26.04.1993

KriminalitätDurch den Gully

Mit filmreifen Tricks und moderner Technik führt der Bombenleger und Kaufhaus-Erpresser „Dagobert“ die Polizei an der Nase herum.
Dagobert hatte den Zettel mit seinen Befehlen im Schließfach 613 am Berliner Bahnhof Zoo deponiert: Die geforderten 1,1 Millionen Mark müßten, so der Erpresser, in Gefrierbeutel und eine Aldi-Tüte gestopft werden - wasserdicht. Das hätte die Polizisten warnen können.
Das Paket sollte der Geldbote in eine Holzkiste legen, auf einem Parkplatz im Stadtteil Britz. Sofort riegelte die Polizei das Gebiet ab. Vier Beamte rüttelten an der Kiste, konnten sie aber nicht anheben, weil sie zum Teil mit schwerem Streugranulat gefüllt war.
Sie legten die Plastiktüte hinein. Statt des Geldes enthielt sie Papierschnipsel, einen Peilsender und einen elektronischen Bewegungsmelder. Spezialisten des Mobilen Einsatzkommandos gingen in Stellung, um Dagobert endlich packen zu können.
Seit rund zehn Monaten erpreßt der gerissene Unbekannte mit Hilfe selbstgebauter Bomben und skurriler Maschinen den Karstadt-Konzern und foppt die Polizei. Tausende von Polizisten haben nach ihm gefahndet, 100 000 Mark Belohnung hat Karstadt ausgesetzt. Bei zehn geplatzten Geldübergaben ist Dagobert den Ermittlern immer wieder haarscharf entwischt.
Beim elften Versuch, in der Nacht zum Dienstag vergangener Woche, führt der Erpresser die Beamten regelrecht vor. "Den Abend hatte ich mir anders vorgestellt", klagt Michael Daleki, Abteilungsleiter im zuständigen Hamburger Landeskriminalamt und Vorgesetzter der Sonderkommission "Dagobert".
Um 23.10 Uhr schlägt der Bewegungsmelder Alarm. Doch an der Holzkiste ist niemand zu sehen. Die Fahnder glauben an einen technischen Fehler. Erst zehn Minuten später schöpfen sie Verdacht. Sie gehen zur vermeintlichen Streukiste, lupfen die Klappe an - und schauen in eine Gully-Röhre.
Dagoberts Kiste hat ein Loch im Boden. Den 80 Kilogramm schweren Gully-Deckel hatte der Erpresser zuvor gegen eine handlichere Version ausgetauscht, Marke Eigenbau. Während die Polizisten noch in die Nacht starrten, schob er nur ein paar Meter von ihnen entfernt die Platte beiseite, ließ das Granulat in den Gully rieseln und griff sich die Aldi-Tüte.
Als die Fahnder nachsehen, liegt sie gefleddert zweieinhalb Meter weiter unten auf dem Boden des Gullys, am Eingang zur Berliner Kanalisation. In Gummistiefeln ein prächtiger Fluchtweg, begehbar über Hunderte von Kilometern.
"Gluck, gluck, weg war er", höhnte das Berliner Boulevardblatt BZ. An die Abwasserkanäle, Schauplatz düsterer Krimis, hatte niemand gedacht. "Wir wissen gar nicht, wo die langgehen", schimpft der Hamburger Kriminalhauptkommissar Dankmar Lund.
Die Pechsträhne der Polizei begann am 13. Juni vergangenen Jahres: Die Porzellanabteilung der Karstadt-Filiale an Hamburgs Mönckebergstraße geht zu Bruch, als mitten in der Nacht mehrere Metallrohre explodieren, gefüllt mit selbstgemischtem Sprengstoff und gezündet von einem frisierten Wecker.
Wenig später erhalten die Kaufleute einen Brief, in dem ein Unbekannter eine Million Mark fordert, sonst will er weiterbomben. In einer Zeitungsannonce bekunden die Karstadt-Manager ihren Zahlungswillen. Der vereinbarte Text: "Dagobert grüßt seine Neffen."
Die Comic-Figur Dagobert Duck, ein stinkreicher Griesgram, pflegt arme Verwandte zu schikanieren. Damit hat der Verbrecher seinen Namen weg - völlig unlogisch, wie ein Hamburger Fahnder zugibt, "weil: Der Geldsack ist ja Karstadt und eben nicht der Erpresser".
Tage später schickt Dagobert einen Schlüssel. Der paßt ins Schloß einer Blechkiste, die bei Bad Doberan in der Nähe von Rostock an einem Laternenmast hängt. Dort findet die Polizei, wie geplant, die Wunderwaffe des Erpressers: eine Maschine mit vier Elektromagneten vorne, einer Kunstledertasche hinten und einer Antenne obendrauf.
