26.10.1992

FilmSzenen einer Ehe

„Die besten Absichten“. Spielfilm von Bille August. Schweden, 1992.
Die besten Absichten zweier Menschen, miteinander in Einverständnis zu leben, sind eine Sache, und ihre individuellen Unfähigkeiten zum Glücklichsein eine andere. So erzählt dieser Film von zweien, die lebenslänglich untrennbar aneinander und an sich selbst leiden, er rekonstruiert ein Liebesunglück, er malt das erste Jahrzehnt einer Verbindung aus, die mehr als fünf dauerte, bis der Tod sie schied.
Im letzten Bild sitzen die beiden auf einer Parkbank, denkbar weit auseinander, gelähmt und erstarrt im hilflosen Versuch, sich näher zu kommen. Die Frau ist schwanger. Das Kind wird den Namen Ingmar Bergman bekommen.
Vor zehn Jahren, als er in "Fanny und Alexander" die Themen, die ihn sein Leben lang umtrieben - die Zusammenstöße zwischen bürgerlich-behaglicher Lebenslust und protestantischer Selbstzerfleischung -, zu einem prachtvollen Familienroman verwoben hatte, erklärte Bergman seinen Abschied von der Kamera: Der Arbeit als Filmregisseur sei er körperlich nicht mehr gewachsen.
Doch er hat nicht aufgehört, Filme zu träumen, Filme zu schreiben, und nach Beendigung seiner Autobiographie, die 1987 erschien, hat er neuerlich eine weitläufige Familiengeschichte in Drehbuchform zu Papier gebracht, Szenen einer Ehe, wieder und wieder. Diesmal aber, so sagt er, handelt es sich um den Urstoff, um die wahre Geschichte, die er in "Fanny und Alexander" ins Romanhafte ausphantasiert hatte, um seine Eltern, um die Großbürgerstochter Karin Akerblom aus Uppsala und den Theologiestudenten Erik Bergman, der aus geduckten, ärmlichen, provinziellen Verhältnissen stammt.
Die Frau blickt mit selbstbewußter Lebenslust auf den Eigenbrötler herunter, er schaut mit hechelnder Habgier zu ihr hoch, und beide, weil Gegensätze sich so unheilvoll anziehen, kämpfen über Jahre mit Starrsinn gegen ihre mißgünstigen Mütter, um die unerwünschte Liebe und Ehe durchzusetzen: Die Hochzeit ist wirklich ein Feuerwerk, bei dem es kracht.
Es mag die Liebesgeschichte seiner Eltern sein, wie Ingmar Bergman sie sich vorstellt; eine überprüfbare Wahrheit gibt es nicht. Daß er die explosive Beziehung zwischen Vater und Mutter als den Haupt-Fluch erlebte, der über sein Leben verhängt war, hat er in seiner Autobiographie dargelegt - der Mutter ordnet er die künstlerisch-sinnliche Seite seines Charakters zu, dem Vater die puritanische, schuldbesessene -, und auch, daß er sich nach deren Tod mit schrecklicher Neugier an die Entzifferung der Tagebücher seiner Mutter machte, die diese sogar vor dem Vater verheimlicht hatte.
Manches Detail aus "Die besten Absichten" wird also belegbar sein, ebensoviel ist gewiß sinngemäße Erfindung - so hat Bergman den Tod seines Großvaters um mehr als ein Jahrzehnt vordatiert -, als entscheidend muß gelten: Bergman ist es gelungen, der Geschichte dieser Begegnung eine fürchterliche innere Überzeugungskraft zu geben.
Dabei geht es nicht nur um den Ur-Haß zwischen Mann und Frau, der da hochkocht, sondern ebenso um den zwischen Mutter und Kind: Gnadenlos porträtiert Bergman eine Mutter, die das Liebesglück ihres Kindes zu vernichten trachtet - und dabei auch noch recht hat, weil die Tochter sich in der Tat in ihr Unglück stürzt.
Von dem Dänen Bille August, 44, wird niemand behaupten, daß er ein origineller oder gar bedeutender Filmregisseur sei. Da er aber ein untadeliger Techniker ist und eine Nase dafür hat, im richtigen Augenblick mit dem richtigen Film zur Stelle zu sein, ist er erstaunlich weit gekommen: Er hat mit seinen beiden letzten Filmen ("Pelle der Eroberer", 1987, "Die besten Absichten", 1992) jeweils die Goldene Palme von Cannes gewonnen, mit dem ersten auch noch einen Oscar in Hollywood.
Ingmar Bergman, da er nicht mehr selber Regie führen will, hätte keinen kompetenteren Sachwalter als Bille August finden können, und bei den Dreharbeiten ließ er ihm freie Hand. Bergmans wesentlichste Bedingung war, daß die Schauspielerin Pernilla Ostergren, die in "Fanny und Alexander" das lebenslustige Dienstmädchen dargestellt hatte, die weibliche Hauptrolle spiele - und auch da trafen sich seine Neigungen mit denen von Bille August: Der hat sich flugs in seine Heroine verliebt, ein Kind mit ihr gezeugt, sie geheiratet - der Kugelbauch, den sie am Filmende zeigt, ist keine Attrappe, und als Pernilla August ist sie in Cannes 1992 als beste Schauspielerin ausgezeichnet worden.
Das Problem mit dem drei Stunden langen Film "Die besten Absichten", der jetzt in die deutschen Kinos kommt, ist, daß es sich um eine halbe Sache handelt. Das Original, das Ende letzten Jahres in Skandinavien im Fernsehen ausgestrahlt wurde, ist sechs Stunden lang. Bergman hat, wie schon bei "Fanny und Alexander", einen internationalen Pool von TV-Anstalten zur Finanzierung seines Werks zusammengebracht (angeblich das teuerste, das je in Schweden produziert wurde) und zugleich die Kinofassung konzipiert, die nun auf den Markt kommt.
Diese Version ist, auf alles Zeitgeschichtliche verzichtend, ganz auf das Psychodrama konzentriert: Keine Jahreszahl verrät, daß die Handlung zwischen 1909 und 1918 spielt, ganz am Rande nur kommen bei einer Arbeiterdemonstration rote Fahnen ins Bild - der Film verläßt sich darauf, daß er allein durch seine Hauptfiguren (Pernilla August und Samuel Fröler) wirkt, und Bergman, der infame alte Zauberer, schafft die dramatische Überwältigung wieder einmal.
Die Bergmansche Film-Familiensaga ist damit nicht beendet, und sie wird nun noch mehr zur Familienangelegenheit: Bei einem weiteren Teilstück, einer Vater-Sohn-Geschichte, die Ende der zwanziger Jahre spielt, hat Ingmars Sohn Daniel Bergman Regie geführt. Daß die Familie ein Fluch ist, steht fest, aber offenbar wirkt sie auch als Segen.

DER SPIEGEL 44/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Film:
Szenen einer Ehe

  • Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier
  • Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais