19.07.1993

WaldbrändeFliegender Sand

Eine Sprengtechnik, die Panzer zum Stehen bringt, soll nun auch Waldbrände stoppen.
Die Bekämpfung großer Waldbrände", sagt Hans Jochen Blätte, Chef der Wuppertaler Feuerwehr, "ist eine Geschichte von Niederlagen."
Wenn der Wald brennt, "stehen wir Feuerwehrleute", sinniert Blätte weiter, "eigentlich immer hilflos dabei". So war es in Niedersachsen, wo im Sommer 1975 rund 8000 Hektar Forstland in Flammen aufgingen, so war es beim großen Brand im Yellowstone, wo 1988 ein Drittel der Fläche des US-Nationalparks abbrannte, und auch in Rußland, wo in Wäldern, Mooren und Heiden im letzten Sommer 20 000 Brandherde auf einer Gesamtfläche von 930 000 Hektar gezählt wurden. "Gelöscht", sagt Feuerwehrmann Blätte, "wurden diese und andere Großbrände immer erst, wenn der große Regen kam."
Der "weltweit verbreiteten Hilflosigkeit" der Großbrandbekämpfer will Blätte in seiner Funktion als Vorsitzender der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (VFDB) nun ein Konzept entgegensetzen, bei dem die Ausbreitung eines Waldbrandes gestoppt werden soll - mit einer Mischung aus Kalk und Sand.
Die Idee kam von den Militärs. Um potentiellen Panzerkolonnen des Warschauer Pakts den Vormarsch zur Kanalküste zu erschweren, hatten die Bundeswehrstrategen in den achtziger Jahren das sogenannte Cut-and-Fill-Verfahren (Militärkürzel: CF) entwickeln lassen. Bei dieser Technik werden zwei in unterschiedlicher Tiefe verlegte meter- bis kilometerlange Schnüre zusammenhängender Sprengladungen in kurzem zeitlichen Abstand voneinander gezündet.
Der dabei entstehende Erdauswurf stiebt nicht nach allen Seiten wie eine Wolke hoch, sondern wird in eine bestimmte Richtung gelenkt; auf diese Weise entsteht ein asymmetrischer Panzersperrgraben.
Gemeinsam mit dem Bückeburger Sprengmeister Winfried Rosenstock, der das CF-Verfahren ausgetüftelt hat, entwickelte Blätte die Technik des gezielten Erdaushubs zu einem "womöglich hochwertigen Werkzeug" für die Waldbrandbekämpfung weiter.
"Ein Feuer im Wald ist in den ersten 20 Sekunden mit dem Inhalt der menschlichen Blase zu löschen", lautet, wie Blätte erläutert, eine Faustregel des _(* Im Mai bei Rehburg in Niedersachsen. ) Feuerwehrmannes; nach zwei Minuten sei bereits der Inhalt eines Eimers nötig, nach 20 Minuten brauche man schon einen Tanklaster, und "dann beginnen die Probleme".
Jeder Waldbrand entwickelt sich zunächst als Bodenfeuer: Leicht entflammbare Materialien wie dürre Äste, Nadeln und der Grasbewuchs brennen zuerst. Die aufsteigende Hitze trocknet sodann die Wipfel aus und trägt Funken empor.
Haben die Kronen Feuer gefangen, wirkt die dabei entstehende Wärme besonders tückisch auf die noch nicht brennenden Bäume in ihrem Umfeld: Das in diesen Bäumen enthaltene Wasser verdunstet, die Harze verflüssigen sich, gasen aus und fangen explosionsartig Feuer, wobei die Flammenfontänen bis zu 30 Meter hoch steigen können.
In dieser Phase kommt es zu sogenannten Flugfeuern, brennende Baumkronen steigen auf und können durch die Thermik über große Entfernungen fortgetragen werden.
Den eigentlichen Brandherd zu bekämpfen ist, so Blätte, "sinn- und aussichtslos". Auch der Wasserabwurf aus der Luft bringe "allenfalls punktuelle Wirkung", im großen und ganzen aber "nur schöne TV-Bilder", wie sie letzte Woche aus Mallorca gesendet wurden.
Nachhaltig gebremst werden kann das Feuer nur dort, wo es nach der jeweiligen Laufgeschwindigkeit und Windrichtung voraussichtlich in einigen Stunden ankommen wird. Mit entsprechendem Vorlauf sind die Brandbekämpfer am Werk: Mit Bergepanzern oder ähnlichem Gerät suchen sie Schneisen zu schlagen, trockenes Unterholz wird ausgeräumt und - Wasser marsch! - das Gelände genäßt, um die Entflammbarkeit zu verringern.
An dieser Front soll auch das von Blätte und Rosenstock entwickelte Konzept der Brandbekämpfung wirksam werden (siehe Grafik Seite 156). "Im Prinzip", sagt der Branddirektor aus Wuppertal, "haben wir nur aus der kleinen Sandschaufel eine große gemacht."
Sand, so erläutert Blätte, sei ein erprobtes Löschmittel, das den Vorteil habe, meistens in ausreichender Menge vorhanden zu sein. Darüber hinaus wird durch den gesprengten Graben eine Zone geschaffen, an der vorkriechendes Bodenfeuer gestoppt wird.
Während Rosenstock die sprengtechnische Zuverlässigkeit des CF-Verfahrens auf einem Truppenübungsplatz schon unter Beweis gestellt hat, steht der zivile Eignungstest für das neue Feuerwehr-Werkzeug noch aus. Das Bundesforschungsministerium prüft derzeit einen VFDB-Antrag, die Kosten für das "Pilotprojekt Waldbrand" in Höhe von etwa 50 000 Mark zu übernehmen.
Ein geeignetes Testgebiet will die Waldschutzbeauftragte des brandenburgischen Forstministeriums, Christel Müller, zur Verfügung stellen. "Bevor wir allerdings den Wald anstecken", müßten die beiden Herren zunächst in einem kalten Versuch beweisen, daß "der Sand auch wirklich fliegt".
Nicht ausschließen will die Forstexpertin, daß es gleich zum heißen Einsatz kommen könnte: "Bei uns in Brandenburgs Kiefernwäldern braucht man nur Streichholz zu denken, dann brennt es schon" - das letzte Mal Anfang April, als im Kreis Guben der Wald auf einer Fläche von 400 Hektar in Flammen stand. Christel Müller: "Da hätten wir das Ding gebraucht." Y
[Grafiktext]
_156b Waldbrandbekämpfung mit Sprengstoff
[GrafiktextEnde]
* Im Mai bei Rehburg in Niedersachsen.

DER SPIEGEL 29/1993
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