01.02.1993

Hübsch verpackte Erpressung

Lord King bleibt derzeit nichts erspart. Mit einem gequälten Grinsen reichte der erste unter Großbritanniens Managern Mittwoch vergangener Woche seinem ärgsten Feind die Hand: "God bless you", knurrte der Lord und meinte das Gegenteil.
Zum drittenmal in drei Jahren war die kleine Fluglinie Virgin Atlantic Airways des exzentrischen Richard Branson in Großbritannien preisgekrönt worden: Virgin war wieder "Airline of the Year" und hatte Lord Kings mächtige British Airways (BA) abgehängt.
Der Händedruck im Londoner Grosvenor House Hotel war die vorerst letzte, vergleichsweise friedliche Episode in einem erbitterten Kampf, der seit Monaten Gesprächsstoff in der Londoner City ist. Zwei Männer haben sich in einer erbarmungslosen Rivalität ineinander verhakt. Natürlich geht es um Geld und Geschäft, aber Ruhm und Macht sind die wahren Hintergründe des Gefechts.
Lord King, 76, wie Branson, 42, verkörpern entgegengesetzte Lebensentwürfe.
Der Lord war eine zentrale Figur des Thatcherismus. "Wie ein Bulle oder besser wie ein Rhinozeros", so die Times, führte er den Briten vor, wie schlampig der Staat handelt und wie effektiv private Kräfte wirken. Im Auftrag von Margaret Thatcher verwandelte King British Airways - in Staatsbesitz ein jammervolles Unternehmen, aus dem die roten Zahlen trieften - in die profitabelste Luftlinie der Erde.
Der Lord, dessen Hobby die blutrünstige Fuchsjagd im mittelenglischen Leicestershire ist, verfuhr bei der Sanierung von British Airways mit eiserner Härte. Über 20 000 Beschäftigten ließ er die Kündigung schicken.
Sein Gegner, Richard (genannt "Ricky") Branson, ist ein Abkömmling der Hasch- und Hippie-Generation. Seine ersten Millionen verdiente er mit Schallplatten. Mike Oldfield, Phil Collins und vor allem der androgyne Boy George, allesamt auch Freunde, sangen für die Plattenfirma "Virgin", die Branson nach seiner Unerfahrenheit benannt hatte.
Bransons Abneigung gegen jegliche Form des Konformismus könnte einen falschen Eindruck erwecken: Im Kern ist der Hippie nicht weniger hart als der Lord. Ihre Methoden indes sind verschieden. Während Branson seine Strategien auf dem Hausboot im Londoner Norden oder in der Hängematte auf seiner Karibikinsel ausheckte, klemmte sich Lord King morgens um sieben hinter seinen Schreibtisch und zog die Fäden hinter den Kulissen.
Branson entstammt der gehobenen Mittelschicht. Sein Vater war Rechtsanwalt, seine Mutter Stewardess. Zu seinen Freunden, den Journalisten, sagt Branson so klingende Sätze wie: "Ich glaube an die gütige Diktatur, vorausgesetzt, ich bin der Diktator."
Lord King war die längste Zeit seines Lebens kein Lord. John King, Sohn eines Feldwebels und einer Waschfrau, stieg ohne jeden Schulabschluß erst als Verkäufer und dann als Manager in diversen Firmen nach oben, bis ihn die Königin 1979 adelte. Er sagt oft gar nichts und benimmt sich statt dessen wie ein Diktator.
Die beiden kamen sich in die Quere, als Branson irgendwann die Lust an seiner Plattenfirma verlor. Der unruhige Mann, der auch äußerlich an den Bergsteiger Reinhold Messner erinnert, wollte "etwas Neues ausprobieren, das ich noch nicht kenne". Er gründete 1984 eine Fluglinie. Seine diversen Läden, Reisebüros und auch die Plattenfirma liefen zunächst noch nebenher. Kommunikation und Transport, meint Branson, seien im Zeitalter der Globalisierung die Märkte der Zukunft. Virgin Atlantic galt fortan seine ganze Besessenheit.
Branson hatte vor allem von Freddie Laker gelernt. Er bewunderte die Unerschrockenheit, mit der Sir Freddie, der Billigflieger, die Großen der Branche anging. Zugleich analysierte er kühl, daß Luxus statt Masse der Zug der Zeit sei. Branson flog mit seinen Boeing-Jumbos auf teuren Interkontinentalstrecken, die Manager und wohlhabende Reisende auf ihren Trips zwischen den Metropolen der Erde benutzen. Wer mit Virgin von London nach Tokio oder New York fliegt, wird in der Business class gepäppelt und gehegt, als sei er Erster-Klasse-Passagier.
Ein kleiner, aber stetiger Strom von British-Airways-Kunden buchte um. Das mußte Lord King mißfallen. Besonders aber geriet der gefeierte Sanierer in Rage, als Branson ihm auch noch die Rolle als fliegendes Symbol Großbritanniens streitig machte.
Als im Herbst 1990 der Krieg gegen Saddam Hussein heraufzog, mußten viele Briten aus dem Irak evakuiert werden. Bransons Virgin erschien abends im britischen Fernsehen, und aus den Bäuchen der Jumbos quollen, lächelnd und winkend, britische Staatsbürger. "Ist Virgin Teil des Außenministeriums?" grollte Lord King.
