19.07.1993

„Blüten unterm Kissen“

SPIEGEL: Der Oberste Sowjet plant zur Zeit, den Umlauf von ausländischen Banknoten einzuschränken. Werden Sie von falschen Scheinen überflutet?
Chandrujew: Der Kampf gegen die Dollarisierung soll vor allem das Vertrauen in unseren Rubel stärken. Allerdings kommt derzeit sehr viel Falschgeld auf den Markt, nicht nur Rubel, auch Dollar oder Mark. Ein riesiges Problem, denn Falschgeld ist das Todesurteil für die Wirtschaft.
SPIEGEL: Wie häufig tauchen falsche Marknoten auf?
Chandrujew: Nicht so häufig wie falsche Dollarnoten. Derzeit laufen etwa acht bis neun Milliarden Dollar in Rußland um, davon sind nach unseren Erkenntnissen 200 Millionen falsch. Allerdings werden ausländische Devisen oft unterm Kopfkissen gehortet. Wieviel dort an Falschgeld schlummert, weiß niemand.
SPIEGEL: Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes werden Markblüten vor allem deshalb in Rußland hergestellt und verbreitet, weil echte Noten dort wenig bekannt sind und die Fälscher ihre Blüten im Ausland besser loswerden.
Chandrujew: Ausländisches Falschgeld wird vor allem auf dem wilden Markt unters Volk gebracht. In Hotels oder auf dem Flughafen, wo das Personal relativ gut informiert ist, bekommt man selten Blüten.
SPIEGEL: Wie hoch sind die Markbestände der russischen Zentralbank?
Chandrujew: Etwa eine halbe Million Mark . . .
SPIEGEL: . . . und darunter ist keine Blüte?
Chandrujew: Sicher nicht. Jeder eingehende Schein, ob Rubel oder Mark, wird kontrolliert. Leider ist der Rubel noch nicht so sicher wie die Mark. Täglich erleben wir jetzt zehn bis zwölf Fälle von falschen Rubelscheinen. Uns fehlt noch die Technik, einen metallischen Schutzstreifen einzubauen, wie ihn die Markscheine haben.
SPIEGEL: Haben Sie selbst schon mal gefälschtes Geld bekommen?
Chandrujew: Rubel habe ich in Mengen gesehen, Mark oder Dollar nicht. Meine Frau hat einmal vermutet, sie habe Mark-Falschgeld bekommen. Doch dann hat sie damit ohne Probleme auf dem Markt gezahlt. Keiner weiß bei uns eben so genau, wie echte Marknoten aussehen.

DER SPIEGEL 29/1993
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DER SPIEGEL 29/1993
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