19.07.1993

FestspieleEinstürzende Altbauten

Anarcho-Pop, Botho Strauß, verfremdeter Aischylos: Salzburgs Stammpublikum wird von Festspielneuerungen abgeschreckt. Ist Reform-Intendant Mortier amtsmüde?
Schlag acht Uhr abends, am zweiten August-Sonntag dieses Sommers, wird es bei den Salzburger Festspielen einen Mordskrach geben. Statt kleiner Nachtmusik kommt schwere Krawallerie aufs Programm, der Mozart-Stadt droht ein Hörsturz.
Als "laut, anarchistisch, undifferenziert und dilettantisch" hat die FAZ noch jüngst die Randale beschrieben, mit der die flippigsten Gäste in der über 70jährigen Festivalgeschichte ihr Publikum behämmern: "Einstürzende Neubauten" heißen die Popmusiker, und genauso klingt ihre Dröhnung.
Wo eben noch Herbert von Karajan den klassischen Mutterboden seiner Geburtsstadt gehegt, gepflegt und multimedial abgeerntet hat, krakeelen nun schwarzbetuchte, womöglich in speckiges Knackleder gezwängte Rock-Chaoten, grölen, spucken und bringen mit Kreissägen, Schneidbrennern und Plastikkrempel die letzten Heuler ins sonst so piekfeine Ambiente. Ist alles der Mortier schuld.
In diesen Tagen ist Salzburgs Landestheater unter Verschluß. Man probt dort den neuen Strauß. Nicht den Johann und auch nicht den Richard, leider. Statt dessen Botho, den mit dem "Anschwellenden Bocksgesang" (SPIEGEL 6/1993). Nächsten Montag wird der jüngste Dreiakter von Strauß hier uraufgeführt, Titel: "Das Gleichgewicht". Spielt fast im Präsens: "Berlin, Sommer 1992". Angeblich geht es um das Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen und zwischen Wessis und Ossis. Angeblich ist auch die Treuhand im Spiel. Weit und breit kein IM, der Näheres weiß und ausplaudert.
"Man müßte", sagt jedenfalls die Hauptfigur Lilly Groth in dem Stück, "ein zweites Leben führen. Nicht ein zweites nach dem ersten, sondern ein zweites neben dem ersten." Schwer war, wie es scheint, die lange Trennung der Groths im ersten Leben und in diesem der Versuch, wie "Mann und Frau ihr Glück erhalten können, wenn anstelle stetiger Verbrauchswirtschaft ein gesunder Zyklus von Nähe und Ferne ihren Ehehaushalt reguliert".
Früher, bei Karajan, waren die Beziehungskisten durchsichtiger. Da hatte man den Partnertausch in "CosI", die Techtelmechtel im "Figaro" und den Alterssex im "Rosenkavalier". Das kannte und genoß man. Jetzt muß man aufpassen und sogar mitdenken. Ist alles der Mortier schuld.
Der schöne Salzburger Residenzhof ist derzeit verschandelt. Vor der hübschen Fassade steht, Maßstab eins zu eins, eine Kopie der hübschen Fassade. Nur ist das verblüffend exakte Duplikat schräg aus der Horizontale gekantet, wie Salzburg nach einem Erdbeben. Die Fenster sind gespalten, die Säulen geborsten, quer durch den Putz klafft ein blutroter Riß: einstürzende Altbauten.
Scheußlich, sagen die Touristen, schütteln den Kopf und knipsen. Ein Schild markiert das Gelände als Spielplatz der Festspiele. Hier inszeniert der Regisseur Herbert Wernicke, natürlich Mortier-Spezi, "L''Orfeo" von Claudio Monteverdi.
Verdi wäre den Leuten lieber, Verdi wäre ausverkauft. Für Monteverdi gibt es noch haufenweise Karten. Früher, bei Karajan und "Troubadour", waren die Billetts Wertpapiere und, küß die Hand!, außer bei bestechlichen Hotelportiers nicht zu kriegen. Heute wird man sie selbst unter "Stammsitzmietern" und "Blockabonnenten" nicht los. Ist alles der Mortier schuld.
Im Salzburg-nahen Hallein, auf dem dortigen "Lehrbauhof", hat der stoppelhaarige Mozart-Schänder Peter Sellars, Mortier-Schützling auch er, die altgriechischen "Perser" einstudiert.
