19.07.1993

KonkurseJedes Detail geprüft

Kaum ein Jahr nach der Privatisierung sind die traditionsreichen Jagdwaffenwerke Suhl pleite.
Der Anrufer hat Pech. "Ich kann nichts zahlen", raunzt Harald Beck ihn durchs Telefon an. "Sie müssen mit dem kommenden Konkursverwalter reden."
Übernächtigt, mit schweren Ringen unter den Augen, hört sich der Vorsitzende Geschäftsführer der Suhler Jagdwaffenwerke noch einen Augenblick die Klagen des Kleinunternehmers an. Dann hat er genug. "Es tut mir leid", sagt Beck, ehe er auflegt, "aber ich führe jetzt einen Mehrfrontenkrieg."
Seit Ende Juni ist seine Jagd- und Sportwaffen Suhl GmbH zahlungsunfähig, am Donnerstag vergangener Woche mußte Beck die Gesamtvollstreckung beantragen. Der Gesellschafter, eine französisch-holländische Anlegergruppe, hatte wegen der enormen Betriebsverluste die Überweisungen eingestellt.
Die Treuhand und das Land Thüringen wollten die geforderten Mittel zur Sanierung des Unternehmens nicht zuschießen. Insgesamt fehlten rund 20 Millionen Mark. "Wenn sich alle etwas bewegt hätten", sagt Beck, "dann wäre das leicht darstellbar gewesen." Doch mehr als Bürgschaften wollten weder die Berliner Anstalt noch die Erfurter Landesregierung beisteuern.
Die Belegschaft in Suhl bestärkte sie in dieser Haltung. Die Beschäftigten setzten sich massiv für die Gesamtvollstreckung ein. "Das ist die einzige Chance für einen Neubeginn", meint Betriebsratsvorsitzender Hartmut Weiß, "ohne die alten Geschäftsführer und Gesellschafter."
Am Mittwoch besetzten die Waffenbauer ihren Betrieb. "Die Herren da oben haben keine ihrer Zusagen gehalten", sagt Weiß verbittert. "Noch einmal lassen wir uns nicht verarschen."
Vor zehn Monaten hatte die Treuhand die Jagdwaffe, wie die Suhler ihr Traditionsunternehmen nennen, an die französische Finanzgruppe Suez und die holländische Janivo verkauft.
Wenigstens ein Dutzend ernsthafte Bewerber gab es für die Waffenschmiede. "Die haben sich gegenseitig hochgepuscht", erinnert sich der Hamburger Beck, der schon zu Treuhandzeiten als Berater in Suhl war.
Vor allem der Markenname Merkel, der für Jäger und Sammler den gleichen Klang hat wie Ferrari für Autonarren, schien Profit zu garantieren. Zu DDR-Zeiten waren die liebevoll gearbeiteten, bis zu 50 000 Mark teuren Büchsen und Flinten ein erstklassiger Devisenbringer.
Vier Millionen Mark bot die Suez-Janivo-Gruppe. Sie versprach, 400 Arbeitsplätze zu erhalten und 27 Millionen Mark in Produktion und Hallen zu stecken. So viel mochten Investoren aus der Branche nicht bieten.
Welche Chancen das Konzept hatte, interessierte die Treuhand offenbar wenig; sie wollte das Unternehmen zu einem guten Preis loswerden. Die Privatisierer wußten genau, daß die Geldanleger vom Geschäft mit exklusiven Jagdwaffen nicht die geringste Ahnung hatten.
Doch die schnelle Mark war in Suhl nicht zu holen. Daran war nicht nur der Konjunktureinbruch schuld, der viele Weidmänner bewog, den Kauf einer teuren Merkel zurückzustellen: Die Jagd- und Sportwaffen Suhl GmbH war von Anfang an ein Sanierungsfall.
Die Produktivität der Büchsenmacher ist noch immer katastrophal. Maschinell vorgefertigte Teile haben so große Toleranzen, "daß unsere Leute die Stücke gleich aus dem Vollen arbeiten könnten", frotzelt Harald Beck. "Für einige Modelle gibt es nicht einmal Konstruktionspläne."
Das über Jahrhunderte gehütete Wissen steckt in den Köpfen der Büchsenmacher, die auf gediegene Handarbeit setzen. Rationelle Fertigung funktioniert da nicht. Allein in den ersten vier Monaten seit der Privatisierung Ende August 1992 hat das Unternehmen offiziell 17,4 Millionen Mark Verlust gemacht, bei gerade 5,5 Millionen Mark Umsatz.
In den alten Hallen stehen zwar einige moderne Maschinen - aber es fehlt das technische Know-how. Das ganze Sortiment müßte neu konstruiert werden. Und das kostet viel Geld und vor allem Zeit.
"Schwarze Zahlen schreiben wir hier frühestens in drei bis fünf Jahren", sagt Beck, "das habe ich allen gesagt." Nur hören wollte es keiner. Im Dezember feuerten die neuen Eigentümer den undiplomatischen Berater.
Als die Verluste weiter wuchsen, die Treuhand auch noch eine Vier-Millionen-Bürgschaft zurückzog, wurden die Gesellschafter nervös. Im Juni holten sie Beck als Helfer in der Not zurück. Doch der im Betrieb als harter Hund verschriene Hanseat konnte auch nichts mehr retten.
Fast zehn Millionen Mark hat das ausländische Konsortium bislang in Suhl verloren. Den Schuldigen haben die sonst erfolgsgewohnten Herren auch schon: die Treuhand. Sie soll den Wert der Jagdwaffenwerke kräftig manipuliert haben. Die Bilanzen seien frisiert, das Anlagevermögen viel zu hoch bewertet gewesen.
"Das ist absoluter Nonsens", sagt dagegen Treuhandsprecher Franz Wauschkuhn. "Denen ist nichts verborgen geblieben." Ein Jahr lang hätten die Interessenten Zeit gehabt, sich zu informieren. Alles sei bis ins kleinste Detail geprüft worden.
Für die Suhler Waffenbauer hat der Streit wenig Bedeutung. Wer auch immer die Waffenfabrik weiterführt, wird bestenfalls die Hälfte der jetzt noch 400 Mitarbeiter übernehmen. Immerhin soll für die Entlassenen mit Landeshilfe eine Beschäftigungsgesellschaft gegründet werden.
Betriebsratschef Weiß hofft noch immer, daß sich ein neuer Käufer findet, der Geld, Wissen und Engagement mitbringt. Der darf allerdings "nicht Hunderte Kilometer entfernt in Paris oder sonstwo sitzen". Y

DER SPIEGEL 29/1993
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