schläfe. Völlig zerschlagen und vernichtet blieb ich liegen. Dann trat man mit Schaftstiefeln nach mir - ich gab mein Leben auf."
Ihre ganze Jugend hindurch hatte Stella sich unverwundbar gefühlt. Ihre Schönheit hatte sie mit Macht über Männer ausgestattet. Nun erlebte sie die totale Wehrlosigkeit. Die Männer der Gestapo interessierten sich ausschließlich für Rogoffs Aufenthaltsort. Nach kurzer Zeit war Stella nur noch ein blutendes Häufchen Elend. Ihre Identität, ihre Selbstachtung waren zertrümmert.
Irgendwann wurden die Vernehmungsbeamten der fruchtlosen Prügelei überdrüssig und brachten Stella in das Frauen-"Gefängnis" auf einem Fabrikgelände in der Bessemerstraße in der Nähe des Flughafens Tempelhof.
Dieses Gefängnis bestand aus einem Gewirr von schmutzigen, heruntergekommenen Baracken. Stella blieb nicht lange. An einem heißen Sonnabend meldete sie ihren Bewachern, sie habe Zahnschmerzen. Obwohl diese Schmerzen eine Folge ihrer Mißhandlungen waren, wurden sie ernst genommen. Wenn aus einer Gefangenen Informationen herausgeholt werden sollten, entsprach es der Hausordnung, sie halbtot zu prügeln. Hatte sie aber Zahnschmerzen, mußte sie zum Zahnarzt geschickt werden, selbst an einem Wochenende.
Man brachte Stella zum Polizei-Zahnarzt in der Scharnhorststraße. Die Praxis wurde so nachlässig bewacht, daß sie aus dem Wartezimmer flüchten konnte. Ihre erste Sorge galt den Eltern. Von Freunden erfuhr sie, daß sie sich in Weißensee versteckt hielten. Stella kannte die Wohnung. "Als ich das Zimmer betrat, sahen sie mich an, als wäre ich ein Geist", schrieb sie später.
Für die "arischen" Gastgeber in Weißensee war es jedoch zu gefährlich, drei im Untergrund lebende Juden bei sich aufzunehmen. Stella und ihre Eltern entschlossen sich daher, in eine Pension an der Kaiserallee umzuziehen. Ein anderer Untergetauchter hatte ihnen erzählt, die Pension sei sicher. Aber dem war nicht so.
Nachdem Stella weniger als zwölf Stunden in Freiheit gewesen war, standen zwei Gestapo-Männer vor der Tür. Die Eltern wurden in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße gebracht. Stella wurde, wieder unter Schlägen, nach Rogoffs Aufenthaltsort gefragt und kam in die Bessemerstraße zurück.
Da sie als mögliche Informationsquelle galt, hatte man sie noch nicht für den Abtransport nach Osten vorgesehen. Sie blieb in der Bessemerstraße bis zum 23. August 1943, dem Tag, an dem die "Schlacht über Berlin" begann, wie es in der Schlagzeile der New York Times hieß.
625 Bomber der Engländer warfen in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1765 Tonnen Spreng- und Brandbomben auf die Hauptstadt des Dritten Reiches. Die Gefängnisbaracken in der Bessemerstraße gehörten zu den Hunderten von Gebäuden, die völlig dem Erdboden gleichgemacht wurden. Doch Stella schaffte es, das Chaos nach dem Angriff zur Flucht zu nutzen.
"Ich hatte eine Phosphorvergiftung und Prellungen am ganzen Körper, meine Beine waren grün und blau von Blutergüssen. Meine Schuhe fielen wie Asche von den Füßen", schrieb sie später. "Mein inneres Gefühl und meine Liebe zu meinen Eltern ließen mich zu dem Entschluß kommen, in der Hamburger Straße mit ihnen das gleiche Los zu tragen."
