19.07.1993

FrankreichMerci Tapie

Die Bestechungsaffäre um den Fußballklub Olympique de Marseille könnte ein Symbol der Ära Mitterrand zerstören: den Ex-Minister Bernard Tapie.
Im Park des Elysee-Palastes ergingen sich im Gewühl von 5000 Gästen der Aufsteiger und der Absteiger der Saison: hochaufgerichtet in seiner ordensgeschmückten Uniform der gerade aus Bosnien heimgekehrte neue Nationalheld General Philippe Morillon; fahrig und von sarkastischen Bemerkungen begleitet der Selfmademan und Ex-Minister Bernard Tapie.
Der war bis vor kurzem noch eine Kultfigur des Regimes. Nun aber ist er als Präsident des Fußball-Europapokalsiegers Olympique de Marseille (OM) in einen Bestechungsskandal verwickelt, der seine Karriere beenden könnte.
Beide Männer, der neue Stolz und der neue Bösewicht der Nation, spielten eine Sonderrolle in der Inszenierung des Nationalfeiertags durch Francois Mitterrand.
Morgens heftete der Staatschef feierlich dem "General Courage" (siehe Seite 100) unter Wangenküßchen das Großkreuz der Ehrenlegion an die Brust. Stunden später verblüffte Mitterrand seine Landsleute, indem er im Fernsehen den schillernden Fußballvereinspräsidenten als Ausbund von "Intelligenz und Energie" rühmte. Öffentlich rief der Präsident den Staatsanwalt, der Tapie am liebsten einbuchten würde, zu mehr Zurückhaltung auf.
Warum Mitterrand, der persönlich immer nur Verachtung für Geld und Habgier gezeigt hat, eine Ehrenerklärung für diesen vom Schlagersänger zum Multimillionär und OM-Alleinherrscher aufgestiegenen Selbstdarsteller abgab, blieb den Franzosen rätselhaft.
Ein alter Weggefährte des Staatschefs glaubt, die Antwort zu kennen: "Mitterrand hat Tapie groß gemacht, er kann jetzt nicht zugeben, daß er sich so getäuscht hat." Wenn Tapie, 50, untergehe, versinke auch ein Stück Gesellschaftsphilosophie des vereinsamten Präsidenten, der auf sein politisches Ende zusteuert.
Als der Sozialist 1981 in den Elysee-Palast einzog, begann er Ausschau zu halten nach einem Symbol für "die Generation Mitterrand", so ein Wahlslogan von damals. Ein Anti-Yuppie sollte es sein, Leitfigur für eine Jugend, die an Aufstieg durch eigene Kraft und an eine neue Chancengleichheit in der von verkrusteten _(* Nach dem Sieg im Europapokal im Mai. ) Eliten dominierten Gesellschaft glaubte.
Zwei enge Mitterrand-Freunde, der inzwischen verstorbene Bürgermeister von Marseille, Gaston Defferre, und der am 1. Mai durch Freitod aus dem Leben geschiedene Ex-Premier Pierre Beregovoy, fanden das neue Gesicht: Bernard Tapie, einen knallharten, erfolgreichen Jungunternehmer, der sich als Sohn eines spanischen Einwanderers aus der Armut hochgearbeitet hatte.
Mitterrands neuer Günstling wurde schnell ein Markenzeichen. Tapie machte im Fernsehen den Rechtsradikalen Jean-Marie Le Pen mit drastischen Sprüchen nieder; Uni-Absolventen gaukelte er vor, jeder könne Unternehmer werden; in Armenvierteln versprach er Jugendlichen Jobs und Fußballstiefel.
Der Ex-adidas-Besitzer, der 1986 den siechen OM übernommen, saniert und dann zu fünf Landesmeisterschaften geführt hatte, holte dieses Jahr den ersten Europacup in der französischen Fußballgeschichte nach Marseille.
Bei soviel Talent übersah Mitterrand großzügig einige Schönheitsfehler: Gestandene Industrielle prophezeiten dem neureichen Aufschneider von Anfang an wegen seiner abenteuerlichen Geschäftsmethoden eine Riesenpleite. Die Gewerkschaften haßten den rabiaten Geschäftemacher: Der Spekulant kaufte marode Firmen auf, sanierte rentable Teile zwecks Weiterverkauf, legte unprofitable _(* Am 20. Mai im Spiel Valenciennes gegen ) _(Marseille. ) Zweige still und setzte die Arbeiter auf die Straße.