Etwa um diese Zeit entstand bei British Airways ein finsterer Plan: Der Quälgeist Branson sollte ausgeschaltet werden. Die Methoden, mit denen die weltberühmte Firma dabei zu Werke ging, erinnern an Uwe Barschel. Branson wurde verleumdet und bespitzelt, seine Computer wurden angezapft und seine Kunden mit Lügen umgarnt.
Zunächst ließ British Airways eine Expertise anfertigen, die Bransons finanziellen Kollaps ankündigte. Diese Deutung wurde Journalisten in Hintergrundgesprächen nahegebracht. Allerdings verlor die These an Glaubwürdigkeit, nachdem der Virgin-Chef seine Plattenfirma für weit über eine Milliarde Mark verkaufte. Geld, das war klar, war fortan nicht Bransons Problem.
Die Merkwürdigkeiten, mit denen Virgin-Passagiere zu tun hatten, fingen dagegen erst an. Einem Fluggast, der in London-Heathrow bereits auf seine Abfertigung wartete, näherte sich ein Unbekannter, der offenkundig über die Route informiert war und die Umbuchung auf British Airways empfahl. Einige Passagiere erreichte zu Hause per Telefon die Mitteilung, daß es Schwierigkeiten mit ihrem Virgin-Flug gebe. Sie könnten aber problemlos mit BA fliegen. _(* Am Montag vergangener Woche. ) Andere Fluggäste wurden in New York im Hotel angerufen.
Abgesandte von BA offerierten Freiflüge, Erster-Klasse-Flüge oder "Concorde"-Flüge. Immer gab es nur eine Bedingung: Die Gäste sollten auf ihr Virgin-Ticket verzichten.
Branson schäumte und beschuldigte den großen Konkurrenten, eine Kampagne gegen ihn lanciert zu haben. Der ehrwürdige Lord King ließ den jungen Herausforderer abfahren: "Zu alt zum Rock ''n'' Roll, zu jung zum Fliegen."
Doch nun stellte sich heraus, daß der smarte Bürgersohn mit dem Hippielook und das aufgestiegene Proletarierkind mit der Lord-Tünche aus demselben harten Holz sind. Branson nahm die Herausforderung an und verklagte den mächtigen Industriekoloß. Die Geschichte von David und Goliath hatte nun im Londoner High Court die angemessene Bühne.
Für British Airways und Lord King endete die Auseinandersetzung in einem Desaster. Das Gericht stellte vor drei Wochen fest, daß alle Anschuldigungen, die Branson erhoben hatte, korrekt waren. Die ahnungslosen Mitarbeiter der stolzen britischen Airline waren entsetzt über ihren Laden: "Wir dachten, wir seien die Mandarine der britischen Industrie", schrieb ein Mitarbeiter in der Hauszeitschrift, "jetzt stellt sich heraus, wir sind die Parias."
Bernard Levin, der Starkolumnist in Lord Kings Lieblingszeitung, der Times, zog gar eine unerhörte Schlußfolgerung aus der Affäre: Branson sollte Lord King an der Spitze von BA ablösen.
Im Gerichtssaal wurde eine offizielle Entschuldigung Lord Kings verlesen. Außerdem erhielt Branson die Kosten des Verfahrens und ein Schmerzensgeld in Höhe von insgesamt drei Millionen Pfund zugesprochen.
Der Sieger freilich will den Fuß vorerst nicht vom Genick seines einst übermächtigen Gegners nehmen.
Zunächst monierte Branson, daß Lord King nicht im Gerichtssaal gewesen sei, als die Entschuldigung verlesen wurde. Dann demütigte er öffentlich Lord Kings Stellvertreter, Colin Marshall.
Anfang vergangener Woche sollte Marshall bei Branson zu einem Versöhnungsabendessen in dessen privater Wohnung im vornehmen Holland Park erscheinen. Als der BA-Vize bei Branson klingelte, öffnete Branson strahlend, wie immer im offenen Hemd. Zuvor hatte er Londons Pressemeute alarmiert, die den siegreichen David gemeinsam mit dem gepeinigten Goliath fotografierte.
Marshall sollte im Sommer Lord Kings Nachfolge antreten. Jetzt entscheidet der Aufsichtsrat am 5. Februar, ob er das darf.
Virgin-Chef Branson droht überdies mit einer Schadensersatzklage in Amerika. Schließlich hatten die BA-Spione auch dort gegen ihn intrigiert. In den USA pflegen die Gerichte derlei Verfehlungen weit teurer zu bestrafen als in Europa. Branson will Lord King, falls er verzichtet, ein paar günstige Landerechte abknöpfen.
So sieht der Lord sich einer hübsch verpackten Erpressung ausgesetzt. Und was hatte er vor ein paar Monaten noch, im Angesicht des Ruhestandes, erhofft? "Einen kleinen Fußabdruck im Sand der Zeiten."
[Grafiktext]
_102_ Luftfahrtgesellschaften: British Airways/Virgin Atlantic Airways
_____ / Umsatz; Gewinn/Verlust; Beschäftigte; Passagiere; Flotte
[GrafiktextEnde]
* Am Montag vergangener Woche.

DER SPIEGEL 5/1993
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