19.07.1993

Terrorismus„Sowieso kommt alles raus“

Neue Spuren, neue Verwirrung bei der Untersuchung des Fahndungs-Fiaskos von Bad Kleinen: Der dritte Mann, der zwei Jahre lang die RAF ausspähte, darf nichts sagen. Und Züricher Gutachter meinen, in einer ersten Wertung, der Todesschuß auf den mutmaßlichen Terroristen Grams stamme aus dessen eigener Waffe.
Der Typ ist bekannt in den Winkeln der linken Szene. Bei allen großen Demonstrationen in Rhein-Main war er dabei, für die Anarchos der "Schwarzen Hilfe", die früher Arbeiter in den Fabriken agitierten, empfand er Sympathie.
Etabliertes schien Klaus St., 33, durch und durch suspekt. Von der SPD und den Grünen hat er nie viel gehalten. Er schwärmte statt dessen für die spanischen Syndikalisten der dreißiger Jahre - ein Linker, irgendwo im Gestrüpp der Theorien zwischen Michail Bakunin und Che Guevara.
Bei Terrorfahndungen schauten die Ermittler früher gelegentlich in seine Bude. Den Staatsschützern war Klaus St. als Unterstützer der Terroristen ein Begriff.
Von den Besuchen der Polizei hat er Freunden berichtet, stolz, als sei er ausgezeichnet worden. Zum alternativen Lebensentwurf paßte seine Wohngemeinschaft ebenso wie die vielen Frauengeschichten, die ihm den Ruf eines linken Casanova einbrachten.
Nur so einer konnte es schaffen, als Spitzel des angeblich verhaßten Staates an die angeblich größten Staatsfeinde heranzukommen - jene schattenhafte dritte Generation der terroristischen Roten Armee Fraktion (RAF).
Als Klaus vor knapp zwei Jahren die Seite wechselte und, nach einiger Überredung, mit den Experten des Mainzer Verfassungsschutzes zusammenarbeitete, erschien die RAF den Fahndern nur noch als Schemen.
Da war niemand, auf den sich die Jagd konzentrieren konnte. Kein Dr. No, keine Mrs. Big, kein böses Gehirn. Nur ein paar Steckbriefe, von denen niemand so recht wußte, ob sie noch stimmten. "Man kann den Kopf der Schlange nicht abhauen", sagte ein Terrorfahnder, "wenn man gar nicht weiß, ob sie einen Kopf hat."
Klaus mit den vielen Verbindungen lieferte nicht nur Berichte über die Szene der Sympathisanten ab. Er brachte, als Technik-Freak, das Computersystem der Terroristen auf Vordermann und schaffte es schließlich auch, sich in die Zellen der RAF einschleusen zu lassen.
Im Frühjahr traf er in Paris eine Frau, die bei der Geisterarmee angeblich oben rangierte. Sie redeten über Gott und die Welt und natürlich über die RAF.
Auch die Initiative des Liberalen Klaus Kinkel, RAF-Häftlinge vorzeitig aus dem Knast zu entlassen, soweit das rechtlich möglich ist, war Gesprächsstoff. Die RAF-Frau fand Gefallen an dem Kavalier aus der Szene.
Als er von der Seine zurückkam, legten ihm die Terrorfahnder viele Bilder vor: Klaus St., dessen voller Name dem SPIEGEL bekannt ist, identifizierte die gesuchte RAF-Verdächtige Birgit Hogefeld, 36, die von den Ermittlern dem harten Kern der Truppe zugerechnet wird. Auch die leichte Gehbehinderung, die Hogefeld wegen eines Hüftleidens hat, war ein Erkennungszeichen.
Am 13. Mai kam die geheime Koordinierungsgruppe zur Terrorbekämpfung zusammen, in der alle oberen Sicherheitsbehörden vertreten sind. Die Berichte von Supermann Klaus versetzten die Ermittler in Begeisterung.
Noch nie zuvor war es gelungen, einen V-Mann in die Nähe des RAF-Kerns zu spielen. Nun schien sich, zum erstenmal in der 23 Jahre währenden Geschichte der RAF-Fahndung, eine phantastische Möglichkeit zu eröffnen: die Kader Mann für Mann, Frau für Frau aufzuspüren und damit die blutige Geschichte der Roten Armee Fraktion unblutig zu beenden.
