03.08.1992

UmweltHalm der Weisen

Der Fernsehmoderator Franz Alt kennt den rettenden Weg aus der Umweltkrise: Schilfgras statt Atomenergie.
Weit schweift der Blick des geübten Propheten: Die Luft, verkündet Franz Alt, 54, werde so sauber, daß "wir frei durchatmen können", das Wasser in Seen und Bächen wieder so klar, daß "wir es mit der Hand schöpfen und trinken werden". Und Atomkraftwerke sieht der Fernsehmann schon als "Denkmäler einer vergangenen Epoche".
Denn Alt weiß, welcher Halm der Weisen die Menschheit vor dem Treibhauseffekt bewahrt: meterhohes Schilfgras, das künftig auf den "Feldern Europas" wachsen soll. Getrocknet, zerkleinert und in Öfen verfeuert, glaubt Alt, könnten die schnellwachsenden Energiepflanzen "Öl, Kohle, Benzin und Atomkraft ersetzen". Zudem will er aus dem wundersamen energiespendenden Schilfgras "Teile von Autos bauen" und "jede Art chemischer Rohstoffe herstellen".
Energiekrise gelöst, die ökologische Weltbedrohung überwunden, Endzeit ade - wer hätte das gedacht? "Schilfgras statt Atom", so lautet, allen Ernstes, der Titel des neuesten Alt-Buches, das in Kürze in den Buchhandel kommt*.
Auf den simplen Dreh mit dem Chinaschilf (lateinisch: Miscanthus sinensis) ist Alt, wie er einräumt, nicht selbst gekommen. Den "Ausweg aus der Atomfalle", erläutert der geschäftstüchtige Autor, "verdanke ich dem Münchner Ingenieur Wolfgang Ständer". Ihm und "unserem Heimatplaneten" hat Alt sein Werk gewidmet.
Der umtriebige Münchner Ingenieur, auf den Alt sich beruft, wirbt schon länger bei Politik und Wirtschaft für den Einsatz der Wunderpflanze, die er auf einem Spaziergang durch den Botanischen Garten entdeckt haben will. Oft schießt der Eiferer Ständer bei seinen PR-Bemühungen übers Ziel hinaus - etwa wenn er vorschlägt, auf Basis des Schilfgrases innerhalb "weniger Tage" Häuser zu errichten, um den "großen Wohnbedarf in Osteuropa" zu decken.
Im Institut für Agroindustrielle Forschung (AIF) in Großbeeren nahe Berlin, das zu Versuchszwecken Chinaschilf anbaut, hat Wolfang Ständer inzwischen Hausverbot. Ein ursprünglich geplanter Beratervertrag mit Ständer sei, so Günther Wegge, Staatssekretär im brandenburgischen Landwirtschaftsministerium, wegen "seiner astronomischen Forderungen" nicht zustande gekommen. Lothar Zanner, Leiter des Instituts, beklagt, Ständer habe AIF-Mitarbeiter häufig als "Vollidioten" beschimpft: "Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit war nicht möglich." Ständer bestreitet alle Vorwürfe als "lächerlich": "Schriftlich habe ich ein Hausverbot nie erhalten."
Ende 1990 hatte Franz Alt, auch er missionarisch veranlagt, dem _(* Franz Alt: "Schilfgras statt Atom - ) _(Neue Energie für eine friedliche Welt". ) _(Piper-Verlag, München; ca. 200 Seiten; ) _(29,80 Mark. ) "phantastischen Ideeneinpeitscher" (Alt) aus München in zwei "Report"-Sendungen zu werbewirksamen Auftritten verholfen. Was Alt jetzt in seinem Buch noch einmal aufwärmt, war allerdings schon damals ein alter Hut: Seit vier Jahren laufen an der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig Versuche mit der Miscanthus-Pflanze (und 50 weiteren Pflanzenarten), in Dänemark seit 1983.
