10.02.1992

AutorenSchlimmste Schreier

Hat die Stasi auch im Verband deutscher Schriftsteller (VS) mitgemischt? Die Indizien mehren sich.
Der Fall schien eigentlich abgeschlossen. Doch bei der jüngsten Vorstandssitzung des Verbands deutscher Schriftsteller (VS), am vorvergangenen Sonntag in Bonn, stand der Name Bernt Engelmann plötzlich wieder auf der Tagesordnung.
Bestsellerautor Engelmann ("Wir Untertanen"), von 1977 bis 1983 VS-Vorsitzender, war mehrfach allzu enger Kontakte zur Stasi beschuldigt worden. Fazit der Bonner Runde: Der Ex-Kollege müsse sich schnellstens der gegen ihn erhobenen Vorwürfe erwehren.
Völlig unvermittelt hatte die Lyrikerin Angela Hoffmann, ein ehemaliges Mitglied des VS-Vorstands, bei einer NDR-Talkshow im Januar Engelmann angegriffen: Während seiner Amtszeit seien andersdenkende Autoren mit "menschenverachtenden Methoden" zum Schweigen gebracht worden.
Wenige Tage später konfrontierte das ARD-Magazin Panorama den am Tegernsee, in guter Nachbarschaft mit dem ehemaligen Stasi-Oberst Alexander Schalck-Golodkowski, ansässigen Engelmann mit weiteren Vorhaltungen: Er _(* 1984 beim Saarbrücker Kongreß. ) habe von der Stasi zugespieltes Material für seine Bücher verwendet.
Diese Quelle mindere nicht den Wert der Dokumente, entgegnete Engelmann, im übrigen habe er der Stasi "keine Gegendienste" geleistet. Mit dem Zusatz, in der Stasi habe es "tüchtige Agenten" gegeben, bei denen sich "der Bundesnachrichtendienst eine Scheibe abschneiden" könne, nährte er allerdings neues Mißtrauen.
Zuvor hatte schon Jürgen Fuchs den VS attackiert. Der 1977 aus der DDR ausgebürgerte Autor, der spätestens seit der SPIEGEL-Serie "Landschaften der Lüge" (Heft 47 bis 51/1991) als Experte in Sachen Stasi gilt, äußerte öffentlich den Verdacht, daß es "bei dem Schriftsteller-Kongreß 1984 in Saarbrücken richtige Drehbücher gab".
Natürlich dementiert Engelmann, dennoch ist dieser Kongreß bis heute, im doppelten Sinn des Wortes, ein dunkles Kapitel in der Geschichte des VS. In Saarbrücken sei der Verband "kaputtgemacht worden", sagt der Berliner Autor Friedrich Christian Delius.
Nicht die hohe Favoritin Ingeborg Drewitz war in Saarbrücken zur Vorsitzenden gewählt worden - eine Autorin, deren politische Integrität über jeden Zweifel erhaben war -, sondern, mit einer einzigen Stimme Mehrheit, der überraschend nominierte Sachbuchautor Hans Peter Bleuel. Er siegte mit dem Versprechen, die gewerkschafts- und friedenspolitische "Linie" seines Vorgängers Bernt Engelmann konsequent fortzusetzen.
Zusammen mit seinem Duzfreund Hermann Kant, dem Vorsitzenden des DDR-Schriftstellerverbandes, bestritt Engelmann mehrere internationale Autorentreffen. Engelmann achtete dabei streng auf die Linientreue des eigenen Verbandes. Am 6. Oktober 1987 schrieb er dem "lieben Hermann" in Ost-Berlin, daß auch der damals neugewählte VS-Vorstand "für Kontinuität der ehedem von mir verfolgten Linie" bürge. Engelmann wörtlich: "Die schlimmsten Schreier sind endgültig aus dem Rennen."
Diese Engelmann-Linie wurde am eifrigsten von den Sympathisanten der DKP propagiert, die über Zeitschriften wie Kürbiskern oder Die Feder erheblichen Einfluß auf die Verbandspolitik ausübten. Ihr strategisches Konzept deckte sich mit dem der SED: *___Aktionseinheit von Arbeiterklasse und Intelligenz vor ____allem zur Sicherung von "Frieden und Abrüstung"; *___Vermeidung von Diskussionen über Menschenrechtsfragen ____beziehungsweise die Behandlung von Dissidenten in der ____DDR und Osteuropa.