Die Tragödie des vorchristlichen Aischylos wird dabei in neuer englischer Übersetzung deklamiert, mit japanischen Hoftanz-Weisen aufgelockert und durch Anspielungen an den Golfkrieg einer Reality-Show angenähert. Sellars: "Mit den 30 Milliarden Dollar für diesen Krieg hätte man den Mittleren Osten komplett verändern können. Wir zeigen die Lügen des Pentagon." Unter Karajan hätte man so etwas nicht gezeigt.
Aber hat der Karajan-Nachfolger und Festival-Primus Gerard Mortier, 49, nicht längst die Watschen weg für seine anschwellenden Bocksprünge über alles schöne, alte Brauchtum am Ort? Hat nicht sogar - ferngesteuert? aus freien Stücken? - der Tenor-Schmelzier Jose Carreras seinen berufenen Mund aufgemacht und dem flämischen Bäckerssohn die Leviten getrillert: "Fachlich unfähig" und "Keine Ahnung von Stimmen"?
Dabei gibt es genug ernstzunehmende Menetekel über den Festival-Reformer. An "verfügbaren Karten", die seit Wochen am Festspielhaus freimütig plakatiert werden, ist kein Mangel. Im Sprechtheater läuft nichts so richtig. Die Folge: 1994 wird das Programm spürbar reduziert, statt 240 000 kommen nur noch 200 000 Billetts an die Schalter. Mortier läßt schrumpfen.
Auch der Verein "Freunde der Salzburger Festspiele", in dem nicht nur graue Panther hinter der Karajan-Ära herjammern, dünnt aus: Die ebenso reiche wie einflußreiche Klientel hat seit Mortiers Reformprogramm um 25 Prozent abgenommen. Entsprechend knatschen die Hoteliers und alle Adabeis, und, da schau her: Auch der "Doktor Mortier" wird weinerlich.
Man wolle ihn durch böse Ränke "von meiner kreativen Arbeit ablenken". "Starke Kräfte" würden ihn "am liebsten untergehen sehen". Ihm sei längst klar, "daß die internationalen Geldkonzerne nicht wollen, daß ich diese Festspiele erneuere". Schließlich, am Ende des Weltwoche-Interviews, kokettes Tremolo über den eigenen Ausstieg. Er frage sich langsam, "ob man sich sein Leben mit einer solchen Schlangenbrut vergällen soll". Gegengift in der Gegenfrage: Also "früher aussteigen"? Antwort: "Ja." Vorsichtiges Aufatmen in den Kontoren der Getreidegasse: Der Doktor ist also doch zu erschüttern.
Mortier, man weiß es längst, ist ein Virtuose seiner PR, er sieht sein Image gern als polierte Platte. Und sein hübscher Schmäh von den bösen Kapitalisten und den finsteren Hintermännern ist trefflicher Theaterdonner.
Und doch ist was im Busch. Schlangenbrut? Lauert die vielleicht bei Mortier gleich nebenan, Großes Festspielhaus, zweiter Stock?
Ja, es gibt, gelinde gesagt, "derzeit eine atmosphärische Eintrübung in meinem Verhältnis zu Doktor Mortier", gesteht Hans Landesmann. Er bildet mit Mortier und dem unauffälligen Bankier Heinrich Wiesmüller das Festspiel-Direktorium. In diesem Trio spielt Mortier, vertraglich als "Intendant" herausgestellt, die erste Geige. Aber der mächtigste Mann ist Landesmann, 61.
"Macht", sagt der, "ist mir fremd, ich strebe nicht danach." Stimmt, er hat sie. Ein stilles Wasser. Ein freundlicher Herr. Eine hellgraue Eminenz. Polyglotter Professor (fünf Sprachen), studierter Chemiker, gelernter Pianist. Wenn er auf dem Klavier so spielt, wie er spricht und wie er schaut, dann drückt er sicher am liebsten leise, langsame Sätze in die Tasten: "Mondscheinsonate", Adagio sostenuto.
"Der denkt schon an einen Kompromiß, bevor er überhaupt eine Entscheidung getroffen hat", charakterisiert ihn einer, der gern mit ihm zu tun hat. In der Tat wirkt der gebürtige Wiener mit dem sanften Lächeln wie Sarastro hinterm Schreibtisch.
Dem Landesmann, feixen manchmal die Spötter, ist alles Wurscht, und das stimmt zumindest ab Donnerstag für den Rest der Woche. Dann sitzt der Schöngeist nämlich schon in aller Herrgottsfrühe im Büro am früheren Wiener Schlachthof St. Marx und dirigiert von dort aus diverse Fleisch- und Agrarprodukte durch das Familienunternehmen Alexander Landesmann & Sohn nebst angeschlossenen Firmen: Import, Export, Lagerung, Transit, Schwerpunkt: Ostgeschäft, derzeit blühend.
Zwischen den Stelzen und Schnitzeln telefoniert Geschäftsführer Landesmann aber auch immer mal mit der Wiener Staatsoper, mit dem ORF oder mit einem seiner Künstler. Denn Agent, Betreuer und Schirmherr ist er auch, und da wird es nun tatsächlich heikel.
Keinen Musiker betreut Landesmann länger und lieber als den Dirigenten Claudio Abbado. Mit ihm hat er Jugendorchester und Festivals gegründet, ihn, den Duzfreund, berät er als Chefdirigent des Berliner Philharmonischen Orchesters, und ganz besonders eingeweiht ist er in die Pläne der Salzburger _(* Fritz Lichtenhahn und Jutta Lampe (als ) _(Lilly Groth) bei der Probe in Salzburg. ) Osterfestspiele. Denn deren Künstlerischer Leiter heißt ebenfalls Abbado.
Die 1966 von Karajan gegründeten Osterfestspiele sind das kurze, kleine, besonders feine Musik-Meeting der Mozartstadt. Es finanziert sich fast ganz aus Spenden- und Eintrittsgeldern der privaten Förderer. "Wir kriegen kein Geld vom Staat", bilanziert die Geschäftsführerin Beate Burchhard, "und können deshalb machen, was wir wollen."
Im Frühjahr 1995 wollen die Osterfestspiele die Oper "Elektra" von Richard Strauss machen. Dirigent: Abbado. Regie: Giorgio Strehler. Es spielen Berlins Philharmoniker. (Die studieren das Stück, damit die Proben für die Salzburger nicht so teuer werden, daheim schon auf Senatskosten ein.)
Nun will, nur knapp vier Monate nach der österlichen Abbado-"Elektra", das Sommer-Festspiel denselben Knaller aufs Programm setzen, nur mit japanischem Kabuko statt italienischem Strehler, mit Maazel statt Abbado und mit den Wiener statt mit den Berliner Philharmonikern. Also ganz anders und irrsinnig interessant und irrsinnig teuer, das Richtige für schwere Zeiten.
Ohne Rücksicht auf Verluste und wachsende Finanznot behauptete nun jedes Festival, "Elektra" als erstes gebucht und die jeweils andere Seite davon großherzig und frühzeitig unterrichtet zu haben. "Krieg in Salzburg?" fragte, schadenfroh, der Wiener Kurier, und auf einmal war die Petitesse eine Staatsaffäre. Der Salzburger Bürgermeister Josef Dechant rüffelte Mortier, machte einen Rückzieher und bot staatliche Vermittlung an, Mortier trommelte die internationale Presse zusammen, Landesmann hielt sich bedeckt.
Der Klügere, in diesem Fall Mortier, wird nachgeben (müssen), der Mächtigere - das ist Abbado - den Triumph genießen. "Leben sich Abbado und Mortier ganz auseinander?" fragt ahnungsvoll der Kurier. In jedem Fall hat Abbado einen neuen Mitstreiter gefunden: seinen alten Intimfeind Riccardo Muti. Der räumt, als Musikchef der Scala, seinem "Elektra"-Kollegen Abbado das Mailänder Traditionshaus. Man koproduziert.
War da nicht auch was zwischen Mortier und Muti? Richtig, letzten Festspielsommer hatten sich beide Herren über die Qualität einer "Titus"-Inszenierung zerstritten. Spielen sich künftig vielleicht Muti und Abbado die Opern-Bälle zu - gegen Mortier? Und Landesmann guckt weg?
In Österreich ist mit solchen Dreiecksverhältnissen noch weniger zu spaßen als anderswo. Der Fleisch- und Musik-Grossist Landesmann weiß und Mortier sollte wissen, daß nicht nur in Wiener Parks, wie Georg Kreisler lästert, gern Tauben vergiftet werden. Y
* Fritz Lichtenhahn und Jutta Lampe (als Lilly Groth) bei der Probe in Salzburg.

DER SPIEGEL 29/1993
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