19.07.1993

AussiedlerAbendfrieden in Straße 4

Das Festschwein hängt kopfunter vom Holzgerüst und stinkt nach verbranntem Fleisch. Auf dem Hinterhof der Familie Dietz schmurgeln die Männer mit einem Lötbrenner dem toten Tier die Borsten vom Leib, anschließend waschen sie den fettigen Ruß ab.
Morgen soll die Sau Ehre einlegen für das Dorf, denn morgen ist ein Festtag. Die Gemeinde wird hundert Jahre alt; das wird gefeiert mit deutschem Schweinegulasch und viel, viel Wodka. Zum Nachtisch werden die Frauen Riwelkuchen servieren, eine Spezialität, die in Deutschland als Streuselkuchen bekannt ist.
Deutschland ist rund 4000 Kilometer entfernt vom Festplatz des deutschen Dorfes Alexandrowka in der sibirischen Steppe. Und die ganze weite Strecke ist der Mann gereist, der nun vom Streuselkuchen essen soll: Horst Waffenschmidt, Bonner Aussiedlerbeauftragter, ist Festgast in Alexandrowka.
Das Dorf Alexandrowka gehört zu einem deutsch verwalteten Gebiet, Rayon genannt. Es ist einem Landkreis vergleichbar. Und diese Deutschen-Siedlung ist das Lieblingsprojekt der Bonner Aussiedlerpolitik. "Leuchtturm einer besseren Zukunft", so Waffenschmidt bei seinem Besuch in der vorvergangenen Woche, soll die sibirische Idylle für Rußlanddeutsche auf der Suche nach einer Bleibe sein.
Mit Millionenbeträgen fördert Bonn deren Ansiedlung; unterstützt wird alles, was die Landsleute zum Bleiben in Rußland bewegen könnte. Damit sie eine Alternative zur Ausreise nach Deutschland haben, läßt Waffenschmidt den Rußlanddeutschen des Landkreises in der Nähe von Omsk ein Containerdorf und ein Verwaltungszentrum finanzieren, sogar das Akkordeon fürs Volkstanzensemble ist von Bonn bezahlt.
In der Schule wird seit einigen Jahren wieder Deutsch unterrichtet, die passenden Bücher stiftet die Bundesregierung. Im Kulturhaus tritt eine Theatergruppe auf, die ihren Namen aus sozialistischen Tagen mittlerweile eindeutschen durfte: Laienkunstkollektiv Ährengold.
Das Ährengold deutscher Kultur haben die Vorväter der Sibiriendeutschen vor mehr als 200 Jahren in den Osten getragen. Da siedelten Deutsche, zumeist aus Schwaben, an der Wolga. Ende letzten Jahrhunderts wanderten einige der Kolonisten, wie die Wolgadeutschen sich nannten, mit dem Pferdewagen noch weiter nach Osten.
Fast 135 000 Deutschstämmige leben heute im weiteren Umkreis der sibirischen Gebietshauptstadt Omsk. Doch kaum irgendwo hat sich die Mischung aus deutscher Landromantik und kultureller Inzucht so sehr erhalten wie in Alexandrowka.
Mit ihren Kopftüchern und ihren weißen Schürzen sehen die Frauen aus wie Komparsen eines Heimatfilms. Der Dorfmaler Alexander Wormsbecher malt Werke der deutschen Wohnzimmerkultur: liebliche Flußlandschaften, in denen rotwangige Jungs vom Apfelbaum die Früchte stehlen.
296 Seelen beherbergte das Dorf bei seiner Gründung, jetzt sind es 1400. Die Bewohner heißen Becker, Müller oder Lichtenwald. Und wenn es im Dorf mehr Straßen gäbe, trügen auch sie deutsche Namen. So aber werden sie einfach durchnumeriert, von 1 bis 4.
