10.02.1992

AtomenergieLeichtfertiges Spiel

Experten warnen vor der Verwendung von Plutonium in den Brennstäben westdeutscher Kernkraftwerke: Der Bombenstoff berge ungeahnte Risiken.
Claus Berke, Präsident des Deutschen Atomforums, hat für die Militärs der ehemaligen Sowjetunion guten Rat bereit. Wenn sie nicht wissen, wohin mit ihren überflüssigen Raketensprengköpfen, sollen sie sich nur an die Deutschen wenden.
"Wir Deutschen", prahlte der Kernkraft-Lobbyist kürzlich auf einer Tagung seiner Vereinigung in Bonn, könnten auf "20 Jahre Erfahrung" verweisen. So lange schon seien seine Kollegen, die Nuklearexperten, mit der Beseitigung des Bombenstoffs Plutonium befaßt.
Wohl wahr: In den Hanauer Atomfabriken betreiben Ingenieure die Weiterverarbeitung des Supergifts schon industriell. Sie verarbeiten dort Plutonium zu sogenannten Mischoxid-Brennelementen (MOX), die als Brennstoff in Kernkraftwerken verwendet werden.
Doch das Berke-Angebot "zur Lösung des Plutonium-Problems" hat westdeutsche Nuklearexperten in helle Aufregung versetzt. Selbst Berkes Kollegen warnten jüngst, daß die gepriesene bundesdeutsche Plutonium-Panscherei bislang übergangene Sicherheitsrisiken mit sich bringe.
"Ein leichtfertiges Spiel mit der Reaktorsicherheit" ist nach Ansicht des Atomexperten Lothar Hahn vom Darmstädter Öko-Institut der herkömmlich für unbedenklich gehaltene und seit Jahren praktizierte Einsatz der MOX-Elemente in Kernkraftwerken. Eine Kritik, die nun durch ein Gutachten der sonst eher atomfreundlichen Kölner "Gesellschaft für Reaktorsicherheit" (GRS) bestätigt wurde.
Die plutoniumhaltigen Brennstäbe können nach einer Untersuchung des GRS-Experten Wolfgang Thomas unter ungünstigen Umständen die Funktionsfähigkeit der Reaktor-Steuerung und des Notfall-Systems beeinträchtigen. Im schlimmsten Fall können die brisanten Stäbe sogar platzen.
Das GRS-Gutachten stellt nicht nur die Plutonium-Verarbeitung in Hanau in Frage, um die sich derzeit Hessens Umweltminister Joschka Fischer (Die Grünen) und sein Bonner Kollege Klaus Töpfer (CDU) streiten. Die Einsatzfähigkeit von MOX-Elementen ist unentbehrlich für die Kernkraft-Strategie westdeutscher Stromversorger.
Gegenwärtig verfeuern zehn Kernkraftwerke in der Bundesrepublik die Stäbe mit dem Plutonium-Uran-Gemenge. Der MOX-Brennstoff für die Meiler vom Biblis-Typ ("Druckwasserreaktoren") besteht zu jeweils etwa 97 Prozent aus Urandioxid und zu 3 Prozent aus Plutoniumdioxid. Mehr als 50 000 solcher Brennelemente fertigte das Hanauer Siemens-Brennelementewerk bislang.
Weil das hochradioaktive Plutonium beim Betrieb von Reaktoren mit herkömmlichen Uran-Brennstoffen als Abfall entsteht, entwickelte die deutsche Atomindustrie das Reaktor-Recycling, um den Bombenstoff, wie es heißt, "schadlos zu entsorgen". Immerhin wandeln die 21 westdeutschen Atomkraftwerke jährlich etwa fünf Tonnen Uran-Brennstoff in Plutonium um.
In einem aufwendigen chemischen Prozeß wird das strahlende Gift in den französischen und britischen Wiederaufarbeitungsanlagen von La Hague und Sellafield aus den verbrauchten bundesdeutschen Uran-Brennelementen gelöst - und zurückgeschickt. Den Atommeilern, die das Plutonium zuvor aus Uran erzeugten, fällt nun die Rolle zu, das in MOX-Elemente verpackte Rest-Produkt zu verbrennen.
Das Verfahren, fälschlich als "Brennstoffkreislauf" gepriesen, gilt unter Atomkritikern schon lange als gefährlicher Unfug.
