19.07.1993

GriechenlandBedenkliches Wanken

Ein junger Populist entzückt die Griechen: Ex-Außenminister Antonis Samaras will mitregieren.
Beschwörend riet Staatspräsident Konstantin Karamanlis beim Verlassen der Hauptstadt, "die Badeferien des Volkes nicht zu stören".
Dabei muß das Oberhaupt der Griechen womöglich den eigenen Urlaub abbrechen, da sich in Athen eine schwere Regierungskrise anbahnt: Ministerpräsident Konstantin Mitsotakis ist in Gefahr, die hauchdünne Parlamentsmehrheit von zwei Mandaten zu verlieren - wahrscheinlich muß er die erst im Frühjahr 1994 fälligen Wahlen vorverlegen.
Das Pikante daran ist, daß nicht etwa seine Gegner, die Sozialisten des selbstherrlichen Andreas Papandreou, ihn bedrohen. Ein einstiger Schützling untergräbt die Macht des konservativen Kreters: Ex-Außenminister Antonis Samaras, der die von Karamanlis gegründete und von Mitsotakis geführte Partei Nea Dimokratia verlassen hat und nunmehr mit einer eigenen Gruppierung das Lager der Bürgerlichen spaltet.
Samaras, 42, Harvard-Absolvent und Sohn eines Herz-Professors, war ein Senkrechtstarter. Mit nur 26 Jahren zog er als jüngster Abgeordneter der Konservativen in das Parlament ein. Er wurde Finanzminister und danach, dank seines Förderers Mitsotakis, Außenminister.
In dieser Funktion leistete er sich zwar einige Schnitzer, profilierte sich aber bald als Ultranationalist und Patriot - eine Taktik, die ihn nicht viel kostete. Er rebellierte gegen seinen Förderer, als Mitsotakis einen Kompromißkurs im Namensstreit mit der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien einschlug. Samaras verlangte den griechischen Alleinanspruch auf den Namen Mazedonien und blockierte die internationale Anerkennung des nördlichen Nachbarstaats.
Im April vorigen Jahres kam es zum Eklat: Als Samaras auf einer Konferenz im Präsidentenpalais dem Premier einen langen Katalog von Wünschen präsentierte und unter anderem die Schließung der Grenzen zu Mazedonien forderte, wurde er aus dem Sitzungssaal hinauskomplimentiert und seines Amtes enthoben. Mitsotakis selber übernahm den Posten des Geschaßten.
Fortan ließ sich Samaras als unbeugsamer Grieche feiern. Er legte sein Abgeordnetenmandat nieder und begann, im Alleingang für sich und seinen harten Mazedonien-Kurs zu werben. "Hier geht es um kein Begräbnis. Heute wird etwas Neues geboren, das eine Revolution im Lande bringen wird", erklärte er 20 Abgeordneten in seiner Wohnung, die ihn nach dem Austritt aus der Regierungsfraktion besuchten.
Die Revolution ließ über ein Jahr auf sich warten. Samaras testete vorsichtig seine Chancen, legte sich einen Braintrust zu und konspirierte mit Freunden in der Regierungsfraktion. Geldgeber aus Industrie und Schiffahrt erklärten sich bereit, den Start des neuen Politkometen zu finanzieren.
Am 30. Juni war es soweit. Auf einer Werbeshow im Athener Hotel Grande Bretagne proklamierte Samaras die Gründung einer eigenen Partei. Sie trägt den bizarren Namen "Politischer Frühling". Drei aufsteigende Pfeiler in den Farben blau, grün und rot, welche die drei etablierten Parteien der Konservativen, Sozialisten und der Linksallianz symbolisieren, zeigen das Ziel des Parteigründers an: "die Überwindung des politischen Establishments".
Mit vagen Parolen nutzt Samaras die Verdrossenheit derjenigen Griechen aus, die von den Traditionsparteien enttäuscht sind. Er prangert die "Fäulnis der nicht abreißenden Skandale" an, den Egoismus und das "abgekartete Spiel" der Parteiführer. Er selber will im neuen Hellas "allen Griechen den Frühling bringen".
Athens Altparteien reagierten ratlos. Die Nea Dimokratia fand, daß es "leicht, aber weder ehrlich noch nützlich" sei, "die Gefühle eines Volkes zu streicheln und seinen Schwächen zu schmeicheln". Der greise Sozialistenchef Andreas Papandreou wies Samaras der "faschistoiden Rechten" zu. Auch der Linksallianz - "alte Ideen in einer modernen Verpackung" - fiel nichts Besonderes zu dem Quertreiber ein.
Das dürfte sich bald ändern. Denn Umfragen signalisieren unterdessen, daß gegenwärtig etwa 15 Prozent der wahlberechtigten Griechen für die Frühlingspartei stimmen würden. Samaras rangiert auf der Beliebtheitsskala griechischer Politiker bereits vor den beiden Polit-Patriarchen Papandreou und Mitsotakis. Auf Sympathien stößt der forsche Nationalist nicht nur bei konservativen Wählern, sondern auch im Lager der Linken.
In dem Popularitätsschub für den Außenseiter artikuliert sich das weitverbreitete Unbehagen über ausbleibende Reformen, erstarrte Strukturen und die Gerontokratie in Griechenland. Die Alten Mitsotakis, 74, Papandreou, 74, Karamanlis, 86, die noch die Innenpolitik beherrschen, wanken bedenklich.
Bleibt es bei dem Zuspruch für Samaras, kann sich die Parteienlandschaft radikal verändern. Sicher ist, daß er über die Aussichten von zwei Erzrivalen bei den nächsten Wahlen entscheidet: Die für Mitsotakis fast schon sichere Niederlage könnte schlimmer ausfallen, als die Umfragen voraussagen. Und auch Papandreou ist in Schwierigkeiten: Er kann schwerlich auf jene 180 von insgesamt 300 Mandaten kommen, die er braucht, um später als Staatsoberhaupt mit Gattin Dimitra ("Mimi"), einer Ex-Stewardess, ins Präsidentenpalais einziehen zu können.
Will Mitsotakis diesen Sommer politisch überleben, muß er den Steigflug des abtrünnigen Günstlings Samaras bremsen. Mit allerlei Pressionen versucht er, die "trojanischen Pferde" in der eigenen Partei einzuschüchtern. "Sie werden sich", so Mitsotakis, "nicht einmal auf die Straße wagen."
Da mag sich der Kreter täuschen. "Samaras hat große Chancen", meint die Illustrierte Ena, "der Genscher Griechenlands zu werden. Ohne ihn wird niemand regieren können." Y

DER SPIEGEL 29/1993
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