26.10.1992

Hundert Meter vor der Kante

In Deutsch-Ossig herrscht Lebensgefahr. Die Straße der Solidarität darf nicht betreten werden, warnende Schilder drohen Zuwiderhandelnden mit dem Strafrecht. Das kleine Dorf im äußersten Osten Deutschlands, bei Görlitz an der Lausitzer Neiße, steht auf einem geologischen Gleitkörper. Mit großer Wahrscheinlichkeit rutscht das meiste von Deutsch-Ossig in die Grube.
Die Grube, das ist der Braunkohle-Tagebau Berzdorf, ein großes dunkles Loch von etwa 2000 Hektar. Tag und Nacht nagen die Schaufelbagger klirrend und knirschend am Ortsrand. Viermal täglich schleudert donnernd der Sprengstoff der Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) den Mutterboden vor den Bauernhäusern zur letzten Lockerung in die Luft.
Es sieht wüst aus in Deutsch-Ossig. Vermauerte Fenster, eingeschlagene Türen, halb aufgerissene Dächer und die verstümmelte Turmspitze der Kirche zur Heiligen Dreieinigkeit - ein Geisterdorf wie aus dem Wilden Westen. Ossig - der Ortsname kommt vom altslawischen Osseku. Das heißt Verhau.
Vergangenes Jahr haben die 828 Ossiger ihre Heimat verlassen. Traurig, widerwillig, manchmal auch gar nicht so ungern, wichen alle vor der braunen Gefahr und zogen in 225 Görlitzer Plattenbau-Wohneinheiten, 65 Fertighäuser vom Typ "Kamenz" und das Altersheim.
Alle? Nein. Eine kleine Familie an der Straße der Solidarität Nummer 2 hält trotzig im verlassenen Deutsch-Ossig aus. Siegfried Rehnisch, 54, mit Frau und Sohn, Hühnern und Gänsen, sagt einen Satz, der in der alten DDR einmal kurz in Mode war: "Wir bleiben da."
Neben seinem Hof am Dorfanger reißt der Abbruchtrupp der Laubag schon die Häuser ein. Gelbbraune Staubwolken verhüllen das Werk der Vernichtung. An Dach und Mauern des Rehnisch-Stalls klaffen zentimeterweite Risse - eine Folge der Bodensenkungen. Etwa hundert Meter ist die Kante des Tagebaus noch von der Wohnung der Familie entfernt.
Gerade hat die Sächsische Zeitung das Abonnement gekündigt. Für den letzten Leser in Deutsch-Ossig lohnt sich der Weg des Zustellers nicht mehr. Die Satellitenschüssel des Fernsehers hält die Verbindung zum Rest der Welt.
Seit ein paar Tagen hat Familie Rehnisch zum erstenmal in ihrem Leben sogar ein Telefon. Aus dem aufgegebenen Gemeindeamt gegenüber läuft ein Kabel provisorisch über die Straße in die Diele des Bauernhauses. Aus Sicherheitsgründen hat Rehnisch den Anschluß von der Laubag verlangt.
Seine Frau Helga fürchtet sich tagsüber allein in Ossig, wenn der arbeitslose Bauer in der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme Land rekultiviert und der Sohn als Autoschlosser beschäftigt ist. Immer wieder suchen Plünderer das verlassene Dorf heim. Die Familie schließt ständig die Haustür ab, auch wenn sie bei Tage drinnen sitzt.
In einer seltsamen Mischung aus Mut, Verzweiflung und Eigensinn hält Rehnisch die Stellung. Mit dem ganzen Gewicht seines fülligen Körpers hat er sich auf den Stufen vor seiner Haustür niedergelassen, sichtbar für alle, die ihn weghaben wollen. "Ich bin nicht stur", sagt er, "aber ich will mein Recht."
Die gesellschaftlichen Verwerfungen, die mit der Wende im deutschen Osten aufbrachen, erscheinen in Deutsch-Ossig als geologische Formation. Auf seiner untergründig schiefen Ebene rutscht das Dorf ab, und der letzte Ossiger rutscht hilflos mit hinunter. Der Untergang ist unaufhaltsam, wenn auch unsinnig.
Das Ende von Deutsch-Ossig war schon vor der Wende beschlossen. Die Gemeinde feierte gerade ihr 650jähriges Bestehen, 1986, da erklärte der Ministerrat der DDR den Ort zum "Bergbaueinzugsgebiet". Das bedeutete die "Devastation", zu deutsch Verwüstung. Es gab keine Braunkohle unter den Häusern, doch das Gelände auf dem instabilen Gleitkörper sollte zu einer sicheren Böschung für den vorrückenden Tagebau eingeebnet werden.
Damals war die Braunkohle der wichtigste Energieträger der DDR für die Stromerzeugung und Wohnungsheizung. Über 300 Millionen Tonnen wurden in Spitzenjahren in der Lausitz und rund um Leipzig gefördert. Der Tagebau fraß im Lauf der Jahre mehr als hundert Dörfer.
