18.10.1993

RechtsextremistenWodka und Hakenkreuz

Verbotene Neonazi-Gruppen planen gemeinsame Aktionen mit Gesinnungsfreunden in Moskau.
Beim Rendezvous in Moskau ging es hoch her. Immer wieder kippten schwarzbehemdete Kämpfer der Extremistenorganisation Russische Nationale Einheit (RNE) in einem Privatquartier deutschen Kameraden Wodka in die Gläser und stießen schwungvoll an.
Das feuchtfröhliche Gelage war als abendliches Freizeitprogramm für rechtsextremistische Besucher aus Deutschland gedacht. Wenige Wochen bevor eine schräge Koalition aus Altkommunisten und Neufaschisten in die Schlacht gegen den russischen Präsidenten Boris Jelzin zog, hielt sich eine vierköpfige Delegation deutscher Neonazis in der Moskauer Zentrale der RNE auf.
Das deutsche Vorauskommando, von Mitgliedern der verbotenen Nationalen Offensive (NO) angeführt, traf sich im August mit dem Führer der RNE, dem russischen Neonazi Alexander Barkaschow, 40. Seit dem vergangenen Wochenende hält sich erneut eine Neonazi-Delegation in Moskau auf, denn die Deutschen waren von den straff organisierten russischen Nazis "tief beeindruckt" (ein Teilnehmer). Kein Wunder: Barkaschow kommandiert eine kleine Armee von mehr als 1500 bewaffneten Nationalisten.
Die russischen Extremisten, die für einen Führer-Staat und ein großrussisches Reich eintreten, haben vor allem von jungen Männern großen Zulauf. Bei den Moskauer Kämpfen am 3. und 4. Oktober stellten RNE-Putschisten den militantesten Teil der Verteidiger des Weißen Hauses. Als besonders fanatische Krieger zeigten sich Barkaschow-Gardisten auch bei der Attacke auf das Fernsehzentrum Ostankino, bei der 62 Menschen getötet wurden.
Vor dem Sturmangriff hatten die RNE-Strategen mit ihren deutschen Gesinnungsgenossen einen umfangreichen Aktionsplan vereinbart. In einer sogenannten Solidaritätswoche vom 4. bis 11. Dezember sollen russische Nationalisten mit deutschsprachigen Transparenten und Flugblättern vor deutschen Einrichtungen in Moskau gegen die Verbote rechtsextremer Parteien in der Bundesrepublik agitieren.
Die deutschen Kameraden wollen sich "für diesen Akt der Solidarität gerne revanchieren", verspricht Michael Swierczek, 32, Vorsitzender der verbotenen NO. Gelegenheit dazu gibt das Scheitern des Putsches: Die RNE ist seither ebenfalls illegal, ihr Chef Barkaschow in den Untergrund abgetaucht.
Deutsche Rechtsextremisten planen nun ihrerseits, vor russischen Vertretungen und Aeroflot-Büros in der Bundesrepublik gegen die Verbote der russischen Nationalisten zu protestieren.
Kontakt zur RNE fanden die Deutschen ausgerechnet auf dem Roten _(* Am 3. Oktober beim Appell vor dem ) _(Kampf ums Weiße Haus in Moskau. ) Platz: Dort vertrieben, vor dem Lenin-Mausoleum, russische Rechtsradikale einträchtig neben Altstalinisten die RNE-Zeitung Russische Ordnung.
Das Barkaschow-Kampfblatt, das seine Auflage seit Herbst letzten Jahres von 25 000 auf 160 000 Exemplare gesteigert hat, schmäht mit antisemitischen Parolen die "von Juden in Besitz genommenen Massenmedien" und preist die "großartige russische Nation".
Barkaschow, dessen Kämpfer ein abgewandeltes Hakenkreuz auf der Uniform tragen, rühmt Hitler als "Helden der deutschen Nation und aller weißen Völker". Die Lage Rußlands vergleicht er mit der Situation Deutschlands am Ende der Weimarer Republik.
Der RNE-Chef, der zu Sowjetzeiten arabische Kommandos für den Kampf gegen Israel ausbildete, hatte sich aus taktischen Gründen mit den Putschistenführern Ruslan Chasbulatow und Alexander Ruzkoi verbündet. Seine nationalkommunistischen Bundesgenossen verspottete er zugleich als "alte Breschnewisten mit der Ikone in der Hand". Jetzt hoffen die russischen Hakenkreuzler, ihr Kampf ums Weiße Haus werde ihnen einen legendären Ruf und weiteren Zulauf bescheren.
Den flexiblen Umgang mit Stalinisten hat Barkaschow früh gelernt. Der Neonazi wuchs bei seinem Großvater auf, einem leitenden Funktionär der KPdSU. Der schon habe, so Barkaschow, den "Kampf gegen die jüdischen Kosmopoliten" organisiert - unter Väterchen Stalin. Y
* Am 3. Oktober beim Appell vor dem Kampf ums Weiße Haus in Moskau.

DER SPIEGEL 42/1993
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