Dreieinhalb Stunden lief sie durch die Stadt, um sich dann der Gestapo zu stellen. Der Vernehmungsbeamte in der Großen Hamburger Straße brüllte sie an und setzte schließlich ihren Namen und den ihrer Eltern auf die Liste für den nächsten Transport nach Auschwitz. Zugleich sorgte er aber dafür, daß Stellas Fall gesondert "behandelt" wurde: Zwei jüdische Greifer, die für die Gestapo arbeiteten, sollten mit ihr zusammen Rogoff aufspüren. "Und was habe ich davon?" fragte Stella. Keine Antwort.
Stella fragte ihre Mutter, was sie tun solle. Toni Goldschlag riet der Tochter, sich zum Schein auf eine Zusammenarbeit einzulassen, damit der Gestapo für den nächsten Auschwitz-Transport die Hände gebunden seien. Der übernächste Zug ging nach Theresienstadt, wo die Lebensbedingungen angeblich humaner waren.
Tag für Tag befand sich Stella nun in Hausfluren und Läden auf der Lauer. Ihre beiden Schatten, Günther Abrahamson, ein kräftig gebauter junger Mann von 22 Jahren, und sein jüngerer Partner Gottschalk ließen sie nicht aus den Augen. Natürlich blieb die Mission erfolglos.
Doch wenn es den Gestapo-Leuten in den Kram paßte, konnten sie eine Engelsgeduld aufbringen, und bei Stella waren sie überzeugt davon, daß es sich um einen Glücksfall handelte: Sie hing sehr an ihren Eltern, die damit zu idealen Geiseln wurden. Hinzu kam Stellas Bindung an Rolf Isaaksohn, der inzwischen auch gefaßt worden war und sich, um der Deportation zu entgehen, zur Mitarbeit für die Gestapo bereit erklärt hatte.
Vor allem aber: Stella hatte augenscheinlich das Talent, ihr Aussehen und ihren Sex-Appeal gezielt einzusetzen. Sie war ein Star, der nur darauf wartete, entdeckt zu werden. Wo sonst würde die Gestapo eine blonde, blauäugige Jüdin finden, die sich in das Vertrauen jedes Mannes einschleichen konnte und sich in den Gewohnheiten der Untergetauchten auskannte; wer außer ihr würde es schaffen, all die Leute, die sich der Festnahme bislang hatten entziehen können, auf den Straßen und in den Cafes aufzuspüren; und wer außer ihr war so verzweifelt und zu allem bereit, nur um selbst zu überleben?
Man brachte sie also zur Nummer eins im Sammellager Große Hamburger Straße, dem SS-Hauptscharführer Walter Dobberke. Er war im Lager der kleine Hitler, ein leichtes Kopfnicken von ihm genügte, um einem Häftling sofort einen Stehplatz im nächsten Todeszug zu sichern.
Dobberke konnte gemein und verbohrt sein, Verstöße gegen die Vorschriften konnten ihn zu einem tobsüchtigen Irren machen. Ein überzeugter Antisemit war er dagegen nicht. Sollte er eine Weltanschauung besessen haben, so hielt sie ihn jedenfalls nicht davon ab, jüdische Häftlinge um zwei Uhr nachts zu Skat- und Saufrunden zu sich zu befehlen - Häftlinge, die er noch wenige Stunden zuvor beim Zählappell mit 25 Peitschenhieben _(* Oben: Verlagshaus Scherl in der ) _(Jerusalemer Straße; unten: ) _(Gloria-Filmpalast am Kurfürstendamm. ) traktiert hatte. Überdies machte Dobberke kein Hehl daraus, daß er eine jüdische Freundin hatte, die junge Schwester Elli, die im Jüdischen Krankenhaus arbeitete.
Als ihm Stella vorgeführt wurde, steckte Dobberke gerade bis über beide Ohren in Arbeit: Ein Abtransport stand bevor, eine Liste mit 1000 Todeskandidaten mußte zusammengestellt werden. Er erkannte schnell, daß seine Untergebenen, die in höchsten Tönen von dieser eindrucksvollen Frau geschwärmt hatten, der Wahrheit sehr nahe gekommen waren. Er erklärte Stella, er werde die Deportation der drei Goldschlags aussetzen, wenn sie dabei helfe, Gesetzesbrecher aufzuspüren - zunächst diesen Fälscher Günther Rogoff. Stella zuckte die Achseln und erklärte sich mit einem Kopfnicken einverstanden. Der Pakt war geschlossen.
Dobberke informierte seinen Stellvertreter, den SS-Rottenführer Felix Lachmuth, von der Übereinkunft und wies ihn an, Stella von nun an regelmäßig als Greiferin einzusetzen. Drohungen würden nicht nötig sein, die Mißhandlungen hätten sie weichgemacht. Von jetzt an solle sie nicht mehr als Häftling, sondern als Mitarbeiterin behandelt werden.
Diese Wendung überraschte Stella, und sie erkannte sofort ihre Chance. Lachmuth schien gutmütig und zivilisiert zu sein. Ob er sich vielleicht dafür verwenden könne, die Namen der Familie auf eine Liste für Theresienstadt und nicht für Auschwitz zu setzen? Lachmuth erwiderte, sie solle sich keine Sorgen machen, und unterhielt sich mit ihr in einem Ton, wie ihn Chefs anschlagen, wenn sie einem neuen Angestellten die Nervosität nehmen wollen. "Lachmuth hatte für mein Schicksal volles Verständnis", erklärte Stella später. "Er wollte mir helfen."
Sie bekam einen Dauerpassierschein, mit dem sie das Lager Große Hamburger Straße jederzeit verlassen konnte, außerdem brauchte sie keinen Judenstern zu tragen. Sie erhielt ein eigenes Zimmer und von Zeit zu Zeit auch Geld. Ihre Eltern blieben als Geiseln im Lager. Es war genau das Geschäft, auf das sie gehofft hatte.
Stellas fotografisches Gedächtnis für Namen, Daten und Adressen machte sich für die Gestapo schnell bezahlt. Sophie Edberg etwa, eine junge Untergetauchte, stellte fest, daß nach und nach rund 20 Juden verschwanden, die einem geselligen Kreis junger Leute angehört hatten. Sie waren meist Sonntag nachmittags in irgendeiner Wohnung zusammengekommen, um zu Plattenmusik zu tanzen.
Daß Sophie Edberg nicht auch verraten worden war, schrieb sie selbst ihrer Schüchternheit zu. "Ich glaube, sie hat sich nicht mal meinen Namen gemerkt", sagte sie später.
Die Nachricht von Stellas Verrat verbreitete sich rasch. Ernst Goldstein hatte den Tip in jenem Herbst von einem der jüdischen Ordner in der Großen Hamburger Straße bekommen. An einem Vormittag riskierten es Goldstein und seine Frau Herta, in einem der vielen Cafes am Kurfürstendamm eine Tasse Kaffee zu trinken. "Wir konnten nicht dauernd auf der Straße herumlaufen, aber auch nicht immer im Zimmer bleiben", erinnert sich Herta. "Unsere Wirtin wurde allmählich neugierig."
Sie setzten sich an einen Tisch in der Nähe des Notausgangs. Schon nach wenigen Minuten packte Goldstein seine Frau am Arm und zischte ihr zu: "Da sind die Kopfjäger!" Die modisch gekleidete Blondine war ohne Zweifel Stella, und der junge Mann mit dem Schlapphut und dem Maßanzug mußte Rolf Isaaksohn sein. Beide paßten perfekt zu der Beschreibung, die unter den Untergetauchten kursierte.
Das Paar schlenderte langsam durchs Lokal und sah sich dabei um - eine Spur aufmerksamer, als würden sie nur nach einem Tisch Ausschau halten. Goldstein legte einen Fünf-Mark-Schein auf den Tisch und zog sich mit Herta zum Notausgang zurück. Den beiden schlug das Herz bis zum Hals, doch sie schafften es, nicht aufzufallen, und vermieden so eine Verfolgungsjagd.
Ein ähnliches Erlebnis hatte Gerd Ehrlich. An jenem kühlen Nachmittag im Oktober 1943 spürte er plötzlich, wie ihm jemand leicht auf die Schulter tippte. Er stand, angezogen mit einer Hitlerjugend-Uniform, in einem Cafe am Savignyplatz in der Schlange am Tresen: "Hallo Gerd, wie geht es dir?" sagte eine freundliche Frauenstimme hinter ihm.
Er schrak zusammen. Er erkannte die Stimme nicht sofort, und das war schlecht. Er hatte inzwischen vier verschiedene falsche Namen benutzt. Nur seine engsten Freunde kannten ihn unter seinem richtigen Namen Gerd, und deren Stimmen kannte er genau. Hier war etwas faul.
Er drehte sich mit ausdruckslosem Gesicht um und stand vor der schönen Stella. Er wußte, daß es die Stella Goldschlag aus der Goldschmidt-Schule war; durch die jüngsten Gerüchte hatte er auch erfahren, daß sie "die blonde Lorelei" war, die Gestapo-Greiferin. Die Situation war äußerst heikel, denn vor ihm in der Schlange stand ein SS-Mann, an dessen Ärmel er das aufgenähte "SD" gesehen hatte, das Kürzel für den gefürchteten Sicherheitsdienst.
"Ich bedaure, mein Fräulein", sagte Gerd freundlich. "Ich kenne Sie nicht. Sie müssen mich mit jemandem verwechseln." "Oh nein, nein", meinte Stella lachend. "Ich weiß, daß du Gerd Ehrlich bist! Erkennst du mich nicht? Wir haben doch beide bei Ehrich & Graetz gearbeitet!" "Sie müssen sich irren - ich heiße anders."
In diesem Moment drehte sich der SS-Mann um und starrte ihn an. Jetzt wußte Gerd, daß er schnell handeln mußte. Er schickte Stella mit einem Stoß zu Boden und rannte aus dem Lokal, die Treppe zur S-Bahn-Station hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter und sprang in eine abfahrende Straßenbahn. Wenig später konnte er in die Schweiz flüchten.
Im Februar 1944 war der Strom der Deportierten, die durch das Lager in der Großen Hamburger Straße geschleust wurden, nahezu versiegt. In Berlin lebten nur noch wenige Juden, auf die man Jagd machen konnte, und deswegen wurde das Lager in die Pathologie des Jüdischen Krankenhauses in der Schulstraße 79 im Bezirk Wedding verlegt.
Ein großer Transport nach Theresienstadt wurde vorbereitet, um all die Juden loszuwerden, die sich in dieses kleinere Lager nicht hineinpressen ließen.
Durch ihre Zusammenarbeit mit der Gestapo hatte Stella erreicht, daß Dobberke mehr als ein halbes Jahr lang die Namen ihrer Eltern von den Deportationslisten strich. Jetzt erklärte er Stella, daß es ihm der jüngste Befehl unmöglich mache, ihre Eltern erneut vom Abtransport auszunehmen.
Stella protestierte so heftig, wie sie es nur wagen konnte. Doch Dobberke blieb hart. Der Befehl komme aus dem Reichssicherheitshauptamt, das heißt, aus dem Judenreferat von Adolf Eichmann. Nur bestimmte "Mischlinge" und "Klärungsfälle" könnten zurückgestellt werden - sonst absolut niemand, da gebe es keine Ausnahmen.
"Ich gehe mit!" reagierte Stella impulsiv.
Dobberke redete ihr gut zu und erklärte ihr, sie sei sicher, solange sie zusammen mit Rolf Isaaksohn ihre Aufgabe erfülle. "Sei froh, daß du nicht auch gehen mußt."
Den Ausschlag gab die Entscheidung von Stellas Eltern. Dieses Mal erwies sich der Vater als der Stärkere. Die Mutter weinte unaufhörlich. Der rundliche kleine Gerhard Goldschlag blieb fest und vergoß keine Träne. "Du bleibst hier, und das macht uns glücklich", beruhigte er sie. "Wir gehen an deiner Stelle, wir haben keine Angst."
Damit sah sich Stella von ihren Verpflichtungen der Familie gegenüber befreit. Alle drei waren erleichtert, daß die Eltern nicht nach Auschwitz transportiert wurden. Keiner von ihnen glaubte, daß in Theresienstadt Schlimmeres als Zwangsarbeit auf sie warten würde.
