19.07.1993

ChinaEIN VOLK IM ZORN

Rumoren im Riesenreich der Mitte: Gerüchte über eine schwere Erkrankung des greisen Mandarins, Deng Xiaoping, gelten als Signal für neuerliche Machtkämpfe zwischen Uraltkommunisten und Reformern. Die Massen verarmen, Bauern revoltieren. China vor der Wende rückwärts? Ein neuer Mann greift nach der Macht.
Wenn es ganz heiß wird in Peking, treffen sich alljährlich die Mandarine der Volksrepublik China im Seebad Beidahe am Gelben Meer. Sie schwimmen viel, essen gut, und sie bereden die große Politik.
Diesen Sommer wird der wichtigste Mann in dieser Runde fehlen, Deng Xiaoping, 88. Gerüchte, er sei an Hodenkrebs erkrankt, ließen die Börsenkurse in Hongkong fallen. Die Pekinger Regierung dementierte - vielleicht haben ja die Ärzte dem alten Herrn nur das Baden untersagt.
Doch Uraltkommunisten wie der Planwirtschaftsideologe Bo Yibo, 85, und die beiden letzten lebenden Mitglieder des Politbüros von vor 1945, Chen Yun, 88, und Peng Zhen, 91, allesamt Widersacher des Reformarchitekten Deng, zeigten sich demonstrativ in der Öffentlichkeit. Das wird gemeinhin als Signal für eine Wende rückwärts gewertet.
Die hohen Kurgäste am Strand von Beidahe haben zu entscheiden, worüber das schlichte Volk nur rätseln darf: Was wird aus China - ohne Deng? Die Antwort bestimmt nicht nur das Schicksal des menschenreichsten Landes der Erde, sie wird auch den Lauf der übrigen Welt mitbewegen:
Die Wirren um den Boxeraufstand im Jahre 1900 führten zum ersten Militäreinsatz einer Weltkoalition, der Sturz des letzten Kaisers 1911 ging dem Abdanken seines russischen, deutschen und österreichischen Monarchenkollegen voraus. Die Gründung der Volksrepublik durch den marxistischen Revolutionär Mao Tse-tung eine Woche vor dem Etablieren der DDR 1949 schuf einen kommunistischen Block von der Elbe bis Beidahe.
Maos Kulturrevolution 1966 entflammte die Studenten von Berkeley, Paris und Berlin. Das Tiananmen-Massaker an Studenten von 1989 brachte die friedlichen Revolutionäre Osteuropas zur Einsicht in das mögliche Maß an Brutalität ihrer kommunistischen Herrscher.
Auf Deng aber hofften nicht nur die Reisbauern wie die Raffer Chinas. Auf den greisen Reformer setzte auch der kapitalistische Westen, der sich China als riesigen Absatzmarkt und emsigen Handelspartner vorstellt. Denn Deng hatte vor 15 Jahren begonnen, den Moloch Staatswirtschaft durch kontrollierte Gewerbefreiheit zu mäßigen - mit unerhörtem Erfolg.
Chinas Sozialprodukt wuchs voriges Jahr um 12,8 Prozent. Die Exporte näherten sich dem Saldo Japans - ein Wirtschaftswunder. Der Internationale Währungsfonds sah China schon als drittgrößte Wirtschaftsmacht, was chinesische Chauvinisten verleitete, ein von ihnen geprägtes nächstes Jahrhundert einzuläuten.
Der Boom freilich birgt Gefahren. Für das rasante Wirtschaftswachstum reichen Energie, Rohstoffe und Infrastruktur nicht. Die Lebenshaltungskosten in den größten Städten stiegen um 20 Prozent, etwa so hoch wie die Zinsen für Kredite. Die Staatsbank druckte bedenkenlos Geld - wie in Rußland: Im ersten Vierteljahr 1993 erhöhte sich der Geldumlauf in China um 45 Prozent.
Die privaten Handelsleute schleusen ihre Gewinne ins Ausland, vermutlich über 30 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr. Wohlhabende Bürger räumen ihre Konten und kaufen Gold. Die Provinzen führen kaum noch Steuern an die Zentrale ab und spekulieren lieber mit öffentlichen Mitteln an den Börsen von Schanghai und Shenzhen.
Die Massen aber verarmen. Über 100 Millionen Menschen flüchten vom Land und ziehen ständig durch China auf der Suche nach Arbeit, und die ersten Verzweifelten drängen schon ins westliche Ausland.
Lokalbehörden erklären ihren Machtbereich zur "Wirtschaftssonderzone", in der sich die Beamten durch Landverkäufe an ausländische Investoren bereichern und den Bauern erdrückende Abgaben auferlegen, derweil der Staat die Ernte von 1992 noch nicht bezahlt hat.
Im Juni stürmten Tausende in der Provinz Sichuan die Regierungsbüros und nahmen die Beamten als Geiseln. In diesem Jahr soll es bereits zu 500 Bauernrevolten gekommen sein. "Die Menschen in der Provinz geraten in Panik", meldete die Peking-orientierte Hongkonger Zeitung Ta Kung Pao.
