19.07.1993

UnternehmerNur einen Sommer

Sie traten ein großes Erbe an und wollten Unternehmer sein. Doch die meisten Beteiligungen der beiden ältesten Burda-Brüder gingen schief.
Das Erbe des Offenburger Großverlegers Franz Burda schien ungleich verteilt. Als die drei Söhne vor gut sechs Jahren das Geschäft übernahmen, sicherten sich der Druckexperte Franz, 61, und sein Bruder Frieder, 57, ein Finanzfachmann, die lukrativen Beteiligungen des Konzerns.
Hubert, 53, der Jüngste, mußte die riskante Verlagssparte übernehmen. Das Geschäft mit Massenblättern wie Bild + Funk oder der Freizeit Revue war Franz und Frieder nicht einträglich genug.
Heute würden die beiden Älteren wohl anders entscheiden. Mit ihren Unternehmensbeteiligungen erleben sie ein Fiasko nach dem anderen.
Kurz nach dem Tod des Vaters verkauften Franz und Frieder ihre 26prozentige Beteiligung am Hamburger Springer-Konzern. Mit dem Erlös stiegen sie groß ins Papiergeschäft ein. So erwarben sie unter anderem die Mehrheit an den Münchner Papierfabriken MD und Technocell. "Die Renditen am Kapitalmarkt", rechtfertigte Frieder damals den Einstieg, "sind doch sehr bescheiden."
Nun müssen die Brüder sogar kräftig draufzahlen. Ihre beiden bayerischen Papierunternehmen sind so schwer angeschlagen, daß die Burda-Brüder seit Monaten nach Käufern oder Partnern für ihre Technocell und MD suchen.
Die Pleite mit ihrem Beteiligungs-Portefeuille haben die Verlagserben selbst verschuldet. Statt professionelle Berater zu engagieren, wollten die Burdas Unternehmer spielen und ihr Milliardenvermögen selbst verwalten. Das ging gründlich schief.
Bereits 1988 beteiligten sich die beiden an der neugegründeten Edel-Airline German Wings. Der Carrier sollte der Lufthansa Paroli bieten. Doch die grau-weiß-rosa gestrichenen Maschinen flogen nur einen Sommer lang. Dann mußte die Gesellschaft Konkurs anmelden.
Auch im internationalen Speditionsgeschäft wollten die Konzernerben mitmischen. Als Basis sollte der Einstieg bei dem mittelständischen Transportunternehmen Log Sped dienen.
Die Verbindung ging bald in die Brüche. Die Partner nervte, daß Beauftragte der Burdas bei wichtigen Entscheidungen mitreden wollten. Den Brüdern wiederum expandierte die Gruppe offenbar nicht schnell genug.
Der Ausflug ins Transportgewerbe soll die Hobbyunternehmer mehr als 50 Millionen Mark gekostet haben. Noch größere Verluste drohen den beiden nun bei ihren Papierbeteiligungen.
Anfang Juli meldete der Papierspezialist Technocell (161 Millionen Mark Umsatz, 300 Beschäftigte) Vergleich an. Der Zellstoff-Hersteller dürfte in diesem Jahr fast 100 Millionen Mark Verlust machen.
Auch ihr zweites Unternehmen, der Münchner Papierproduzent MD, macht Franz und Frieder wenig Freude. Der Marktführer für leichtes Zeitschriftenpapier beliefert unter anderem Huberts Verlag. Im vergangenen Jahr rutschte die Firma tief in die roten Zahlen. Besserung ist vorerst nicht in Sicht.
Bei der MD fehlen in diesem Jahr mehr als 30 Millionen Mark. Der Firma (850 Millionen Mark Umsatz, 1750 Beschäftigte) machen Skandinavier zu schaffen. Sie drängen zur Zeit verstärkt auf den bundesdeutschen Markt.
Ihre Währungen wurden in den vergangenen Monaten gegenüber der Mark kräftig abgewertet. Deshalb können sie ihre Produkte billiger anbieten als einheimische Firmen.
Den bislang größten Flop erlebten die Burdas allerdings mit ihrem Vorzeigeunternehmen Technocell. Eine Tochter der ehemaligen Familienfirma muß seit Monaten schwere Mängel an einer weltweit einmaligen Anlage in Kelheim bei Regensburg beheben.
Diese soll Zellstoff ohne die sonst üblichen umweltschädlichen Schwefelverbindungen herstellen. "Wenn das klappt", frohlockte Finanzier Frieder kurz vor Baubeginn, "kommt kein Hersteller von Windeln und Kleenex-Tüchern an uns vorbei."
Schön wär's. Statt Euphorie herrscht bei den Eigentümern inzwischen Ernüchterung. Ein halbes Jahr nach Fertigstellung läuft die 600 Millionen Mark teure Anlage noch immer nicht nach Plan. Erst versagte das neue Kraftwerk seinen Dienst. Nun bereitet auch noch das neuentwickelte, aber zu kleine Rauchgasreinigungssystem große technische Probleme.
Während der Reparaturen steht die teure Anlage oft wochenlang still. Allein in diesem Jahr sollen die Anteilseigner deshalb rund 100 Millionen Mark nachschießen. Den Burda-Brüdern ist das zuviel. Seit Anfang Juli verweigern sie der Firma das dringend notwendige Kapital. Das Unternehmen mußte deshalb Vergleich anmelden.
Die Bayerische Vereinsbank, die Technocell 1986 an die Börse brachte, sucht nun nach einem neuen Großaktionär. Mitte Juli schrieb sie sämtliche in- und ausländischen Papierproduzenten an, die mehr als zwei Milliarden Mark Umsatz machen, und bat um ein Angebot.
Die Beschäftigten sähen es am liebsten, wenn die Papierwerke Waldhof-Aschaffenburg (PWA) einspringen würden. Auch dieser Firma geht es zur Zeit nicht besonders gut. Allerdings steht hinter ihr ein zahlungskräftiger Großaktionär: das Bayernwerk.
Sollte der Plan scheitern, hält sich der Freistaat Bayern als Retter bereit. Die Landesregierung könnte eine Bürgschaft für die angeschlagene Technocell übernehmen, bis ein Käufer für die Firma gefunden ist.
Auch für die zweite Burda-Tochter MD gibt es bereits Interessenten. Branchenkenner vermuten, daß dort der schwedische Papier- und Zellstoff-Produzent Svenska Cellulosa (SCA) zugreift.
Ein paar Mark werden die Burda-Brüder allerdings dabei verlieren. So teuer, wie sie ihre Beteiligung eingekauft haben, dürfte das Paket kaum loszuschlagen sein.
Finanzmann Frieder, so scheint es, hat so etwas geahnt: "Wenn man in einem mutigen Investment Geld verliert, muß man damit leben können." Y

DER SPIEGEL 29/1993
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