18.10.1993

Prozesse„FAST WIE DER LIEBE GOTT“

Der Mann macht Tennisgeschichte. Er hat zwar nie einen Tennisplatz betreten, dazu fürchtet er sich zu sehr vor dem unbekannten Belag, auf dem er gewiß ausrutschen würde. Er hat nie einen Schläger in der Hand gehabt, er hätte nicht einmal den Mut, davon zu träumen. Aber er hat ein Attentat begangen.
Er hat der weltbesten Spielerin hinterrücks einen Stich versetzt, mit einem Ausbeinmesser, wie es die Bauern verwenden, wenn sie ein Schwein schlachten, mit einer langen, gebogenen, schmalen, spitzen Klinge. Der Stich war nicht lebensbedrohlich, doch immerhin so folgenreich, daß die Beste ihren Spitzenplatz räumen mußte und die Sportwelt sich seit fast einem halben Jahr mit Fragen quält. Der Mann hat Monica Seles verletzt - und Steffi Graf getroffen.
Es ist, als ob Maria Callas Säure in den Tee geschüttet worden wäre oder Alain Prost Zucker in den Tank. Die Triumphe des Zweiten fortan sind geliehene Siege, überschattete Erfolge.
Steffi Graf hat das Urteil des Hamburger Amtsgerichts über den Attentäter denn auch verbittert kommentiert. Sie sprach von einem "totalen Unverständnis bei mir und meiner Familie". Sie befürchtet Schaden für Deutschland. Sie fragt: "Wie kann ein Mann, der, unter welchen Bedingungen auch immer, ein Menschenleben gefährdet hat, den Gerichtssaal in die Freiheit verlassen?"
Täglich verlassen Menschen die Gerichte in Freiheit, obwohl sie andere in Gefahr gebracht haben, zum Beispiel, wenn sie betrunken mit dem Auto gefahren sind. Sie alle werden nur für die Tat, die sie begangen haben, nicht auch noch für die denkbar schlimmstmöglichen Folgen, die glücklicherweise nicht eingetreten sind, bestraft.
Der Mann, den die englischen Zeitungen nur den "madman", den "maniac" nennen, also den Geistesgestörten, den Irren, dem die Empörung gilt, ist Günter Parche, 39, aus Görsbach in Thüringen. Er fuhr am 27. April nach Hamburg, mit einem Schlafanzug, einer Wurst aus der Hausschlachtung, dem Ausbeinmesser und 3000 Mark in der Tasche. Er _(* Beim Verlassen des ) _(Untersuchungsgefängnisses. ) hatte sich frühmorgens aus dem Haus geschlichen, in dem er mit seiner 69 Jahre alten Tante wohnte, nachdem er alle Fotos und Poster aus seinem Zimmer, einem Stephanie-Graf-Sanktuarium in der Dachkammer, entfernt und in einem Koffer vergraben hatte. Denn was er in Hamburg zu tun gedachte, das, so meinte er, würde ihm wohl 10 bis 15 Jahre Gefängnis einbringen, und während dieser Zeit würde sein Zimmer vielleicht neu tapeziert und könnten die Heiligenbildchen beschädigt werden.
Niemand sollte ihn sehen, niemand ging an, was er vorhatte. In Hamburg besorgte ihm ein Taxifahrer ein Hotelzimmer, allein hätte er nicht gewußt, wohin. Dann machte er sich auf den Weg zur Tennisanlage am Rothenbaum. Es fand gerade der Citizen Cup ''93 statt.
An den folgenden Tagen sah er sich auf dem Gelände um. Meist saß er in einer der ersten Reihen. Spielte Steffi, zog er sich nach hinten zurück. Ihr nah zu sein hielt er nicht aus.
Seit 1990, als Monica Seles die abgöttisch Verehrte in Berlin im Endspiel besiegte (zu allem Überfluß noch in Anwesenheit des Herrn Bundespräsidenten), hatte er sich inständig gewünscht, ja sogar gebetet hatte er, daß sich die immer mehr als Weltbeste entpuppende Seles einen Arm, ein Bein brechen oder irgendeine andere Verletzung zuziehen möge, damit der Thron wieder frei wäre für seine Königin.
Wenn Monica Seles jetzt in Hamburg wenigstens im Viertelfinale verlieren würde gegen Magdalena Maleeva - er hoffte es so sehr. Dann hätte er das Messer in der Tasche lassen können.
Doch Seles machte wieder einen Punkt nach dem anderen. Den ersten Satz hatte sie bereits mit 6:4 für sich entschieden. Gegen 18.50 Uhr am Freitag, dem 30. April, es stand 4:3 für Seles, und womöglich die letzte kurze Pause vor dem Gewinn des zweiten Satzes brach an, drängte sich Günter Parche in die erste Reihe. Das Messer trug er in einem Beutel mit sich, eingewickelt in eine Programmzeitschrift.
Eigentlich habe er die Spielerin während der Erfrischungspause am Arm verletzen wollen, sagte er vor Gericht. Doch da Monica Seles wohl gerade den Becher, aus dem sie getrunken hatte, abstellen und sich erheben wollte, die Arme also vor dem Körper hatte, zielte er auf ihren Rücken. Kopf und Hals, beteuerte er, habe er keinesfalls verletzen wollen, das sei ihm zu gefährlich gewesen. Töten habe er nicht wollen, nur sie spielunfähig machen für einige Zeit.
Allein für Steffi, sagt er vor Gericht, nein, für "Stephanie Graf" habe er es getan. Für sie würde er durch die Hölle gehen.
Höflich und bestimmt verbittet er sich das vertrauliche "Steffi". Er tut es mit solchem Ernst, daß sich fortan alle Verfahrensbeteiligten eiligst verbessern, wenn ihnen Steffi unterläuft.
Hat Parche mit einer oder mit beiden Händen zugestochen? Hat er zu einem zweiten Stich ausgeholt? Die Angaben der Augenzeugen stimmen nicht überein, wie immer. Einer sah eine Hand, ein anderer zwei Hände. Einer sah, wie Parche den Beutel fallen ließ, bevor er zustach. Der nächste meint, der Attentäter habe mit dem Beutel in der Hand zugestochen. Jeder hat das Bild vor Augen, das zu seiner Geschichte paßt.
Monica Seles, die sich schon leicht vorgebeugt hatte, um aufzustehen, der Schiedsrichter hatte bereits "time" gerufen, taumelte nach vorn und fiel auf die Knie. Und dann, wir sind schließlich in einer Hafenstadt, "ging sie längsseits zu Boden", wie es in der Anklageschrift von Staatsanwalt Jürgen Frantz heißt.
Der Stich zwischen die Schulterblätter war nicht tief, zwei Zentimeter ungefähr, und nicht lebensbedrohend. Wenn Parche Schlimmeres vorgehabt hätte, hätte er es fraglos tun können. Er hätte das Messer bis zum Schaft in den Körper bohren oder seitlich in den Hals rammen können. Nach drei bis vier Wochen, so der medizinische Sachverständige, hätte die Wunde eigentlich verheilt sein müssen.
Das mag sein. Doch der Angriff mit einem Messer wird meist als lebensbedrohlich empfunden. Einem Messer, diesem kalten, stählernen, spitzen Ding, ist das Opfer wehrlos ausgeliefert. Die Auswirkungen eines Messerstichs sind nicht nur an der Tiefe der Fleischwunde zu messen.
Sportstars überdies sind nicht nur von ihrer körperlichen Unversehrtheit, sondern von der Top-Form ihres Körpers - und ihrer seelischen Verfassung - abhängig. Ein Schnupfen bereits kostet sie möglicherweise den Sieg und Hunderttausende Dollar, eine Magenverstimmung kann der Anfang vom Ende sein. Der Stich in den Rücken, so der medizinische Sachverständige in Hamburg, hat Monica Seles'' Lebensnerv getroffen.