Die Auseinandersetzungen im VS hatten sich zugespitzt, als seit dem Ende der siebziger Jahre immer mehr aus der DDR ausgebürgerte Dissidenten die Verbandsführung scharf angriffen: Der Friedens- und Ostpolitik des VS warfen sie Anbiederung an kommunistische Diktaturen vor.
So änderte Engelmann ein von VS und Pen-Club gemeinsam formuliertes Protesttelegramm an General Jaruzelski eigenmächtig: Aus der Forderung nach Wiederzulassung des aufgelösten polnischen Autoren-Verbandes wurde die Bitte um Zulassung eines Schriftstellerverbandes.
Zur Zerreißprobe kam es, als Engelmann im Oktober 1983 den Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, Manes Sperber, heftig angriff. Weil Sperber erklärt hatte, Europa müsse rüsten, um sich aus dem Konflikt der Supermächte heraushalten zu können, forderte ihn Engelmann im Namen der "deutschen Schriftsteller, für die ich hier spreche", auf, den Preis "schleunigst zurückzugeben".
Proteste der VS-Mitglieder Günter Graß, Siegfried Lenz und Heinrich Böll mobilisierten die Öffentlichkeit. Engelmann mußte den VS-Vorsitz niederlegen.
Mit dem Rücktritt war die drohende Spaltung des Verbands abgewendet. Alles deutete darauf hin, daß sich bei der anstehenden Neuwahl des Vorsitzenden auf dem Saarbrücker Kongreß Ingeborg Drewitz durchsetzen würde: die Kandidatin jener literarisch gewichtigen und politisch unabhängigen Autoren, denen die Organisation ihr öffentliches Ansehen vor allem verdankte.
Warum es ganz anders kam, will nun eine zwölfköpfige Kommission untersuchen, die der gesamtdeutsche VS aus ost- und westdeutschen Autoren gebildet hat. Die Geschichte des östlichen und des westlichen Schriftstellerverbandes wird parallel erforscht.
Die erste Tagung des Gremiums soll Ende Februar in Berlin stattfinden. Eingeladen ist auch Bernt Engelmann, der sich "natürlich gern jederzeit an der Arbeit einer solchen Kommission beteiligen" möchte. Keinesfalls aber will er sich "einer Art Tribunal" stellen.
Der derzeitige VS-Vorsitzende Uwe Friesel warnt denn auch vor einer Vorverurteilung seiner Vorgänger Bleuel und Engelmann: "Für die Kommission gilt zunächst die Unschuldsvermutung."
Nun meldet sich jedoch ein Zeuge zu Wort, der als ehemaliges Mitglied des Parteivorstandes und "Hofdichter der DKP", wie er sich heute rückschauend nennt, die kommunistischen Praktiken von innen kennengelernt hat. Der frühere Parteibarde Peter Schütt, 52, fiel in Ungnade, als er mit Gorbatschow zu sympathisieren begann. Inzwischen hat er, der einst mit 25 Jahren vom katholischen zum kommunistischen Lyriker reifte, eine radikale ideologische Wende vollzogen. Er sieht sich heute als "betrogenen Betrüger".
In seinem SPIEGEL-Beitrag schildert Schütt, wie die Delegierten im Vorfeld des Saarbrücker Kongresses von kommunistischer Seite bearbeitet wurden. Er reiht das "Saarbrücker Lehrstück vom Einverständnis" in die jahrzehntelang praktizierte Generallinie der kommunistischen Literaturpolitik ein.
* 1984 beim Saarbrücker Kongreß.

DER SPIEGEL 7/1992
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