19.07.1993

LiteraturEigenartig eifrige Art

Über die politische Haltung des Schriftstellers Thomas Mann im US-Exil war das FBI gut unterrichtet. Informant: seine Tochter Erika.
War Erika Mann eine "Agentin des FBI"? Hat sie in den Jahren ihres amerikanischen Exils die Bundeskriminalpolizei mit Informationen aus der deutschen Emigrantenkolonie beliefert, ja sogar den eigenen Vater bespitzelt und verpfiffen?
Doch, sie hat - so jedenfalls steht es mehr oder weniger klar und deutlich in etlichen Zeitungsmeldungen der vergangenen Woche, und sie berufen sich dabei auf einen längeren Aufsatz im Juli-Heft der Zeitschrift Neue deutsche Literatur, verfaßt vom Literaturwissenschaftler Alexander Stephan, Professor an der Universität von Florida.
Um zu erforschen, "wie weit das Interesse an der Überwachung von Schriftstellern selbst in einem durchaus demokratischen Staat wie den USA gehen kann", hat Stephan, wie er berichtet, "gut drei Dutzend" der Dossiers studiert, die das Federal Bureau of Investigation in den Jahren des Zweiten Weltkriegs und der nachfolgenden Ära der Kommunistenjagden über "nahezu alle deutschsprachigen Exilautoren" führte, über Bertolt Brecht und Carl Zuckmayer, Lion Feuchtwanger und Anna Seghers, über Thomas, Heinrich, Klaus und Erika Mann.
Deren Akte aber interessierte den Forscher. "Eigenartig" findet er den Fall vor allem wegen der "eifrigen Art", mit der sich Erika Mann der Organisation des mächtigen J. Edgar Hoover anempfahl und zwischen 1940 und 1951 dem FBI "ihr Wissen über die deutsche Exilkolonie" und die "politische Position ihres Vaters" weitergab.
Thomas Manns Tochter, schreibt Stephan, scheine "offener und andauernder mit amerikanischen Behörden zusammengearbeitet zu haben als andere Exilanten". Wie diese Kooperation im einzelnen aussah und welcherart ihre Informationen waren, darüber geben die rund hundert Blätter aus den Archiven des FBI, an vielen Stellen durch Schwärzungen unleserlich gemacht, nur spärlich Auskunft - etwa über einen ihrer Besuche im New Yorker FBI-Büro: Dort sprach sie vor, "um einen Hitlerflüchtling als ,very suspicious' zu entlarven, weil er - obwohl kein Jude - mit einem ,J' in seinem deutschen Paß an den britischen Behörden vorbeigeschlüpft sei".
Über die Motive, die Erika Mann zu solchen Dienstleistungen bewegten, wagt Stephan nicht zu urteilen: "Eitelkeit oder Opportunismus, echte politische Überzeugung oder der Versuch, für sich und ihre Familienmitglieder im Asylland USA Türen zum inneren Kreis der einheimischen politischen Elite aufzustoßen - der Aktenstand läßt nur für Vermutungen und Spekulationen Raum".
Über die Spekulationen der letzten Tage ist der Professor im fernen Florida überhaupt nicht glücklich. "Ich habe doch nie behauptet, daß Erika Mann eine Agentin des FBI gewesen sei", so sagt er. "Und daß sie ihren Vater bespitzelt hätte, ist einfach lächerlich." Y

DER SPIEGEL 29/1993
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