Nach der Wende nahm der Verbrauch in kurzer Zeit auf nur noch 50 Millionen Tonnen ab. Als Heizbrikett wird die Braunkohle kaum noch verwendet. Auch die Braunkohlekraftwerke, die von den westdeutschen Stromkonzernen übernommen werden sollen, fuhren ihre Leistung zurück. Das Werk Hagenwerder, in dem die Kohle aus der Grube von Deutsch-Ossig verfeuert wird, soll nach den Plänen der künftigen Eigentümer in den neunziger Jahren geschlossen werden.
Doch die Verwüstung von Deutsch-Ossig schritt voran, als wäre nichts geschehen. Die meisten Einwohner hatten schon vor der Wende Kaufverträge mit dem volkseigenen Braunkohlebetrieb geschlossen. Für 15 000, manchmal auch 50 000 Ostmark verkauften sie ihre Häuser. Für den Grund gab es 20 Pfennig pro Quadratmeter.
Nur Bauer Rehnisch unterschrieb nicht. Die angebotenen Einheitshäuser oder Wohneinheiten für die Umsiedler waren ihm zu klein. Er hat Frau, Sohn und Tochter, seinen alten Vater und eine gehbehinderte Tante unterzubringen. "Die Familie muß zusammenhalten und zusammenbleiben", war sein Grundsatz.
Familiensinn half nicht. Als überall im Ort die Möbelwagen vorfuhren, berichtet er bitter, kam bei ihm der Bestattungsunternehmer: Vater und Tante verließen das Haus im Sarg.
Viel Widerstand gegen das Überbaggern ihrer Heimat haben die Deutsch-Ossiger nicht geleistet. Gegen einen Beschluß von Erich Honeckers Ministerrat anzukämpfen schien damals sinnlos und gefährlich. Nach der Wende kam die Angst vor der Arbeitslosigkeit.
Viele aus dem Ort schaffen selbst in der Grube und im Kraftwerk, das ihr Dorf vertilgt. Vor die Wahl gestellt, ihre Häuser oder ihre Arbeitsplätze zu erhalten, entschieden sich die meisten für die Arbeit.
Nur Dorfpfarrer Dieter Liebig predigte wortgewaltig wie Luther gegen das gefräßige Ungeheuer aus der Grube. "Wenn der Bagger die Erde aufreißt, klingt es wie Weinen, schluchzt die Erde wie ein verlassenes Kind", dichtete er in einem "Grünen Requiem".
Seine Ossiger Schäfchen, erinnert sich Liebig, "hörten sich das an und haben geschwiegen". Fünf ältere Frauen allerdings wählten vor der Umsiedlung "den harten Tod", klagt der Prediger - durch Erhängen.
Bei seinen behutsamen Kirchenoberen fiel der zornige Eiferer in Ungnade. Am Pfingstsonntag 1988 entwidmete Bischof Joachim Rogge feierlich die 200 Jahre alte Kirche. Mit Gottes Segen war "eine der schönsten deutschen Landkirchen", wie es in einer Erinnerungsschrift für Deutsch-Ossig heißt, frei zum Abbruch. Altar, Kanzel, Orgel, Gestühl und der übrige Rokoko des Inneren kommen in einen Kirchenneubau der Görlitzer Plattenbausiedlung Königshufen.
Pfarrer Liebig stand weiter da und konnte nicht anders: "Ich verlasse als letzter Deutsch-Ossig." Doch am 31. August 1989 hörte die Kirchengemeinde auf zu existieren. Der enttäuschte Mann Gottes wollte sich nun ganz der Dichtung widmen: "Ich euer bruder war auf der insel geblieben umspült von trübsal."
Damals, Anfang 1990, wäre Deutsch-Ossig mit seinen Bewohnern wohl noch zu retten gewesen, gibt Liebig heute zu, wenn der Tagebau sofort gestoppt worden wäre. So recht konnten sich aber selbst die Gegner der Grube den schnellen Niedergang der Braunkohleförderung nicht vorstellen.
Im März desselben Jahres wurde der Dichter für die "Grüne Liga" Görlitzer Landrat. "Da war der Wind raus", sagt der Dresdner Architekt Uwe Mildner, der seine Diplomarbeit über die "Revitalisierung" von Deutsch-Ossig gemacht hat. Der zum Politiker gewendete Pfarrer ging ins nahe Dittersbach, und er bezog einen neuen Standpunkt: "Ich habe jetzt die Verantwortung für 27 000 Menschen."
Zwölf Jahre hatte Liebig die Schließung von Werk und Grube gepredigt. Nun kämpft er für die rund 5000 Arbeitsplätze in der Braunkohle.
Andere Beschäftigungsmöglichkeiten sind in der abgelegenen Grenzregion auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Auch wenn sich an den Gründen, die gegen die Braunkohle sprechen, nichts geändert hat, auch wenn auf Dauer dort die Arbeitsplätze keineswegs sicher sind -, für die Lausitzer zählen schon ein paar Jahre, die ihnen die Flöze noch Lohn und Beschäftigung geben können.
