19.07.1993

UmweltJede Oma

Bekommt Bayern ein neues Wackersdorf? Ökologen und Bürgervereine bekämpfen ein Milliardenprojekt: den Ausbau der Donau.
Die niederbayerische Landwirtsfamilie scheint einem Werbeprospekt des Bauernverbandes entsprungen: Seit sechs Generationen bewirtschaftet sie ihren schmucken Vierseithof an der Donau bei Osterhofen, und die siebte Generation wächst heran. Sohn Franzl, 3, "kennt heut schon jede Feldfrucht", sagt Vater Franz Mittermeier, 40, voller Stolz: "Der wird bestimmt begeisterter Bauer."
Doch die Zukunftspläne der Mittermeiers sind bedroht. Ihr Land soll einem Großprojekt geopfert werden, das sich Bonn und der Freistaat Bayern bereits in den sechziger Jahren ausgedacht haben und das die staatseigene Rhein-Main-Donau-AG (RMD) jetzt durchpauken will: den "Donau-Ausbau Straubing-Vilshofen".
Nach dem umstrittenen Bau des Rhein-Main-Donau-Kanals und der weitgehenden Zerstörung des idyllischen Altmühltals westlich von Regensburg wollen die RMD-Manager das letzte Stück frei fließende Donau in Deutschland auf 70 Kilometer Länge umkrempeln. Geplant ist ein Seitenkanal mit bis zu 7 Meter hohen Dämmen und 300 Meter breiten Staustufen. Die Donau soll so tief ausgebaggert werden, daß auch monströse Schiffskonvois, sogenannte Vierer-Schubverbände, problemlos passieren könnten.
Würde all das in die Tat umgesetzt, verliefe vor dem Mittermeier-Hof ein sechs Meter hoher Betonwall. In drei Meter Höhe durchkreuzte der Kanal die Äcker und Wiesen des Bauern. "Wenn der Damm bricht, wäre unser Hof das Auffangbecken", bangt Luise Mittermeier. Ihr Mann, dem "bisher d' Zeit zu schad' war zum Demonstrier'n", sagt jetzt: "Ich wehr' mich so lang, bis daß sie mich enteignen."
Das Donau-Projekt trifft nicht nur einzelne Anwohner. Die geplanten Eingriffe sind offenkundig ein ökologischer und ökonomischer Sündenfall.
In dem Gebiet nisten Brutvögel, die anderswo längst ausgestorben sind, im Fluß tummeln sich noch Fische, die bereits auf der Roten Liste der bedrohten Arten stehen. Nach dem Ausbau wäre die Donau ein Katarakt von Staustufen, prophezeit der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).
Die Naturschützer sehen in dem Projekt eine "Verschleuderung von Steuergeldern". Gut 1,3 Milliarden Mark, nach neuesten Schätzungen sogar 2 Milliarden Mark, soll der Ausbau kosten.
Dabei sind die langfristigen Auswirkungen gar nicht absehbar. "Wenn die Donau nach den Plänen der Rhein-Main-Donau-AG ausgebaut wird", sagt der bayerische BUND-Beauftragte Hubert Weiger, "fallen diesem Wahn über kurz oder lang auch die Wachau in Österreich und das ungarische Donaugebiet zum Opfer."
Und sollte das Pilotprojekt Donau durchgehen, dann seien, so Weiger, "auch Elbe, Saale und Havel verloren". Auch dort plant Bonn, die Flüsse bis zum Oberlauf mit riesigem Aufwand schiffbar zu machen.
Letzten Monat erhielten Umweltschützer und Donau-Anrainer unverhofft starke Unterstützung: Ein Sondergutachten des Bayerischen Obersten Rechnungshofes zerpflückte alle Wirtschaftlichkeitsberechnungen der Kanalbauer - eine Blamage für die RMD-Gesellschaft.
Das Gutachten bescheinigte den Projektbetreibern, sie hingen "Träumen" aus "üppigen Zeiten" nach. Die Rechnungsprüfer können nicht verstehen, daß der Fluß, auf dem derzeit gerade drei Millionen Tonnen Fracht im Jahr transportiert werden, für das zehnfache Volumen ausgebaut werden soll.
Behördenchef Walter Spaeth rügt, die Rhein-Main-Donau-AG gehe von unsicheren Voraussetzungen aus. Grotesk mutet es in der Tat an, daß die RMD schon jetzt auf Warenströme aus dem Balkan setzt, die sich - wenn überhaupt - erst nach Ende des Bürgerkriegs im früheren Jugoslawien einstellen.
Unverständlich erscheint dem Rechnungsprüfer Spaeth das Projekt auch aus anderem Grund: Vierer-Schubverbände können weder flußaufwärts den Rhein-Main-Donau-Kanal noch flußabwärts die österreichische Donau in der Wachau passieren. So sieht es auch Weiger: "Da wird ein Stück Autobahn auf einem Waldweg gebaut."
Unbestritten, auch bei Umweltschützern, ist, daß das seichte Teilstück der Donau ausgebaut werden kann und daß die von Ausspülung bedrohte Flußsohle gestützt werden müßte. Doch Wasserwirtschaftler und Ökologen setzen, anders als die RMD, auf schonende Alternativen.
Kritikern erscheinen die Planungsarbeiten der Rhein-Main-Donau-AG, die zu zwei Dritteln dem Bund und zu einem Drittel dem Freistaat Bayern gehört, mittlerweile als Selbstzweck - betrieben mit Steuergeldern. Der ursprüngliche Unternehmensauftrag, der Bau des Rhein-Main-Donau-Kanals, ist so gut wie abgeschlossen - danach könnte die Firma sich löschen lassen. Rechnungsprüfer Spaeth sieht in dem Großprojekt denn auch nur die "Strategie der Gesellschaft, sich über Jahre hinaus selbst zu beschäftigen". RMD-Vorsitzender Konrad Weckerle: "Dummes Geschwätz."
Inzwischen liegt ein internes Papier der Bundesforschungsanstalt für Naturschutz und Landschaftsökologie in Bonn vor, das die Sachverständigen der Rhein-Main-Donau-AG blamiert. So sei die Umweltverträglichkeitsstudie der RMD, kritisieren die Bonner Wissenschaftler, "leicht anfechtbar und ungeeignet". Zudem hätten die RMD-Gutachter ausgerechnet dort "Verbesserungen der Standortqualität" in Aussicht gestellt, wo in Wahrheit "drastische Einschränkungen" für die Natur zu erwarten seien. Die Kanalplaner hätten "in hochgradig unsachgemäßer Weise" verharmlost.
Die bayerische Regierung sieht sich inzwischen einem Proteststurm gegenüber: 43 000 Unterschriften hat der BUND innerhalb weniger Monate im dünn besiedelten und traditionell CSUgläubigen Niederbayern gesammelt. Quer durch alle Bevölkerungsschichten demonstrieren Bauern und Fischer, Bürgermeister und Vogelschützer, Ärzte und Wassersportler.
RMD-Chef Weckerle tut die Widerstandsbewegung nur als "grünes Protestpotential" ab: "Da hat der Apotheker jede alte Oma unterschreiben lassen." Aber damit weckt Weckerle bei den Naturschützern nur die Erinnerung an alte, glorreiche Zeiten. Der Ökologe und Physiker Ludwig Daas: "Auch bei der Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf haben sie behauptet, daß es sich nur um ein paar Chaoten handelt, und dann war's die ganze Oberpfalz."
Beim Bauern Mittermeier hängt jedenfalls ein Plakat an der Scheune: "Donau gestaut - Heimat versaut." Und daß es sich bei dem Aufstand in Niederbayern keineswegs nur um grüne Querschädel handelt, scheint mittlerweile auch der christsozialen Regierung zu dämmern. Der neue Ministerpräsident Edmund Stoiber hat vorsichtshalber schon mal anklingen lassen, beim Donau-Ausbau sollten auch Alternativen geprüft werden - wegen des Diktats der leeren Kassen.
Anfang des Monats besuchte der sonst keineswegs medienscheue Umweltminister Peter Gauweiler ganz vertraulich die Bürgerinitiative "Rettet die Donau" in Deggendorf. Und am Mittwoch voriger Woche veranstaltete Gauweilers Ministerium sogar ein Symposium zum Donau-Ausbau, bei dem selbst die Experten der RMD nicht mehr ausschlossen, daß Schonverfahren beim Donau-Ausbau praktikabel seien.
Einen treuen Wähler hat die CSU schon verloren: den Bauern Hans Schmid, 67, aus Herzogau an der Donau. "Früher", sagt er, "hab' ich immer CSU gewählt. Jetzt hat sie bei mir ausg'schissen."
Verständlich - Schmids Anwesen wollen die Planer schlicht überfluten. Y
[Grafiktext]
__47_ Rhein-Main-Donau-Kanal
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DER SPIEGEL 29/1993
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