Mitte Juli will Dagobert sein Spielzeug ausprobieren. Polizisten müssen das Geld in die Tasche stopfen, die Magneten heften sich fest am letzten Waggon des D-Zuges von Rostock nach Berlin. Bei Neustrelitz empfängt die Polizei das Funksignal, das die Magneten vom Zug lösen und Dagobert das Vermögen vor die Füße werfen soll. Doch die Maschine funktioniert nicht.
Dagobert schickt eine neue. Mitte August hängen Beamte sie nach Anweisung des Erpressers an den Intercity "Käthe Kollwitz" von Hamburg nach Berlin. Bei Reinbek schon kommt das Funksignal, die Magneten lösen sich, die Tasche, voll mit wertlosem Papier, fällt auf die Schienen. Dagobert, mit grauer Perücke und Sonnenbrille, greift zu und sprintet in den nahen Krähenwald.
Minuten später sind ihm rund hundert Polizisten auf der Spur, mit vier Hubschraubern und Gelände-Motorrädern. Doch mit einem Mountainbike hängt Dagobert im Gehölz alle ab. Fahrrad und Perücke finden die Polizisten später, ebenso die Funk-Fernsteuerung aus dem Modellbau. Nur der Bastler selbst ist verschwunden.
Dagobert reagiert sauer: In der Autozubehörabteilung bei Karstadt in Bremen geht nachts eine Bombe hoch. Tage später erwischt es die Haushaltswarenabteilung in Hannover kurz vor Ladenschluß. Zwei Menschen klagen, so die Polizei, von der Druckwelle getroffen, über "leichte Ohrenschmerzen". Ansonsten bleibt es beim Sachschaden.
Dagobert ist nicht nur ein Sprengstoff- und Funkfachmann. Er kennt sich auch mit Computern aus. Die Stimme, mit der er anzurufen pflegt, ist eine synthetische, wahrscheinlich von einem Computer auf ein Diktiergerät gesprochen.
Trotzdem glauben die Beamten im Hamburger Landeskriminalamt, Dagoberts Stimme zu kennen - sie kann bundesweit unter der Telefonnummer 1166 abgehört werden.
Denn Dagobert soll identisch sein mit jenem Erpresser, der 1988 dem Hertie-Kaufhaus KaDeWe in Berlin 500 000 Mark abknöpfte. Dabei ließ er ein Diktiergerät zurück, auf das er Anweisungen für die Geldboten gesprochen hatte. Der Mann wurde nie gefaßt.
Im Herbst vergangenen Jahres platzen mehrere Geldübergaben. Einmal bleibt Dagobert im Stau stecken und kommt deshalb zu spät. Ein andermal schwänzt er den Termin "aus gesundheitlichen Gründen", wie er später der Polizei entschuldigend schreibt.
Am 29. Oktober rettet den Erpresser nur ein Häufchen Hundekot vor den Handschellen: Per Fahrrad flieht Dagobert nach einer - wieder gescheiterten - Geldübergabe in der Nähe des Berliner Bahnhofs Charlottenburg. Ein gut trainierter Beamter aus dem Mobilen Einsatzkommando der Berliner Polizei sprintet zu Fuß hinterher, kann den Gesuchten schon beinahe fassen - als er in den Haufen tritt und wegglitscht.
Genervt erhöht Dagobert Anfang des Jahres seine Forderung. Er verlangt nun nicht mehr eine Million Mark von Karstadt, sondern 100 000 Mark mehr. Der Verbrecher habe den Aufschlag damit begründet, so Fahnder Daleki, daß "seine Kosten gestiegen sind".
Die Beamten versuchen es mit Masse. Mehr als 2000 Polizisten in Zivil verteilen sich am 21. Januar vor Telefonzellen in der Berliner Innenstadt. Die Ermittler rechnen damit, daß sich Dagobert an diesem Tag aus einer Zelle meldet.
Sobald er anruft, bekommen die Beamten per Funk ein Signal und greifen sich jeden, der gerade den Hörer in der Hand hält. 1978 wurden so schon einmal zwei Kindesentführer gefaßt. Doch diesmal mißlingt die Aktion; Dagobert ruft aus einer unbewachten Telefonzelle am Rande des Bezirks Neukölln an.
Nach seinem Gully-Trick fürchtet die Polizei nun, daß auch der Erpresser härtere Bandagen aufzieht. Anschläge auf Karstadt-Filialen seien "zumindest wahrscheinlich", meint Daleki. Dagobert hatte beim Scheitern dieser letzten Übergabe ein "Feuerwerk" angekündigt.
Seiner Popularität scheint das nicht zu schaden. Bei einer Ted-Umfrage des NDR-Fernsehmagazins "Das!" am Dienstag vergangener Woche gestanden 61,3 Prozent der Anrufer ihre "heimliche Sympathie" für den Karstadt-Erpresser.

DER SPIEGEL 17/1993
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