Stella schickte ihren Eltern mehrmals Brot nach Theresienstadt. Einmal erhielt sie von ihrem Vater eine Postkarte. Er berichtete, er spiele bei Musikabenden seine geliebten Lieder.
Die Akten geben über das Schicksal der Goldschlags kaum Einzelheiten preis. Bekannt ist lediglich, daß Gerhard Goldschlag mit dem Transport Nr. I/108-14551 zusammen mit seiner Frau am 23. Februar 1944 in Theresienstadt ankam und daß er mit dem Transport Nr. EM-677 am 1. Oktober 1944 nach Auschwitz gebracht wurde. Seine Frau verließ Theresienstadt am selben Tag in derselben Richtung, jedoch getrennt von ihm, unter der Transportnummer EM-1351.
Den Juden, die sich jetzt noch im Berliner Untergrund hielten, schien das Team Stella/Rolf im Frühling und im Sommer des Jahres 1944 allgegenwärtig zu sein. Moritz Zajdmann und seine Schwester Esther entdeckten die Greifer eines Tages in der Eingangshalle der Schweizer Botschaft. Das Paar hatte es sich auf einer Bank bequem gemacht. Esther erkannte Stella sofort, beide waren Insassinnen des Gefängnisses in der Bessemerstraße gewesen. Auch die Greifer gaben den Zajdmanns durch ein schmieriges Lächeln zu erkennen, daß sie ihre Opfer ausgemacht hatten.
Es war seit drei Monaten das erste Mal, daß die Zajdmanns ihr Versteck verlassen hatten. In ihrer Verzweiflung und Naivität hatten sie gehofft, daß die neutralen Schweizer sich dazu überreden lassen würden, ihnen ein Ausreisevisum auszustellen. Statt dessen wurden die Zajdmanns kaum angehört, und nun, auf dem Weg nach draußen, trafen sie auf die lauernden Greifer. Die Zajdmanns rannten um ihr Leben und schafften es mit knapper Not, ihren Verfolgern zu entkommen.
Die Schweizer Botschaft gehörte zu einer ganzen Reihe von Orten, welche das "schöne Paar" stets im Auge behielt. Dazu zählten vor allem Cafes und Lokale - etwa das Dobrin, das Kranzler, das Leon, das Wien, das Uhlandeck, das Teschendorff -, wo Untergetauchte in ihrer Not hin und wieder auftauchten, um ihrer Einsamkeit zu entgehen und etwas Eßbares aufzutreiben.
Traditionsgemäß war das Cafe für die Berliner ein zweites Zuhause, ein vertrauter Ort, an dem man sich sicher fühlte. Auch wenn nur noch Ersatzkaffee serviert wurde und der Kuchen aus unsäglichen Zutaten bestand, das Kaffeehaus lebte weiter, und es bedurfte mehrerer Razzien der Gestapo, ehe sich etwa der Kreis jüdischer Stammgäste im kleinen Cafe Heil am Olivaer Platz auflöste. Im Cafe Trumpf in der Nähe der Gedächtniskirche machte Stella mehrere Opfer ausfindig und blockierte die Drehtür, bis die herbeigerufene Gestapo eintraf.
Auch in bestimmten Kinos gingen Stella und Rolf auf Jagd. Sie erschienen immer erst kurz vor Beginn des Films. Sie kannten von früher her viele mögliche Opfer, zudem schienen sie instinktiv zu spüren, wann sie Angehörige ihrer Religion vor sich hatten. Rolf hielt in solchen Fällen die Verdächtigen fest, während Stella ihre Handtaschen nach Wertsachen und Adreßbüchern durchwühlte. Immer wieder kam es vor, daß sich eines dieser Adreßbücher als Fundgrube voller Namen und Adressen von Untergetauchten erwies. _(* Berliner Stadtplan von 1936. )
Die beiden waren so gut aufeinander eingespielt, daß sie bei einer Razzia kaum miteinander sprachen. Dobberke sorgte dafür, daß sie sich frei bewegen konnten. Wenn ein Polizist sie anhielt und ihre Papiere verlangte, brauchten sie ihm nur die grünen Gestapo-Ausweise mit ihren Fotos zu zeigen. Diese Dokumente bestätigten, daß sie berechtigt waren, in "jüdischen Angelegenheiten" tätig zu werden.
