02.11.1992

Ein Tabu der Holocaust-Forschung

bricht der jüdische Emigrant und US-Autor Peter Wyden. Er beschreibt am Beispiel seiner früheren Mitschülerin Stella Goldschlag, wie jüdische Nazi-Opfer in Berlin zu Mittätern wurden. Von der Gestapo gefoltert, hatte Stella eingewilligt, Jagd auf untergetauchte Juden zu machen. Sie hoffte, dadurch ihre Eltern vor der Deportation nach Auschwitz zu retten. Nach Kriegsende wurde sie vor Gericht angeklagt, Hunderte von Juden verraten zu haben. *GESCHICHTE-3 *UNTERZEILE:
Stella - eine Jüdin auf Judenjagd für die Gestapo im Berliner Untergrund (III) / Von Peter Wyden *
An einem Nachmittag im September 1944 betrat Stella ein Schuhgeschäft in der Rosentaler Straße. Die Frau des Eigentümers, Hertha Eichelhardt, stand lächelnd hinter dem Ladentresen und entschuldigte sich für das knappe Angebot. Sie sah mit einem Blick, daß sie für diese Kundin keine passende Größe am Lager hatte.
Auch Stella erkannte sofort, daß dies keine gewöhnliche Verkäuferin war. Vor allem spürte sie, daß diese mädchenhaft zierliche Frau möglicherweise eine Jüdin war.
Sie war es. Ihre Freiheit verdankte sie der Tatsache, daß sie mit einem "arischen" Mann verheiratet war. Hertha brauchte nicht lange, um zu erkennen, daß sie das berüchtigte "blonde Gift" vor sich hatte, die Gestapo-Greiferin. Ihre erste Reaktion war eindeutig: "Ich hätte sie am liebsten auf der Stelle umgebracht", bekannte sie später.
Doch beim zweiten Nachdenken verrauchte ihre Wut. Stella konnte sich als nützlich erweisen. Hertha war eine Meisterin in der Kunst des Überlebens, sie schaffte es sogar, die Gestapo-Leute im Sammellager in der Schulstraße zu überlisten, den elenden Lagerleiter Dobberke und seine Greifer.
So setzte Hertha ihren Charme ein, um Stella in ein Gespräch zu verwickeln, an dessen Ende sie diese zum Tee in ihre Wohnung in der Giesebrechtstraße 15 einlud. Stella fühlte sich zu der Wärme dieser Frau hingezogen, die mit ihren 42 Jahren alt genug gewesen wäre, ihre Mutter zu sein. Sie nahm die Einladung freudig an.
Stellas Besuche bei Hertha wurden bald häufiger, bis sie sich fast täglich trafen. Stundenlang saßen sie zusammen, plauderten über Musik, unterhielten sich über das Lager, in dem Stella lebte, lasen oder hörten sich Platten mit klassischer Musik an - wie _(Auf deutsch erscheint der ungekürzte ) _(Text des Buches von Peter Wyden unter ) _(dem Titel "Stella" im Februar 1993 beim ) _(Steidl-Verlag, Göttingen; ca. 480 ) _(Seiten; 38 Mark. y 1992 Peter H. Wyden, ) _(Inc. ) einst zu Hause bei Stella und ihren Eltern.
Die Gestapo-Agentin begann von der schrecklichen Zeit zu erzählen, die sie mit ihren Eltern durchgemacht habe. Sie schilderte, wie sehr sie an ihren Eltern hänge und wie sie jetzt, da sie nach Theresienstadt deportiert waren, um sie bange. Sie berichtete von ihrer Kindheit, die so friedlich, so voller Musik, so vollkommen gewesen sei.
Hertha, die in Stella eine "verirrte Seele" sah, die es zu bekehren galt, merkte sehr wohl, welche Mühe Stella hatte, sich mit ihren Verbrechen vor sich selbst zu verstecken. Sie empfand es als Herausforderung, sich allmählich in die gequälte Psyche ihrer Schutzbefohlenen vorzutasten. Der erste Schritt bestand darin, daß sie selbst Stella ins Vertrauen zog: Hertha hatte einen Geliebten, Rudolph Wolf, der in Dobberkes Lager auf den Abtransport wartete. Es stellte sich heraus, daß Stella diesen Wolf kannte und schätzte.
Wolf und Hertha wollten nach dem Krieg heiraten, im Moment jedoch schwebe er in Lebensgefahr, berichtete Hertha. Sie und ihr Mann, der von dieser Liaison wisse, hätten Dobberke mehrmals massiv geschmiert, um Wolf Aufschub zu verschaffen. Sie überschütteten den Gestapo-Funktionär mit Schuhen, Reitstiefeln und zahlreichen selten gewordenen Delikatessen.
Wie lebenswichtig die Beziehung Herthas zu Dobberke - und zu Stella - war, sollte sich rasch zeigen. Wolf hatte im Lagerhof einen Greifer namens Neuweck, der ihm besonders verhaßt war, angespuckt. Unglücklicherweise hatte Neuweck in der Schulstraße einigen Einfluß, und so kam es, daß der Name Rudolph Wolf prompt auf der Auschwitz-Liste erschien.
