11.05.1992

„Schweigen wäre Selbstzensur“

SPIEGEL: Wir kommen gerade aus einem netten, kleinen Hotel. Wo kommen Sie her, Mr. Rushdie?
RUSHDIE: Aus der Unsichtbarkeit.
SPIEGEL: Wie oft sind Sie in den drei dunklen Jahren umgezogen?
RUSHDIE: Ich habe es nicht gezählt, aber jedenfalls nicht 56mal in den ersten drei Monaten, wie kolportiert wurde. Im ganzen waren es 20 oder 30 Orte.
SPIEGEL: Sie brauchen Ihre Wohnung nicht selbst zu suchen.
RUSHDIE: Das wäre sehr schwierig.
SPIEGEL: Wie sieht ein normaler Tag im Leben des Salman Rushdie aus?
RUSHDIE: Je nach Lage der Dinge. Ich habe versucht, eine Normalität innerhalb der Abnormität zu schaffen, und der Vorteil dabei war, daß ich Romancier bin. Ich kann ein Literaten-Leben führen, am Tisch sitzen, schreiben . . .
SPIEGEL: . . . und viele Telefongespräche führen . . .
RUSHDIE: . . . ein alltägliches Leben. Anfangs war ich streng von der Welt abgeriegelt, ein Gespräch wie dieses wäre völlig unmöglich gewesen. Das ist jetzt anders.
Ich will nicht länger in dieser Isolierung leben, letzte Woche besuchte ich sogar eine Buch-Party. Nicht, weil meine Situation sicherer geworden ist, aber ich muß zeigen: Der einzige Weg, dem Terrorismus zu widerstehen, ist, sich nicht terrorisieren zu lassen.
SPIEGEL: Ist das Wagemut?
RUSHDIE: Es ist Vorsicht und zugleich die Weigerung, in meinem eigenen Lande länger ein Gefangener zu sein. Nach meinen Informationen hat sich die Gefahr nicht verringert, wobei die britischen Moslems nie das Problem waren.
Vor der Fatwa, dem Rechtsgutachten, das fünf Monate nach dem Erscheinen meines Buches von Chomeini erlassen wurde, gab es Moslem-Proteste in diesem Land, aber das schien mir nie Anlaß, meine Lebensweise zu ändern; das Problem war immer der Iran und die Tatsache, daß Leute viel Geld aufbrachten, um Profi-Killer zu engagieren.
SPIEGEL: Wie hoch ist das Kopfgeld gegenwärtig?
RUSHDIE: Kürzlich hieß es, es sei auf über eine Million Dollar "erhöht" worden; letztes Jahr hieß es, es seien zwei Millionen. Wie das zuging, daß sie es von zwei auf eine Million Dollar erhöhten, weiß ich nicht. Jemand meinte, die iranische Wirtschaft sei in einem derartig miserablen Zustand, daß der Wert eines Menschen enorm gesunken sei.
SPIEGEL: Darüber können Sie, wie man sieht, lachen.
RUSHDIE: Ich habe immer Schwarze-Komödien-Bücher geschrieben, und diese Geschichte ist schwärzer, als man es sich vorstellen kann.
SPIEGEL: Die iranische Regierung behauptet, mit dieser Kopfgeld-"Foundation" nichts zu tun zu haben.
RUSHDIE: Hochrangige Iraner sind mit der "Foundation" verbunden und besuchen ihre Meetings, auch Chomeinis Söhne.
Aber nicht nur dieses Kopfgeld ist ein Problem. Im vergangenen Jahr erhielt ich vom Geheimdienst die Information, mit einer Killergruppe sei ein Kontrakt geschlossen worden und eine große Summe an sie geflossen - ausgezahlt von Iranischen Botschaften in Europa. Das hatte nichts mit der "Foundation" zu tun, das war unmittelbar Geld der iranischen Regierung.
Die Gruppe war so zuversichtlich, daß sie ein Zeit-Limit setzte und versprach, mich innerhalb von 100 Tagen zu exekutieren. Später wurde mir mitgeteilt, die Attacke sei "neutralisiert" worden.
SPIEGEL: Wie kam es, daß der Iran überhaupt in den Fall Rushdie und "Die Satanischen Verse" involviert wurde?