Dobberke hatte das Stadtgebiet in Reviere eingeteilt, so daß Stella und Rolf anderen Greifern nicht ins Gehege kamen. Er hatte ihnen so aussichtsreiche Bezirke wie die Gegend um den Kurfürstendamm und die Joachimsthaler Straße überlassen, dazu Straßen wie die Lothringer und die Landsberger, aber auch die Schönhauser Allee, Reviere also, in denen sich noch immer einige Juden versteckt hielten.
Dobberke schickte Stella auch häufig zu Beerdigungen und zwar immer dann, wenn der "arische" Partner aus einer "Mischehe" gestorben war. Beim Tod solcher Nichtjuden verloren die jüdischen Ehegatten sofort ihre Immunität, die sie bislang vor der Deportation bewahrt hatte. Stella nahm ihr Opfer dann gleich auf dem Friedhof oder auf dem Nachhauseweg fest.
Untergetauchte, die Stella von früher her kannten und die nicht wußten, daß sie von der Gestapo umgedreht worden war, hatten kaum eine Chance. So erging es Edith Ziegler, die Stella vor Jahren zum letzten Mal gesehen hatte. Als sie eines Tages den U-Bahnhof Uhlandstraße verließ, trat Stella auf sie zu und blaffte sie an: "Los, komm mit, Edith!"
Die völlig verdatterte Ziegler wollte wissen, was um alles in der Welt los sei. Stella: "Komm lieber schnell mit! Du mußt ins Lager! Sonst hole ich die Gestapo!" Edith Ziegler ging mit Stella und starb in Auschwitz. Ihre Festnahme hatte nur Sekunden gedauert.
Als die Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 das bevorstehende Ende des Hitlerreiches ankündigte, wurden Stella und Rolf allmählich nervös. Sie lebten im Pathologiegebäude in der Schulstraße auf noch engerem Raum zusammen als in der Großen Hamburger Straße. Die neuen Räumlichkeiten waren Teil des in einem weitläufigen Park gelegenen Krankenhauskomplexes.
Die in der Pathologie untergebrachten Juden waren meist Todeskandidaten. Die efeuumrankte dreistöckige Pathologie, die wie ein gemütliches, altmodisches Wohnhaus wirkte, war durch unter irdische Gänge mit sechs weiteren Gebäuden verbunden. Die Verdammten verbrachten ihre letzten Tage in kahlen Räumen, die einst für Leichen und Leichenwärter reserviert gewesen waren: der Leichenhalle, den Autopsie-Räumen, den Sektions-Stationen und den bakteriologischen Labors.
Der frühere Verwendungszweck des Gebäudes hatte Verschwiegenheit erfordert, und der neue tat es ebenfalls. Damals waren die Leichenwagen gekommen und wieder weggefahren, ohne von den Patienten gesehen zu werden. Genauso war es jetzt mit den Lastwagen, die Häftlinge zu den nach Osten abfahrenden Zügen brachten. Der Tod sollte unsichtbar bleiben.
Bemerkenswerterweise durften sich im eigentlichen Krankenhaus noch immer mehr als 1000 Juden aufhalten: Ärzte, Krankenschwestern, Patienten (echte und Simulanten), "Halbjuden", "Vierteljuden" und solche, deren Status ungeklärt war, Durchreisende, Ordner, auf deren Dienste man noch nicht verzichten wollte - allesamt Strandgut, die Übriggebliebenen der Juden Berlins.
Die Männer, die das Vernichtungssystem bedienten, waren Beamtenseelen, und selbst in dem Chaos von Bombenangriffen, Hinrichtungen und dem sich anbahnenden Zusammenbruch der Verwaltung galt die oberste Maxime: "Ordnung muß sein."
