19.07.1993

SexVerbotene Früchte

Amerikas homosexuelle Frauen sind selbstbewußt geworden und outen sich. Schon vermarkten Firmen den „Lesben-Schick“.
Es ist ein heißes Wochenende in der Stadt, was nicht nur am sommerlichen Wetter liegt: Wilde Weiber ziehen durch die Straßen, sie brüllen, sie schreien und pusten in ihre Trillerpfeifen, und auf große Schilder haben sie ihre politischen Forderungen gemalt: "Ich will Bürgerrechte", "Ich will die Welt" und "Ich will eine heiße, nasse Muschi".
Sechs Frauen ziehen ein riesiges Doppelbett, auf dem andere Frauen barbusig tanzen und küssen und knutschen. "Ich kann es nicht fassen", ruft ein junger Schwarzer, "ist das Amerika?"
Es ist der Broadway, New York, Amerika im Jahre eins der Regierung Clinton. Der amerikanische Präsident hat mit seinem - inzwischen vernebelten - Wahlversprechen, Homosexuelle im Militär zuzulassen, der Bewegung viel von ihrer Angst und Verzagtheit genommen.
"Wir sind Lesben, wir sind raus, wir sind auf Macht aus", skandieren die "Lesbischen Rächerinnen" auf dem "Ersten jährlichen Lesben-Stolz-Marsch" in New York. Sie sind die lautesten Vertreterinnen einer neuen selbstbewußten Generation von jungen, homosexuellen Frauen. Und sie fordern gleiche Bürgerrechte wie Heterosexuelle.
Sie haben einiges erreicht, doch den wenigsten ist das genug: Sie wollen heiraten und sich nicht nur, wie zum Beispiel in der Stadt New York möglich, als Paar bei den kommunalen Behörden registrieren lassen (ein rechtliches Zugeständnis, über das deutsche Homosexuelle schon froh wären). Aber noch immer gilt Homosexualität in den USA als hinreichender Kündigungsgrund. Und noch immer werden Frauen beschimpft, die Hand in Hand durch die Straßen gehen.
Lange standen die Lesben im Schatten der schwulen Männer, deren vermeintlich größeren Problemen sie ihre eigenen Sorgen unterordneten. "Aids hat die Homosexuellen in die Medien gebracht", erklärt die Aktivistin Beth Trimarco, 22, "und jetzt sind wir dran."
"Wir bleiben nicht länger unsichtbar", verkündet die "Rächerin" Ann Northrup, "wir werden prominent sein und Macht haben." Ein Newsweek-Titelbild zeigte ein lesbisches Pärchen; die Frauen-Zeitschriften Mademoiselle und Vogue bejubelten die jungen Lesben ("Auf Wiedersehen für ein letztes Tabu", "Jetzt ist jeder verrückt nach schwulen Mädchen"); auf dem neuesten Cover von Vanity Fair geben sich das Model Cindy Crawford und die lesbische Sängerin K. D. Lang mehrdeutigen Spielen hin. Und die Schaufenster der sonst eher konservativen New Yorker Buchläden sind plötzlich voll von Literatur über die Homosexualität.
Die Modefirma "Banana Republic" schaltet Anzeigen mit schmusenden Frauen. "Wenn der durchschnittliche Amerikaner feststellt, daß er selbst ein Banana-Republic-Hemd anhat", hofft die lesbische New Yorkerin Gail Eisenberg, 27, "dann kommt er vielleicht ins Nachdenken."
Die Grammy-Gewinnerin K. D. Lang hat sich im vergangenen Jahr als lesbisch geoutet; Madonna flirtet öffentlich mit der bisexuellen Komikerin Sandra Bernhard; und in diesem Frühjahr hat der US-Senat die bekennende Homosexuelle Roberta Achtenberg als Unterstaatssekretärin bestätigt: Die Frauenliebe ist kein Tabu mehr in den USA.
Höchste Zeit, meint Camille Paglia, die streitlustige Postfeministin und Kulturhistorikerin: Allzulang hätten sich feministische Lesben abgekapselt und zurückgezogen aus der angeblich so frauenfeindlichen Männerwelt - um dann aber zu jammern, daß die Gesellschaft sie nicht wahrnehmen wolle. "Fangt an, unverlangt Kommentare an Zeitungen zu schicken", fordert Paglia deshalb, "und hört mit dem dämlichen Klischee auf, wir Lesben können keinen Zugang zu den Medien bekommen."
Paglia wird ihre Freude an den jungen Lesben haben: Sie outen sich mit T-Shirts, auf denen Slogans stehen wie "Keiner weiß, daß ich eine Lesbe bin" oder "Lesben sind geborene Führer (Du folgst gerade einer)". Sie hängen sich stolz die regenbogenfarbenen "Freedom-rings" um, einst Symbol der Schwulen.
Sie haben nichts von dem, was Paglia als "notorische Humorlosigkeit" der Feministinnen bekrittelt. Sie haben nichts gemein mit dem Stereotyp von der verbiesterten und verbitterten Frauenrechtlerin:
Es mag ja sein, daß die lesbische Liebe früher als Akt des Widerstands gegen Männerherrschaft und Patriarchat galt. Die Frauen heute hingegen verstehen sich nicht als politische Bewegung und haben oft mit dem Feminismus nichts mehr im Sinn. Sie wollen vor allem ihren Spaß haben.
Sie springen in ihren Diskotheken auf den Laufsteg, reißen sich die T-Shirts vom Leib und tanzen provozierend; sie kaufen pornographische Magazine wie On Our Backs, das nackte Frauen präsentiert; sie haben keine Scheu, sich selber "Sexbomben" zu nennen.
Und sie werden immer mehr. "Es kommen plötzlich viele Frauen in die Bars", hat Jalila Aybar, 31, beobachtet, "die so yuppiehaft sind." Frauen, die früher aus Angst vor ihren Familien oder Kollegen ihre gleichgeschlechtliche Neigung vertuscht haben, bekennen sich nun öffentlich zu ihrer Sexualität.
So wie Gail Eisenberg: Während des Marsches der "Lesbischen Rächerinnen" hat sie sich von der bunten Fröhlichkeit der Frauen überzeugen lassen. Sie hat sich entschlossen, ihrem Vater zu erzählen, daß ihre Mitbewohnerin seit einem Jahr auch ihre Geliebte ist. "Wenn er mich an meinem Geburtstag besucht, werden wir zum Frühstück gehen", so ihr Plan, "und dann werde ich ihm sagen, ich könne meinem Herzen keine Vorschriften machen."
Und weil Lesben auf einmal nicht nur sichtbar, sondern auch angesagt sind, wollen viele dazugehören, Teil der Szene sein. Als "homo auf den Straßen, hetero auf den Laken" bezeichnet die New Yorker Wochenzeitung Village Voice ein völlig neues Phänomen: Frauen, die von langweiligen Partys und aufdringlichen Männern genug haben, sich homosexuell geben und in Lesbenklubs amüsieren. "Verbotene Früchte", konstatiert das Blatt, "locken den Puritaner."
Kein Wunder, daß vielen wirklich homosexuellen Frauen der Rummel schon wieder auf den Wecker geht: "Einige versuchen", sagt Beth Trimarco, "ein bißchen lesbisch zu sein, so wie andere, weil Rap in ist, ein bißchen schwarz sein wollen." Y

DER SPIEGEL 29/1993
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