Sie galt als die robusteste, härteste, ja brutalste unter den Tennisdamen. Sie spielte sich an die Spitze, obwohl die Geräusche, die sie auf dem Platz produzierte, mit den Brunftschreien einer Eselin verglichen wurden, britische Journalisten ein "Grunzometer" für sie erfanden und es in Frankreich hieß, der Eiffelturm erröte anläßlich ihres Gestöhnes. Sie gewann, auch wenn das Publikum ihre Gegnerinnen mit Beifall anfeuerte.
Besonders wenn die ungeliebte Königin die geliebte Gräfin niederkämpfte, kam das der Schändung eines Heiligtums gleich. Beidhändig prügle sie auf die disziplinierte Rivalin ein, hetze sie, haue drauf, wo es am wehesten tue, hieß es. Während die blonde Fee mit den edlen Beinen um ein sportliches Ziel strebend sich bemühte, nämlich den eigenen, allerhöchsten Ansprüchen an Perfektion zu genügen, wolle die andere, die freche Hexe, nur den Sieg. Und das Geld. Und so fort.
Günter Parche, Zerspaner in den Ifa-Motorenwerken in Nordhausen, eingesetzt überwiegend in der Abteilung Nockenwellen, wußte bis 1985 überhaupt nichts von Tennis. Dann sah er Steffi Graf im "Aktuellen Sport-Studio".
Für 10 000 Mark besorgt ihm ein Kollege ein Videogerät. Hätte es 30 000 Mark gekostet, er hätte es auch gekauft. Denn nun hat er Stephanie Tag und Nacht. Sie füllt ihn aus, sie beherrscht ihn. Sie steht, wie er sagt, höher als der Papst oder der Präsident der Vereinigten Staaten. Sie ist für ihn "fast wie der liebe Gott".
Haare wie Seide, Augen wie Diamanten, unwiderstehlich charmant, tolle Figur, die schönste Sportlerin aller Zeiten, so natürlich, so bescheiden, so anständig. Nicht ein Steuerflüchtling wie "dieser verblödete Affe aus Leimen", nichts mit Doping am Hut "wie diese Läuferinnen aus Mecklenburg" - der Himmel muß dieses Mädel geschickt haben.
Seit dem dritten Schuljahr lebte Parche bei den Großeltern und einer Tante. Seine Mutter hatte sich operieren lassen müssen und gab den Jungen weg. Dabei blieb es dann ("Es ergab sich so"). Von Frauen hielt er sich angstvoll und schüchtern fern. Kurze Zeit ging er mal in eine Tanzschule. Er erschrak selbst darüber und ließ es.
Er rauchte nicht, trank nicht, verreiste nicht. Bei der Tante schmeckte es ihm am besten ("Wir essen nur das, was wir kennen, nicht so einen Kram aus Italien oder so"). Besonders angetan hatte es ihm Tantens Kuchen ("Kuchen ist meine Welt"). So war er dann und wann beim Kaffeekränzchen dabei.
Er hatte nie eine Freundin, er hatte nie einen Menschen, der ihn wiederliebte. Er hatte niemanden, dem er sich anvertrauen, niemanden, mit dem er seine Verehrung Stephanies teilen konnte. Über Sexualität spricht er nicht. Als er bei der Begutachtung nach sexuellen Anwandlungen angesichts der glühend Verehrten gefragt wurde, hätte er beinahe das Gespräch abgebrochen.
Den unmittelbaren Kontakt suchte er nie. Einen Autogrammwunsch zu äußern schien ihm unmöglich. "Ich wäre vor Angst gestorben."