Ernsthaft erkrankte Juden wurden deshalb nur selten als "Transportjuden" eingestuft. Sie mußten erst operiert und versorgt werden, ehe man sie in den Tod schickte, und da es "arischen" Medizinern strikt verboten war, Juden zu behandeln, mußte für die Versorgung der jüdischen Patienten jüdisches Personal bereitgehalten werden.
Die Bombeneinschläge in unmittelbarer Nähe zeigten, daß draußen in der Welt der Krieg tobte. Obwohl das Propagandaministerium die Zeitungsmeldungen kunstvoll verschleierte, ließ sich eine entscheidende Botschaft nicht mehr verheimlichen: Die Alliierten rückten vom Osten und vom Westen immer näher auf Berlin vor.
Das Trio Dobberke-Stella-Rolf war zunehmenden Belastungen ausgesetzt. Alle drei brauchten einander, sie fühlten sich durch den wachsenden Druck von außen bedroht. Die Bindung zwischen Stella und Rolf ging in die Brüche. Es kam zu wilden, lautstark geführten Auseinandersetzungen, schließlich zu Prügeleien. Rolf ließ erkennen, daß er sich zu einem Mithäftling namens Peter hingezogen fühlte. Dobberke spürte, daß ihm Stella zu entgleiten drohte. Er wußte nicht genau, warum. Lag es an ihrer gestörten Beziehung zu Rolf, oder hatte etwas anderes ihren Sinneswandel bewirkt? Er sah sich genötigt, seine alte Macht wiederherzustellen. Er verlangte, daß Stella und Rolf heirateten, denn er brauchte Ordnung in seinem Beritt, und ein Ehemann besitzt mehr Autorität über eine Frau als ein Liebhaber.
Am 29. Oktober 1944 wurde das "schöne Paar" auf dem zuständigen Standesamt getraut. Später behauptete Stella, man habe sie mit Gewalt in die Ehe geprügelt, damit Rolf sie unter seine Fuchtel bekomme.
Nur wenige wußten, was Stella nach dem Verlust der Eltern, des Rettungsankers in ihrem bisherigen Leben, weiter antrieb: "Sie wurde zu einer Tigerin", erinnerte sich eine ihrer Vertrauten - eine Tigerin, die mit Krallen und Zähnen um das eigene Überleben kämpfte.
Zeitweilig war sie verstimmt, litt an Depressionen und fühlte sich von allen verlassen. Sie geriet in immer stärkere Abhängigkeit von Rolf, dem Mann, von dem die eigene Mutter gesagt hatte, er gehe über Leichen.
Rolf wiederum brauchte Stella als Partnerin, als Köder bei den Juden und bei Dobberke. Er machte ihr klar, wenn sie ihre Tätigkeit als Greiferin nicht mit dem nötigen Eifer fortsetze, werde Dobberke sich fragen, ob sie noch loyal zur Gestapo stehe. Rolf wußte, wie er es formulieren mußte: "Willst du am Leben bleiben oder Selbstmord begehen?"
Im Herbst 1944 verlor die Rolle der Tigerin für Stella immer mehr an Reiz. Rolf war zu einer einzigen Enttäuschung geworden. Er betrog sie und durchstreifte nur noch wie ein Roboter die Straßen, um nach Opfern zu suchen, die immer weniger wurden und immer schwerer zu finden waren. Die Jagd hatte sich totgelaufen.
Stella wußte: Sie mußte umsatteln. Doch das konnte nur in aller Stille und mit größter Vorsicht geschehen. *HINWEIS: Im nächsten Heft "Wie können Juden Juden verraten?" - Gestapo-Kollaborateurin Stella gibt sich als "Opfer des Faschismus" aus - Die Sowjets machen der Greiferin den Prozeß - 45 Jahre danach: Autor Peter Wyden besucht das "blonde Gespenst"
* Oben: Verlagshaus Scherl in der Jerusalemer Straße; unten: Gloria-Filmpalast am Kurfürstendamm. * Berliner Stadtplan von 1936.
Von Peter Wyden

DER SPIEGEL 44/1992
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