19.07.1993

AtommüllKleine Erblast

Plutonium-Reste aus DDR-Betrieben liegen ungesichert in Ostdeutschland. Bund und Länder können sich nicht über die Entsorgung einigen.
Der Hilferuf an den Bonner Umweltminister kam aus der Chefetage des Essener Bauunternehmens Hochtief. Wolfhard Leichner, für Technik zuständiges Vorstandsmitglied, bat Klaus Töpfer (CDU) vergangene Woche, ihn von einem kleinen, aber hochbrisanten Stück Müll zu befreien.
Die Baumanager plagen sich mit einer alten Stahlkapsel, etwa so groß wie eine Filmdose. Der Inhalt: Plutonium.
Den strahlenden hochgiftigen Stoff hat Hochtief zusammen mit dem Ostbetrieb "Tief- und Talsperrenbau Weimar" übernommen. Das Vorgänger-Unternehmen hatte zu DDR-Zeiten die sogenannte Neutronenquelle für Messungen verwendet. Nun liegt das Strahlending in einem Bleibehälter im Labor des 200-Mann-Betriebs - und niemand weiß, wohin damit.
Immer wieder verhandelte der Hochtief-Strahlenbeauftragte Dieter Bahr mit den Thüringer Behörden über die kleine Erblast. Doch das Land erklärte sich beharrlich außerstande, das Plutonium zu beseitigen. Der Hilferuf in Bonn brachte jedoch auch nichts: Die Entsorgung sei Ländersache, ließ Töpfer nach Essen ausrichten. Fertig.
Der Bonner pocht auf die Kompetenzordnung, weil er einen Präzedenzfall fürchtet.
In Ostdeutschland lagern etwa eineinhalb Kilogramm Plutonium, verteilt über das Land in winzigen Portionen. Betroffen sind vor allem kleine und mittlere Unternehmen der Baubranche, darunter auch Treuhand-Betriebe. Einen Teil der über 300 Strahlenquellen, die bis zu 150 Gramm Plutonium enthalten, haben die Landesbehörden bereits an zentralen Stellen wie dem Kernkraftwerk Greifswald untergebracht. Der Rest lagert noch bei Betrieben und Forschungsinstituten.
Die Plutonium-Besitzer sind Leidtragende einer absurden Situation: Weniger gefährliche Stoffe können die Unternehmen problemlos weggeben - dafür gibt es in allen Ost-Ländern Sammelstellen. Die haben aber meist keine Genehmigung für die Annahme so giftiger Stoffe wie Plutonium. Die Folge: Gerade das besonders heikle Material lagert bei den Betrieben.
Da liegt es schlecht. Plutonium, warnt Christian Küppers vom Öko-Institut Darmstadt, sei "das Giftigste, was Menschen jemals erfunden haben". Winzige Mengen, mit dem Auge gar nicht mehr wahrnehmbar, führen bereits zu Leber-, Knochen- und Lungenkrebs.
Schlimmstes Szenario der Strahlenschützer: Plutonium-Staub könnte in _(* Vor dem Plutonium-Lager in Weimar. ) Klimaanlagen großer Bürogebäude oder ins Trinkwasser eingeschleust werden. "Eine einzige Strahlenquelle würde reichen, um einen Stadtteil wie Berlin-Kreuzberg außer Gefecht zu setzen", warnt Michael Roelen, Geschäftsführer der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges. "Da müßten hunderttausend Leute auf einen Schlag evakuiert werden."
Solche Überlegungen hält Herwig Paretzki, Direktor des bundeseigenen Instituts für Strahlenschutz in München, für "unwahrscheinliche Rechenspiele". Aber auch er sagt: "Die kleinen radioaktiven Quellen machen uns viel mehr Bauchweh als alle Atomkraftwerke zusammen. Da ist schwerer zu kontrollieren, daß das Zeug nicht an die Falschen gelangt."
Das ist möglicherweise schon passiert. Zwei der strahlenden Stahlkapseln sind nicht auffindbar. Eine ging vermutlich noch zu DDR-Zeiten verloren, das Schicksal der anderen ist völlig unklar.
Wahrscheinlich ist in den Wirren des DDR-Untergangs noch viel mehr verschwunden. In einer internen Aufstellung des Dresdner Umweltministeriums heißt es beispielsweise, in Sachsen gebe es eine schwer abschätzbare "gewisse Dunkelziffer" an Plutonium-Quellen.
So fahnden Strahlenexperten überall im Osten nach Rauchmeldern aus Uralt-Sowjetproduktion. Eine große Zahl der plutoniumhaltigen Spürgeräte hing in DDR-Betrieben. Einige tausend soll es davon in den neuen Ländern noch geben, aber die genaue Zahl und Lagerstätten kennt niemand.
Die kleinen Rauchmelder (Plutonium-Gehalt: vier bis acht Milligramm) sind mittlerweile zur Handelsware auf dem Atom-Schwarzmarkt geworden. Im April wurden bei einem Einbruch in einem Technik-Handelsunternehmen im sächsischen Delitzsch 120 plutoniumhaltige Rauchmelder gestohlen. In Berlin flogen gerade erst einige Händler auf, die solche Strahler verhökern wollten.
Der Bund könnte, anders als die meisten Ost-Länder, sämtliche Plutonium-Kapseln vergleichsweise problemlos unterbringen. Schließlich lagern im bundeseigenen Plutonium-Bunker in Hanau sowieso 1,2 Tonnen des Kernbrennstoffs.
"Die Strahlenquellen aus Sachsen ließen sich bequem in drei Schuhkartons unterbringen", empört sich deshalb Siegmar Nagel, Referatsleiter für Kernanlagen im Dresdner Umweltministerium. "Dafür muß doch in Hanau noch irgendwo Platz sein."
Ist aber nicht. Bund und Länder haben sich statt dessen in einen skurrilen Streit um die richtige Auslegung des Atomgesetzes verstrickt.
Bonn pocht darauf, daß es sich bei den Giftkapseln rechtlich um radioaktive Abfälle handelt. Dafür sind laut Atomgesetz tatsächlich die Länder zuständig. Die wiederum führen Paragraphen an, wonach die Quellen Kernbrennstoffe sind - und damit Sache des Bundes.
Die Lösung des Problems stellt sich Töpfer so vor: Solange ein Land keine geeigneten Sammelstellen hat, sollen Forschungsinstitute und Unternehmen mit strahlensicheren Lagerräumen dazu verpflichtet werden, auch fremde Plutonium-Quellen aufzunehmen.
Schlechte Aussichten für die Hochtief-Manager: Weil die Weimarer Niederlassung einen so guten Panzerschrank hat, muß sie womöglich auch noch den Strahlenmüll der Konkurrenz bei sich einquartieren. Y
* Vor dem Plutonium-Lager in Weimar.

DER SPIEGEL 29/1993
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