10.08.1992

„Ein feines Fingerzittern“

Vor zwei Monaten trafen sich die Dopingfahnder aus aller Welt zu einem Workshop in Köln. Beiläufig erzählte der Leiter des Analyselabors in Montreal, Robert Dugal, seinen Kollegen, daß im Urin amerikanischer und kanadischer Athleten immer häufiger Spuren einer ungewöhnlichen Substanz zu finden seien. Das Mittel habe bislang nur in der Tiermedizin eine unrühmliche Rolle gespielt: Clenbuterol.
Als der Name fiel, horchte der Leiter des Kölner Labors, Professor Manfred Donike, auf. Vor Jahren schon, als mit Clenbuterol Rennpferde gedopt und Kälber gemästet worden waren, hatte auch er bei Urin-Analysen von Athleten routinemäßig nach dem Wunderwirkstoff geforscht - aber nie Spuren davon entdeckt. Als er sich sicher war, daß Clenbuterol im Humanbereich keine Rolle spiele, nahm er die Suche nach dem Stoff aus seinem Routineprogramm wieder heraus.
Der Tip aus Montreal genügte: Ab Mitte Juni forschte Donike wieder nach dem Medikament mit der gleichermaßen aufbauenden wie aufputschenden Wirkung. Schon bald wurde er fündig, erst bei Bodybuildern und dann bei den Sprinterinnen aus Neubrandenburg - Katrin Krabbe, Grit Breuer und Manuela Derr.
Wieder einmal hat ein Trainer an seinen Athleten erprobt, was bei Ratten, Hühnern, Meerschweinchen, Schafen und Rindern verblüffende Wirkung gezeigt hatte.
Mit Clenbuterol, das geht aus mehr als 100 wissenschaftlichen Forschungsarbeiten in aller Welt hervor, wurden die Tiere im Rekordtempo leistungsstark.
Die Berichte vom Muskelgewinn bei Tieren waren so verführerisch für die Fleischproduktion, daß auch die größten Pharmakonzerne mit dem Mastmittel experimentierten.
Bei Lämmern wuchs der große Wadenmuskel nach nur zweimonatiger Einnahme um 40 Prozent. Ratten legten 21 Prozent an Muskelmasse zu, und Kälber, denen pro Kilogramm Lebendgewicht täglich vier Mikrogramm Clenbuterol gespritzt wurden, verzeichneten innerhalb von 27 Tagen eine Gewichtszunahme von 30 Prozent.
Ein solches Wundermittel, das entspricht der perversen Logik der Doper, mußte über kurz oder lang auch für die Sportlermast in Frage kommen.
Nur die extremen Nebenwirkungen hatten wohl lange einen Einsatz bei Athleten verhindert. Clenbuterol hat, in großen Dosen verabreicht, nicht nur eine muskelbildende Wirkung. Es stimuliert, weil es das zentrale Nervensystem erreicht, den Doper oft bis ins Unerträgliche.
Die Liste der Nebenwirkungen reicht von Herzrhythmusstörungen, allgemeiner Unruhe, Übelkeit und Kopfschmerzen bis hin zur häufigsten und auffälligsten Folgeerscheinung - dem typischen Clenbuteroltremor, ein unwillkürliches Vibrieren der Gliedmaßen. Pharmafirmen, die Clenbuterol herstellen, machte die Fehl-Erregung der Muskeln solche Sorgen, daß sie für ihre Untersuchungen eigens einen "Tremormeßstuhl" entwickelten.
Auf das "feine Fingerzittern" weist auch der Beipackzettel des clenbuterolhaltigen Hustenkrampflösers Spiropent hin, den Krabbe, Breuer und Derr geschluckt haben wollen. Jetzt finden jene seltsamen "psychovegetativen Störungen" eine Erklärung, die die Sprint-Weltmeisterin Krabbe befielen, als sie kurz vor Olympia noch einmal ein Comeback versuchte und scheiterte. Damals machte sie die Journalisten, die sie angeblich zu Unrecht des Dopings verdächtigten, verantwortlich - augenscheinlich quälte sie nur ihr neues Dopingmittel.
Geklärt ist auch, wie das Medikament nach Neubrandenburg kam. Als die Kuren mit dem DDR-Hausmittel Oral-Turinabol problematischer wurden, brach Springstein zur Studienreise in die USA auf. Dort muß er den Tip für den Schnellmacher aus der Tiermedizin erhalten haben.
Clenbuterol, sagt Don Cathlin, Leiter des Dopinglabors von Los Angeles, sei in Nordamerika "momentan das Mittel der Wahl". 20 Mikrogramm täglich, also eine Tablette Spiropent, werden auch in der jüngsten Auflage des "Underground Anabolic Steroid Handbook for Men and Women", der amerikanischen Bibel aller Doper, empfohlen.
Zunächst hatte der Krabbe-Trainer Skrupel. Freunden vertraute er an: "Was die US-Girls alles nehmen, kann ich meinen Mädchen nicht geben." Doch dann besorgte er sich das Mittel auf dem Schwarzmarkt - und verließ sich dabei auf die Flüsterpropaganda der Doper, Clenbuterol sei nicht nachweisbar, zudem auch nicht in den Dopingverbotslisten aufgeführt.
Womöglich gibt es noch einen zweiten, bisher unentdeckt gebliebenen Teil des Clenbuterol-Skandals im Spitzensport. Mehrere wissenschaftliche Arbeiten weisen auf den besonderen synergistischen Effekt der gleichzeitigen Gabe von Clenbuterol und dem gentechnisch hergestellten und damit auch kostengünstigen Wachstumshormon (HGH) hin.
In der Dopingszene gilt es als offenes Geheimnis, daß bei der sportlichen Muskelmast zumeist beide Mittel eingesetzt werden. Bluttests jedoch, die einen HGH-Nachweis ermöglichen würden, und die die Olympiasiegerin Gwen Torrence vehement fordert, werden im Spitzensport nicht durchgeführt.

DER SPIEGEL 33/1992
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