19.07.1993

MusicalStereo-Tod in Hollywood

Billy Wilders Kultfilm „Sunset Boulevard“ gibt es jetzt als Lloyd-Webber-Musical in London.
Hollywood, eine düstere Prachtvilla in einem Park am Sunset Boulevard, im Swimming-pool schwimmt mit drei tödlichen Schüssen im Rücken ein junger Mann. Der Tote fängt an zu reden: Er habe sich sein Leben lang einen Swimming-pool gewünscht und ihn schließlich zuletzt bekommen . . .
Mit diesem sarkastischen Einstieg beginnt Billy Wilders Hollywoodfilm der Hollywoodfilme "Sunset Boulevard". Die Leiche, die sich an ihre traurige Karriere erinnert, ist William Holden. Der Tote ist von unten aus dem Schwimmbecken gegen das Tageslicht gefilmt.
Der Schwarzweißfilm von 1950 benutzte dazu einen einfachen Trick. Man legte einen Spiegel auf den Boden des Pools, den man abfilmte.
Im Londoner Westend (die Prachtstraße heißt hier "The Strand") beginnt Andrew Lloyd Webbers Musical "Sunset Boulevard", das letzten Montag seine aufwendig glamouröse und umjubelte Premiere hatte, mit der gleichen Szene, aus der sich Stück und Handlung in einer rückblendenden Erzählung des Toten entwickeln. Aber was einst, vor 43 Jahren, Film war, ist jetzt Musical, Theater. Während das Orchester die ersten Worte des Toten üppig untermalt, erscheint er, mitsamt der lichtschimmernden Pool-Wellen, als Projektion auf einem transparenten Vorhang.
Wenn sich dieser Vorhang hebt, beginnt eine sentimentale musikalische Reise in die Filmvergangenheit. Der Fließband-Erfolgskomponist und Musical-Großunternehmer Lloyd Webber hat sich eines Hollywoodklassikers der Schwarzen Serie erbarmt - der dieses Erbarmen zum Überleben eigentlich nicht nötig hat.
So befand sich unter den Musical-Premierengästen, neben Roger Moore und Shirley Bassey und vor allem Billy Wilder, der, inzwischen 87, eigens aus Hollywood kam, der berühmte Tänzer Wayne Sleep, der nach eigenem Bekunden Wilders düsteres Meisterwerk schon 80mal gesehen hat. Er kennt es, wie man auf englisch treffend sagt, "by heart".
Wilders längst zum Kultfilm avanciertes Werk entstand 1949/50. Es war Wilders wichtigste Zeit. Er heiratete seine zweite Frau, Audrey, geborene Young, mit der er bis heute zusammenlebt.
Er trennte sich nach "Sunset Boulevard" von seinem langjährigen Koautor Charles Brackett. Sie hatten sich, unter anderem, über das unmotivierte Auftauchen der Todespistole gestritten - wie Wilder sich am Nachmittag der Londoner Premiere mit wehmütigem Sarkasmus erinnert. Ihre Gemeinsamkeiten waren verbraucht. _(* Mit Patti LuPone und Kevin Anderson, ) _(Gloria Swanson und William Holden. )
Für "Sunset Boulevard" gewann Wilder William Holden, der künftig sein filmisches Alter ego werden sollte. Es gelang ihm, den Stummfilmgiganten Erich von Stroheim vor die Kamera zu bringen, Buster Keaton zu einem Auftritt zu bewegen, den Meister opulenter Material- und Menschenschlachten, Cecil B. DeMille, während dessen "Samson und Delilah"-Aufnahmen in die Handlung einzufügen.
Und er erweckte den vergessenen Stummfilmstar, die Diva der Diven, Gloria Swanson, zu neuem Filmleben. Und das alles in einem Film, der Autobiographie und Zeitgeschichte, Filmtragödie und Filmsatire in einem ist.