Obwohl er immer wieder in anrüchige Affären geriet, schaffte der selbstherrliche Tycoon einen steilen politischen Aufstieg - ständig unter der Obhut Mitterrands. Tapie wurde 1989 Abgeordneter, dann Städteminister in der letzten Sozialistenregierung.
Die Sporterfolge von OM waren hilfreich auf dem Weg zu höheren Zielen: Der Star der Linken wollte das Rathaus von Marseille erobern und von dort aus womöglich zum letzten großen Sprung ansetzen: in den Elysee-Palast.
Manchmal war dem begabten Schausteller der eigene Höhenflug unheimlich; eine "Affäre kann mich stürzen", vertraute er einmal Journalisten an.
Nun ist es wohl soweit. Der Absturz begann mit einem banalen Foul am 20. Mai in einem Match zwischen Valenciennes und Marseille. In der 23. Minute wurde ein Stürmer des Abstiegskandidaten Valenciennes, Christophe Robert, von einem OM-Spieler am Knöchel touchiert. Der Getroffene ging zu Boden, umklammerte aber statt des Knöchels dramatisch jammernd das Knie.
Ein Arzt konnte keinen Knie-Schaden an dem Simulanten feststellen. Die Funktionäre von Valenciennes durchschauten die Posse: Sie wußten von massiven Bestechungsversuchen gegen drei ihrer Spieler, schon in der Halbzeit legten sie Protest gegen die Spielwertung ein. Doch die Affäre blieb zunächst undurchsichtig.
Als dann Marseille in München - Valenciennes-Spieler applaudierten von der Tribüne - im Europacup-Finale den AC Mailand 1:0 schlug, geriet ganz Frankreich in einen wahren Fußballtaumel - merci Tapie.
Um so vernichtender trafen die allmählich durchsickernden Enthüllungen in der Bestechungsgeschichte die Moral der Nation. Die Fans glaubten einem Krimi beizuwohnen.
Im Garten einer Tante des Spielers Robert gruben die Fahnder 250 000 Francs aus. Untersuchungsrichter und Staatsanwalt wurden mit dem Tode bedroht. Zehn Marseille-Profis, darunter den Deutschen Rudi Völler, holte die Polizei aus dem Trainingslager zur Vernehmung ab; korruptionsverdächtige Valenciennes-Spieler verschwanden in Untersuchungshaft.
Der OM-Generalsekretär Jean-Pierre Bernes sitzt inzwischen mit Depressionen in der psychiatrischen Abteilung eines Gefängnisses bei Lille; er soll der Mann sein, der die Bestechungen eingefädelt und das Geld besorgt hat. Bernes, schon einmal wegen "schwerer Verletzung der sportlichen Moral" vom Profifußball ausgesperrt, ist nach eigenen Angaben "Auge und Ohr" von Tapie.
Allmählich gerät das für die OM-verrückte Hafenstadt Unvorstellbare in den Bereich des Möglichen: Bestätigen sich die Korruptionsvorwürfe und sollte Tapie das schmutzige Geld bewilligt haben, könnte Olympique - und damit die halbe Nationalmannschaft - in die zweite Liga herabgestuft werden. Und, Schande für die Nation: Marseille könnte demonstrativ vom nächsten Europapokal-Wettbewerb ausgeschlossen werden.
Der sturmerprobte Tapie zeigte erstmals Nerven: Der einstige Presse-Liebling giftete gegen die "größte Medienmanipulation, die ich je gesehen habe", und wurde gar hysterisch: Die Jagd auf ihn erinnere an die "Judenverfolgung in Frankreich". Das trug ihm eine Strafanzeige des neuen, rechten Justizministers Pierre Mehaignerie ein.
Ob Mitterrands Wiederbelebungsversuch an seinem einstigen Wundermann noch wirkt, ist fraglich. Vorige Woche setzte Ex-Premier Michel Rocard, der als nächster sozialistischer Präsidentschaftskandidat antreten will, ein politisches Gipfelgespräch mit dem Tausendsassa kurzerhand ab: Rocard wolle, so ein Berater, "mit Tapie nicht mehr auf einem Foto erscheinen".
In seinen Glanzzeiten hatte Tapie geprahlt: "Als erfolgreich kannst du dich erst betrachten, wenn du richtig gehaßt wirst." Inzwischen dämmert es dem Mitterrand-Protege, daß seine Feinde etwas zu zahlreich geworden sind: "Man will mich totmachen." Y
* Nach dem Sieg im Europapokal im Mai. * Am 20. Mai im Spiel Valenciennes gegen Marseille.

DER SPIEGEL 29/1993
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