RUSHDIE: Dazu gibt es viele Legenden. Eine behauptet, das Stück in meinem Roman über Chomeini im Exil . . .
SPIEGEL: . . . "Er ist lebender Stein", schreiben Sie über ihn . . .
RUSHDIE: . . . habe dem Ayatollah, als man ihm davon erzählte, nicht gefallen. Man habe ihm die ganze Sache als theoretischen Fall vorgetragen, auf der Basis: "Falls jemand ein blasphemisches Buch über den Propheten schreibt - was soll man mit ihm tun?"
SPIEGEL: Es gibt auch die Legende, daß eine Gruppe unter den zwei Millionen Moslems in England bei Chomeini eine Fatwa bestellte. Chomeini beschied: Tod dem Propheten- und Gotteslästerer Rushdie - gegen alle Menschenrechte.
RUSHDIE: Selbst die Scharia . . .
SPIEGEL: . . . die Rechtsordnung des Islam . . .
RUSHDIE: . . . stellt Blasphemie, deren Existenz ich bestreite, dem Urteil Gottes anheim. Chomeini hatte keinerlei Recht, ein Todesurteil auszusprechen. Auch moslemische Rechtsgelehrte, die mir nicht gewogen sind, halten die Fatwa für völlig unislamisch.
SPIEGEL: Die Rushdie-Affäre ist ein prominenter Fall, niemand spricht über Hunderte Ihrer Leidensgenossen.
RUSHDIE: Der Fall Rushdie sollte nicht isoliert betrachtet werden. Er ist nur das berühmteste Beispiel einer weitverbreiteten Repression von Schriftstellern und Intellektuellen in der moslemischen Welt. Vor fünf Jahren riefen die Mullahs von Saudi-Arabien zum Heiligen Krieg gegen Modernismen. Im Iran werden Schriftsteller eingekerkert, gefoltert und hingerichtet. In Ägypten werden Bücher geächtet. Dieselbe Anklage immer: unislamische Tätigkeit und Blasphemie.
SPIEGEL: Und warum spricht die Welt nur über Rushdie?
RUSHDIE: Weil ich im Westen lebe und auf englisch schreibe. Hätte ich im Iran gelebt und auf farsi geschrieben, wäre ich zuverlässig tot und die Sache seit drei Jahren vorbei.
SPIEGEL: Sie sind in einer Moslem-Familie in Bombay aufgewachsen.
RUSHDIE: Meine Familie war moslemisch, aber es gab keine Religion im Haus, außer daß ich einmal im Jahr mit zur Moschee genommen wurde zum Gebet - wie Weihnachten bei den Christen. Ich hatte ein christliches Kindermädchen, mit dem ich den Weihnachtsbaum schmückte und Lieder sang.
Bombay ist eine sehr kosmopolitische Stadt, die meisten meiner Freunde waren keine Moslems. Wir haben kein Schweinefleisch gegessen, das ist wahr; es ist allerdings ziemlich schwierig, in Bombay Schweinefleisch zu bekommen.
Und mein Vater folgte auch nicht der Regel des Koran, keinen Alkohol zu trinken. Meine Eltern waren extrem schlechte Moslems, wie ich glücklich berichten kann, und ich bin ihnen sehr dankbar, daß sie mir eine tolerante, weltliche Erziehung gaben.
SPIEGEL: Und dann fragte Sie Ihr Papa: Würdest du gern auf eine englische Schule gehen?
RUSHDIE: Für die indische Bourgeoisie galt die Erziehung in einem englischen Internat zu dieser Zeit als etwas sehr Erstrebenswertes, heute weniger. Dort entdeckte ich zwei Dinge: rassistische Vorurteile und die Vorstellung, ein Ausländer zu sein. Erfahrungen, die man behält.
SPIEGEL: Erfahrungen, die auch die beiden Helden Ihrer "Satanischen Verse" machen. Der Roman handele, schrieben Sie einmal, von der Durchmischung der Völker, von "Veränderung, geteiltem Selbst, Liebe, Tod, London und Bombay". Die Mullahs interessierte lediglich, was Sie über Mohammed schrieben, der bei Ihnen den christlichen Schimpfnamen "Mahound", falscher Prophet, trägt und "keine Zeit für Skrupel" hatte. War der Effekt auf die Mullahs voraussehbar?