Stella erfuhr davon und gab die Nachricht umgehend an Hertha weiter. Zum Glück hatte diese einen Trumpf in der Hand: Sie wußte, daß Neuweck jüdischen Lagerinsassen goldene Schmuckstücke gestohlen hatte. Also rief sie Dobberke an und verpfiff ihn. Bei der Gelegenheit ließ sie einfließen, daß Neuweck geprahlt habe, er selbst spiele im Lager die große Geige. Sie präsentierte auch gleich den Beweis: Das Großmaul habe gerade ihren gemeinsamen Schützling Wolf auf die Auschwitz-Liste gesetzt.
"Was?" brüllte Dobberke außer sich vor Zorn. "Das kann nicht sein!" Daß jüdische Häftlinge bestohlen wurden, war allgemein geduldete Praxis. Etwas völlig anderes war es jedoch, wenn jemand die Autorität des Lagerchefs untergrub; das ging zu weit!
Dobberke blätterte in seinen Akten, bedankte sich bei Hertha und ließ Wolf sofort zur Behandlung eines Magenleidens ins Jüdische Krankenhaus verlegen. So wurde Rudolph Wolf gerettet, und das hatte er Herthas Schützling Stella zu verdanken.
Statt Wolf standen jetzt Neuweck und dessen Frau auf der Auschwitz-Liste. Als der verhaßte Greifer davon erfuhr, setzte er zum letzten Mal seine Verbindungen ein. Er lieh sich von einem SS-Mann eine Pistole und erschoß erst seine Frau und dann sich selbst.
Bei ihren endlosen Gesprächen mit Stella ließ Hertha immer häufiger Bemerkungen über die Greifer einfließen. "Wie können Juden Juden verraten?" fragte sie. "Diese bedauernswerten Geschöpfe müssen doch schrecklich unglücklich sein!" Sie verurteilte die Greifer nicht, sondern ließ eher Mitgefühl durchblicken. Und irgendwann im Spätherbst 1944 brach Stella zusammen.
Sie gestand, für die Gestapo zu arbeiten, und schluchzte dabei vor Erleichterung, endlich sprechen zu können. Sie habe es tun müssen, behauptete sie, es habe keinen anderen Weg gegeben, ihre Eltern zu retten.
"Aber sie sind doch schon vor Monaten abtransportiert worden", hielt Hertha entgegen.
"Ja, aber da saß ich schon in der Falle", weinte Stella. "Ich kam nicht mehr heraus." Kein Wort des Bedauerns, kein Eingeständnis einer Schuld - auch jetzt, da sie die Wahrheit gestanden hatte, dachte Stella nur an ihre Zukunft.
Hertha wußte Rat. Sie schlug vor, Stella solle Rolf Isaaksohn, ihren Partner bei den Greifer-Streifzügen, den sie eine Zeitlang geliebt hatte und den sie auf Dobberkes Befehl heiraten mußte, allein auf Jagd gehen lassen. Dobberke gegenüber solle er dann seine Fänge als Ergebnis der gemeinsamen Arbeit präsentieren.
Tatsächlich ging Rolf auf den Vorschlag ein. Er paßte zu seinen eigenen Plänen, denn Stella war längst zu einem Klotz am Bein geworden. Sie jammerte. Sie hatte jeden Jagdeifer verloren. Sie war launisch und oft deprimiert. Ebenso wie Stella erwartete Rolf das Ende des Krieges und die sichere Vergeltung - aus Jägern würden Gejagte werden. Er hatte viel Geld gespart und einen privaten Fluchtplan entwickelt. Für Stella war darin kein Platz.
Viermal war Heinz (Heino) Meissl von der Gestapo geschnappt worden, dreimal hatte man ihn wieder freigelassen, weil sein Status nach den Maßstäben der Nazi-Rassisten ungeklärt war - er behauptete, seine Mutter sei "rein arisch" und sein Vater nur "Halbjude". Jetzt, im Herbst 1944, war er von zwei Greifern in das Lager Schulstraße gebracht worden.
Er wurde einer Häftlingsgruppe zugeteilt, die auf dem Hof Backsteine aus zerbombten Häusern vom Mörtel freiklopfen mußte. Meissl nahm diese Demütigung gern in Kauf, solange er wußte, daß seine Akte mit der Eintragung "NR" versehen war: nicht für den Transport registriert.
Stella lernte Heino durch Rudolph Wolf kennen, Herthas Geliebten. Mehrere Mithäftlinge hatten Meissl vor dieser auffallenden Blondine gewarnt, doch Stella verstand es, ihn davon zu überzeugen, daß sie sich gewandelt habe.
Sie steckte ihm Lebensmittel und Zigaretten zu, lächelte ihr Zahnpasta-Lächeln und ließ ihn spüren, daß sie sich in seiner Gesellschaft wohl fühle. Im Notfall, versprach sie, werde sie ihn durch die Kellerkorridore aus dem Lager schmuggeln.
Mit seinen 35 Jahren war Meissl reifer und weltgewandter als Rolf Isaaksohn, er war schlank und gepflegt, außerdem war er belesen und wußte sich auszudrücken, er hatte Stil - für eine Frau wie Stella unwiderstehliche Eigenschaften.
