19.07.1993

PsychiatrieRAUNEN AN DER GLASTÜR

Wenig Psychopharmaka, intensive Betreuung und viel Ruhe: Mit diesem Rezept erzielten Schweizer Psychiater Behandlungserfolge bei Schizophrenen. Das Berner Modell gilt als Weg zu einer menschlicheren Psychiatrie - in einer Zeit, in der sich die psychiatrische Forschung auf die Biologie konzentriert.
Das erste, das sich veränderte, waren die Blinker. "Ich kam von einem Waldspaziergang zurück", erzählt Lukas. "Es regnete. Und als ich plötzlich merkte, daß die Autos mir mit ihren Blinkern den Weg wiesen, mußte ich lachen." Später verwandelte sich die ganze Welt.
Lukas hatte die neue Welt mit Lachen begrüßt. Denn er war ihr Regisseur. Die Autos fuhren, wohin er wollte. Die Bäume rauschten auf seinen Befehl. Und vom Bett aus konnte er per Kopf den Ölofen an- und ausschalten oder den Radiowecker stellen: ein Rausch grenzenloser Macht.
Bis sich unmerklich Angst in seinen Jubel mischte. Eine Welt, in der alles plötzlich mit ihm zu tun hatte, begann bedrohlich zu werden. Wut staute sich in ihm, Wut auf die Last, die ihm aufgebürdet war. Denn Stimmen, die andere nicht zu hören vorgaben, raunten ihm zu, er sei schuld daran, daß die Straßenbahn klingelte, daß der Wind die Äste bewegte, daß die Amseln zwitscherten.
Später, in der Klinik, stand Lukas an der verschlossenen Milchglastür, "wahrscheinlich tagelang". Für die rätselhaften Veränderungen, die mit der Welt vorgegangen waren, für die Panik, die ihn peinigte, hatten die Ärzte ein Wort gefunden: Schizophrenie. Und sie versprachen Linderung, für die sie fremdartige Namen hatten: Haloperidol, Clozapin, Chlorpromazin.
Das erste Mal wartete er zwei Wochen an der Glastür in der Psychiatrie der Universitätsklinik Bern, bis die Medikamente die beängstigende andere Deutung der Welt verscheucht hatten. Das zweite Mal blieb er sieben Wochen. Beim dritten Mal stand für ihn fest: "Um keinen Preis wieder in die Klinik."
Diesmal war er aus Frankreich zurück in die Schweiz gekommen. Ein Jahr lang hatte er verwahrlost unter Brücken gelebt, dann war die Angst aus seinem Innern wieder aufgestiegen. Aber diesmal wollte er ausbrechen aus dem Kreislauf von Stimmenreich und Klinikwelt, wollte er seinen Wahn nicht einfach mit Hirndrogen niederspritzen lassen.
In Bern gibt es eine Alternative zur Klinik. In einer ehemaligen Pension mitten in der Stadt wohnen sieben Verrückte. Nichts an der "Soteria" (griechisch: Geborgenheit) erinnert an eine Irrenanstalt: ein Fachwerkhaus, umgeben von einem Garten mit kleinem Teich, eine Bildhauerwerkstatt und ein Fitneßraum im Keller, in den oberen Stockwerken ein Malzimmer und ein eigenes Zimmer für jeden der Bewohner.
Berühmt gemacht hat dieses Haus ein Raum im Erdgeschoß. Ein schlichtes Zimmer, kaum 20 Quadratmeter groß, möbliert mit zwei Matratzen. Hierher, in das "weiche Zimmer", ziehen Kranke, die während ihrer psychotischen Phase in die Soteria kommen. Hier fechten sie, Tag und Nacht betreut von einem Begleiter, den Kampf mit den Stimmen in ihrem Kopf aus, bis sie in eines der anderen Zimmer umziehen können.
Medikamente, so war bei der Gründung der Soteria der Vorsatz, sollten gar nicht ausgeteilt werden. Zwar wird dieser Leitsatz inzwischen weniger strikt angewendet, aber noch immer bekommen die Schizophrenen in der Soteria im Durchschnitt nur ein Drittel der in der Psychiatrie sonst üblichen Medikamente - und auch das nur, wenn sie selbst zustimmen.
Durch Beruhigung allein, durch ihre ständige Anwesenheit, versuchen die Betreuer den Kranken zu helfen, ihnen das Vertrauen zur Welt wieder zu vermitteln. Massagen und vorsichtige Berührungen oder Gespräche sind dabei ihre einzigen Hilfsmittel.
Das hat die Soteria zu einer Art Utopia für die deutsche Sozialpsychiatrie gemacht: Frustriert von ihrem Scheitern angesichts der Übermacht ausbrechender Psychosen, pilgern fast wöchentlich deutsche Psycho-Touristen nach Bern, um dort das Experiment zu bewundern, das ihrem Wunschtraum von einer menschlichen Psychiatrie besonders nahe zu kommen scheint.
Zwar wohnen auch in Deutschland viele Schizophrene in Wohnheimen, betreut in Wohngruppen oder in ihrer eigenen Wohnung. Doch wenn der Wahn die Macht über ihre Gedanken ergreift, wenn sie in eine psychotische Krise geraten, dann bleibt oft nur der Ausweg in die Hirnpharmakologie: Klinik und Neuroleptika.
Bietet die Soteria die ersehnte Alternative zur ungeliebten Akutpsychiatrie? Vielleicht, so hoffen viele der Gäste in Bern, kann das Konzept der Soteria der Schizophrenie einiges von ihrem Schrecken nehmen.
Die Schizophrenie ist ein besonders furchteinflößender Zerfall der Psyche. Auch für Gesunde ist es schockierend zu beobachten, wie zerbrechlich die Wirklichkeit sein kann, wie dahinter Wahnwelten auftauchen und einen Menschen verschlingen können.
