19.07.1993

BücherspiegelGefühl für den „Faktor Zeit“

Die ungerechten Austauschbedingungen im Welthandel - billige Rohstoffe für teure Industriegüter - haben das arme Asien und Lateinamerika ebenso schlimm getroffen wie Schwarzafrika. Weshalb ist dann ausgerechnet dieser Kontinent in seiner Entwicklung so hoffnungslos zurückgeblieben? Gibt es zusätzliche Erklärungen zum menschlichen Aderlaß durch die Sklaverei und zur kolonialen Ausbeutung?
Buchautor Staewen rührt an ein Tabu. Er erklärt den Rückstand der afrikanischen Staaten mit der Persönlichkeitsstruktur seiner Einwohner: Geprägt durch ihre soziokulturellen Traditionen, seien Schwarzafrikaner weniger als andere Völker in der Lage, die auch von ihnen erstrebte, durch westliche Technik dominierte neue Welt zu meistern.
Entscheidend dafür ist nach Staewen die frühe Kindheit, in der jeder Mensch die für seine Charakterformung grundlegenden Erfahrungen sammelt. Viele Afrikaner verbringen ihre ersten Lebensjahre auf dem Rücken ihrer Mutter. Sie fühlen sich nie allein, sie müssen nie auf Nahrung warten - ein paradiesischer Zustand, der freilich Passivität fördert; und weil die Kinder nach Bedarf gestillt werden, entwickeln sie keinen Zeitbegriff.
Menschen anderer Kulturkreise dagegen lernen früh, zu warten und auf sich aufmerksam zu machen, und bekommen durch die "Stillzeiten" ein Gefühl für den "Faktor Zeit". Der aber ist Grundlage jeglicher Planung und Organisation, von Investitionen, Wartung, Pflege und Beschaffung - Arbeitsgängen, in welchen sich Afrikaner schwerer tun als andere Völker.
Staewen machte diese Erfahrung in über sechs Jahren als Arzt in westafrikanischen Entwicklungsprojekten. Vorher hatte der studierte Psychiater und Neurologe zwei Jahre lang die psychologischen Umwälzungen durch den Kulturwandel bei den Yoruba in Nigeria wissenschaftlich untersucht.
Den Westler, so betont Staewen, qualifiziere das "Plus an instrumentellen Fähigkeiten im Umgang mit unserer Zivilisation" weder als intelligenter noch gar als "höherstehend". Es sei nur logisch, "daß Angehörige jenes Kulturraums, welcher die technische Zivilisation hervorgebracht hat, auch nach deren Bedürfnissen in ihrer Persönlichkeitsstruktur geprägt worden sind". Europäer und Schwarzafrikaner könnten nur fruchtbar zusammenarbeiten, wenn diese kulturellen Unterschiede beachtet würden.

DER SPIEGEL 29/1993
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