Bis 1999 müssen nach Meinung des Landrats Kraftwerk und Tagebau weiterlaufen, dann könnte es genügend neue Arbeitsplätze in anderen Industrien geben. Doch nach den bundesdeutschen Umweltgesetzen ist Hagenwerder spätestens 1996 stillzulegen, weil dort nicht die vorgeschriebene Rauchgasentschwefelung eingebaut werden kann. "Dann würde meine ganze Gegend verelenden", fürchtet Liebig, "wir kriegen die Leute kaum noch stillgestellt."
Als guter Christ erleidet der Gottesmann, der inzwischen der herrschenden christdemokratischen Landespartei beigetreten ist, manche Gewissensqual. "Ich bin ein Narr in einem absurden Theater", sinniert Liebig dann. Des Abends arbeitet er an der Herausgabe seiner Predigten und Tagebücher über die Ossiger Jahre. "Terra infirma" wird das im Selbstverlag erscheinende Buch heißen, "Unruhige Erde".
Der wirklich letzte Ossiger harrt unterdessen auf der unruhigen Erde aus. Aber Siegfried Rehnisch weiß, daß er nicht lange als einziger im Ort bleiben kann. Die Laubag wird eine gerichtliche Enteignung betreiben, wenn keine vertragliche Einigung zustande kommt. "Ich gehe erst, wenn ich weiß, wo ich bleiben kann", sagt Rehnisch.
Vor der Wende hatte der Bauer für die Familie ein Haus in einem Nachbardorf gekauft. Nun verlangt der Verkäufer die Rückübertragung, weil er zu dem Handel gepreßt worden sei. Der Ausreiseantrag seiner Tochter, hätten ihm die Behörden damals gesagt, würde nur genehmigt, wenn er das Haus an den Rehnisch verkauft.
Mit den Genossen hatte der parteilose Landwirt nie gekonnt. Die Kommunisten hatten 1945 seinem Vater den Hof im nahen Löbau genommen, weil er angeblich ein Kriegsverbrecher war.
Alte und neue Legenden über den einsamen Kämpfer gehen nun wieder um. Als letzten Helden von Ossig verehren ihn nur wenige. Für die Baggerführer, die am Dorf nagen, ist Rehnisch einfach einer, der ihnen die Arbeitsplätze streitig macht. Er sei doch nur auf das Geld aus, meinen manche früheren Nachbarn.
Gewiß wird Rehnisch nach bundesdeutschem Recht für Haus, Hof und 30 Hektar Grund, die schon längst in der Grube versunken sind, am Ende einiges mehr an Entschädigung bekommen, als die DDR den Dorfgenossen vor der Wende zugestand. Aber um sich damit als Bauer wieder selbständig zu machen, klagt er, reiche es längst nicht.
"Ein besonderer Fall" sei der Rehnisch schon gewesen, sagt auch der ehemalige Dorfpfarrer Liebig. Störrisch ging der schwergewichtige Mann als zwangskollektivierter Genosse der LPG "Karl Marx" seine eigenen Wege. Der Hof in Deutsch-Ossig, den die Familie Rehnisch 1954 von einer Tante übernahm, war des eigenwilligen Bauern "Lebensfestung", meint der Pfarrer.
Bald wird die Festung fallen. Im gerade beschlossenen Raumordnungsplan für das Grubengebiet liegt der Rehnisch-Hof dort, wo nach der Jahrtausendwende ein schöner See das braune Loch ausfüllen soll. Jenseits der Straße der Solidarität aber wird Deutsch-Ossig laut Plan nun als Denkmal erhalten.
Im Juni 1991 wurden 84 Gebäude, meist mehrere hundert Jahre alte Fachwerkhäuser, nach Auszug der Bewohner unter Denkmalschutz gestellt. Mit einem Böschungsbollwerk wollen Bergbauexperten den Ortsrest vorm Abrutschen in den Abgrund retten.
Das alte Ossig wird es nie wieder geben. Nach der Devastation kommt die Revitalisierung: als Museumsdorf oder gar als Künstlerkolonie, wie schon einige westliche Ossig-Liebhaber im fernen Berlin-Kreuzberg hoffen. Die alten Ossiger aber werden kaum zurückkehren. "Jetzt macht das auch keinen Sinn mehr", sagt ein nach Kunnerwitz umgesiedelter Bauer.
Noch kommt er jeden Nachmittag zurück. Seine Frau füttert die herrchenlosen Katzen. Die haben sich in ahnungsloser Liebeslust zwischen den Ruinen munter vermehrt.
Der Mann sieht nach den drei Schafen, die er zurücklassen mußte. Ängstlich aneinandergekuschelt irren sie vor dem ungeheuren Bagger über die kahlgeräumte Fläche, wo gestern noch ihr Gras wuchs.
Von Michael Schmidt-Klingenberg

DER SPIEGEL 44/1992
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