RUSHDIE: Nicht im Detail. Die Geburt einer Religion, des Islam, ist nur einer der Aspekte meines Buches, die Völkerwanderung, als Akt der Erneuerung, ein anderer. Aber mein Buch ist kein philosophisches Traktat, es ist ein komischer und satirischer Roman.
Mir war klar, daß er den Mullahs nicht gefallen wird, andererseits gefällt ihnen gar nichts. Sie brennen Schuhläden nieder, weil ihnen die Schuhe darin nicht gefallen. Wie immer ich die Geburt des Islam erzählt hätte, den Mullahs hätte sie mißfallen. Sie wollen die Kontrolle über den Koran behalten, weil sie damit vieles andere kontrollieren.
SPIEGEL: Die Macht dazu besitzen sie.
RUSHDIE: In einigen Ländern; und in den meisten Ländern sind die Mullahs sehr unbeliebt. Wir müssen ihnen die Macht über den Koran nehmen, er gehört genauso uns, und wir können darüber reden, wie es uns gefällt, auch Witze darüber machen. Die schmutzigsten Witze über den Propheten kommen aus dem Iran.
SPIEGEL: Erzählen Sie uns einen.
RUSHDIE: Ich habe genug Ärger am Hals.
SPIEGEL: In ziemlich jeder Moschee der Welt wurde gegen Sie gepredigt. Haben Sie so viele Leser unter den Mullahs?
RUSHDIE: Nein, das Buch wurde auf ein paar Slogans reduziert . . .
SPIEGEL: . . . der Prophet manipuliert Koran-Verse, seine Gefährten sind "Abschaum", Huren nennen sich nach den Frauen des Propheten . . .
RUSHDIE: . . . und diese Liste wurde dann über den Erdball verbreitet und der Autor zum Feind dämonisiert.
SPIEGEL: Haben Sie je überlegt, Ihr Buch zurückzuziehen?
RUSHDIE: Niemals. Ich habe ein Wertesystem, und nach diesem System kann das Buch nicht zurückgezogen werden. Es gibt die Freiheit des Wortes, und auf diesem Fundament beruht alles andere. Ich habe den Kampf nicht gesucht, aber er geht um die Dinge, an die ich felsenfest glaube.
SPIEGEL: Was für Sie die Freiheit des Wortes ist, bedeutet für die andere Seite ein Sakrileg.
RUSHDIE: Um es grob zu sagen: Falls Gott existiert, wird er sich um die "Satanischen Verse" nicht scheren; wenn er nicht existiert, auch nicht. Das Konzept "Sakrileg" akzeptiere ich nicht. Eine Religion, die durch Gesetze beschützt werden muß, ist eine merkwürdige Art von Religion. Religionen sind in dieser Hinsicht nicht anders als andere Ideen.
SPIEGEL: Und wenn Sie das Wort "Sakrileg" durch das Wort "soziales Fehlverhalten" ersetzen?
RUSHDIE: Wer entscheidet, was akzeptables Sozialverhalten ist?
SPIEGEL: Wenn Sie Witze über jemandes Religion machen oder über jemandes Hautfarbe - ist das nicht das gleiche?
RUSHDIE: Natürlich nicht. Das eine ist eine Idee, das andere eine Tatsache. Ich kann meine Hautfarbe nicht ändern, aber meine Ideen. Eine Gesellschaft, die nur höflich miteinander umgeht, ist eine tote Gesellschaft. Wenn jeder nur sagen darf, womit der andere einverstanden ist, ist jede Art Freiheit dahin.
SPIEGEL: Wir erleben gegenwärtig eine Zeit der Völkerwanderung, eine globale Migration. Multikulturelle Gesellschaften entstehen, verschiedene Lebensweisen prallen aufeinander . . .
RUSHDIE: . . . genau davon handelt mein Roman, das ist seine Substanz, und er beschreibt das als eine sehr explosive Situation.
SPIEGEL: Läge es da nicht nahe, eine neue Toleranz zu entwickeln, um Konfrontationen zu vermeiden?