"Hier ist meine Heimat", sagt Lida Knaus, 63, die vor ihrem Haus an der Straße 4 den Abendfrieden in der Sonne genießt. Neun Kinder hat die Frau in die Welt gesetzt, "und alle großgezogen". Doch zum Ehrentitel "Mutterheldin" hat es nicht gereicht. Den gibt es erst von elf Kindern an.
Zwei ihrer Kinder sind in die Fremde gezogen, nach Nowosibirsk. Dort, so melden sie, sei das Leben leichter, man müsse "nicht immerzu schaffen". Lida Knaus würde am liebsten bis zum Lebensende in Alexandrowka bleiben, auch wenn ihr beim Hühnerrupfen die gichtkranken Hände schmerzen und beim Melken der Rücken.
Doch am 2. September fliegt sie mit ihrer Tochter von Moskau nach Frankfurt, wo sie von ihren anderen Kindern bereits erwartet wird. Dann ist die Familie fast wieder beisammen, die zwei Söhne aus Nowosibirsk wollen vielleicht später nachkommen.
Auch der Besuch des Deutschen Waffenschmidt hat sie nicht umstimmen können: "Was soll ich tun, wenn die Kinder fort sind? Ich kann hier doch nicht allein sterben", begründet sie ihren Schritt nach Westen. 5000 Rubel hatte sie angespart für ihre Beerdigung, durch die Inflation in Rußland könnte sie davon heute nicht einmal mehr den Riwelkuchen bezahlen.
Die neue Not trifft Russen und Deutschstämmige gleichermaßen, doch den Deutschen bleibt immerhin der Treck nach Westen. Je mehr Verwandte einer in Deutschland hat, desto leichter reist auch er aus. Es ist wie eine ansteckende Krankheit. Am Kulturhaus mahnt eine Inschrift: "Erhalten wir unsere nationale Kultur" - doch ob hier in zehn Jahren noch viele Deutsche leben, darf bezweifelt werden.
Heute gibt es noch 200 Familien, ein Fünftel des Dorfes ist schon weg. Die ersten beiden gingen 1990, ein Jahr später schlossen sich bereits 13 Familien an, 1992 gingen 27. In der Nachbarschaft haben sich mittlerweile ganze Dörfer buchstäblich aufgelöst.
Die Bonner Politik, den Deutschen in Rußland eine dauerhafte Heimat zu besorgen, ist bislang vielerorts gescheitert: Die nach dem Ende der Sowjetunion geplante Wiedererrichtung der Wolgarepublik wird in Bonn für ebenso unrealistisch gehalten wie die Idee, 400 000 Deutsche in der Ukraine anzusiedeln. Dort wehrt sich Präsident Leonid Krawtschuk mit Hinhaltetaktik.
Die Zahl der Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion ist im vergangenen Jahr wieder gestiegen: 147 000 waren es noch 1991, im Jahr 1992 gut 195 000. Die Mehrheit der noch mindestens zwei Millionen Rußlanddeutschen will fort.
Daß Waffenschmidt bei seinem Besuch das Dörfchen gleichwohl als "Insel der Hoffnung" bezeichnete, liegt an den 25 000 Briefen, die der Rayon-Chef, Landrat Bruno Heinrichowitsch Reiter, bei sich gesammelt hat: alles Anfragen von Umzugswilligen aus Rußlands Nachbarrepublik Kasachstan. Dort werden die Deutschen, wie andere Europäer auch, regelrecht vertrieben.
Für die rund 10 000 Menschen, die im vergangenen Jahr den deutschen Landkreis verlassen haben, rückten bereits 13 000 Neuansiedler nach. Doch die Zahlen klingen besser, als sie sind: Nur 70 Prozent der Neuankömmlinge sind Deutsche. Unter den Bewerbern sind vor allem solche Deutsche, die mit Russen verheiratet sind oder die ohnehin an den deutschen Aufnahmebedingungen scheitern würden.
