19.07.1993

BücherspiegelTraumatisches Erbe

Die jüdischen Pioniere in Palästina kümmerten sich mehr um die Ziele der Staatsgründung als um das Los ihrer von den Deutschen verfolgten Glaubensgenossen. Tom Segev, Kolumnist der Tageszeitung Haaretz, folgert das nach dem Studium jetzt zugänglicher Akten.
Segev schildert Pläne, Menschen gegen Geld oder kriegswichtige Waren freizukaufen, etwa den Vorschlag, die überlebenden Juden Ungarns gegen eine Lieferung von 10 000 Lastwagen an die Nazis einzutauschen. Ob Gelegenheiten verpaßt wurden, sei nicht eindeutig festzumachen. Aber "in allen diesen Fällen bedurfte es größerer Fähigkeiten und Vorstellungskraft, als Ben-Gurion und die anderen Führer besaßen".
Kein Wunder, daß da die Überlebenden der Schoah (Vernichtung) im jungen Israel mit zwiespältigen Gefühlen begrüßt wurden. "Große Stille", so Segev, charakterisierte in der Nachkriegszeit die Aufarbeitung des traumatischen Erbes. Der Eichmann-Prozeß (1960 bis 1961) leitete eine "nationale Katharsis" ein. Erst zu Beginn der achtziger Jahre wurde der Holocaust zur ideologischen "Gedenkkultur" erhoben.

DER SPIEGEL 29/1993
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