RUSHDIE: Können Sie Konfrontationen vermeiden, indem Sie nicht darüber reden? Wenn wir schweigen sollen, um andere nicht aufzuregen, vor allem wenn sie gewalttätig reagieren, empfehlen Sie Selbstzensur. Und die mündet, wenn Sie die europäische Geschichte betrachten, in Formen des Faschismus.
Ich verachte Leute, die auf die Straße gehen und rassistische Reden halten, und ich habe mich politisch engagiert, um gegen diese Leute zu kämpfen. Aber sie, um des sozialen Friedens willen, zum Schweigen zu bringen, würde dem sozialen Frieden nicht helfen. Schlimmere Probleme würden aufbrechen.
SPIEGEL: Und keine Patentlösung in Sicht?
RUSHDIE: Natürlich nicht. Die Menschen werden nie miteinander übereinstimmen. Es ist viel wichtiger, daß diese Widersprüche artikuliert werden.
SPIEGEL: Und das ist eine der Funktionen der Literatur.
RUSHDIE: Natürlich. Es ist noch nicht so lange her, als Rabelais von der Kirche attackiert wurde, ich vermute, weil er Blasphemie in Komik einbettete. Voltaire sagte, Schriftsteller sollten nahe der Grenze wohnen, damit sie, wenn sie in Schwierigkeiten geraten, schnell flüchten können. Er fürchtete nicht den Staat, sondern die Kirche.
SPIEGEL: Voltaire schrieb auch kritisch über Mohammed, sogar einen Fünf-Akter.
RUSHDIE: Er meinte in Wahrheit nicht Mohammed. Die europäische Bewegung, die wir als "Aufklärung" verehren und von der wir sagen: "Sie ist die Grundlage von allem" - die Schriftsteller dieser Zeit wurden verfolgt, wie die Moslems mich heute verfolgen. Diderots "Jacques le Fataliste" und Rousseaus "Confessions" wurden nicht zu Lebzeiten der Autoren veröffentlicht. Alle Bücher, in deren Tradition wir uns fühlen, waren zu ihrer Zeit geächtet, und ihr Kampf galt der Kirche.
SPIEGEL: Kein Gedanke daran, religiösen Fundamentalismus zu tolerieren?
RUSHDIE: Nein. Anders als die meisten Leute habe ich in Ländern gelebt, Indien und Pakistan, in denen religiöser Extremismus ein reales Problem ist. Und ich habe gesehen, wie der Extremismus sie zerstört.
Die Islamisierung Pakistans hatte schlimmere Effekte als die Militärdiktatur, nicht nur für die Freiheit der Menschen, auch für die Wirtschaft. Der Fundamentalismus weiß nicht, wie man ein Land führt. Mit dem Koran, der im 7. Jahrhundert geschrieben wurde, die Ökonomie des 20. Jahrhunderts leiten zu wollen, ist eine Katastrophe. Die Rückkehr der religiösen Bigotterie ist eine der größten Herausforderungen der kommenden Geschichte.
SPIEGEL: Als 15jähriger Junge, so schrieben Sie einmal, verloren Sie endgültig Ihren Glauben. Sie kauften sich ein Schinkenbrot, also Schweinefleisch, und aßen es.
RUSHDIE: Ja, ein Schinkenbrot, und kein Blitz und Donner.
SPIEGEL: Weihnachten 1990 erklärten Sie, Sie seien wieder Moslem und kehrten zurück zum Islam. Was war geschehen?
RUSHDIE: Es war wahrscheinlich der größte Fehler meines Lebens.
SPIEGEL: Warum haben Sie ihn gemacht?
RUSHDIE: Sie sollten sich für einen Augenblick in meine Lage versetzen.
Eines der peinigendsten Dinge dieser Zeit war, daß ich den Menschen, über die ich immer geschrieben habe und von denen ich herkomme, als Feind präsentiert wurde. Dieser Bruch war sehr schmerzhaft, ich wollte dagegen etwas unternehmen, ich will es immer _(* Steinigung in Pakistan. ) noch, denn ich bin nicht der Feind, zu dem man mich gemacht hat.