1990, als Steffi in Berlin verlor, wollte er nicht mehr weiterleben. Als er sich wieder ein wenig gefangen hatte, wollte er seine Heimat verlassen. Er kündigte und wollte in die Bundesrepublik übersiedeln, "um alles hinter mir zu lassen". Er kam nach Niedersachsen, von dort nach Tübingen. Aber dort war alles so fremd, und er kehrte zurück.
Wieder arbeiten? Wieder mit den ihn hänselnden Kollegen über Stephanies Niederlagen gegen Monica Seles sprechen? Es war zuviel. Er nahm die Arbeit nicht wieder auf, sagte, Familienväter seien bedürftiger als er. Auf eine Abfindung verzichtete er. Arbeitslosengeld beantragte er nicht, weil er sich mit den Behörden nicht auskannte.
Sein verkümmertes Leben versank in Stephanies Glanz und Unglück, das über den Fernsehschirm seine kleine Welt überflutete. Es entwickelte sich bei ihm ein massiver, irrealer Fanatismus, der ihn nicht zur Ruhe kommen ließ. Er schickte Stephanie Geld, 100 Mark zum Geburtstag, 50 Mark für einen Blumenstrauß, 300 Mark, als er hörte, daß sie in Brighton bestohlen worden war. Eine Kette sollte sie sich kaufen. Er unterschrieb immer nur mit "ein Fan aus Thüringen".
Günter Parche ist von der Richterin am Hamburger Amtsgericht Elke Bosse, 56, einer Schöffin und einem Schöffen wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden. Das Gericht berücksichtigte dabei sein glaubhaftes Geständnis, seine überzeugende Reue und daß er bereits mehr als fünf Monate im Untersuchungsgefängnis, und zwar in Einzelhaft, verbracht hat; daß ein psychiatrischer Sachverständiger bei ihm eine hochabnorme Charakterstruktur, eine schwere Persönlichkeitsstörung feststellte, die eine erhebliche Verminderung der Steuerungsfähigkeit zur Tatzeit nicht ausschloß.
Es kann Günter Parche gelingen, einen Weg in die Realität zu finden, da er das monströse Ausmaß seiner Bewunderung erkannt hat und vom Gericht verpflichtet wurde, mit einem Bewährungshelfer im Gespräch zu bleiben: "Damit Sie nicht wieder in dieses Alleinsein zurückfallen."
Auf Günter Parche, der die erste Nacht in Freiheit noch einmal im Gefängnis verbrachte, dort war es ihm lieber als in einem Hotel, stürzen sich schon wieder die Medien. 30 000 Mark bot man seinem Anwalt Otmar Kury, der ihn nicht nur glänzend verteidigte, sondern ihm beisteht, für einen Fernsehauftritt. Es wird verfolgt, belagert, gejagt und gedroht. Es ist ekelhaft.
Monica Seles und ihre Familie, verständlich, halten das Urteil für zu milde. Viele andere, ebenfalls verständlich, auch: Die Regeln des Strafprozesses und der Rechtsprechung sind nicht gerade Allgemeingut. Daß allerdings der pensionierte Richter Rudolf Wassermann, einst Sprecher des Bundesjustizministers Heinemann, anläßlich dieses Urteils Bild dabei unterstützte, über den "Saustall Justiz" zu berichten, ist eine Spitzenleistung blinder und böser Urteilsschelte, wie sie noch keinem Journalisten gelang.
In einer Erklärung zum Urteil fürchtet Monica Seles auch, daß Sportler, Personen des öffentlichen Lebens und andere Prominente künftig noch mehr gefährdet sein werden, weil die Täter nicht mehr damit rechnen müssen, bestraft zu werden. Das ist falsch.
Richtig ist, daß die Personen im Scheinwerferlicht, dessen Hitze sie suchen und genießen, vor den Schatten ihrer überwältigenden Erfolge nicht zu schützen sind. Viele Stars fordern das Unmögliche: die Milch und das Fleisch der Kuh zugleich. Y
* Beim Verlassen des Untersuchungsgefängnisses.
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 42/1993
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