Die neu hinzugekommenen treffen sich mit den alteingesessenen Sibiriendeutschen zum frommen Gesang in der deutsch finanzierten Kirche von Omsk. Die kleine Gemeinde schlägt im Wolga-Gesangbuch die Nummer 537 auf, das "Lobet den Herrn".
Dem halbfertigen Gotteshaus fehlt noch das Dach. Während gut 200 deutschstämmige Gläubige die drei ersten Strophen singen, richten sich im Hintergrund die Arbeiter zur Pause ein. Superintendent Nikolaus Schneider, evangelischer Oberhirte von fast ganz Sibirien, leitet den Gottesdienst von einer Betonplattform aus, die später einmal den Altarraum tragen wird.
Trotz der Widrigkeiten ist Schneider voller Dankbarkeit. Gleich nachdem das Lob des Höchsten verklungen ist, preist er den kleinen Herrn, der auch hier Aufbau-Eifer verbreitet: "Ohne Sie, Herr Waffenschmidt, ohne die Hilfe aus Deutschland wäre dieses wundervolle Gebetshaus nicht möglich."
Doch die mit knapp vier Millionen Mark geförderte Lutheranische Kirche weckt Neid. Der rote Ziegelbau hebt sich allzu deutlich von der häßlichen Plattenbausiedlung in der Umgebung ab. Die Nachbarn wohnen nicht so schön wie der liebe Gott, Katholiken und Orthodoxe beten weniger komfortabel als ihre evangelischen Brüder.
In Asowo, der Hauptstadt des deutschen Rayons, herrscht der von Bonn inspirierte Gründergeist noch großkotziger. Landrat Reiter läßt hier mit 4,7 Millionen Mark aus Bundesmitteln eine Wohn- und Verwaltungssiedlung hochziehen, die sich in der ärmlichen Gegend wie eine Palastanlage ausnimmt.
Die Prachtbauten bringen die deutschen Geldgeber in Erklärungsnöte. Unter den Einheimischen, so berichtet Heinrich Brack, Einwohner von Asowo, gelte als ausgemacht, daß "hier nur die Reichen aus Asowo einziehen". Schwer vorstellbar jedenfalls, daß die Einwohner den Kasachstanflüchtlingen den Vortritt lassen, wenn die Häuser bezogen werden.
Das deutsche Innenministerium, zuständig für die Rußlanddeutschen, wiegelt ab: Ja, die Häuser seien ungewöhnlich schön, aber das liege am Architekten, der habe sich "halt ausgetobt".
Für die deutschen Flüchtlinge aus Kasachstan entsteht in der Nähe ein Bauhof. Hier sollen sie sich später mit Material eindecken können, um ihre eigenen Häuser zu bauen. "Wer sich ein Haus baut", sagt Waffenschmidt, "der bleibt für immer."
Heinrich Brack hat daran kein Interesse: "Das wird hier nimmermehr gut", glaubt er. "Was sollen die vielen Menschen arbeiten, wovon sollen sie leben?" Den 25 000 Deutschen aus Kasachstan kann Landrat Reiter nur 1500 Arbeitsplätze in der Landwirtschaft anbieten. Für Industriearbeiter und Akademiker hat er überhaupt keine Stellen.
Schon jetzt gibt es nicht genug Wasser für die Menschen im Landkreis, nicht genug Gas für den Winter und zuwenig Wohnungen. In dem Containerdorf, das eigentlich Zuwanderer aufnehmen soll, haben auch Einwohner von Asowo Quartier genommen. Die Deutschen machen im Übergangswohnheim etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus. Bis sie ein eigenes Haus haben, werden mindestens zwei Jahre vergehen.
Selbst hier aber will nicht jeder bleiben. Weil es häufig einfacher ist, von Rußland aus die Ausreise zu betreiben, kommen manche Kasachendeutsche allein deswegen nach Asowo.
An den Container können sie sich schon mal gewöhnen. Genau die gleichen stehen auch in deutschen Notunterkünften. Y
Von Ansbert Kneip

DER SPIEGEL 29/1993
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