Dahinter stand auch, daß ich in dieser Zeit auf dem absoluten Tiefpunkt war, daß ich meinte, nichts bewege sich, und daß ich etwas lächerlich Extremes unternehmen müßte, um die Sache in Ordnung zu bringen.
Und da ich die "Satanischen Verse" als eine Art von Dialog über die Entstehung einer Religion sehe, sagte ich zu mir: Wenn du darüber argumentieren willst, dann mußt du das innerhalb des Raumes tun und nicht außerhalb. Vielleicht mußt du den Raum betreten, um den Dialog mit der anderen Seite zu beginnen.
Das schien mir nicht nur nützlich, sondern auch machbar für mich; in der moslemischen Welt gibt es im Augenblick den Versuch, von einer ziemlich schwachen Gruppe, zu einer weltlichen Definition des Islam zu gelangen; also die Kultur zu akzeptieren, aber nicht die Theologie.
SPIEGEL: Und warum war dieser Schritt in den Raum, die Rückkehr zum Islam, ein Fehler?
RUSHDIE: Ganz einfach. Es war eine Selbsttäuschung. Ich bin nicht die Person dafür. Ich fand mich in einer Sprache gefangen, die nicht meine Sprache ist. Ich fühlte zum erstenmal in meinem Leben, daß ich eine Selbstbeschreibung gegeben hatte, die nicht paßte. Ich mußte widerrufen, und ich fühlte mich viel besser, als ich es getan hatte.
SPIEGEL: Also Saulus, Paulus, Saulus.
RUSHDIE: Ja, leider, aber es gab sowieso kein Licht vom Himmel auf der Straße nach Damaskus. Es war ein Fehler aus guten Gründen, aber ein Fehler. Er sollte Wunden heilen, aber er brachte mich in eine falsche Position.
SPIEGEL: Damals gaben Sie sogar zu Protokoll, daß Sie die "Satanischen Verse" als bekennender Moslem "selbstverständlich anders geschrieben hätten".
RUSHDIE: Selbstverständlich. Wenn ich das Buch von einer anderen Position her geschrieben hätte, wäre es ein anderes Buch geworden. Ich schrieb es als Nicht-Moslem.
SPIEGEL: Wohl dem, der nicht sitzt, da die Spötter sitzen, sagt der Psalmist. Mohammed seinerseits war auf Poeten überhaupt nicht gut zu sprechen.
RUSHDIE: "Sie sagen, was sie nicht tun", ja.
SPIEGEL: Sie betonen, ein "komischer Schriftsteller" zu sein. Wie kommt es, daß die "Satanischen Verse" so ernst genommen wurden?
RUSHDIE: Eines der großen Probleme meines Buches ist der kolossale Mangel an Humor bei meinen Kritikern. Was ich mit "komischem Schriftsteller" meine, ist nicht der Possenreißer. Es ist der Blick auf die Welt, der komisch ist, eine Art des Lächelns hinter den Seiten. Dostojewski und Kafka würde ich dazu zählen, sie haben das gleiche Gespür für menschliche Komödien.
SPIEGEL: Mohammed war kein komischer Schriftsteller . . .
RUSHDIE: . . . noch waren es die Evangelisten. Ich halte Mohammed für einen sehr bedeutenden Mann, für eine außerordentliche historische Figur. Der Islam ist die einzige der großen Weltreligionen, die in der schriftlich aufgezeichneten Geschichte geboren wurde. Deshalb kann man ihn, wie es im Westen geschieht, als historisches Ereignis studieren, und genau das wollen die Fundamentalisten verhindern.
SPIEGEL: Für die ist der Koran Gottes Wort, geoffenbart dem Propheten, unantastbar.
RUSHDIE: Wenn derselbe Gott zu einer anderen Zeit zu einer anderen Person kommen sollte, würde er vermutlich eine andere Sprache wählen. Soweit wir wissen, spricht Gott, falls er existiert, mehr Sprachen als Arabisch.
SPIEGEL: Die westliche Welt hatte Chomeinis Fatwa zunächst mit großer Empörung aufgenommen, ja als Kriegserklärung des Fundamentalismus begriffen. Nun, mehr als drei Jahre danach, hat sich an Ihrer Lage nichts Wesentliches verändert - doch ein Thema der großen Politik sind Sie nicht mehr.