Etwa bei jedem 100. Deutschen bricht irgendwann im Leben eine schizophrene Psychose aus. Oft fast unvorbereitet beginnen die Kranken, Stimmen zu hören. Sie fühlen sich verfolgt, beobachten mißtrauisch ihre Umwelt, verschließen sich in ihrem Wahn und brechen schließlich alle Beziehungen ab.
Fast immer werden sie von unsäglicher Angst beherrscht. Der Wahn kommt in Schüben. Und kein Psychiater kann vorhersehen: Wird ein junger Mann, der sich plötzlich von Faschisten gejagt fühlt, nach einem einmaligen Schub wieder den Weg zurück in die Wirklichkeit finden? Werden ihn ein Leben lang unheimliche Stimmen aus dem Radio verfolgen? Oder wird sich sein Zustand langsam verschlimmern, bis sich schließlich nicht nur sein Geist verwirrt, sondern auch sein Körper in Starre (Katatonie) verfällt?
Lange Zeit sahen die Psychiater keine andere Lösung, als ihre Patienten mitsamt ihren Ängsten in Zwangsjacken zusammenzuschnüren oder zu versuchen, sie mit brutalen Insulin- oder Elektroschocks aus dem Irrsinn wachzurütteln.
Einen dramatischen Wechsel brachte 1952 die Entdeckung des Medikaments _(* Medikamentenausgabe an psychisch ) _(Kranke in einem Pflegeheim in ) _(Mecklenburg. ) Chlorpromazin. Fortan war es möglich, den Wahn chemisch zu bändigen. Doch weder Chlorpromazin noch eines der anderen Neuroleptika erfüllten die anfänglich in sie gesetzten Hoffnungen: Zwar läßt sich die Psychose dämpfen, heilen läßt sie sich nicht. Zudem empfinden viele Patienten den chemischen Angriff auf ihre Gefühle als bedrohlich; bei längerer Anwendung leiden sie oft unter heftigen motorischen Störungen.
In einer Zeit, in der die biologische Hirnforschung immer neue Konzepte für das Verständis der Psychosen anbietet (siehe Kasten Seite 152), wirkt die Soteria wie ein Überbleibsel aus einer anderen Epoche, als es noch die Psychologie war, von der sich viele Behandler Wunder gegen die Schizophrenie versprachen. Der Schweizer Psychiater Luc Ciompi, 64, blieb auf diesem Weg. Bewundert und beneidet von der Gemeindepsychiatrie, aber auch bespöttelt von vielen klinischen Psychiatern, entwickelte er sein eigenes Behandlungskonzept. Ciompis Vorbild war ein radikaler US-Psychiater: Loren Mosher hatte Anfang der siebziger Jahre eine Soteria in San Francisco gegründet. Getragen von der Aufbruchstimmung der Sozialpsychiatrie, hatte er der traditionellen Irrenanstalt den Kampf angesagt. Gänzlich ohne Medikamente sollten Laien in der kalifornischen Soteria Schizophrene behandeln - und sie berichteten von spektakulären Erfolgen.
Fasziniert warb der Schweizer für eine Wiederholung des Experiments, bis er eine Stiftung gefunden hatte, die die hohen Kosten für die rund um die Uhr nötige Einzelbetreuung übernahm.
Moshers Modell paßte gut zu Ciompis Bild der Schizophrenie: Die Psyche, so deutet es Ciompi, ist ein eng verwobenes Geflecht von Gefühlen und Verstand. Ein Schizophrener werde bereits mit einem labilen Gefüge geboren. Ausgelöst durch Lebenskrisen, Trennungen, Schwangerschaften oder Drogenkonsum könne es aus dem Lot geraten.
Ziel einer Behandlung müsse es deshalb sein, durch Beruhigung und völlige Abschirmung von Reizen im weichen Zimmer dem Kranken die Möglichkeit zu geben, das innere Gleichgewicht wiederzufinden. Nichts anderes, so behauptet er, geschehe auch in der Klinik: Per Medikament würden Schizophrene von allen Reizen abgeschnitten und in einer Dämmerwelt eingeschlossen.
Neun Jahre nach Gründung seiner Soteria konnte Ciompi jetzt in der Zeitschrift Nervenarzt eine Bilanz vorlegen: Den Krankheitsverlauf von 22 Patienten in der Soteria verglich er mit entsprechenden Patienten, die in akutpsychiatrischen Stationen behandelt wurden.
Die Rückfälle der Soteria-Patienten, die nur ein Drittel der Medikamente schluckten, waren nicht häufiger als in der Kontrollgruppe. Zugleich hatten die Soteria-Patienten eine positivere Einstellung zu ihrer Therapie.
Wunder allerdings hat auch Ciompi nicht zu bieten. Nur wenige der Kranken haben die Erfahrungen während der Psychose so gut verarbeitet wie Lukas. Er ist seit sechs Jahren rückfallfrei, verheiratet, hat ein Kind und arbeitet als Fahrer für Behinderte. "Nach den ersten zwei Psychosen habe ich nie mit Leuten darüber geredet", sagt er. "Heute ist es eines der ersten Dinge, die ich auch wildfremden Leuten erzähle."
Ganz ist der Schatten dennoch nicht von Lukas gewichen. Auch bei ihm, das weiß er ebenso wie sein ehemaliger Betreuer, "können sich die Stimmen jederzeit wieder melden". Y
* Medikamentenausgabe an psychisch Kranke in einem Pflegeheim in Mecklenburg.

DER SPIEGEL 29/1993
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