19.07.1993

BücherspiegelDumpf und schmuddelig

Gelehrte der Universität Hamburg haben die öffentlichrechtlichen Nahost-Zampanos ins Visier genommen. Erst überführte Orient-Wissenschaftler Gernot Rotter den ARD-Korrespondenten Gerhard Konzelmann als hemmungslosen Plagiator. Der schwäbische Vielschreiber hatte in etlichen seiner mehr als 20 Werke ohne Quellenangabe von anderen Autoren abgekupfert und "die öffentliche Meinung über die Araber und den Islam viele Jahre irregeführt und zu einer Wiederbelebung des Feindbildes Islam beigetragen" (Rotter). Dieser Fall ist abgehakt - Konzelmann verschwand vom Bildschirm und komponiert nun Opern.
Jetzt haben sich die Orient-Expertinnen Verena Klemm und Karin Hörner sowie andere Fachleute Ex-Indochina-Fallschirmjäger und Bambi-Preisträger Peter Scholl-Latour vorgenommen. Ihr Urteil: "Er bestätigt in seinen Büchern und Berichten westliche Vorurteile und fasziniert so das Publikum. Nur dadurch hat er sein Prestige und Experten-Monopol erreicht." Gerade in einer Zeit wachsender Fremdenfeindlichkeit verstärke der Auflagenmillionär vorhandene Ressentiments.
Textbeispiele aus dem Bestseller "Allah ist mit den Standhaften": Das iranische Volk "ist dumpf" und nicht "reif"; die algerischen "Eingeborenen" erwecken "in ihrer Schmuddeligkeit einen abweisenden, stumpfen Eindruck", das Volk "wartete wohl schon insgeheim auf die Stunde der Propheten und Gewalttäter". Der Tübinger Islam-Wissenschaftler Heinz Halm im Vorwort: Scholl-Latour schüre die Angst vor dem Islam und beute sie kommerziell aus.
Ist Scholl-Latour ein Rassist? Die Autorinnen legen, anhand von Textstellen aus seinen ZDF-Serien und Büchern, diesen Schluß nahe. Scholl-Latours Schreckensszenario lautet: Durch den islamischen Fundamentalismus treibe der aufgeklärte Westen auf eine globale Konfrontation mit der rückständigen islamischen Welt zu - als ob eine Milliarde Moslems eine organisierte Einheit zum Sturz des Abendlandes bilden wollten, geschweige denn könnten.
Scholl-Latour, 69, in Endzeitstimmung. Der neue "Tatarensturm" scheint unausweichlich, gegen "das Schwert des Islam" hilft nur eines: das "Bündnis der weißen Menschheit".

DER SPIEGEL 29/1993
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