26.10.1992

ArchitekturNichts als Querelen

Dresden entscheidet, ob neben dem barocken Zwinger eine Kunsthalle nach Plänen des US-Künstlers Frank Stella stehen soll - ein „Napfkuchen“-Bau?
Rolf Hoffmann, 58, hat eine Vision. Auf einem öden Gelände in Dresden will der Kunstsammler aus Köln eine Ausstellungshalle bauen, die "in jeder Hinsicht weltweite Aufmerksamkeit erregen" soll.
Der Clou dabei ist der Architekt. Der ehemalige Hemdenfabrikant Hoffmann hat einen Mann verpflichtet, der noch nie ein Bauwerk ausgeführt hat. Frank Stella, Farb-Artist und Schöpfer dynamischer Reliefs, gilt zwar als ein Großer der amerikanischen Kunstszene. Als Baumeister aber hat Stella, 56, lediglich bei einem bisher unvollendeten Museumsprojekt im niederländischen Groningen Erfahrung sammeln können.
Ob Hoffmanns Stella-Träume wahr werden, entscheidet sich am Donnerstag dieser Woche im Dresdner Rathaus. Die Mitglieder der Ausschüsse haben sich bereits - bei nur einer Gegenstimme - für Stellas Ideen ausgesprochen; nun wird auch im Plenum mit einer deutlichen Mehrheit gerechnet.
Zu Ende gehen könnte damit ein quälender Streit von Stella-Befürwortern und Stella-Gegnern - hier Jubel über die "zeitgemäße Antwort auf den Zwinger", dort Empörung über die "Napfkuchen-Architektur". Ästhetische, architekturtheoretische und ökonomische Argumente gerieten, je nach taktischem Kalkül, bunt durcheinander. Beobachter sahen zuletzt nur noch "Querelen, nichts als Querelen" (Dresdner Neueste Nachrichten).
Einig sind sich die Disputanten allenfalls in zwei Punkten: Die Kunststadt Dresden, die mit alten Meistern und barocken Bauwerken glänzt, könnte eine Halle für Modernes gut gebrauchen - und sie dürfte nichts kosten.
Dafür scheint Hoffmanns Vorschlag maßgeschneidert: Nicht die Stadt wäre Finanzier der Kunsthalle, sondern eine private Stiftung. Auch für die laufenden Kosten will Hoffmann keine öffentlichen Mittel in Anspruch nehmen. Statt dessen sollten sie durch Einnahmen aus Büro- und Ladenvermietungen gedeckt werden; entsprechende Gebäudeteile sind schon eingeplant.
Gegner des Projekts argwöhnen, das Geschenk sei gar keins, weil früher oder später doch Staatsknete benötigt werde. Kulturdezernent Ulf Göpfert (CDU) resümiert: "Für die Gesamtfinanzierung konnte ein schlüssiges Konzept zur Kostendeckung von Herrn Hoffmann nicht beigebracht werden."
Tatsächlich sind Hoffmanns Pläne noch recht wolkig. Der Ex-Unternehmer spricht von einem "neuartigen Finanzierungsmodell mäzenatischer Prägung", das durch Spenden sowie durch Einnahmen aus Veranstaltungen und einem Immobilienfonds gespeist werden _(* Im Vordergrund. ) könnte. Unklar ist auch, wieviel Geld überhaupt für den Bau benötigt wird - mal ist von 30 Millionen, mal von 60 Millionen Mark die Rede.
Welche Summe er selbst zur Kunsthallen-Stiftung beizutragen gedenkt, sagt Hoffmann nicht. Lieber weist er darauf hin, er habe mit seiner Ehefrau Erika, einer Kunsthistorikerin, schon jetzt "1000 Stunden unserer Lebenszeit und etwa 200 000 Mark investiert".
Umstritten ist auch die Qualität von Stellas Entwurf. Anhänger preisen ihn als phantasievoll und lebensfroh; Stadtplanungsdezernent Ingolf Roßberg (FDP) sieht darin gar "eine Weltneuheit, eine Art Gesamtkunstwerk, das Architektur, Gartenbau, Innenarchitektur und bildende Kunst vereint".
Kritiker mokieren sich mit Vorliebe über die Form der Anlage mit ihren vielen Kurven, Wülsten und Schwüngen. Frank Zabel, Geschäftsführer beim Baubund Sachsen, spottet, "daß man auch einen braunen Haufen mit der entsprechenden Aufmachung als kreative Meisterleistung verkaufen kann".
Dresdens Oberbürgermeister Herbert Wagner (CDU) formuliert seine Ablehnung vorsichtiger: "Dieses Experiment an Farben und Formen" habe ihn "sehr überrascht". Im kleinen Kreis tadelt das Stadtoberhaupt Stellas Pläne schon mal als "modernistische Spielereien", was den Kritisierten erwidern läßt, Wagner leide am "Prinz-Charles-Syndrom" - der britische Thronfolger meldet sich gern mit nostalgischen Einwänden gegen die moderne Architektur zu Wort.
Um das Projekt abzuschmettern, argumentiert Wagner, der dem Votum des Stadtparlaments unterworfen ist, vor allem gegen den geplanten Standort nahe dem Zwinger: "Ich glaube, daß die Nachbarschaft beiden nicht guttut." Die Kunsthalle könne ja woanders errichtet werden - wo, sagt Wagner nicht.
Auf den Bauplatz mit dem edlen Namen "Der Herzogin Garten" haben außer Hoffmann auch zahlungskräftige Investoren ein Auge geworfen, ebenso Denkmalschützer, die dort eine im Krieg zerstörte Orangerie aus dem 19. Jahrhundert wieder aufbauen möchten.
Nun haben sich noch die Dresdner Freimaurer eingemischt. Die Logen "Zu den drei Schwertern" und "Zum goldenen Apfel" machen Rückübertragungsansprüche für einen Teil des Grundstücks geltend. Eine amtliche Prüfung dieser Ansprüche steht zwar noch aus, doch die Logenbrüder wollen in allen Verhandlungen hart bleiben: "Wir sind nicht bereit, uns abfinden zu lassen."
* Im Vordergrund.

DER SPIEGEL 44/1992
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