RUSHDIE: Tatsächlich wird es immer schwieriger, das Interesse der Öffentlichkeit an diesem Thema wachzuhalten. Vor allem im letzten Jahr schienen mir die westlichen Staaten allzusehr darum bemüht, die Beziehungen zum Iran zu verbessern.
SPIEGEL: Was ist daran falsch?
RUSHDIE: Der Iran ist das Land, das die Menschenrechte mehr als jeder andere Staat in der Welt verletzt. Sehen Sie: Der japanische Übersetzer meines Buches ist ermordet worden, der italienische schwer verletzt. In fast allen europäischen Ländern werden iranische Dissidenten von Killern verfolgt und - wie zuletzt in Paris - auch getötet. Der Iran muß wissen, daß er nur dann in die internationale Völkergemeinschaft zurückkehren kann, wenn er aufhört, ein terroristischer Staat zu sein.
SPIEGEL: Wenn die Außenminister der westlichen Staaten Kontakte zur Regierung in Teheran aufnehmen, so kann das auch der Entspannung im Nahen Osten dienen.
RUSHDIE: Mag sein, vor allem dient es aber den wirtschaftlichen Interessen beider Seiten. Dabei wäre es doch so einfach: Der Iran will Technologie, Kredite, Panzer; seine ganze Ökonomie liegt brach und muß wiederbelebt werden. Wenn Teheran wüßte: Die Lösung der Rushdie-Affäre ist der Preis für alle diese Dinge . . .
SPIEGEL: . . . aber so läuft es nicht. Großbritannien hat 1990 wieder diplomatische Beziehungen zum Iran aufgenommen.
RUSHDIE: Das hat mich damals auch sehr besorgt gemacht. Aber es ging um die Freilassung der Geiseln im Libanon. Und die sind nun frei. Seither sind diese Beziehungen glücklicherweise nicht intensiviert worden - im Gegenteil: Außenminister Douglas Hurd hat erst vor wenigen Tagen erklärt, daß ein Austausch von Botschaftern erst nach Klärung meines Falles möglich sei.
SPIEGEL: Die Regierung in Washington scheint da weniger prinzipienfest zu sein.
RUSHDIE: Das stimmt leider. Sie spielen auf meine USA-Reise im März an.
SPIEGEL: Präsidentensprecher Marlin Fitzwater hat einen offiziellen Empfang für Sie mit der Begründung abgelehnt, Sie seien schließlich nur ein Autor auf Lesereise.
RUSHDIE: Also: Wenn ein Autor mit einem geheimen Flugzeug auf einem geheimgehaltenen Flugplatz landet, wenn er von Geheimpolizisten geschützt und geführt wird - dann ist er bestimmt nicht nur auf irgendeiner Lesereise für irgendein Buch. Und die amerikanische Öffentlichkeit hat das auch nicht so begriffen, die Kritik an der Haltung des Weißen Hauses war entsprechend heftig.
SPIEGEL: Auch die Bundesregierung nimmt Rücksicht auf die Interessen Teherans. Im vergangenen Jahr empfahl Bonn, die iranischen Verlage wieder zur Frankfurter Buchmesse zuzulassen.
RUSHDIE: Und die Organisatoren der Buchmesse behaupteten sogar, sie hätten mein Einverständnis dafür eingeholt - was definitiv falsch war. Daß die iranischen Verlage am Ende doch ausgeladen wurden, ist nur den Protesten deutscher Autoren und Verleger zu verdanken. Die Öffentlichkeit ist eigentlich mein bester Schutz. Ich habe keine Panzer, ich habe die öffentliche Meinung auf meiner Seite.
SPIEGEL: Der Iran, der wohl auch bei der nächsten Frankfurter Buchmesse nicht vertreten sein wird, hat nun seinerseits die Konsequenzen gezogen und die deutschen Verlage von der Teheraner Buchmesse ausgeschlossen.
RUSHDIE: Wissen Sie, grundsätzlich bin ich natürlich dafür, daß eine Buchmesse offen für alle ist. Und wenn es mir möglich ist, die Frankfurter Buchmesse zu besuchen, ohne dabei mein Leben aufs Spiel zu setzen, dann sollen selbstverständlich auch die Iraner kommen. Aber warum soll ich die einzige Person in der ganzen Welt sein, die nicht zur Frankfurter Buchmesse kommen darf?