Öko-Experte Hahn schätzt, daß MOX-Brennelemente wegen der Kosten für Wiederaufarbeitung, Plutonium-Transport und Verarbeitung etwa zwölfmal teurer sind als herkömmliche Brennstäbe aus Uran. Das bedeutet, daß die Uran-Plutonium-Stäbe ihr Gewicht Kilogramm für Kilogramm in Gold wert sind.
Die "immensen Mengen" von Plutoniumdioxid, die von der Atomindustrie in Ländern wie der Bundesrepublik verarbeitet werden, beschwören zudem ein "geradezu alptraumhaftes Waffenrisiko" herauf, wie der amerikanische Energieexperte Harold Feiveson von der Princeton University warnt. Noch in diesem Jahrzehnt, so Feiveson, wird die zivile Atomindustrie über mehr Plutonium verfügen, als in allen Atomwaffen der Welt stecke: Dabei tauge, gibt Feiveson zu bedenken, Plutoniumdioxid "unmittelbar als Bombenstoff".
Reine Propaganda ist die Behauptung, Plutonium sei in Reaktoren zu vernichten. Nur etwa 40 Prozent des in MOX-Brennelementen enthaltenen spaltbaren Plutoniums werden im Reaktor verbraucht: Dabei wandelt sich das verbrannte Plutonium in andere strahlende Gifte um, die kaum weniger problematisch für die Umwelt sind.
Reaktoren, so Thomas, können das "Entsorgungsproblem des Plutoniums" nicht bewältigen. Allein in "Form der direkten Endlagerung" von Brennstäben sei "die endgültige Entsorgung des Plutoniums" zu schaffen.
Der GRS-Studie zufolge ist die MOX-Technik nicht nur unsinnig, sondern auch leichtfertig. Der Thomas-Bericht belegt, daß die westdeutsche Atomindustrie seit mehr als zehn Jahren mit den gefährlichen Brennstäben hantiert, ohne die Risiken für Reaktoren und Umwelt je sorgsam geprüft zu haben.
Weil die plutoniumhaltigen Brennstäbe im Reaktor weitaus aggressiver strahlen ("Spektrumsverhärtung") und länger im Atommeiler bleiben ("höherer Abbrand") als Uran-Elemente, erhöht sich auch die "Beanspruchung des Kernbrennstoffs und der Brennelemente-Werkstoffe" (Thomas) - mit gefährlichen Konsequenzen: *___Die "Außenkorrosion" der metallenen ____Brennelemente-Hüllrohre steigt - die etwa daumenstarken ____Schutzrohre, die den Brennstoff hermetisch vom ____Kühlwasser abschirmen sollen, verrotten also schneller ____als bei herkömmlichen Uran-Elementen. *___Der "Innendruckaufbau" in den MOX-Elementen ist so ____stark, daß unter bestimmten Bedingungen eine ____"Spaltgasfreisetzung" droht - die Hüllrohre können ____durch den Gasdruck platzen, ihr hochradioaktiver Inhalt ____kann das Kühlwasser verseuchen. *___Die MOX-Brennelemente beeinträchtigen die Wirksamkeit ____der das Atomfeuer regelnden Steuerstäbe im Reaktor - im ____Notfall könne "das sichere Abschalten des Reaktors" ____gefährdet sein. *___"Bei Störungen und Störfällen" raube die höhere ____Wärmeentwicklung ("Nachzerfallswärme") der ____plutoniumhaltigen Brennstäbe den ____Reaktor-Bedienungsmannschaften entscheidende Sekunden, ____um "störfallbegrenzende Maßnahmen" zu ergreifen. *___Schmilzt in einem mit MOX-Brennelementen bestückten ____Reaktor ein Teil des atomaren Inventars, droht auch ____nach einer erfolgreichen Notkühlung noch der Super-GAU ____- ein Katastrophen-Szenario, das bei der Analyse von ____Kernschmelzunfällen bislang nicht untersucht wurde.
Selbst die Frage, wie verbrauchte MOX-Stäbe nach ihrem Einsatz im Reaktor sicher transportiert und verwahrt werden können, bereitet der Atomlobby Kopfzerbrechen. Wegen der "durchdringenden Neutronenstrahlung" (Thomas) ist es bisher nicht gelungen, einen hinreichend sicheren Transport-Container zu entwickeln. o

DER SPIEGEL 7/1992
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