Aber er besaß noch etwas anderes, was ihn liebenswert machte: Meissl hatte eine Zukunft. Er würde nach dem Krieg perfekt zu ihr passen, nicht nur als möglicher Ehemann, sondern auch als glaubwürdiger Entlastungszeuge. Er war jüdisch genug, um als Opfer zu gelten, andererseits nicht jüdisch genug, um für Stella, die ihre Herkunft ablehnte, unannehmbar zu sein. Es kam ihr nie in den Sinn, daß es für einen solchen Rettungsversuch bereits zu spät sein könnte.
Um Weihnachten 1944 herum trafen sich Heino und Rolf zu einem Gespräch unter vier Augen, um über ihr Verhältnis zu Stella ins reine zu kommen. Es wurde eine Friedenskonferenz, so daß 1945 für Heino keine Gefahr mehr bestand, daß Rolf ihn bei Dobberke anschwärzen würde.
Stella, die sich nach wie vor frei in der Stadt bewegen konnte, schmuggelte für Meissl Briefe an seine Mutter in München aus dem Lager und holte ihm Kleidung aus seiner Wohnung in der Saarlandstraße 66. Bei dieser Gelegenheit versäumte sie es nicht, sich mit der Hauswartsfrau Grete Moschner gutzustellen, für die Heino Meissl ihr ein Beglaubigungsbriefchen mitgegeben hatte.
Für Dobberke erledigte sie noch immer regelmäßig Aufträge. Meissl erinnert sich: "Als ich sie kennenlernte, machte sie sich jeden Tag auf den Weg, um zu kontrollieren, ob unter bestimmten Adressen noch Juden wohnten. Sie zog immer allein los. ,Fänge'' dagegen wurden immer nur von zwei Greifern vorgenommen, die meist bewaffnet waren. Wenn sie unverrichteter Dinge zurückkam, war das auch kein großes Problem. Sie erklärte einfach, sie könne keine Juden mehr finden."
Stella hatte den Dienst bei der Gestapo also noch immer nicht endgültig quittiert; sie hatte sich nur die weniger aktive Rolle eines "Pfadfinders" für Dobberke zugelegt. Dabei wußte sie längst, in welch tödlicher Gefahr sie schwebte.
Schon im Februar 1944 hatte sie einen eingeschriebenen Brief erhalten, der das Todesurteil eines nicht näher bezeichneten Gerichts enthielt. Das Urteil, so hieß es in dem Schreiben, sei die Strafe für ihre Verbrechen als Greiferin und werde "nach Kriegsende vollstreckt".
Das Schreiben jagte Stella eine höllische Angst ein. Es war das Werk einer Widerstandsgruppe, die von der Kleinstadt Luckenwalde aus operierte und Todesdrohungen an mehrere Kollaborateure geschickt hatte. Einer der Anführer der Gruppe hatte mit einem Zahnarzt des Jüdischen Krankenhauses über einen Plan verhandelt, Stella zu vergiften. Das Vorhaben scheiterte, weil die Widerstandsgruppe dem Zahnarzt keine sichere Flucht ins Ausland garantieren konnte.
Stärker noch als das Wissen, sich überall Todfeinde gemacht zu haben, ängstigte Stella der Umstand, daß noch immer Züge nach Osten rollten. Zu den vielen Kollaborateuren, die abtransportiert und in Auschwitz ermordet wurden, gehörte eines Tages auch Inge Lustig, jene Greiferin, der Stella es zu verdanken hatte, daß sie in die Fänge der Gestapo geraten und schließlich selbst zur Greiferin geworden war.
Um die Mittagszeit des 17. April 1945 trafen sich Stella, Heino und Rolf zu einem eiligen Abschied am Bahnhof Zoo. Das Grollen der sowjetischen Artillerie war bereits deutlich zu hören.
Rolf teilte den beiden mit, er werde die Stadt verlassen und nach Lübeck fahren. Über Stellas Schicksal verlor er kein Wort, was diese nicht überraschte. Sie hatte schon zuvor Rolfs Aktentasche durchwühlt und verschiedene Passierscheine sowie Landkarten und mehr als 40 000 Reichsmark in kleinen Scheinen gefunden - ein Vermögen.
Meissl fuhr mit Stella in seine Wohnung. Die Hauswartsfrau, Grete Moschner, war gerade dabei, sich für die Flucht zu Freunden nach Liebenwalde fertigzumachen. Wie so viele Berliner wollte sie den Russen entkommen. Meissl konnte Frau Moschner überreden, Stella mitzunehmen und bei sich zu verstecken. Die beiden Frauen eilten zu ihrem Zug, nachdem Meissl Stella versprochen hatte, er werde sie bald zu sich holen.
In Wirklichkeit dachte er gar nicht daran. Denn Heino Meissl hatte eine Zukunft, Stella nicht. "Ich gebe zu, daß ich sie loswerden wollte", gestand er fast 50 Jahre später. "Ich wollte nicht, daß sie sich an mich klammert."
Heino hatte nur einen Wunsch: Die Stadt zu verlassen und zu seiner Mutter nach München zu flüchten. Vorläufig jedoch mußte er ins Lager Schulstraße zurückkehren. Er hatte nur Ausgang erhalten, um "Lebensmittel zu besorgen".