Die historische Chance ist vertan. Bei der Wildwest-Ballerei im mecklenburgischen Provinznest Bad Kleinen am Sonntag vor drei Wochen wurde Hogefeld zwar gefaßt, an ihrer Handtasche fanden sich später Fingerabdrücke von drei Personen aus dem RAF-Umfeld. Doch bei der Aktion starben der Polizist Michael Newrzella, 25, und der mutmaßliche RAF-Aktivist Wolfgang Grams, 40. Und Klaus ist verbrannt, für die Fahnder wertlos: Die Sicherheitsbehörden halten ihn offenbar unter Verschluß, er muß nun selbst vor Vergeltungsaktionen geschützt werden.
Bei der Aufarbeitung der Polizei-Aktion, deren wirklichen Ablauf bisher weder Gutachter noch Amtschefs, weder Politiker noch Staatsanwälte klären konnten, scheint nur noch das Chaos eine kalkulierbare Größe. "Ein Gespinst von Leichtsinn, Dilettantismus und Wahrheitsscheu", so hat Altkanzler Helmut Schmidt in der Zeit das Durcheinander kommentiert.
Politiker, die ihre Politik als Naturverhängnis erfahren, das, wie die Wetterlage, unberechen- und unbegreifbar ist, bestimmen in Bonn das Bild. Das Elend hat seinen Doppelnamen: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, FDP-Justizministerin in Bonn.
Mutig hatte sie vorletzte Woche das Kartell des Schweigens angeprangert: "Die sollen doch erzählen, wie die Planungen waren, was macht das?" Mit gesenktem Kopf reihte sie sich vorige Woche dann vor den Abgeordneten des Rechts- und des Innenausschusses in die Koalition der Stummen ein. Auch sie durfte kein Sterbenswort zur Vorbereitung der Aktion sagen.
Viel Mummenschanz und Geheimnistuerei. Einen Tag nach dem Fiasko von Bad Kleinen trafen sich in der Kölner Merianstraße 100 beim Bundesamt für Verfassungsschutz die obersten Schlapphüte aus Bund und Ländern. Die Geheimdienst- und Sicherheitschefs wollten alles erfahren, vertraulich natürlich.
Verfassungsschutzchef Eckart Werthebach, ein Profi, blieb kühl. "Auch für diesen Kreis" gebe es eine Nachrichtensperre, teilte er mit. Er erntete aufgeregten Widerspruch; ein Behördenchef: "Das darf doch nicht wahr sein." Und der Präsident eines Landesamtes zeterte: "Ihr spinnt, das ist doch Quatsch, es kommt doch sowieso alles heraus."
Das ist auch wieder wahr, schließlich ist es eine schöne Geschichte.
Klaus und die anlehnungsbedürftige Aktivistin haben sich, nach der Episode in Paris, immer wieder getroffen. Und die Lauscher von der Polizei waren stets dabei, um auch das leiseste Gesäusel mitzubekommen.
In verschwiegenen Nestern in Rheinland-Pfalz waren sie zusammen und auch an der Küste in Lübeck. Am Abend des 25. Juni klingelten sie an der Tür eines Einfamilienhauses in Wismar.
Für 30 Mark pro Kopf und Nacht mieteten sie im Souterrain eine leicht dämmrige und etwas feuchte Wohnung im Stadtteil Wendorf. Birgit Hogefeld nannte sich Doris Peters, Klaus hieß Klaus, und als Wohnort gaben sie eine Adresse in Kaarst bei Düsseldorf an, wo es die ahnungslosen echten Peters wirklich gibt.
Das Liebesnest, eine kleine, zugestellte Wohnung mit orange-brauner Riesengarnitur, roten Bettlampen, einer alten Schminkkommode und gehäkelten Deckchen, war die ideale spießige Tarnung, exotisch wirkte nur das Bild eines lächelnden Eskimos.
