19.07.1993

Medien„Wenig kollegialer Stil“

Der Kölner Verleger Alfred Neven DuMont, 66, ist vom Axel Springer Verlag einiges gewohnt. Vor Jahren etwa ärgerte das Massenblatt Bild seine Familie mit einer erfundenen Story: "DuMont-Sohn verhaftet! Hasch im schwarzen Porsche."
Nun fühlt sich der feinsinnige Enkel des Münchner Malers Franz von Lenbach noch viel mehr geschädigt: durch eine spektakuläre Abwerbung. Medienriese Springer lockte Willi Schalk, 53, vom Vorsitz der Geschäftsführung fort.
Erbost verwahrte sich Neven Du-Mont, dem Titel wie Kölner Stadt-Anzeiger, Express und Mitteldeutsche Zeitung in Halle gehören, in einem Brief an Springer-Aufsichtsratschef Bernhard Servatius "gegen Ihren überfallartigen, wenig kollegialen Stil". Damit könne er sich niemals einverstanden erklären.
Weil Jobwechsler Schalk Anfang 1990 einen Fünfjahresvertrag unterschrieben hatte, müßte er eigentlich noch 18 Monate in Köln bleiben. Schon vor einem Vierteljahr aber will der Manager Abwanderungsgelüste offenbart haben, am 2. Juli verriet er das Ziel der Reise: Springer-Vorstand, Ressort Zeitungsgeschäft.
Vergebens bat der düpierte Neven DuMont, mit der Bekanntgabe dieser Nachricht zu warten. Fünf Tage später ging Springer an die Öffentlichkeit - um Schalk, wie Neven Du-Mont vermutet, "mit allem zur Verfügung stehenden Nachdruck frühzeitig aus dem Vertrag herauszubrechen". Servatius dagegen will die Diskretion gewahrt haben. Als aber Schalks Wechsel "innerhalb und außerhalb unseres Hauses bereits diskutiert wurde", sei er in "Zugzwang" gewesen.
Der Bild-Konzern (Umsatz: 3,6 Milliarden Mark) braucht den neuen Mann dringend. Nur die drastisch gefallenen Papierpreise, die zur Einsparung von 110 Millionen Mark führten, haben die letztjährige Bilanz (Gewinn: 57 Millionen Mark) gerettet, die Erlöse verfallen rapide.
Der langjährige Werbemanager Schalk, der es in der Reklame-Hochburg New York an die Spitze des Weltkonzerns Omnicom schaffte, soll bei Springer (geschätztes Jahressalär: 1,4 Millionen Mark) die Wende bringen. Läuft alles nach Plan, beerbt er nächstes Frühjahr Vorstandsvize Günter Prinz, 63. Mit dem erkrankten Springer-Chef Günter Wille, 50, plant Schalk eine Teamarbeit voll "blindem Verständnis".
Neven DuMont, der bei Springer das journalistische Handwerk gelernt hat, klagt, die Gemeinsamkeit der Zeitungshäuser in medienpolitischen Konflikten zerbreche, wenn sich alle wie Springer verhielten. In seinem Verlag zeigt der Ex-Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger jetzt Härte.
Den abgesprungenen Schalk befreite er von allen Aufgaben, "eine weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit" verbiete sich "ab sofort als unrealistisch". In allen Verbreitungsgebieten des Kölner Pressehauses (Umsatz: 817 Millionen Mark) sei Springer Hauptkonkurrent.
Nun denkt Schalk in seinem feudalen Landhaus in Ratingen bei Düsseldorf über die weitere Karriere nach. Anwälte beraten über eine einvernehmliche Lösung des Arbeitsvertrages mit DuMont. Doch das kommt selbst Schalk, dem teuren Zwangsurlauber, vor wie die "Quadratur des Kreises".

DER SPIEGEL 29/1993
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