Am 20. April schnappte der kleine Rudi, ein 14jähriger Häftling, ein Telefongespräch auf, bei dem Dobberke den Befehl erhielt, das Lager zu liquidieren. Der Junge rannte los und alarmierte einige Häftlinge, darunter Heino Meissl und Rudolph Wolf. Da sie nichts mehr zu verlieren hatten, beschlossen die Männer, Dobberke zu stellen und das Unmögliche zu verlangen: ihre Freiheit.
Einen Tag später ließ der Lagerleiter tatsächlich die Insassen antreten und unterzeichnete persönlich ihre Entlassungspapiere. Zuvor allerdings hatte er sich von jedem einzelnen durch Unterschrift bestätigen lassen, daß er den Befehl zu ihrer Ermordung verweigert habe.
Dobberke selbst versuchte, sich mit einem gefälschten Ausweis zu den amerikanischen Linien durchzuschlagen. Er kam nicht weit. Am 9. Mai spürten ihn die Sowjets westlich von Pichelsdorf an der Havel in einem Flüchtlingslager auf. Er mußte den Marsch nach Osten antreten und starb im kalten Hungerwinter 1945/46 an Diphtherie.
Die meisten seiner ehemaligen Opfer, die Insassen der Pathologie, feierten das Ende des Krieges im Lager. Nach und nach tauchten in Berlin die überlebenden "U-Boote" auf. Später stellte man fest, daß fast 1400 Juden in ihren Verstecken überlebt hatten.
Liebenwalde befand sich seit Wochen in Aufruhr, als Stella und Grete Moschner dort ankamen. Wer irgend konnte, flüchtete aus der Stadt nach Westen. Schließlich waren nur noch wenige hundert völlig verängstigte Bewohner übriggeblieben.
Kaum waren die Russen in die Stadt eingerückt, als eine Welle von Vergewaltigungen begann, der im Lauf der nächsten Tage fast jedes weibliche Wesen zum Opfer fiel. Auch Grete Moschner wurde vergewaltigt; Stella gelang es, sich zu verstecken.
Wenig später erfuhr Stella von Berliner Freunden, daß Heino sich nach München abgesetzt habe. Noch schlimmer aber war die Nachricht, daß die sowjetischen Behörden sich nach ihr erkundigt hätten - das Aufspüren von NS-Kriegsverbrechern hatte begonnen.
Daß eines Tages die Liebenwalder Polizei bei Stella erschien und sie in Handschellen abführte, hatte allerdings nichts mit der Vergangenheit der Greiferin zu tun. Vielmehr war sie von einer Krankenschwester angezeigt worden, weil sie angeblich behauptet hatte, die sowjetische Geheimpolizei sei schlimmer als die Gestapo.
Für die Polizisten in Liebenwalde wurde die Verhaftete, die sich als Opfer der Nazis und Überlebende des Lagers in der Berliner Schulstraße ausgab, rasch zur Belastung. Sie hielten es für das Beste, sie _(* Nachdem ihr im Jüdischen Gemeindebüro ) _(die Haare abgeschnitten worden waren. ) nach Berlin abzuschieben. Leider fehlte dazu das Benzin. Schließlich wandten sie sich an die Jüdische Gemeinde, die ihnen tatsächlich 20 Liter Treibstoff zur Verfügung stellte.
Walter Storozum war erst vor kurzem aus Auschwitz zurückgekehrt und tat am Empfang des Jüdischen Gemeindebüros in der Oranienburger Straße Dienst. Er erkannte die auffallend gutaussehende, modisch gekleidete Frau nicht, die Anfang 1946 von Polizeibeamten aus Liebenwalde zu ihm gebracht wurde.
Die Blondine erklärte, sie sei Stella Isaaksohn, und verlangte, daß man ihr einen Ausweis als "Opfer des Faschismus" ausstelle. Storozum verwies sie in das Büro im ersten Stock, in dem Nazi-Opfer registriert wurden. Kurz darauf hörte er tumultartigen Lärm.
Die im Obergeschoß wartenden Überlebenden hatten Stella erkannt und waren wütend über sie hergefallen. Erst im letzten Augenblick schritt ein Vertreter der Jüdischen Gemeinde ein und erklärte: "Wir schlagen keine Frauen!" Er verhinderte jedoch nicht, daß Stella die Haare abgeschnitten wurden: Sie zappelte und versuchte sich loszureißen; es dauerte fast eine halbe Stunde, bis sie ihr Markenzeichen, die goldenen Locken, verloren hatte.
Sie kam zunächst ins Polizeigefängnis am Alexanderplatz und wurde bald der einzigen damals funktionsfähigen Justiz übergeben: den Militärtribunalen, die im _(* Bei ihrem Prozeß vor dem Berliner ) _(Kriminalgericht in der Moabiter ) _(Turmstraße. ) Auftrag der sowjetischen Besatzungsbehörden Recht sprachen.
Der Prozeß wurde in russischer Sprache geführt. Stella verstand davon kein Wort. Nach wenigen Minuten war alles vorbei. Sie wurde schuldig gesprochen und zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt.
