04.05.1992

Gute Kunden von der CIA

Die DDR war bis zu ihrem Untergang Drehscheibe des weltweiten Waffenhandels. Westliche Geheimdienste kauften beim SED-Staat ebenso ein wie nahöstliche Terroristen. Die Genossen verhandelten über die Vermittlung mörderischer Geschäfte sogar mit dem Milliardär Adnan Kaschoggi.
Im Frühsommer 1989, das SED-Regime hatte noch wenige Monate, sahen sich die Genossen Manager der unscheinbaren Ost-Berliner Firma Imes im Aufwind. Dem Unternehmen, so heißt es in einer Notiz der Stasi vom 7. Juni, sei es gelungen, Kontakte "zu den einflußreichsten und reichsten Händlern in der Welt" zu knüpfen.
Die Erfolgsmeldung so kurz vor Schluß betraf eines der wenigen Gebiete, auf dem die DDR jemals einige Bedeutung hatte: den Waffenhandel.
Immer neue Funde in den Stasi-Archiven lassen allmählich deutlich werden, in welchem Umfang der Arbeiter- und Mauerstaat weltweit am Handel mit modernster Todes-Technik beteiligt war. Die DDR, so zeigt sich jetzt, war die Drehscheibe von Waffengeschäften im Nahen Osten ebenso wie von CIA-Schiebereien. Verbrecher oder Klassenfeinde - jeder war willkommen, wenn er Devisen hatte.
Der Waffenhandel war der wahrscheinlich ertragreichste Geschäftszweig des KoKo-Firmenimperiums, das der DDR-Finanzier Alexander Schalck-Golodkowski nach kapitalistischen Grundsätzen aufgebaut hatte und das KoKo-Seilschaften zum großen Teil über die Wende retten konnten (siehe Kasten Seite 70).
An den ersten Adressen für Schießzeug waren vor allem die Agenten der KoKo-Firma Imes aktiv. Aus seinem bescheidenen Büro hinterm Bahnhof Friedrichstraße machte sich der volkseigene Waffenhändler Dieter Uhlig, Monatssalär rund 3000 Mark (Ost), gern zum feinen Essen nach London auf.
Dort traf Uhlig 1987 einen Geschäftsfreund mit klingendem Namen: Adnan Kaschoggi, saudischer Milliardär mit Villa im spanischen Marbella, war bereit, als Makler den mörderischen Geschäften der Honecker-Sozialisten zu dienen.
Kaschoggi sollte, so die Verabredung mit Uhlig, den Export von Warschauer-Pakt-Waffen an den Golf organisieren. Von Interesse war etwa die geplante Lieferung von 40 T-72-Panzern und BMP-1-Tanks an den Irak.
Finanziers für die Kampfwagen sollten die Saudis sein. Details, so verblieben die Geschäftspartner, werde man bei weiteren Treffs verabreden.
Gut im Gespräch waren die Imes-Emissionäre auch mit dem Kaschoggi-Nachbarn aus Marbella, dem derzeit vielseitigsten Dunkelmann Mundhir el-Kassar. Der Syrer gilt als gleichermaßen versiert bei Terroraktionen, Waffenhandel und Drogengeschäften (SPIEGEL 17/1989). Kassar wird neuerdings, so etwa im US-Magazin Time, auch als Planer des Bombenattentats von 1988 auf einen Pan-Am-Jumbo verdächtigt, bei dessen Absturz auf das schottische Städtchen Lockerbie 270 Menschen ums Leben kamen.
Der "cholerische Typ", laut Stasi-Dossier "bekannt durch die Presseveröffentlichungen im SPIEGEL", war - so die Aufzeichnungen - "sehr erfreut, den Kontakt mit einem Waffenhändler der DDR aufnehmen zu können". Er habe gleich "eine ganze Reihe von Geschäftsvorschlägen über Beschaffung und Verkauf von Waffen" gemacht. Die DDR wollte, beispielsweise im Südjemen, mitverdienen: "Er muß seine Ware über uns verkaufen."
Der Waffenhandel versprach der in der letzten Zeit ständig am Bankrott rangierenden DDR-Führung immer wieder Rettung aus der Finanzklemme. Dabei wurde selbst der Große Bruder im Osten, endlich mal, ausgebeutet. Russische Kriegsware verhökerten die Devisenbeschaffer ohne Kenntnis Moskaus zu Discount-Preisen.
Manchmal allerdings gab es da Probleme. Als Stasi-Oberst Schalck-Golodkowski 1983 heimlich sowjetisches Kriegsgerät an Ägypten liefern wollte (Wert 5,3 Millionen D-Mark), bat das DDR-Verteidigungsministerium dringend, "davon Abstand zu nehmen".
Bei einer möglichen Aufdeckung des Deals müsse "seitens der UdSSR mit einer Verschlechterung der Beziehungen gerechnet werden".
Es hätte wohl nicht minder massiven Ärger gegeben, wenn Moskau über die vielfältigen Beziehungen Ost-Berlins zu westlichen Agenten im Bilde gewesen wäre.
Gegenüber einem Hauptmann der Stasi zog eine sogenannte Kontaktperson, Deckname "Ludwig", im Februar 1989 Bilanz ihrer Arbeit bei Imes. "Nach meiner persönlichen Auffassung", gab Ludwig zu Protokoll, hätten "Vermittler und Händler", die mit der DDR-Waffenfirma zusammenarbeiten, "zwingend Verbindungen mit Geheimdiensten bzw. Landessicherheitsorganen" ihrer Länder.
Freunde von den feindlichen Diensten, so Ludwig, packten daheim über ihre Ost-Kontakte aus, "um ihre Geschäfte auf Basis offizieller und halblegaler Lizenzen tätigen zu können" und "diese Warenlieferungen auch transportmäßig absichern zu können".
Bei dem Vertreter des amerikanischen Waffenhändlers Samuel Cummings, den sie im britischen Manchester trafen, fragten sich die Imes-Manager laut Vermerk für die Stasi nur noch, ob der Mann denn "Agent des FBI oder der CIA" sei. Gleichwohl erschienen Geschäfte mit Cummings verlockend.
Cummings ist Chef der weltweit operierenden Waffenfirma Interarms. Der in Monaco residierende Händler ist seit Jahrzehnten die unumstrittene Nummer eins der Todeskrämer-Branche.
Angefangen hat Cummings als gewöhnlicher CIA-Agent und Manager der CIA-Tarnfirma International Armament Corporation. Die Beziehungen zur "Company", wie der US-Geheimdienst auch genannt wird, hat er all die Jahre gepflegt.
Gute Geschäfte machten DDR-Waffenschieber ebenso mit dem Iren Robert L. Oliver und dem Jordanier Tahsin Ammouri, beide offenkundig Zuträger von Diensten. "Die Aufgabe von Oliver besteht vorrangig in der Aufklärung für den CIA", notierte am 9. Juni 1988 die Stasi. Ammouri, der "auch Verbindung zum CIA hat", wurde "anders eingeschätzt. Er sieht vorrangig das Geldgeschäft und ist in zweiter Linie nachrichtendienstlich tätig".
Die Leute von der CIA waren offenbar besonders gute Kunden der Genossen. Mindestens viermal wurden zwischen 1982 und 1985 in Berlin-Schönefeld von der CIA-Tarnfirma St. Lucia Airways gecharterte Maschinen mit Kriegsgerät aus der DDR beladen. Die Amerikaner wollten die Qualität der Ost-Güter testen.
Käufer der Waffen war auch die Techaid International Limited, eine offensichtlich CIA-nahe Firma mit Filialen in London und Panama. Bei Imes wurde die Techaid auf einer internen "Kontaktliste" als Partner geführt.
"Kontaktperson" bei der mit der CIA verwobenen Firma war Loftur Johannesson, ein gebürtiger Isländer, Jahrgang 1930. Der Kaufmann wurde von den Genossen gut betreut. So durfte er in den geheimen DDR-Arsenalen eigene Kriegsgeräte wie sowjetische Panzerabwehrrohre vom Typ RPG-18 verstecken.
Bei einem Treffen in West-Berlin 1987 übergab Johannesson an Imes-Generaldirektor Erhard Wiechert eine Liste von Kaufwünschen über neun verschiedene Kriegsgeräte. Die DDR schickte ihm reichlich Schießzeug, im Gegenzug bot der Techaid-Mann an, "mit seinem Privatflugzeug den Transport eines Sonderimports nach Schönefeld durchzuführen" (Imes-Info).
Wie gut die Zusammenarbeit der Ko-Ko-Leute mit der CIA klappte, belegen immer wieder interne Aktenvermerke. So belieferte Imes den Techaid-Einkäufer Johannesson mit zwölf Militärfahrzeugen - kurz darauf meldeten Stasi-Späher, bei der CIA seien zwölf Fahrzeuge des Typs eingetroffen, die Techaid erhalten habe.
Die Kontakte mit dem Verbindungsmann zur CIA vermittelten den ostdeutschen Waffenschiebern auch Einblicke in die segensreiche Arbeit kapitalistischer Geldhäuser. Der Isländer mit der geheimen Verbindung hatte den Genossen in Ost-Berlin die Bank Cantrade in Zürich als Hausbank genannt. "Viele seiner Geschäfte mit dem Nahen und Mittleren Osten, insbesondere mit Saudi-Arabien", würden über diese Adresse abgewickelt, heißt es in den Imes-Akten.
