19.07.1993

FilmKomisches Irresein

„Benny & Joon“. Spielfilm von Jeremiah Chechik. USA 1993.
Schöne kranke Welt: Joon ist wunderhübsch und autistisch. An besseren Tagen malt sie expressive Bilder, aber ab und zu regelt sie mit Tischtennisschläger und Taucherbrille den Verkehr vorm Haus oder flüchtet sich in furchtbare Wutanfälle. Mit denen vergrault sie eine Haushälterin nach der anderen.
Ansonsten wartet sie brav darauf, daß Benny aus seiner Autowerkstatt heimkommt und alles wieder in Ordnung bringt: Krankheit als Idylle.
Benny, eine Seele von Übermensch, ist Joons großer Bruder. Nach dem frühen Unfalltod der Eltern fühlt er sich für seine psychisch kranke Schwester verantwortlich. Er besorgt ihr nicht nur während der Arbeitszeit die Lieblingsmarmelade, sondern bewahrt sie auch immer wieder vor der Einweisung in eine Anstalt. Sogar sein Triebleben hört auf nur ein Kommando: Verzicht.
Das kunstvoll austarierte Zusammenleben von Brüderlein und Schwesterchen kippt kurzfristig ins Chaos, als Joon bei einer Pokerpartie mit Bennys Kumpanen den kauzigen Sam gewinnt und ihn mit nach Hause bringt.
Der junge Tramp, mit Hut und Stöckchen eine Art Wiedergeburt von Charlie Chaplin und Buster Keaton in einer Person, becirct die scheue Psychotikerin mit pantomimischen Zaubertricks und praktischer Küchenhilfe: Käsetoast auf dem Bügeleisen. Prompt verlieben sich die beiden Außenseiter ineinander.
Benny, eifersüchtiger großer Bruder, setzt Sam bei Nacht und Nebel auf die Straße. Joon brennt mit ihm durch, bekommt im Bus vor Aufregung einen Anfall und landet in der Nervenklinik.
Selten zuvor hat ein Film so leichtfüßig wie leichtfertig Krankheit mit Komik zu vereinen versucht wie "Benny & Joon". Hätte Regisseur Jeremiah Chechik, ein kanadischer Werbeprofi, für seine zweite Spielfilmarbeit nicht derartig hervorragende Schauspieler gefunden, sein Film wäre in Peinlichkeit ertrunken. So aber retten Johnny Depp (Sam), Mary Stuart Masterson (Joon) und Aidan Quinn (Benny) die ebenso harmlose wie verharmlosende Psycho-Comedy vorm Absturz ins Triviale.
Während sich die Schauspieler tatsächlich für die Probleme psychisch Kranker und ihrer Angehörigen zu interessieren scheinen, schwelgt der Regisseur offensichtlich lustvoll im rührseligen Märchenton. Manchmal gelingen ihm dabei sogar Szenen voller Witz und Poesie - beispielsweise, wenn Sam im Park klassische Stummfilm-Nummern parodiert und dabei anachronistischen Slapstick-Charme entfaltet.
Doch das Happy-End ist so schaurigschön wie ein Kitschroman. Aus dem Psycho-Schaden werden alle klug - und sogar glücklich: Sam und Joon ziehen in eine eigene Wohnung, und Benny kann sich endlich um die Serviererin vom Imbiß um die Ecke kümmern. Y

DER SPIEGEL 29/1993
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DER SPIEGEL 29/1993
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