Zwar ist auch unter ernst zu nehmenden Wissenschaftlern unbestritten: Das Schilfgras und andere sogenannte C4-Pflanzen liefern mehr Biomasse als die herkömmlichen "nachwachsenden Rohstoffe" wie Raps oder Zuckerrüben. Doch ansonsten gebe es noch "viele dicke Fragezeichen", sagt Friedrich-Wilhelm Kuhlmann vom Bonner Landwirtschaftsministerium (BML).
So sei das aus Südostasien stammende Chinaschilf "eher ungünstig für unsere Klimabedingungen", erläutert Kuhlmann, da die exotischen Gräser "Unmengen an Wasser benötigen". Findet die Ernte zudem unter schwierigen Witterungsbedingungen statt, warnt der BML-Experte, könne eine Schädigung der Wurzeln mit "negativen Folgen" für die Erträge eintreten.
"Wirtschaftliche Modellrechnungen" für den Anbau von Chinaschilf, betont Kuhlmann, seien "mit besonderer Vorsicht zu bewerten". Nach Auffassung des BML biete Miscanthus den Landwirten gegenwärtig "keine realistische Anbaualternative".
Noch skeptischer äußern sich Umweltschützer. Andreas Krug, Landwirtschaftsexperte beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, fürchtet, daß beim Anbau der Energiepflanzen "hemmungslos" Dünger und Pestizide zum Einsatz kommen würden, um den Ertrag zu steigern: "Im Gegensatz zu Getreide muß keine Rücksicht darauf genommen werden, daß die Pflanzen auf dem Mittagstisch landen." Die Schadstoffe, welche die Schilfgräser aufgenommen haben, könnten bei der Verbrennung dann in die Luft entweichen.
Energieeinsparung, sagt Jürgen Leuchtner vom Freiburger Öko-Institut, sei die "weitaus kostengünstigere" alternative Energiequelle und stünde, anders als Energiepflanzen, sofort zur Verfügung: "Das Klimaproblem läßt sich nicht auf dem Acker lösen."
Alt wischt solche Einwände beiseite. Sein Credo lautet: "Das Einfache ist ein Kriterium für Echtheit." Neue Erkenntnisse hat der Bestseller-Autor nicht anzubieten, seine Ausführungen über das rettende Schilf sind überwiegend aus den zwei Jahre alten Report-Sendungen abgeschrieben. Ansonsten widmet der Allround-Prediger sich der Aufgabe, mal wieder seine softigen Heilsbotschaften unter das Volk zu bringen. In Kurzform lauten die: Für den Frieden überall und sofort, für die Eintracht zwischen Mann und Frau, für die Aussöhnung zwischen Mensch und Natur.
Neben den energiespendenden Grashalmen propagiert Alt in seinem Traktat auch den Einsatz einer ganz anderen Bioenergie: der in "unserem Herzzentrum, dem Zentralorgan der Liebe, pulsierenden Energie". Leider, klagt der Energieapostel, sei jene "Urquelle unserer Urenergie" aber oft verschüttet. Diese Aura "zu aktivieren und fließen zu lassen", berichtet Alt seinen Jüngern, "ist das Geheimnis aller persönlichen und politischen Heilkunst".
Sein verblüffendes Kochrezept zum Überleben: "Wenn Sie sich anders ernähren, werden Sie anders denken. Wenn Sie anders denken, werden Sie anders handeln. Der Mensch ist wirklich, was er ißt." Genau diese Erfahrung, verrät der Autor ungefragt, "macht soeben unsere 20jährige Chris".
Das also wäre, endlich, der Kern seiner frohen Botschaft: Mit dem Müsliriegel gegen den Treibhauseffekt.
* Franz Alt: "Schilfgras statt Atom - Neue Energie für eine friedliche Welt". Piper-Verlag, München; ca. 200 Seiten; 29,80 Mark.

DER SPIEGEL 32/1992
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