Die Bürokraten aber sehen sich an die Ausgangslage des Jahres 1989 erinnert, bevor sich die durch Geldentwertung enteigneten, von korrupten Funktionären ausgebeuteten Städter millionenfach zum Tiananmen aufmachten, zur Demonstration für die Demokratie. Diesmal kommt eine selbstbewußte Bourgeoisie hinzu, die wenigstens über die Wirtschaftspolitik mitbestimmen möchte. Und die zunehmend auch Meinungsfreiheit einfordert.
Im Mai zog der Reformkommunist Wan Li, vormals Parlamentsvorsitzender, auf einer internen Parteiversammlung aus dem Volksaufstand von 1989 die Folgerungen für die Gegenwart. Damals hatte er zum Dialog mit den aufsässigen Studenten geraten, um eine Konfrontation zu vermeiden. Deng, der Taktiker, war dagegen, auch der Genosse Li Peng, der dafür hernach Ministerpräsident wurde. Die Panzer rollten.
Wan Li, heute "Berater" des Politbüros, ortete jetzt wieder den Zorn der Volksmassen über die korrupten Amtsträger, die "degenerierten Kreaturen". Ohne Reformen am politischen System, warnte er, komme es zu neuen Unruhen.
Sogar Parteichef Jiang Zemin, auch ein Gewinner von 1989, warnte bereits vor Aufständen. Premier Li Peng verlangte, ehe er sich krank meldete - womöglich Leberkrebs -, einen Sparkurs wider die Überhitzung der Konjunktur durch Kreditsperren und Importkontrollen. Der Wachstumsfetischist Deng verweigerte das.
Deng setzt auf einen neuen Mann, der sein Reformwerk fortsetzen könnte: Vizepremier Zhu Rongji, 64. Ihn hält er für den einzigen Genossen in Chinas Führungsriege, der von moderner Wirtschaft etwas versteht.
Zhu (sprich: Dschu) ist studierter Elektroingenieur, wurde nach Maos Hundert-Blumen-Kampagne 1957 als "Rechter" denunziert und in der Kulturrevolution auf fünf Jahre zur Landarbeit gezwungen. Unter Deng hatte er 1983 in Peking über ausländische Investitionen zu entscheiden. Bald darauf besuchte er Frankreich und Deutschland, 1988 wurde er Oberbürgermeister von Schanghai. Dort berief Zhu, der fließend Englisch spricht, 18 Konzernchefs aus dem Westen zu seinen Beratern, darunter Vorstandsmitglieder von Fiat und Renault.
1989 meuterten die Studenten auch in Schanghai. Zhu nahm den Standpunkt des Genossen Wan Li ein und bekundete, gegen das Volk keine Panzer und Soldaten einzusetzen.
Trotzdem stieg er zwei Jahre später zum stellvertretenden Ministerpräsidenten auf - und Deng wies ihm immer mehr Kompetenzen zu. 1992 wurde ihm noch ein "Büro für Wirtschaft und Handel" unterstellt, das er zur Reformzentrale ausbaute.
Nach den Beidahe-Beratungen des Führungsclans mit Deng im vorigen Jahr wurde ZK-Anwärter Zhu unter Überspringen von zwei Rangstufen in den Ständigen Ausschuß des Politbüros aufgenommen, dem die sieben höchsten Würdenträger der Volksrepublik China angehören.
Auch Zhu weiß, daß er die Wirtschaftseskalation erst einmal bremsen muß, was ihn zugleich den Konservativen empfiehlt. Der hemmungslose Chef der Staatsbank verlor denn auch im Juni seinen Posten. Sein Nachfolger wurde - zusätzlich zu den anderen Ämtern - Zhu, der damit alle Macht über die Volkswirtschaft in seiner Hand vereinigt. Zhu will die Kredite kappen und die Zinsen anheben, die Provinzen zur Räson rufen, die Bauern bezahlen.
Die Juli-Sitzung des ZK wurde verschoben. Zhu begab sich für zwei Monate auf eine Inspektionsreise ins Landesinnere. Vorige Woche diskutierte er mit Direktoren von Provinzfilialen der Staatsbank über die Kreditlinien. Einen Genossen aus der Mandschurei fragte er nach dem Umfang der Ausleihungen seiner Zweigstelle, für die Auskunft erntete der Bankier eine Ohrfeige.
"Sag mir die Wahrheit", brüllte Zhu, "versuch nicht, mich auszutricksen. Ich weiß, daß du mir nicht die richtige Zahl nennst. Ich weiß schon von der Zentralbank, wie hoch die Summe ist."
Dieser Wüterich soll Dengs Lebenswerk retten - eine florierende Volkswirtschaft unter Kontrolle der Staatspartei. Unbequemer als mit dem alten Deng wird es mindestens für die Altgenossen, wenn Zhu zur Erholung auch nach Beidahe kommt. Y

DER SPIEGEL 29/1993
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