19.07.1993

BücherspiegelPrimitive Muster

Wer in der funktionierenden Demokratie lebe, vergesse leicht, "wie böse die Welt sein kann und wie schnell und tückisch Krisen sich auswirken können". Mit dieser Erkenntnis rechtfertigte die Schweizer Bundespolizei, daß sie landesweit alle oppositionellen Gruppen überwachte - schon Jahrzehnte bevor die Affäre um die Justizministerin Elisabeth Kopp den überraschten Schweizern 1989/90 einen monströsen Überwachungsapparat offenbarte.
Staatsschützer beobachteten die Frauenbewegung, AKW-Gegner, die randalierende Jugend, ja selbst einen Choleriker, der einmal aus Wut 30 Bäume ausriß. Sie alle wurden aktenkundig erfaßt und einer Gefahr zugeordnet, die in den Köpfen der Beamten allzeit von Moskau und seinen Helfershelfern ausging. Selbst in den dreißiger Jahren und später während des Krieges erschienen die Kommunisten und ihre Sympathisanten den Schweizer Sicherheitsleuten bedrohlicher als Nazis und Faschisten.
Das dokumentiert nun eine Wissenschaftlergruppe unter der Leitung des Basler Historikers Georg Kreis. Ihr Bericht bietet aufgrund umfassender Aktenstudien und Beamteninterviews einen Einblick in die primitiven Muster, die das Denken beamteter "Gesellschaftsbeobachter" (Kreis) - auch außerhalb der Schweiz - bestimmen. Die auf ewige Werte eingeschworenen eidgenössischen Staatsschützer deuteten selbst geringste nonkonforme Regungen als ferngelenkte Subversionsversuche.
"Die Neugierde", merkte Kreis, "galt in erster Linie dem sozial Auffälligen. Sie galt nicht dem kleinbürgerlichen Prokuristen, der auf dem Tennisplatz für nachrichtendienstliche Aufgaben angeworben wird." Die Wissenschaftler wundern sich über die "bequeme Illusion, daß sich ,Wahrheit' durch Faktenhäufung ermitteln lasse". Das Sammeln entwickelte eine Eigendynamik. "Jahrein, jahraus", kommentiert Kreis, wurden "in politisch-polizeilichen Recherchen veraltete Hypothesen stets neu verifiziert, daß schlecht sei, was nicht gut ist".

DER SPIEGEL 29/1993
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