Die Geschichte des jungen, mittellosen Drehbuchschreibers Joe Gillis, der auf der Flucht vor seinen Gläubigern in die Villa eines im Reichtum dahindämmernden, längst vergessenen Stummfilmstars gerät, ist auch die Geschichte der ersten großen Hollywoodrevolte: als nämlich der neue Tonfilm den Stummfilm jäh ablöste und alte Götter, alte Ideale, alte Stile gnadenlos in den Orkus des Vergessens stürzte.
An dem Ort, wo Talent wie Gefühl bloße Ware sind, wird der junge Mann Liebhaber, Drehbuchpartner und Sekretär der Diva, die von einem Comeback träumt - wobei ihr der sklavische Butler (Exregisseur und Exehemann), genial besetzt mit Stroheim, bei der Dauerflucht in die Illusion hilft.
Als Gillis sie verlassen will und damit ihre Traumwelt zu zerstören droht, tötet sie ihn mit drei Schüssen. Die Kameras der Polizeireporter, die zu ihrer spektakulären Verhaftung an den Sunset Boulevard 10086 geeilt sind, hält sie für Filmkameras. Sie denkt, daß endlich ihr Comeback beginnt, und tanzt den Tanz der Salome . . .
Wilder setzte provokant den nüchternen Realismus seiner Fünfziger-Jahre-Gegenwart mit ihrer kaltschnäuzigen Haltung gegen die monumentale Stummfilmvergangenheit (Hollywoods Antike sozusagen), gegen die bizarr-romantische Egozentrik der alten Zeit.
Das war auch stilistisch überwältigend, weil er Gloria Swanson als Norma Desmond mit den ausladend übertriebenen Gesten, den flatternden Gewändern, dem ins Ungefähr entrückten Blick und den überladenen Gefühlsausbrüchen der Stummfilmmelodramen spielen ließ. Und weil er im Gegensatz dazu die Welt des jungen Drehbuchschreibers Holden mit dem coolen und toughen Realismus jener Jahre, mit ihrem schnoddrig-schlacksigen Understatement unterfütterte.
Der Film beschwor auch stilistisch den Zusammenprall zweier Welten. Was ihm jedoch endgültig den Weg in den Filmolymp sicherte, ist eine Tatsache, die Wilder eher instinktiv wahrnahm, als daß er sie gewußt hätte: Auch das Jahr 1950 war eine (Film-) Endzeit.
Das goldene Jahrzehnt des Tonfilms, an dessen Anfang 1939 zum Beispiel "Vom Winde verweht" gestanden hatte, ging zu Ende. Die geistige Freiheit, im Krieg gewonnen und bestätigt, ging in der McCarthy-Ära unter. Die Studio-Ära verendete an der Furcht vor dem neuen Medium Fernsehen. Dieses Aus, das Ende der Tycoone und Stars, hält der Film historisch fest. Der Abgesang auf den Stummfilm ist auch ein Abgesang auf die eigene Epoche.
Was kann, was will ein Lloyd-Webber-Musical davon retten? "Sunset Boulevard", wie es sich in der opulenten, um Umrißschärfe bemühten Inszenierung Trevor Nunns darstellt, ist zunächst ein nahezu archäologisches Unterfangen, den Film Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen für die Musical-Bühne zu rekonstruieren.
Autoren wie Don Black und Christopher Hampton haben sich fast sklavisch an das Wilder/Brackett-Drehbuch gehalten und sogar versucht, die Filmeinstellungen mit Entsprechungen auf der Bühne zu kopieren.
Vielleicht, so denkt man, haben sie sich, wie der Tänzer Wayne Sleep, das Filmopus mindestens 80mal einverleibt. Sie haben es jedenfalls originalgetreu verinnerlicht und dann wieder kostspielig veräußerlicht: Nichts fehlt. Nicht die Prachtvilla der Norma Desmond, die in London allerdings etwas zu golddurchwirkt orientalisch gerät, so als sollten da alle Geheimnisse und Rätsel eines kostbar kitschumwaberten Orients gelöst werden.
