19.07.1993

GroßbritannienDüsterer Mensch

Das Londoner Luxuskaufhaus Harrods verklagt einen adeligen Schulgründer. Es will seinen erhabenen Namen schützen.
Die ersten Erinnerungen, die Sir Alford Houstoun-Boswall an Harrods hat, stammen aus früher Jugend. An der Hand seiner Mutter flanierte der Knabe durch die "Food Hall" des Londoner Einkauftempels, wo bis heute beflissene Verkäufer in frischgebügelten weißen Kitteln beispielsweise im "Cheese Department" 500 Käsesorten zur Auswahl anbieten.
Zu seinem 21. Geburtstag erhielt der Adelige aus schottischem Geschlecht von seinem Vater eine wertvolle Armbanduhr - erstanden natürlich bei Harrods im noblen Stadtteil Knightsbridge. "Wir galten immer als gute Kunden", sagt Sir Alford, 46, "Harrods war stets ein Teil unseres Lebens."
Auf solch exquisite Stammkundschaft scheint das Luxuskaufhaus, zeitweiliger rezessionsbedingter Umsatzeinbrüche zum Trotz, nur noch wenig Wert zu legen. "Dieser Houstoun-Soundso muß ein arroganter Schnösel sein", mutmaßt Harrods-Direktor Michael Cole: "Auf alle Fälle hat sich der Mann in den tiefsten Schlamassel geritten."
Das muß sich erst noch zeigen. Jedenfalls ist zwischen Sir Alford und Harrods ein bizarrer Rechtsstreit entflammt. Er geht um die rechtmäßige Verwendung des Namens "The Harrodian School". Und er wird, unabhängig vom Ausgang des Verfahrens, zwei Londoner Anwaltskanzleien reicher machen.
1989 bot das Kaufhaus ein knapp zwölf Hektar großes Grundstück im Stadtteil Barnes zum Verkauf an, bestehend aus einem Gebäude im edwardianischen Stil sowie Sand- und Rasentennisplätzen, einem Swimming-pool und einem weitläufigen Park. Auf dem Areal dieses "Harrodian Club" konnten sich seit Ende des Ersten Weltkriegs Harrods-Angestellte in ihrer knapp bemessenen Freizeit (Sechs-Tage-Woche) kostenlos vergnügen.
Ob nun "abnehmendes Interesse unserer Mitarbeiter an dieser Einrichtung" (Cole) zum Verkauf führte oder Kapitalbedarf des notorisch klammen ägyptischen Harrods-Eigners Mohamed al-Fayed: Nach dreijährigen Verhandlungen erhielt Ende 1992 Houstoun-Boswall den Zuschlag "für diese Okkasion, wie sie sich nur einmal im Jahrhundert stellt". Über den Kaufpreis herrscht beidseitiges Stillschweigen. Übernommen wurde auch die komplette Einrichtung des Hauses, inklusive mit Harrods-Schriftzug veredelte Bestecke und Geschirr für 500 Personen. Der neue Eigentümer: "Harrods wollte das Gerümpel wohl loswerden."
Sir Alford und Lady Houstoun-Boswall stammen aus begüterten Familien und unterhalten Wohnsitze in London, New York, Paris und Südfrankreich. "Unsere Raison d'etre", beschreibt Sir Alford seine Daseinsphilosophie, "ist die Erziehung junger Menschen zu glücklichen Individuen und zu guten Europäern." Zu diesem Zweck betreibt das Ehepaar Privatschulen - in Großbritannien ein profitables Gewerbe.
Im Londoner Stadtteil Putney besitzen die Aristokraten bereits eine Erziehungseinrichtung für Vier- bis Achtjährige. Und im September wollen sie auf dem Areal des ehemaligen "Harrodian Club" eine weitere Tagesschule eröffnen: "The Harrodian School".
Gegen diesen Namen klagt nun aber das Edelkaufhaus "mit allen Mitteln", bei einem Streitwert in Millionenhöhe. Harrods-Direktor Cole ist empört: "Dieser düstere Mensch wagt es, unseren sakrosankten Namen zu verwenden."
Stolz verweist Cole auf andere abgeschmetterte Versuche, mit dem eingetragenen Markennamen Reibach zu machen. Einem Hotel in Neuseeland etwa verboten Gerichte den Gebrauch der sieben illustren Buchstaben ebenso wie einer Bier-Pinte im spanischen Benidorm.
Sir Alford wiederum ist schockiert über den Verdacht, er wolle mit fremdem Glanz zahlungskräftige Eltern abzocken: "Wir haben unsere Schule so benannt, weil das Grundstück seit Jahrzehnten als ,Harrodian Club' bekannt ist."
Der lästige Rechtsstreit kann teuer werden für Sir Alford: Selbst wenn seine Schule als ,The Harrodian' firmieren darf, muß er nach britischem Recht damit rechnen, einen Teil der Gerichts- und Anwaltskosten selber zu tragen. Houstoun-Boswall: "Wenn man im Recht ist, muß man auch dafür kämpfen, egal, was es kostet."
Nachtragend jedenfalls ist das Geschlecht der Houstoun-Boswalls nicht. Als in ihrer Londoner Residenz kürzlich die Waschmaschine kollabierte, sorgte Sir Alford für prompten Ersatz: selbstverständlich in der Haushaltswarenabteilung von Harrods. Y

DER SPIEGEL 29/1993
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