19.07.1993

CSUHalleluja mitananda

Der christsoziale Peter Gauweiler mißbraucht den Engel Aloisius, literarische Figur Ludwig Thomas, im Münchner Oberbürgermeister-Wahlkampf.
Wenn im Münchner Hofbräuhaus längst die Sperrstunde geschlagen hat, wenn die allerletzten Bierdimpfl, Noagerlschlucker** und Japaner aus der Schwemme gekehrt worden sind - dann hockt, unsichtbar, nur noch einer an seinem Stammtisch bei der Schänke 3. Jede Nacht, und das schon seit mehr als 70 Jahren.
Es ist der legendäre Gepäckträger Alois Hingerl, jener bierselige "Münchner im Himmel", den Bayerns Dichterfürst Ludwig Thoma einst in Engelsgestalt einfliegen ließ, damit er der bayerischen Staatsregierung die göttliche Eingebung verabreicht.
Daß der Überirdische nie bei der Regierung gelandet, sondern auf immer und ewig im Hofbräuhaus hängengeblieben ist, weiß im Freistaat jeder Pennäler. Gleichwohl wurde immer mal wieder der untaugliche Versuch unternommen, dem Engel Aloisius seine geheimnisvolle Botschaft zu entlocken - oder eine anzudichten.
Solange es bei literarischen oder kabarettistischen Interpretationen blieb, konnte das gerade noch angehen. Aber zum Entsetzen vieler Thoma-Freunde wird mit dem braven Dienstmann jetzt erstmals auch parteipolitisch Schindluder getrieben.
Im Wahlkampf um das Amt des Münchner Oberbürgermeisters, der am 12. September gekürt wird, mißbraucht CSU-Kandidat Peter Gauweiler, 44, den Engel Aloisius derzeit auf dreiste Weise. Der bayerische Umweltminister und Münchner CSU-Vorsitzende usurpierte die fabelhafte Rolle, projizierte die Zauberkunde aufs Rathaus am Marienplatz und ließ auf Plakaten in Wort und Bild verbreiten: "Der wahre Alois Hingerl heißt Peter Gauweiler."
Es hagelte Proteste bis hin zur juristischen Androhung. Dabei geht es weniger um Thomas Text als um das Abbild des klassischen Grantlers Aloisius, dem das Grafiker-Ehepaar Traudl, 63, und Walter Reiner, 68, aus Fischbachau in den sechziger Jahren mit Bilderbüchern und Zeichentrickfilmen zu unsterblicher Berühmtheit verholfen hat.
Der schnauzbärtige Kobold im Nachthemd ist urheberrechtlich geschützt, seine Schöpfer haben ihn für allerlei Kitsch und Krimskrams vermarktet. Einmal im Jahr gaukelt er auf der Wies''n über dem Hofbräuhaus-Zelt.
Als Gauweilers Wahlkampfstrategen den Münchner Engel einplanten, holten sie sich eine Abfuhr. Die Reiners wollten ihre Figur in diesem Fall auch für viel Geld nicht hergeben. "Der Engel Aloisius", beschieden sie, "hat mit Parteipolitik nichts zu tun."
Dennoch: Wie aus den Werken seiner Urheber entsprungen, schwebte das Hingerl-Engerl jetzt auf Wahlplakaten der CSU über Münchens Altstadt ein und schwenkte frohlockend seine "himmlischen Eingebungen".
Die Strategen in der Werbeagentur der CSU glaubten zwar, sie hätten sich mit geringfügigen Änderungen des Hingerl-Bildes gegen Klagen abgesichert. Agenturchef Hajo Forster: "Solche Engel gibt''s doch unzählige." Aber es war offenkundig ein glattes Plagiat. "Die haben unsere ganze Technik abgekupfert", fand Walter Reiner und beauftragte seinen Anwalt Max Wieland, gegen "Aloisius Gauweiler" vorzugehen.
Wieland wies die Münchner CSU letzte Woche auf einschlägige Gerichtsentscheidungen hin, wonach beispielsweise die populäre Comic-Figur Asterix auch nicht annäherungsweise imitiert werden darf. Und Gauweilers Werber versicherten immerhin schon, sie würden ihren Darsteller kräftiger umgestalten. Von der frohen Botschaft von oben wollen sie aber nicht lassen.
Denn die ist wirklich grandios. Sie suggeriert: Der Oberbürgermeister-Aspirant Gauweiler, der den populären Sozialdemokraten Georg Kronawitter beerben und dessen Nachfolgekandidaten Christian Ude besiegen will, hat den Segen von Franz Josef selig; er wird auf wunderbare Weise und auf kürzestem Weg von CSU-Gottvater Strauß inspiriert.
Die Assoziation verdichtet sich, wenn bei Gauweilers Wahlkundgebungen der Dienstmann Alois Hingerl auch leibhaftig erscheint und die neue Rangordnung im christsozialen Himmel verkündet: Da habe, gluckst dann der Schauspieler Max Griesser, die "Heilige Dreifaltigkeit" zugunsten des verstorbenen Ministerpräsidenten und CSU-Chefs Franz Josef Strauß abgedankt - "Halleluja mitananda!" ** Bayerisch für jemanden, der die Reste (Noa- _(gerl kommt von Neige) austrinkt. * Mit ) _(Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber ) _(und Aloisius-Darsteller Max Griesser ) _(beim CSU-Wahlkampfauftakt im Münchner ) _(Hofbräuhaus. )
Dieser Mime, der nicht im Hofbräuhaus versumpft, sondern seine glorreichen Ratschläge auftragsgemäß im bayerischen Umweltministerium abliefert, wird der CSU nicht streitig gemacht werden können. Fraglich ist nur, ob die versprochenen Korrekturen am Plakat den Ansprüchen der Aloisius-Erfinder genügen.
Den Schnauzbart, der auch Peter Gauweiler ziert, müssen die Plagiatoren ihrem Kerlchen wohl kaum abnehmen. Aber vielleicht verpassen sie ihm anstelle des weißen Leiberls und des roten Dienstmannkäppis besser einen Batman-Drillich und lassen ihn auch nicht über der Frauenkirche flattern, sondern über der Kleine-Leute-Kirche Mariahilf in der Giesinger Au.
Wie das Techtelmechtel um den Wahlkampf-Wunderengel auch ausgehen mag - der authentische Dienstmann Alois Hingerl, das kann den Thoma-Verunstaltern nicht oft genug in den Schnauzer gerieben werden, kommt mit seiner Botschaft niemals ans Ziel. Das eben ist die Botschaft, wie auch das Hofbräuhaus sein wahrer Himmel ist. "Und da", diktierte der Dichter, "hockta heit no." Y
** Bayerisch für jemanden, der die Reste (Noagerl kommt von Neige) austrinkt. * Mit Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber und Aloisius-Darsteller Max Griesser beim CSU-Wahlkampfauftakt im Münchner Hofbräuhaus.

DER SPIEGEL 29/1993
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