Auf der Bühne gibt es das legendäre Paramount-Portal, und es gibt den reich ausgestatteten Cecil-B.-DeMille-Set. Selbst die Verfolgungsjagden der Autos werden als Projektionen mit kreischenden Bremsen auf die Bühne bemüht.
Und, wie gesagt, der Swimming-pool schimmert, und wenn sich die gewaltige Bühnenhydraulik mit der Desmond-Villa hebt, wird der blaue Pool-Rand sichtbar: als Signet von Luxus und lässigem Leben, das der Schreiber, paradox genug, erst im Tod erobert.
Fast alle Texte kennt man aus dem Film, alle Situationen ohnehin. Der Stroheim-Darsteller (Daniel Benzali) hat eine Stroheim-Glatze und Stroheim-Chauffeursuniform. Der Darsteller DeMilles trägt De-Milles Reithosen und DeMilles hohe Stiefel.
Die Show wirkt wie eine in Farbe umgesetzte, in lebende Bilder übertragene Kopie des alten Films. Jedoch - man ist nicht im Kino, man ist im Musical, in Andrew Lloyd Webbers tönendem Land. Tod in Hollywood, aber in Stereo. Lloyd Webber, ein König Midas des Showbiz, ein Alchimist, dem alles sich zu Gold verwandelt, ist in "Sunset Boulevard", trotz gelegentlicher Slow-motion, ja trotz gelegentlichen Stillstands, ein Meister des szenischen und musikalischen Timings. Ein Meister der Musik ist er nicht.
Seine Zum-einen-Ohr-rein-zum-andern-Ohr-raus-Klänge verfügen über einen Trick, sich dennoch einzuprägen: den der ständigen Wiederholung. Aber was den Film stilistisch auszeichnet, eben der Stilkontrast, das vermag Lloyd Webbers Musik nicht.
Sie begnügt sich da, wo sie die Fünfziger-Jahre-Gegenwart der jungen Filmleute beschreibt, mit einer harmlosen Rumba, und sie leistet sich für die verschrobene Traumwelt der Diva nicht einmal den Richard Strauss der Salome, sondern bestenfalls die Hand-aufs-Herz-Arien auf abgegraster Evergreenwiese.
Da hilft es nichts, daß Patti LuPone (eine broadwayerfahrene Musical-Heroine) trotz ihrer zierlichen Erscheinung die Bühne mühelos füllt und trotz abgegriffener musikalischer Phrasen stimmlich triumphiert.
Es ist oft beschrieben worden, daß die Musik als Sprache selten zu Komik und Ironie, noch seltener zu Sardonik und Sarkasmus fähig ist. Und hier geschieht, was Wilders Filmvorlage am wenigsten gerecht wird: Sein gnadenlos gnädiger Blick auf Hollywood wird hier mit musikalischen Tränen romantischen Kitschs wie mit einem Schleier versehen.
Aus dem Zusammenprall zweier Epochen wird die schmalzige Romanze zwischen einem Joe Gillis (Kevin Anderson), der eher ein junger Mann aus der Serie "Beverly Hills" als ein Drehbuchautor der Schwarzen-Serie-Zeit ist, und einer leider etwas verschrobenen, zeitabgehobenen Dame in Silber- und Goldturban.
Mag sein, das Musical kann und will nicht mehr. Mag sein, daß das Publikum, das Lloyd Webber anspricht, mehr auch nicht verkraften könnte. So jedenfalls ist mit viel treuherziger Werktreue und noch mehr romantischer Verschleierung der Erfolg vorprogrammiert - schon jetzt ist "Sunset Boulevard" auf Monate im voraus ausverkauft.
Hellmuth Karasek
* Mit Patti LuPone und Kevin Anderson, Gloria Swanson und William Holden.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 29/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 29/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Musical:
Stereo-Tod in Hollywood

  • Videoreportage zu seltenen Krankheiten: "Du denkst, das Kind stirbt"
  • Dugongbaby Marium: Thailändische Seekuh stirbt mit Plastik im Bauch
  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott