19.07.1993

PopmusikZertrümmern ist Pflicht

Pete Townshend, legendärer Frontmann von The Who und Komponist der Rock-Opern „Tommy“ und „Quadrophenia“, hat schon wieder ein Gesamtkunstwerk geschaffen.
Was kümmert's den 48jährigen Rockstar, wenn die Zeitungen über ihn schreiben? Da muß er lesen, daß er ein Stümper sei, ein ausgebranntes Wrack, ein Kleine-Mädchen-Schänder - und alles schert den Mann einen Dreck.
Er ist im Showgeschäft, was soll's, da sind auch negative Schlagzeilen jede Menge Geld wert und vermögen den Helden nicht mehr zu verletzen: Er ist zynisch und abgebrüht genug, um alle Schlachten durchzustehen. Nur dieser eine Artikel einer jungen Journalistin, der geht selbst diesem Zyniker zu weit: "Diese Kuh schreibt, ich sei häßlich", herrscht der Rockstar seinen Manager an. Der Manager aber antwortet nur: "Na und? Du bist häßlich."
Very British, in der Tat, was der Besitzer des wohl berühmtesten Pferdegesichts da in seinem jüngsten Werk an Selbstironie zur Schau stellt. Pete Townshend, als Bandleader von The Who schon seit drei Jahrzehnten ein legendärer Typ der Rockgeschichte, hat sich den Dialog zwischen Rockstar und Manager für sein Soloprojekt "Psychoderelict" ausgedacht - ein Hörspiel über die Verwirrungen eines alternden Pophelden.
Schwül und drückend ist die Luft im Theatersaal des Londoner "Mayfair"-Hotels, als Townshend zusammen mit einer Akustikgitarre und ein paar Schauspielern vor gut 150 Popjournalisten sein "Psychoderelict"-Audiodrama aufführt - doch kaum ist der letzte Ton verklungen, beweist der Mann, daß er weit empfindlicher ist als sein Alter ego im Hörspiel. "Sie müssen mich nicht fragen, wie's mir geht", blafft er ein käsiges Bürschchen an, "Sie können es in Ihrer Kolumne nachlesen."
Was bloß hat den Mann so in Rage gebracht? Eine halbe Stunde später liefert Townshend im Gespräch die Erklärung nach: Der blasse Knabe ist Kolumnist der Londoner Daily Mail - und hatte tags zuvor behauptet, Townshend sei im Streß um die Fertigstellung des "Psychoderelict"-Albums auf alte Sünden verfallen: "Schreibt dieser Kerl einfach, daß ich wieder Alkoholiker sei! Das ist eine glatte Lüge!"
Daß er sich auch heute noch mit derlei Anwürfen konfrontiert sieht, darf Pete Townshend getrost den Exzessen seiner wilden Jahre zuschreiben. Schließlich ist er der Mann, der das Zertrümmern von Musikinstrumenten auf offener Bühne Ende der sechziger Jahre zur Pflichtübung für jeden Vorstadtrocker machte.
Schließlich ist er - es war Ende der Siebziger, als sich sein Who-Kumpan Keith Moon gerade mit einer Überdosis des Medikaments Heminevrin ins Jenseits befördert hatte - selbst nur mit knapper Not dem Drogentod entkommen.
Trotzdem hat Pete Townshend, der heute lieber den Familienvater spielt, das Rocker-Handwerk von Anfang an weniger als Mission denn als Rollenspiel begriffen. Schon 1965, als der Absolvent an der Ealing Art School zusammen mit den Who-Gründungsmitgliedern Roger Daltrey, John Entwistle und Keith Moon die Konzertbühnen stürmte, hatten diese Auftritte den Charakter von Happenings.
Auch später verdankten die Who den Ruhm weniger ihren üppigen Plattenverkäufen (die blieben ziemlich mies), sondern ihren Konzerten. Dort, unter anderem beim notorischen Woodstock-Festival, boten sie ein perfekt inszeniertes Theater aus Gewalt und Grausamkeit, passend zu ihrer Losung "Hope I die, before I get old".
Im Dezember 1979, als während eines Who-Konzerts vor den Toren des "Riverfront Coliseums" im amerikanischen Cincinnati elf Teenager von einer Menschenmenge totgetreten wurden, verfluchte Townshend die Dämonen, die er einst gerufen hatte: "Manchmal hasse ich die Rockmusik", sagte er, "ein Rockstar zu sein ist genauso, als wäre man die Queen."
Damals waren The Who längst eine der einflußreichsten Bands des Musikgeschäfts. Townshends Rockoper "Tommy" (1969) um einen blinden und taubstummen Jungen brachte ihm Vergleiche mit E-Musik-Komponisten wie Gustav Mahler und Benjamin Britten ein. Ebenfalls zum Welterfolg geriet die Nachfolgeoper "Quadrophenia" (1973), in der Townshend die Geschichte jener Jugendkultur nacherzählt, die ihn selbst prägte und die er als "viel wichtiger als die ganze Hippiebewegung" einschätzt: Den Aufbruch der Mods im England der frühen sechziger Jahre.
Nach Keith Moons Tod im September 1978 widmete sich Townshend verstärkt und mit eher mäßigem Erfolg Soloprojekten. Mehr und mehr zum Hauptberuf aber machte er seine Leidenschaft für Bücher und wurde schließlich Lektor beim Londoner Verlag Faber & Faber.
Dort erschien 1985 sein literarisches Debüt "Horse's Neck", in dem er Selbsterlebtes mit Erdichtetem mischt. Der Kritiker der New York Times befand ziemlich zutreffend, Townshend besitze "ein instinktives Gespür dafür, den Stoff des Lebens zu mythisieren".
Möglicherweise hat Townshend jedoch weniger ein philosophisch-essayistisches als ein dramatisches Talent. Wie schon seine nach einer Kinderbuch-Vorlage entstandene Platte "The Iron Man" von 1989, die einen Tag im Leben eines Zehnjährigen schilderte, belegt auch das neue Werk, "Psychoderelict", diesen Verdacht: Inmitten der mit Sarkasmus angereicherten Farce um den alternden Rockstar Ray High, der mal als großer Manipulator und mal als kleiner Manipulierter erscheint, findet sich da ein bizarrer Dialog zweier Nachtklub-Gespenster. "Bist du Harold Pinter?" fragt eine Männerstimme. Die Antwort kommt von einer Frau: "Eher Noel Coward, glaube ich." Tatsächlich erweist sich der Autor dieses Verwirrspiels als Großkomödiant: Pete Townshend ist der Noel Coward der Rockmusik.
Was nichts daran ändert, daß es die Songs sind, die seine Fans interessieren - mehr als all die parodistischen Streiflichter über die Abgründe und Untiefen des Rockgeschäfts. "English Boy" heißt der als Single ausgekoppelte Gassenhauer der Platte; im zugehörigen Video präsentiert Townshend noch einmal jenen Rocker-Mythos, der seine Musickarriere geprägt hat: den des kleinen Jungen aus proletarischen Verhältnissen, der schon vom Ausbruch aus der Welt seiner Eltern (und seiner Klasse) träumt. "Ich bin ein englischer Junge", singt der Rebell da, "ich wurde richtig erzogen / versuch, mich am Boden zu halten / und ich werde zubeißen." Einer wie er läßt sich niemals zähmen. Y

DER SPIEGEL 29/1993
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