Die triste Idylle haben die beiden am Vormittag des 27. Juni verlassen, des Sonntags, der für Staat und Staatsfeinde so verhängnisvoll enden sollte. Um 11.04 Uhr gingen sie zu einer Bushaltestelle.
Unauffällig folgte ein Lieferwagen, im Innern hockte ein bewaffneter Trupp von Beamten der Grenzschutz-Sondereinheit GSG 9. Sie wollten die mutmaßlichen Terroristen packen. Jedes Wort bekamen die Beamten mit, denn Klaus St. hatte eine Wanze bei sich.
Etwa 60 Sekunden vor dem Zugriff sagte Birgit Hogefeld, sie könnten sich am Mittag in Bad Kleinen mit einem Freund treffen. Die Einsatzleitung hörte mit, beriet sich kurz und blies dann in letzter Sekunde die Aktion ab. Ein noch größerer Fang schien möglich. In Bad Kleinen wartete eine Sondereinheit. Den Ermittlern war aufgefallen, daß sich die Frau mit dem Mann gern in Orten verabredete, die mit einem B und einem K anfangen - Bernkastel-Kues an der Mosel zum Beispiel. Die BK-Orte in Mecklenburg waren schnell ermittelt.
"Die Vorphase bis zum Zugriff", berichtete der Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Hans-Ludwig Zachert, sei "wirklich beispielhaft gut gewesen". Doch dann mußten Zachert und Grenzschutz-Inspekteur Fredi Hitz am Montag voriger Woche den Mitgliedern des Innen- und des Rechtsausschusses Details der "chaotischen Festnahmeaktion" (Leutheusser-Schnarrenberger) präsentieren. Lauter Geschichten an der oberen Grenze der Dubiosität.
Mindestens sechs bestausgebildete Beamte, Polizisten im Alter zwischen 23 und 30 Jahren, hatten mindestens 33 Schuß auf den feuernden Grams abgegeben. Forsch schilderte Zachert, was angeblich passierte, nachdem zwei Beamte zu dem verletzten Grams vorgestürmt waren: _____" Beide sicherten in stehender, leicht vorgebeugter " _____" Haltung den im Gleis 4 liegenden Grams. Einer der Beamten " _____" - er ist bekannt - legte die etwa 20 Zentimeter neben " _____" Grams' rechter Hand liegende Waffe auf den Bahnsteig. Aus " _____" Gründen der Spurensicherung hat er vorschriftsmäßig einen " _____" Handschuh angezogen, als dies geschah. "
Der frühere Justizminister Jürgen Schmude (SPD) war offenbar irritiert: _____" Herr Zachert, Ihre Darstellung der Sicherung der " _____" Waffe des tödlich verletzten Grams erscheint mir nicht " _____" plausibel. Sie haben gesagt, sie habe 20 Zentimeter von " _____" ihm entfernt gelegen. Ein Beamter habe sie aufgenommen " _____" und auf den Bahnsteig gelegt. Dann haben Sie hinzugefügt, " _____" um aber keine Spuren zu vernichten, habe sich dieser " _____" Beamte einen Handschuh oder so etwas übergezogen. Das ist " _____" dann wohl geraume Zeit nach Sicherstellung der Lage " _____" passiert; denn normalerweise entfernt man ja die Waffe " _____" von einem am Boden Liegenden, um ihm den weiteren Zugriff " _____" unmöglich zu machen. Dazu zieht man sich keinen Handschuh " _____" an. Da geht es um Sekunden. Das sollten Sie bitte noch " _____" einmal aufklären. "
Der BKA-Chef ließ die Frage zunächst unbeantwortet. Erst als Schmude nachsetzte, druckste Zachert herum: _____" Herr Abgeordneter, Entschuldigung, das habe ich " _____" übersehen. Ich muß da in der Tat noch einmal nachfassen. " _____" Das erscheint mir in diesem Punkt ebenfalls " _____" etwas ungenau. Gestatten Sie bitte, daß ich da noch " _____" einmal nachfasse. Das ist ein Punkt, der vernehmungsfähig " _____" noch nicht ganz abgeschlossen zu sein scheint. Ich danke " _____" Ihnen sehr für den Hinweis. "
Die Stümperei bei der Aufklärung des Desasters sucht in der ohnehin pannenreichen Geschichte der RAF-Fahndung ihresgleichen. Die Widersprüche unter den Experten, die Fehler bei der Nachbereitung ließen den Ton unter den Abgeordneten zuweilen bitter werden.
Fest stand für die Politiker nur, daß der mutmaßliche Terrorist Wolfgang Grams an den Folgen eines aufgesetzten Kopfschusses gestorben ist. Unklar war bis Ende voriger Woche, 20 Tage nach der mißglückten Polizeiaktion, nach wie vor, aus welcher Waffe der tödliche Schuß kam und wer schoß. Die Beamten des Zugreifkommandos waren mit Pistolen der Marke Heckler & Koch P-7 ausgerüstet, Munition: Para Geco Kaliber 9 Millimeter von Dynamit Nobel.
Erst am 9. Juli teilte ein Einsatzleiter mit, daß ein Beamter eine österreichische Pistole vom Typ Glock 17 getragen habe, wie sie zum Beispiel Kampftaucher benutzen. Aber er kommt als Schütze wohl nicht in Betracht - er soll auf Bahnsteig 1 gestanden haben.
Welche Spuren an welchen Polizeiwaffen durch Schlampereien für immer vernichtet wurden, läßt sich womöglich nie mehr feststellen. "Wenn man aus nächster Nähe in einen Kopf schießt", erläutert der renommierte Ballistik-Experte Karl Sellier, 68, "fliegt jede Menge Gewebe entgegen der Schußrichtung" (siehe Interview Seite 26).
Eine sorgfältige Spurensicherung aller Waffen wäre nötig gewesen, doch sie fiel aus. Zachert vor den Abgeordneten des Innen- und des Rechtsausschusses: _____" Am 28. Juni 1993 um 14 Uhr - während der Obduktion " _____" von Grams - ging telefonisch die Mitteilung ein, daß die " _____" Waffen an den Mündungen nach serologischen Anhaftungen zu " _____" untersuchen seien . . . Es konnten nur an einer Waffe, an " _____" der Grams-Waffe, an der Kante des Mündungsbereichs und im " _____" Lauf jeweils geringfügige Blutanhaftungen festgestellt " _____" werden. "
Alle anderen untersuchten Waffen, mußte Zachert auf Fragen des FDP-Abgeordneten Burkhard Hirsch zugeben, waren zu Prüfzwecken schon "beschossen" worden, so der Fachjargon. Zachert: "Das ist richtig."
Das Protokoll vermerkt an dieser Stelle einen Zuruf aus der CDU/CSU: "Junge, Junge, absichtlich?"
Das alles, so die Befürchtung von Abgeordneten, sieht nach einem gewaltigen Vertuschungsmanöver aus. Sicher ist, daß es im Fall Grams außergewöhnlich viele Pannen gegeben hat.
So kamen nach ersten Teilgutachten über den Todesschuß zwei Gerichtsmediziner, der Lübecker Professor Manfred Oehmichen und der Münstersche Professor Bernd Brinkmann, zu widersprüchlichen Ergebnissen.
Oehmichen ging nach Schußversuchen davon aus, daß Grams mit einer bislang unbekannten dritten Waffe erschossen wurde. Brinkmann schloß die Polizeipistole als Tatwaffe aus und tippte auf den Ballermann von Grams, eine CZ M 75 des tschechischen Herstellers Bruenner.
"Wir können nicht erwarten", hat der Leitende Schweriner Oberstaatsanwalt Gerit Schwarz die Parlamentarier aufgeklärt, "daß wir durch diese Untersuchungen einen glasklaren Ablauf des fraglichen Kopfschusses erhalten."
Eine wichtige Rolle wird das Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich spielen, das in Kürze vorgelegt werden soll. Am Anfang vergangener Woche wirkten die Eidgenossen noch einigermaßen ratlos.
Sie verschickten Faxe mit vielen Fragen an Bundesanwaltschaft, Polizeibehörden und die Staatsanwaltschaft Schwerin. Die Züricher klagten, sie hätten eine Vielzahl von Asservaten erhalten: Waffen, Hülsen, Geschosse, Patronen und Magazine. Unklar aber sei, woher das Zeug eigentlich stamme.
Immerhin: Am Donnerstag voriger Woche reisten Oehmichen und Brinkmann in die Schweiz, um den schwierigen Fall zu diskutieren. Die Schweizer glauben mittlerweile, so ein erster Tenor ihrer voraussichtlichen Wertung, daß die Tatwaffe die Grams-Pistole war.
Diese Feststellung muß nicht unbedingt zum Täter führen. Zumindest bliebe die theoretische Möglichkeit, daß ein Polizist mit dieser Waffe geschossen hat.
Auch ein Motiv für eine solche ungeheuerliche Tat, bisher einmalig im Rechtsstaat Bundesrepublik, wäre denkbar. Der junge GSG-9-Beamte Newrzella hat den Tod geahnt. "Ich bin getroffen", rief er laut, und: "Ich sterbe." Hat ein GSG-9-Kamerad danach, aus Rache oder im Affekt, den vermeintlichen Mörder Grams erschossen?
Die GSG-9-Beamten bestreiten das nach wie vor heftig. Bei den Vernehmungen steuerten sie bisher aber wenig zur Aufklärung bei. Obwohl sie dichter als jeder andere an Grams dran waren, wollen sie so recht nichts mitbekommen haben. Noch nicht einmal für die sie entlastende Version, Grams habe Selbstmord begangen, fand sich ein Zeuge. Aber in einem Punkt, da sind die Elite-Polizisten ganz sicher: Ein Mord aus Rache sei nicht drin.
Die Gutachter müssen nun auch klären, ob Grams durch einen weiteren Nahschuß in den Bauch getroffen wurde. Zachert schloß das vor den Abgeordneten nicht aus: _____" Man kann von einem Nahschuß insofern sprechen, als " _____" aus sehr dichter Distanz geschossen worden ist . . . Es " _____" kann sich allenfalls eben um die enorme Zerreißung " _____" handeln, die aufgrund der Obduktion sichtbar geworden " _____" ist. Aber ich bin kein Obduzent. "
Aufklärung durch Videos wird es nicht geben. Zwar war ein Dokumentationstrupp des BKA mitgereist, aber er soll nach Zacherts Darstellung nicht eingesetzt worden sein. Begründung: Die "mobile Situation" habe einen solchen Auftrag unmöglich gemacht.
Nach dem, immer noch vorläufigen, Stand von Ende voriger Woche ist nach der Schießerei ein GSG-9-Beamter mit seiner privaten Kamera aufgetreten und hat ein Filmchen vom Ende des Wolfgang Grams aufgenommen. Das Original bekamen die Schweriner Staatsanwälte nicht zu sehen, sie erhielten nur lausig zusammengeschnittene Kopien.
Auch Zeugen, die vernommen wurden, können den Ablauf der verpatzten Aktion nicht klären. Ihre Aussagen sind widersprüchlich, manchmal lückenhaft. "Auch uns", hat Oberstaatsanwalt Gerit Schwarz den Bonner Parlamentariern erklärt, "fallen fortlaufend neue Fragen ein, die wir bei der ersten Vernehmung noch gar nicht drauf hatten."
Die Schweriner Ermittler wollen offensichtlich wirklich die Wahrheit erfahren. Die Mitglieder des Innen- und des Rechtsausschusses erlebten, daß sich die Mecklenburger nicht von Bundesbehörden abspeisen lassen.
Ebenso wortreich wie hartnäckig hatte Bundesanwalt Gerhard Löchner, ein altgedienter Karlsruher Terrorismus-Experte, die Aussagen einer Zeugin in Frage gestellt, die angeblich die Exekution von Grams beobachtet haben wollte. Das Protokoll vermerkt an dieser Stelle den Einspruch des mecklenburgischen Justizministers Herbert Helmrich (CDU). Die Niederschrift: _____" Bundesanwalt Löchner: Ich war noch nicht fertig. " _____" Helmrich: Nein, nein, aber ich habe mich trotzdem " _____" gemeldet. Hier geht es um die Aussagen einer sehr " _____" wichtigen Zeugin zu verschiedenen Zeiten. Sie werden " _____" jetzt auseinandergepflückt und die Widersprüche in einer " _____" Halböffentlichkeit dargestellt . . . Ich habe Zweifel, ob " _____" es sinnvoll ist, daß das hier erörtert wird. "
Oberstaatsanwalt Schwarz schilderte dann den Fall des Antiterror-Spezialisten, der als Augenzeuge dem SPIEGEL erklärt hatte, Grams sei nach seiner Beobachtung regelrecht exekutiert worden. Schwarz: _____" Wir müssen zusätzlich die widersprüchlichen " _____" Zeugenaussagen aufklären. Es ist ganz bezeichnend, auch " _____" der SPIEGEL hat offenbar einen Informanten, der ihm einen " _____" Sachverhalt schildert, den ich aus den Vernehmungen so " _____" nicht kenne. Ich kenne ihn nur aus dem SPIEGEL. Der " _____" SPIEGEL hat mit gutem Recht abgelehnt, diesen Informanten " _____" zu benennen. Ich muß gleichwohl darauf eingehen und " _____" sehen, ob etwas daran ist. " _____" Zuruf von der CDU/CSU: Gutes Recht nicht! " _____" Schwarz: Es ist ein, denke ich, grundgesetzlich " _____" verbürgtes Recht, uns diesen Informanten nicht zu nennen. "
Solcher Zeugenschutz aber paßt manchem Amtschef jetzt nicht ins Bild. Dabei ist bezeichnend, daß sich das BKA bis Ende voriger Woche geweigert hat, den Staatsanwälten selber konkrete Hinweise auf einen Zeugen zu geben - den V-Mann Klaus St.
Klaus kann durchaus zu einem Politikum ersten Ranges werden. Noch ist nicht geklärt, welches Wissen er in den zwei Jahren seiner Späherarbeit über RAF-Aktionen besaß und ob er, am Ende mit Kenntnis seiner V-Mann-Führer im Mainzer Verfassungsschutz, an Anschlägen wie der Sprengung des Gefängnisneubaus von Weiterstadt Ende März beteiligt war. Für solche Verstrickungen wären wohl nicht nur Behördenchefs und Landesinnenminister verantwortlich, sondern auch der SPD-Kanzlerkandidat und Mainzer Ministerpräsident Rudolf Scharping.
Zwar erklärte Landesinnenminister Walter Zuber (SPD) am Freitag voriger Woche, der Regierungschef habe erstmals am 4. Juli 1993 von Klaus erfahren. Doch Wahlkampfmunition für 1994 wäre das allemal: Wenn Scharping wirklich nichts wußte, hat er dann seine Landesbehörden im Griff?
Die Spurensuche wird noch dauern.
Nur eine Stunde nach dem Verschwinden von Hogefeld und Klaus in Wismar mietete ein etwa 40 Jahre alter Mann die Souterrain-Wohnung.
Die Wäsche war noch nicht gewechselt, aber das machte ihm nichts - genau diese Wohnung wollte er haben. Er verschwand, kehrte zurück und verabschiedete sich am Montag. Die Vermieter, ein neues Rätsel, halten den Unbekannten für einen getarnten Polizeibeamten - bei heimlicher Spurensuche.
Auch die Verwirrung um den Superspitzel Klaus St. hält an. Aus Wiesbaden schrieben Freunde und Freundinnen Ende voriger Woche einen offenen Brief (siehe Kasten Seite 28): "Du mußt erklären, was in Bad Kleinen passiert ist, was ist mit Dir in Bad Kleinen passiert."
Klaus, so die Legende, ist nach der Ballerei kurz in die Szene zurückgekehrt und dann doch in die Obhut der verhaßten Justiz gebracht worden. Er hinterließ Fassungslosigkeit. Y

DER SPIEGEL 29/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 29/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Terrorismus:
„Sowieso kommt alles raus“

  • Videoreportage zu seltenen Krankheiten: "Du denkst, das Kind stirbt"
  • Dugongbaby Marium: Thailändische Seekuh stirbt mit Plastik im Bauch
  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott