03.02.1992

Der Krüppel als Killer

Ein richtiger Schriftsteller muß kreativ aussehen, deshalb klatscht er die Haare nach hinten und trägt Schwarz. Ein junger Schriftsteller braucht ein junges Ambiente, deshalb trinkt er seinen Kaffee aus jenem kantigen, bunten Geschirr, das "Flash" heißt und in Amerika entworfen wurde.
Ein moderner Schriftsteller denkt nicht an Aufklärung beim Schreiben, und Sozialkritik ist ihm ein Graus. "Politik", findet Akif Pirincci, 32, "hat in der Kunst nichts verloren."
Kunst ist, wenn das Blut spritzt. Beispielsweise so: "Er lag da in einer erbärmlich gekrümmten Haltung. Das Gesicht des Mongoloiden hatte der Mörder als Sandsack benutzt, bis es ein einziger Fleischklumpen war, in dem man nach Herzenslust herummanschen konnte. Man hatte in dieses lachende Gesicht so lange eingedroschen, bis es auf die doppelte Größe aufgequollen und dann regelrecht geplatzt war."
So etwas gefällt Pirincci, vor allem, weil er es selbst geschrieben hat. "Der Rumpf" ist der Titel des Buches; es spielt in einem bizarren Behindertenheim und bietet alles, was makaber ist: Krankheit, Qualen, Mord*. Genau das, was der moderne Leser zur Zeit wünscht, glaubt der Autor, und vielleicht weiß er es tatsächlich, denn er spürt offenbar, was der Markt verlangt: _(* Akif Pirincci: "Der Rumpf". Goldmann ) _(Verlag, München; 360 Seiten; 34 Mark. - ) _("Felidae". Goldmann Verlag, München; 288 ) _(Seiten; 12,80 Mark. ) Pirincci hat neulich einen Bestseller geschrieben.
"Felidae" heißt dieser Roman. Es ist eine Mordgeschichte, die unter Katzen spielt*. Und weil das keine putzige Walt-Disney-Sicht auf schnurrende Hausgenossen ist, sondern eine Geschichte mit Spannung und schönen kleinen Gemeinheiten über menschliches Verhalten, weil viele sich oder ihre Katze darin wiedererkannten, war die Kritik so enthusiastisch wie die Käuferschaft. Mehr als 500 000mal hat sich das Tiermörderspiel in knapp zwei Jahren verkauft.
Und Akif Pirincci sitzt in seiner Bonner Altbauwohnung, blickt auf die gerahmte Liste, die beweist, daß sein Katzenbuch schon mal auf Rang fünf der Taschenbuchhitparade gestanden hat, und kann es nicht fassen, daß die Welt endlich begreift, was er schon immer gewußt hat: daß er ein großes Talent sei, womöglich ein Genie, und daß er "mit 40 der erfolgreichste Autor Europas sein wird". Er versucht dabei so auszusehen, als ob er es glaubt. Seine Inszenierung heißt "Akif Pirincci, Wunderkind", und die Rolle gefällt ihm gut.
Denn für die andere, die naheliegende Rolle taugt er nicht, die überläßt er der Konkurrenz in Berlin. Dort sitzt dieser Krimi-Autor, der sich Jakob Arjouni nennt und über fiese Deutsche schreibt und darüber, was sie Fremden antun - die Marktlücke ist besetzt, und zu Pirincci paßt sie ohnehin nicht.
Immigrantenprobleme kümmern ihn nicht; miese Machenschaften sind ihm egal. Pirincci, der im Alter von neun Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam, nimmt sich das Recht, seine Herkunft für zweitrangig zu halten - und in der Tat könnte er ähnliche Bücher geschrieben haben, wenn er nicht in Istanbul geboren wäre, sondern in Itzehoe.
Die Herkunft wird unwichtig, was zählt, ist die Generation: die laute bunte Jugend, die ihre Leitbilder aus Tempo bezogen hat und nun rätselt, wie es weitergehen soll im neuen Jahrzehnt. Pirincci hat die achtziger Jahre aufgesaugt, mit Lifestyle und Trendgier und dem Zwang zur modisch-korrekten Existenz, er hat sich auf Amerika eingeschworen, auf George Lucas und Steven Spielberg und Stephen King, und dazu ein bißchen Literaturgeschichte konsumiert, sofern sich dort Gruseliges fand wie bei E.T.A. Hoffmann und Edgar Allan Poe. All das hat er vermischt, verdaut und wieder ausgespuckt als Roman.
Bunte Bilder und müde Posen: Aus Hollywood hat er die Liebe zum modernen Märchen, den dandyhaften Ekel vor der Welt hat er von Oscar Wilde. Denn die Inszenierung verlangt auch das: kein Leiden am Unrecht, sondern Leiden am Alltag, weil der so langweilig ist. Ein Verdruß an der Wirklichkeit, der gelegentlich in prächtig böse Szenen mündet: "Ich hasse meine Frau", sagt da einer, "die mich alle naselang fragt, ob sie in diesem oder jenem Fummel besser aussieht, als stünde ihre Versteigerung in einem Edelpuff in Las Vegas bevor", und: "Ich hasse meine Villa, besonders wenn die Sonne scheint und wir im Garten dieses übelkeitserregende Ritual zelebrieren müssen, das wir ganz bescheiden als ,draußen essen'' zu bezeichnen pflegen."
Der Alltag kann nur fade sein für einen, der das Leben betrachtet, als wäre es ein Videoclip, der mit der Cannes-Rolle, Star Wars und MTV groß geworden ist und große Gefühle nur im Kino finden kann. Und dort, wo im wirklichen Leben Gewalt und Action herrschen, ist das Drehbuch leider so schlecht - kein Mensch redet wie Woody Allen, die echten Bösewichter sehen wie Bankangestellte aus statt wie Robert de Niro, und wann gleicht eine Frau schon mal Michelle Pfeiffer oder Lauren Bacall. Wie soll man lieben, leiden, hassen, wenn man im Kino alles schon viel aufregender erlebt hat?
Die Kunst ist Fluch und Ausflucht zugleich, sie steht hier für den immer schärferen Reiz, den immer härteren Kick: Der Stoff, aus dem die besten Träume und Alpträume sind, muß ein ganz besonderer sein - am besten ist Blut.
Deshalb fließt reichlich Blut in Pirinccis Werk. Im Katzenkrimi sind es noch Bisse ins Tierfell; im neuen Roman trifft der Horror Menschen, drastisch und brutal. Erzählt wird die Geschichte von Daniel, einem mordgierigen Krüppel.
Er hat keine Arme und Beine, Daniel ist "der Rumpf". Er ist die Abstraktion eines Menschen, nur Gehirn - und ein Geschlechtsorgan, mit dem er nichts anfangen kann. Und so bleibt ihm, der nach Perfektion strebt, bloß das letzte, endgültige Ziel: zerstören statt erschaffen, in letzter Konsequenz - Mord.
Sterben muß der Professor, der Leiter des bizarren Behindertenheims - weil er alles hat, was die modernen Götter einem Menschen geben können, den beigen Kaschmir-Doppelreiher aus Italien, das Siegerlächeln im Gesicht, die rothaarige Geliebte, die Mercedes heißt. Sterben müssen auch etliche Heiminsassen, der blasse Zombie beispielsweise mit den Gedächtnislücken; die dicke Gertie mit den verkümmerten Contergan-Händchen; Edi, der lachende Mongoloide; und "der Kranke", ein Mensch, der nur aus Buckeln und Fleischwülsten und Eiter besteht. Sie werden gemetzelt, so blutig wie möglich - "nur Brutalität ist spannend, sonst nichts".
Alles wird scharf ins Bild gerückt, mit starken Scheinwerfern, Farbfiltern und Special effects - Pirincci, der in Wien eine Zeitlang Film studiert und Drehbücher geschrieben hat, schreibt Cinemascope.
Das sind gelegentlich plastische Szenen, wie die Beschreibung vom Tod im freien Fall: "Der Schrei wurde immer dünner und gespenstischer, und er war nur noch ein weißer Punkt in der Tiefe, bis die rabenschwarze See ihn in einer Schaumrose schluckte." Wenn Pirincci seinen Rhythmus findet, sich die wuchernde Sprache verkneift, bringt er solche Bilder zustande, mit einem eigenen, fast dokumentarischen Reiz.
Stimmungen sind seine Stärke, solange sie nicht in Geschwätzigkeit ersticken, solange sie gebrochen werden durch den trockenen, respektlosen Ton. Der Krüppel Daniel, Ich-Erzähler des Romans, schwankt zwischen genialischer Selbstüberschätzung und einem bösen Witz, der häufig seine eigene, armselige Person betrifft: "Ich gehöre tatsächlich", stellt er sich vor, "einer Art von Lebewesen an, bei deren Erschaffung Mutter Natur so ziemlich einen in der Krone gehabt haben muß."
Da ist keine Weinerlichkeit, kein Weltschmerz, nur Sarkasmus, und man wünscht sich, daß da einer trocken eine Geschichte erzählt, die der Realität nicht ausweicht, sondern sich ihr stellt.
Aber die Wirklichkeit ist ihm zu dröge, er liebt es archaisch, schreibt über ewige Ängste und den Glauben an das Böse in der Welt - das ist er sich und seinem Selbstbild als Zyniker schuldig.
Nur manchmal, fast wider Willen, rutscht ihm ein wenig Gefühl, ein wenig echter Haß zwischen die Zeilen. Da ist, in "Felidae", von Tierversuchen die Rede, von den wahnwitzigen Experimenten eines Biologen, der Katzen bei lebendigem Leib zerschlitzt, um zu notieren, wieviel Schmerz sie verkraften.
Im "Rumpf" taucht eine Passage über Euthanasie im Faschismus auf, Bilder von freundlichen Bediensteten, die tausendfachen Mord verübten: "Eine stumme Anklage gegen den in den Wahnsinn ausgearteten Ekel, den Menschen gegen Menschen empfanden, welche sie bei ungünstiger Kartenverteilung selbst hätten sein können."
Mag sein, daß das nur marktgerechte Zugeständnisse sind an die Engagierten in der Leserschaft, die ihre Entrüstung auch in der Unterhaltung nicht missen mögen. Möglich aber auch, daß es doch nicht so einfach ist mit der Rolle des jungen, zynischen, talentierten Genies. Daß es doch noch Dinge gibt, die wirklich weh tun. o
* Akif Pirincci: "Der Rumpf". Goldmann Verlag, München; 360 Seiten; 34 Mark. - "Felidae". Goldmann Verlag, München; 288 Seiten; 12,80 Mark.
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 6/1992
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