Zwei Jahre verbrachte sie in Sachsenhausen, die restlichen in Torgau, im berüchtigten Frauengefängnis in der Festung Hoheneck und schließlich im Gefängniskrankenhaus Waldheim. Stella hielt sich nicht nur für ein Opfer der Russen, sondern auch "der Juden". Hatte sie diese schon vorher gehaßt, so erstickte sie jetzt fast an ihrem Abscheu. Immer und immer wieder hatte Hitler den Deutschen eingebleut: "Die Juden sind unser Unglück." Stellas Unglück waren die Juden ganz gewiß gewesen. Warum sollte sie deshalb so etwas wie Schuld empfinden?
Die Bombe explodierte am Morgen des 17. März 1946 auf meinem Schreibtisch. Ich war acht Jahre nach meiner Emigration in die Vereinigten Staaten im Winter 1945 als Propaganda-Offizier der U.S. Army in meine Heimatstadt Berlin zurückgekehrt. Die Sowjets gaben damals für ihre Besatzungszone eine Zeitung heraus, die Tägliche Rundschau. In diesem knochentrockenen Blatt stieß ich auf einen Artikel über eine Frau, der mir kein bißchen langweilig vorkam.
"Hunderte von Juden dem Henker ausgeliefert", lautete die Schlagzeile. Die Verbrechen sollte eine 24jährige jüdische "Gestapo-Agentin" begangen haben. Vor dem Krieg habe sie eine Privatschule besucht, damals sei ihr Name Stella Goldschlag gewesen.
Stella! Ich hielt den Atem an. Doch nicht meine Stella! Ich sah sie sofort wieder vor mir, das Mädchen, das den Kopf so hoch trug, der aufregende, unerreichbare Star, mit dem ich in der Straßenbahnlinie 176 zur Goldschmidt-Schule gefahren war.
Stella eine Mörderin? Das mußte eine Verwechslung sein. Ich beschloß, der Sache auf den Grund zu gehen. Das Polizeipräsidium am Alexanderplatz gehörte inzwischen zum sowjetischen Sektor der Stadt, doch meine Uniform verschaffte mir schnell Zugang zum Dienstzimmer des Kripochefs.
Er habe Stella persönlich verhört, erklärte der aalglatte kleine Mann, der, wie sich später herausstellte, bis zum Kriegsende ein überzeugter Nazi gewesen war. Eine schreckliche Frau. Unglaublich. Ja, der Zeitungsartikel entspreche durchaus den Tatsachen. Nein, er bedaure außerordentlich, über Stellas Aufenthaltsort könne er mir nichts sagen. Sie sei den Russen übergeben worden. Erleichtert, mich loszuwerden, begleitete er mich zur Tür. Mir blieb nichts anderes, als darauf zu warten, daß Stella nach dem Absitzen ihrer Strafe wieder auftauchen würde.
Etwa zehn Jahre später, im April 1956, erschien im Mitteilungsblatt der Berliner Jüdischen Gemeinde eine Anzeige. In ihr wurde mitgeteilt, eine Stella Goldschlag, die für die Gestapo als Greiferin gearbeitet habe, sei aus dem Gefängnis entlassen worden. "Es wird um Informationen über ihr Verhalten in der Zeit der Verfolgung gebeten."
Postwendend meldeten sich Juden, denen es gelungen war, die Lager oder das jahrelange Schattendasein im Untergrund zu überleben. Davongekommene, die sich nur zu gut an Stella erinnerten und darauf brannten, sich an ihr zu rächen. Die West-Berliner Justiz zögerte nicht, ein neues Strafverfahren gegen Stella zu eröffnen. Diesmal wurden für den viertägigen Prozeß 32 Zeugen aufgeboten. Die Anklage lautete auf Beihilfe und Anstiftung zum Mord in einer unbekannten Zahl von Fällen. Die Staatsanwaltschaft ging von mehreren hundert aus.
Das Verfahren begann am 20. Juni 1957 in Saal 500 des düsteren, riesigen Kriminalgerichts in der Moabiter Turmstraße. Moabit war eines der Stadtviertel, in denen Stella als Gestapo-Greiferin aufgetaucht war.
Als einer der ersten Zeugen der Anklage sagte der 34jährige Robert Zeiler aus. Er kannte die Angeklagte seit der Zeit, als sie in der Sybelstraße mit Murmeln gespielt hatten; er war damals zehn, sie elf gewesen. Vor den atemlos lauschenden Zuhörern schilderte Zeiler, was er im Juni 1943 an der Ecke Kurfürstendamm/Leibnizstraße erlebt hatte:
Stella und ihr Kumpan Rolf Isaaksohn halfen gerade der Gestapo, einige Juden, die sie in nahe gelegenen Cafes aufgespürt hatten, auf einen Lastwagen zu laden. Zeiler stand mit seinem Fahrrad in der Menge der Schaulustigen, als er bemerkte, daß Stella ihn entdeckt hatte. Sollte er weglaufen? Er tat es nicht, er wollte sehen, ob sie ihn verraten würde. Sie ließ ihn unbehelligt, jedoch nicht, ohne ihn mit einer eindeutigen Geste zu warnen: Verschwinde, solange du noch kannst.
Zeiler zog sich etwas zurück, so daß Stella ihn nicht mehr sehen konnte. Er beobachtete, wie sie mit Isaaksohn zu den _(* Im Foyer der Berliner Staatsoper Unter ) _(den Linden, wo sie am 16. Dezember 1943 ) _(von Stella und Rolf Isaaksohn verhaftet ) _(worden waren. ) Festgenommenen hinaufstieg - wie Polizisten, die die Flucht ihrer Gefangenen verhindern wollten. In sicherem Abstand folgte Zeiler dem Lastwagen durch die halbe Innenstadt bis zum Sammellager in der Großen Hamburger Straße.
Wie Geister tauchten vor Gericht immer neue Gestalten aus Stellas Vergangenheit auf. Ihr Gesicht blieb ausdruckslos, als ihre alte Freundin Lieselotte Streszak aussagte: Stella habe sie an der Wohnungstür mit einer Pistole bedroht, sie habe ihr den dreijährigen Sohn Peter aus den Armen gerissen. Der Kleine sei dann in der Wohnung geblieben und später gestorben. Frau Streszak wurde ins Lager Schulstraße gebracht und von dort nach Theresienstadt deportiert.
"Lieselotte ist freiwillig ins Lager mitgekommen. Ich hatte sie nur besucht", gab Stella zu Protokoll. "Ich habe ein reines Gewissen." Schnippisch fügte sie hinzu: "Sie ist nie meine Freundin gewesen."
Der 60jährige Zeuge Paul Regensburger sagte aus, Stella habe ihn am Kurfürstendamm angesprochen und ihm vorgejammert, sie habe Hunger. Voller Mitgefühl sei er mit ihr ins Cafe Zum Klaußner gegangen, und dort habe Stella ihm unaufgefordert ihr Schicksal geschildert. Sie sei Jüdin und befinde sich in großer Not, weil sie untergetaucht sei.
Daraufhin gestand Regensburger, daß er ebenfalls Jude sei. Die beiden unterhielten sich noch eine Weile, dann stand Stella auf und sagte, sie müsse telefonieren. Als sie zurückkam, wirkte sie verkrampft und sah häufig zur Tür. Regensburger schöpfte noch immer keinen Verdacht. Zehn Minuten später verabschiedete sich Stella. Nur Sekunden danach stand Walter Dobberke mit mehreren Gestapo-Männern vor seinem Opfer.
Regensburger wurde in das Sammellager Große Hamburger Straße gebracht. Er war einer der wenigen Häftlinge, die es schafften, aus dem Zug nach Auschwitz zu springen. "Das ist eine unglaubliche Verleumdung", sagte Stella zu der Aussage Regensburgers. "Ich kenne den Zeugen überhaupt nicht."
Stella hatte als Greiferin herausgefunden, daß die Staatsoper Unter den Linden ein beliebter Zufluchtsort für Juden war, die es in ihren Verstecken nicht mehr aushielten. Eines Tages gelang es ihr hier, eine ganze Familie auf einmal einzufangen.
Abraham Zajdmann hatte geglaubt, besonders vorsichtig gewesen zu sein. Er, seine Frau sowie ihr Sohn und ihre Tochter saßen weit voneinander getrennt im Parkett. Stella schlug zu, als sich die Familie nach der Vorstellung im Foyer zusammenfand. Sie kannte Zajdmanns Sohn Moritz von früher her und packte ihn von hinten am Gürtel seines Mantels.
"Ich erkannte sie sofort. Es war das ,blonde Gift''", sagte Moritz jetzt als Zeuge vor Gericht aus. "Ich verpaßte ihr eine Ohrfeige und flüchtete." Es folgte eine kurze Jagd. Stella, gefolgt von Rolf Isaaksohn, rannte hinter Moritz her und rief: "Haltet ihn! Ein Jude!"
Mehrere Passanten erfüllten sofort ihre vermeintliche Bürgerpflicht. Sie hielten Moritz fest, bis Rolf ihn überwältigt hatte. Stella lief zu einer Telefonzelle und benachrichtigte die Gestapo.
Rund ein halbes Dutzend Zeugen im Berliner Prozeß machten entlastende Aussagen. Eine Frau etwa berichtete, Stella habe ihr Lebensmittel ins Sammellager geschmuggelt und Briefe an ihre Mutter weitergeleitet. Ein jüdischer Arzt zeigte sich dankbar, weil Stella ihn vor Gestapo-Razzien gewarnt hatte. Der 41jährige Konrad Friedländer bezeugte, Stella habe durch ihn einen Untergetauchten warnen lassen, den sie eigentlich hätte verhaften sollen.
"Stella hat mir sehr geholfen", erzählte auch eine 54jährige jüdische Hausfrau. "Unter meinem Einfluß wurde sie zu einem anderen Menschen; in den letzten sieben Monaten vor der Kapitulation hat sie niemanden mehr festgenommen." Dieser Zeugin wurde kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Es war niemand anders als Hertha Wolf, geschiedene Eichelhardt, Stellas alte Freundin und Beichtmutter.
Stella selbst gab sich vor Gericht als Opfer des "Bolschewismus" aus. Sie sei von den Kommunisten zu Unrecht verurteilt und eingesperrt worden. Und das alles nur, weil die Juden im Sammellager Große Hamburger Straße so entsetzlich neidisch auf sie gewesen seien.
"Das Lager war der Vulkan, jeder, der bei Verstand bleiben wollte, tanzte auf dessen Rand", klagte sie. "Es war nicht meine Schuld, daß ich überall so auffiel, daß ich anders war als all die anderen. Ich war ein Opfer der Zeit."
Der als Gutachter eingesetzte Psychiater Dr. Waldemar Weimann attestierte der Angeklagten überdurchschnittliche Intelligenz, bezeichnete aber ihre emotionalen Fähigkeiten als "stark verarmt", ihre Gefühle als "kalt" und ihr Denken als "stark egozentrisch". Insgesamt könne man sie nicht als krank im psychiatrischen Sinne bezeichnen.
Die Staatsanwaltschaft beantragte eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren. Das Gericht verurteilte die Greiferin zu zehn Jahren. Das Urteil wurde ausgesetzt, weil Stella schon zehn Jahre abgesessen hatte.
In der Urteilsbegründung berücksichtigten die Richter den verbrecherischen Druck, den die Gestapo auf Stella ausgeübt hatte. Dennoch: Man hätte von ihr erwarten können, daß sie die Forderungen der Gestapo zurückwies, wie es auch andere getan hatten, oder daß sie eine Zusammenarbeit nur vortäuschte, wie es ihre Mutter geraten hatte. Statt dessen habe die Angeklagte ihre Arbeit als Greiferin in großem Umfang betrieben und in vielen Fällen sogar so etwas wie sportlichen Ehrgeiz an den Tag gelegt.
Es hatte mich Zeit und Mühe gekostet, Stella, die unter neuem Namen in einer deutschen Stadt lebte, aufzuspüren. Ein Beamter, den ich kannte, fand ihre Adresse. Aber statt sie mir zu geben, versprach er, er werde eine Botschaft von mir an Stella weiterleiten, so daß sie selbst entscheiden könne, ob sie antworten wolle oder nicht.
Ich schrieb ihr 1989 einen in leichtem Plauderton gehaltenen Brief, in dem ich an unsere gemeinsamen Straßenbahnfahrten zur Goldschmidt-Schule vor mehr als 50 Jahren erinnerte. Um nicht unter falscher Flagge zu segeln, teilte ich ihr mit, daß ich an einem Buch über Juden arbeite, die den Krieg in Berlin überlebt hätten. Die Nachwelt, so erklärte ich ihr, habe ein Recht zu erfahren, was damals geschehen sei.
Nach sechs Monaten bekam ich Antwort: eine Postkarte mit Stellas Adresse und ihrer Telefonnummer und mit Klagen voller Selbstmitleid. Nein, sie wolle nicht, daß ich sie besuche, sie fühle sich "zu schwach, die Aufregung zu ertragen".
Ich schickte weitere Briefe. In aller Behutsamkeit begann ich, ihr Details ihrer Vergangenheit zu entlocken. Sie antwortete jedesmal postwendend, immer auf Karten, und beschränkte sich auf knappste Mitteilungen. So entstand allmählich ein Kontakt, den Stella zwei Jahre lang aufrechterhielt.
Inzwischen hatte ich es mir zur Aufgabe gemacht, jüdische Überlebende aufzusuchen, die in der Zeit von Stellas Gestapo-Arbeit mit ihr zu tun gehabt hatten und die nicht als Zeugen vor Gericht gehört worden waren.
Eine der Schlüsselfiguren war Günther Rogoff, der mit Stella die Kunstschule besucht und später Ausweispapiere gefälscht hatte, der Mann, auf den sie als Greiferin angesetzt war. Er sprach sie von jedem Vorwurf frei. Rogoff war überzeugt, Stella sei nach dem Krieg von grausamen Ignoranten ungerecht behandelt worden: "Ich wünschte, ich hätte als ihr Verteidiger auftreten können", sagte er mit großer Erregung, als ich ihn 1990 in seiner Schweizer Werbeagentur aufsuchte.
"Sie soll also eine Hexe gewesen sein", meinte er angeekelt. "Sie konnte sich doch gar nicht schuldig machen. In psychologischer Hinsicht war sie ein Leichnam! Die Leute", polterte er weiter, "haben doch heute keine Ahnung mehr, was es damals hieß, der Gestapo in die Hände zu fallen; man mußte darauf gefaßt sein, daß sie einem die Zähne einzeln abfeilten. Und Stella hatte so wunderschöne Zähne."
Eines Tages läutete ich an Stellas Wohnungstür. Niemand machte auf, also wartete ich im Hausflur. Schließlich kam Stella: eine verblühte Schönheit, aber noch immer modisch gekleidet und perfekt frisiert.
"Hol mich der Teufel", sagte sie und ging nach kurzem Zögern auf mich zu. Lächelnd hielt sie mir die Wange hin, um sich von mir küssen zu lassen. Mit allem hatte ich gerechnet: mit einem Schock, mit Zurückschrecken, Zittern, Tränen, ja sogar einem Zusammenbruch - statt dessen ein Kuß auf die Wange.
In den nächsten vier Stunden demonstrierte Stella immer wieder ihre schauspielerische Begabung. Sie imitierte Lehrer unserer früheren Schule in Berlin. Urplötzlich warf sie den Kopf in den Nacken und begann, Hoagy Carmichaels "Stardust" zu singen. Offenbar wollte sie mir zeigen, wie leicht es ihr gefallen wäre, im Showbusiness Amerikas unterzukommen. "Wenn wir es nur geschafft hätten, in die Staaten zu kommen. Vielleicht wäre es dann . . ." stockte sie.
Ich führte sie bei unserem Gespräch behutsam durch die Vorkriegsjahre, ihre Schulzeit, das Leben mit ihren Eltern, und sie konnte meinen Fragen entnehmen, daß ich gut informiert war. "Du weißt ja alles", sagte sie mit dramatischem Bühnenflüstern, doch ohne Anzeichen von Furcht. "Ich weiß eine Menge", bestätigte ich.
Unaufgefordert begann Stella plötzlich mit einem mehr oder weniger chronologischen _(* In Berlin vor einer Gedenktafel zur ) _(Erinnerung an die jüdische Privatschule ) _(Goldschmidt, die er und Stella in den ) _(dreißiger Jahren besucht hatten. ) Bericht über ihre Kriegsjahre. Sie hielt sich an die Version, die sie vor Gericht erzählt hatte. Während ihre Eltern als Geiseln festgehalten worden seien, habe die Gestapo sie gezwungen, Günther Rogoff zu suchen. "Ich hätte ihn nie verraten, nie, nie!" rief sie plötzlich erregt aus. Sie habe den Auftrag nur zum Schein übernommen, sonst habe sie nichts für die Gestapo getan. "Die ganze Zeit?" fragte ich ungläubig. "Die ganze Zeit."
Ich legte ihr ein Blatt aus ihren Gerichtsakten vor. "Hier steht, daß du einen grünen Gestapo-Ausweis mit deinem Foto besessen hast." "Aber nein", entgegnete Stella. "Ich hatte nur einen Passierschein für das Lager."
"Mir ist klar, in welcher Zwangslage du gesteckt hast, um deine Eltern zu retten", sagte ich. "Aber ich kann nicht glauben, daß die Gestapo anderthalb Jahre lang zugesehen hat, wie du angeblich nur nach Rogoff gesucht hast, einem einzigen Mann!" "Sie fanden immer wieder neue Papiere, die er gefälscht hatte", wandte sie ein.
"Ich habe mit Hertha Wolf gesprochen, mußt du wissen", fuhr ich fort. "Sie hat gesagt , daß du in ihrer Küche gesessen und zugegeben hast, für die Gestapo zu arbeiten." "Ach, die spinnt doch", rief Stella aus, spürbar verärgert, daß ich ihre frühere Vertraute getroffen hatte.
"Erinnerst du dich noch an die Familie Zajdmann?" fragte ich. "Ich habe auch mit ihnen gesprochen. Weißt du noch, wie du sie mit Rolf in der Berliner Staatsoper festgenommen hast?"
"Rolf und ich sahen Rigoletto", erklärte sie hilfsbereit, "und Rolf sagte auf einmal: ,Du, guck mal, da unten sitzen die Zajdmanns. Die werde ich mir schnappen!''"
Sie berichtete von der Festnahme, als habe sie sich erst gestern abgespielt. "Und du hattest nichts damit zu tun?" "Ich habe nur davon gehört", erwiderte Stella. In dieser ganzen Zeit habe Dobberke nie aufgehört, ihr mit dem Transport nach Auschwitz zu drohen.
Es wurde Zeit, zu gehen. Stella hatte sich die Schuhe ausgezogen, so daß sie klein und fast kindlich wirkte, als sie lächelnd, mit geneigtem Kopf an der Tür stand. "Schreib nichts Schlechtes über mich!" ermahnte sie mich und drohte mir spielerisch mit dem Finger, wie ein kleines Mädchen auf dem Spielplatz.
Stella hat mich gezwungen, darüber nachzudenken, wie ich als unschuldiger elfjähriger Schüler gehandelt hatte, als ich wählen mußte, ob ich "Heil Hitler!" rufen oder mich von meinen Mitschülern mit Steinen bewerfen lassen sollte. Ich hatte "Heil Hitler!" geschrien.
Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn Männer in schwarzen Uniformen gesagt hätten, ich könnte meine Eltern vor der Deportation retten. Ich weiß es einfach nicht, und heute bin ich dankbar dafür, daß ich nie in diese Situation gekommen bin. *HINWEIS: Ende
Auf deutsch erscheint der ungekürzte Text des Buches von Peter Wyden unter dem Titel "Stella" im Februar 1993 beim Steidl-Verlag, Göttingen; ca. 480 Seiten; 38 Mark. y 1992 Peter H. Wyden, Inc. * Nachdem ihr im Jüdischen Gemeindebüro die Haare abgeschnitten worden waren. * Bei ihrem Prozeß vor dem Berliner Kriminalgericht in der Moabiter Turmstraße. * Im Foyer der Berliner Staatsoper Unter den Linden, wo sie am 16. Dezember 1943 von Stella und Rolf Isaaksohn verhaftet worden waren. * In Berlin vor einer Gedenktafel zur Erinnerung an die jüdische Privatschule Goldschmidt, die er und Stella in den dreißiger Jahren besucht hatten.
Von Peter Wyden

DER SPIEGEL 45/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit
  • Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine
  • Ungewöhnlicher Trip: Weltreise für 50 Euro
  • "Horrorhaus" in Kalifornien: "Meine Eltern haben mir das Leben genommen"