Ein Imes-Mann flog sogar nach Zürich, um die Angaben zu überprüfen. Gesprächspartner der DDR-Waffenhändler waren laut Stasi-Bericht der Züricher Cantrade-Direktor Hermann ("Harry") Schaefer und der Leiter der Akkreditivabteilung. "In dem Gespräch bestätigte sich", heißt es in einem Stasi-Bericht vom 14. Oktober 1987, _____" daß Loftur Johannesson zu den wichtigsten Kunden " _____" dieser Bank gehört und dort auch bestimmte Vorzugsrechte " _____" genießt, die anderen Kunden nicht eingeräumt werden. Das " _____" betrifft insbesondere das Recht bzw. die Möglichkeit zur " _____" finanziellen Abwicklung von Geschäften über spezielle " _____" Technik über diese Bank, was diese nach Aussage von Herrn " _____" Schaefer ansonsten nicht tut. "
"Spezielle Technik" ist die DDR-Tarnvokabel für Waffengeschäfte, und der so freundlich erwähnte Waffen-Finanzier Cantrade ist nicht irgendeine Klitsche. Die Bank gehört mehrheitlich der Schweizerischen Bankgesellschaft, dem größten Geldhaus des Landes.
Lange und vergebens haben die Greifer von der Hauptverwaltung Aufklärung nach einem Verräter in den Waffenhändler-Reihen gesucht. Denn immer wieder ging bei den weltweiten Geschäften etwas schief.
Am 18. Juli 1985 wurde im saudiarabischen Hafen von Dschidda das Motorschiff "Sigmund Jähn" gestoppt. Der Inoffizielle Mitarbeiter "Wolfgang Wagner" teilte mit, daß Küstenschutz, Zoll- und Sicherheitsbehörden "gezielt nach 40-Fuß-Containern" gesucht hätten. Die Fahnder waren gut informiert: In genau solchen Containern war im Imes-Lager Kavelstorf bei Rostock viel Schießzeug für ein illegales Exportgeschäft versteckt worden.
Fast zeitgleich kam ein Alarmruf vom Motorschiff "Köthen", das, vollgepackt mit Waffen für die PLO, in Larnaka auf Zypern anlegen wollte. Der Kapitän meldete, daß die Zyprioten angekündigt hätten, sie wollten 23 Container öffnen.
"In diesem Zusammenhang ist bedeutsam", notierte ein Stasi-Leutnant, daß "nur die Mitarbeiter der DDR die exakte Anzahl der Container wissen konnten". Der Transport war offenbar von einem Insider verraten worden.
Offenbar durch Verrat flog auch 1985 ein skandinavisches Pulverkartell auf, das jahrelang explosives Zeug über die DDR in den Iran geschmuggelt hatte.
In den Akten finden sich noch Zeugnisse der Verwicklungen, die damals die Affäre mit dem Pulver aus dem Norden _(* Mit Familie und Personal vor seiner ) _(Villa in Marbella. ) auslöste: Der Direktor einer schwedischen Schmuggel-Firma hat - so heißt es in einem Brief vom 12. Oktober 1987 - für einen Prozeß "zu seiner Entlastung ein Schreiben auf Imes-Kopfbogen mit der Bestätigung erbeten", daß Sprengstoff und Pulver "an Produzenten in der DDR geliefert und dort auch weiter verarbeitet" worden seien.
Das war zwar gelogen, aber die Bitte wurde "durch den finnischen Vermittler vorgetragen, der androhte, bei negativer Entscheidung an offizielle politische Behörden in Helsinki heranzutreten".
Der Verdacht, ein Verräter zu sein, fiel auf den kleinen Imes-Mitarbeiter Klaus Fiedler, der mit dem Monatssalär von zuletzt 1650 Mark seit Februar 1985 bei der Firma beschäftigt war. Fiedler war, so notierte die Stasi, ein "ehemaliger Schulfreund des Verräters Stiller". Zu dem Überläufer Werner Stiller (SPIEGEL 13 bis 15/1992) habe sogar bis 1977 "eine persönliche und familiäre Verbindung" bestanden.
"In der Folge des Verrats von Stiller" hätten, für den Bundesnachrichtendienst beispielsweise, ausreichend "nachrichtendienstliche Möglichkeiten bestanden", den Imes-Mann zu kontaktieren.
Der Mann wurde fortan rund um die Uhr überwacht - vergebens. Fiedler war''s nicht. Der Staatsfeind wurde nie gefunden.
Wo sollte die Stasi ihn auch suchen in einer Branche, in der die schlimmsten Klassenfeinde die engsten Vertrauten waren?
* Mit Familie und Personal vor seiner Villa in Marbella.

DER SPIEGEL 19/1992
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