SPIEGEL: Sie schließen eine Entspannung im Streit um Rushdie absolut aus?
RUSHDIE: Die Idee, daß diese Affäre irgendwie langsam verschwinden wird, ist ein fataler Irrtum. Die Politiker müssen erkennen, daß dieses Problem erst dann gelöst wird, wenn sie den Iran unter Druck setzen. Ansonsten bleibt alles so, wie es ist.
SPIEGEL: Aber warum haben Sie darauf bestanden, daß nun auch noch eine Taschenbuch-Ausgabe der "Satanischen Verse" in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien erscheint? Heizt das nicht die Affäre unnötig an? _(* Mit Redakteuren Fritz Rumler und ) _(Martin Doerry in London; im Hintergrund: ) _(britische Sicherheitskräfte. )
RUSHDIE: Bisher ist nichts geschehen - und darüber bin ich sehr erleichtert. Man darf sich den Fundamentalismus doch nicht zum Schreckgespenst machen lassen. Wir müssen uns diesem Phänomen stellen. Also: Mit dieser Taschenbuchausgabe ist die Veröffentlichung meines Buches auf die übliche Weise abgeschlossen worden. Nun geht das Buch den Weg aller Bücher, bald wird es nur noch ein paar Bände davon in den Buchläden geben. Und wer will, kann hingehen und sie sich auch noch holen.
SPIEGEL: Schreiben Sie schon an einem neuen Roman?
RUSHDIE: Ja, und er handelt von vielen Dingen - nur nicht von dem einen Thema, das mich nun seit mehr als drei Jahren beschäftigt. Denn diese Affäre ist nichts als die Wahrheit; es wäre sinnlos, sie ins Fiktive zu wenden. Wenn ich jemals über meinen Fall schreiben werde, dann in der Form eines Tatsachenberichts. Vor drei oder vier Jahren hätte doch niemand von uns geglaubt, daß sich meine Geschichte im 20. Jahrhundert abspielen könnte - jetzt aber ist sie da, diese Rückkehr ins Mittelalter.
SPIEGEL: Ihr großer Verteidigungs-Essay "In gutem Glauben" endet mit dem Satz: "Das Leben lehrt uns, wer wir sind." Was haben Sie die Jahre der Unsichtbarkeit gelehrt?
RUSHDIE: Zuallererst: daß ich imstande bin, dies zu überstehen. Es ist eine interessante Lektion, zu erfahren, daß man stärker ist, als man glaubte. Sehr merkwürdig ist die Erfahrung, ein Objekt von soviel Haß zu werden. Man lernt sich besser kennen, man lernt zu unterscheiden, was wichtig ist für einen und was nicht.
Und ich habe die Vielfältigkeit der Anschauungsweisen, der Weltanschauungen, die die Kunst des Romans repräsentiert, schätzen gelernt. Der Roman ist die Kunst, viele Dinge zugleich zu sein und mit sich im Widerstreit zu liegen; ideologische Engstirnigkeit erschreckt mich immer mehr.
Leute, die zu wissen meinen, wie die Welt richtig ist, sind gefährliche Leute.
SPIEGEL: Mr. Rushdie, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Salman Rushdie *
ist seit drei Jahren Freiwild: Den britisch-indischen Schriftsteller, der mit dem Roman "Die Satanischen Verse" zum Haßobjekt der Mullahs wurde, bedroht immer noch das "Todesurteil", das der Ayatollah Chomeini am 14. Februar 1989 in einer "Fatwa" (Rechtsgutachten) fällte; der Roman sei "gegen den Islam, den Propheten und den Koran". Rushdie, 44, Cambridge-Absolvent, mit Preisen überhäufter Autor lebt seit der "Fatwa" im Verborgenen, beschützt von Sicherheitskräften.
* Steinigung in Pakistan. * Mit Redakteuren Fritz Rumler und Martin Doerry in London; im Hintergrund: britische Sicherheitskräfte.
Von Martin Doerry und Fritz Rumler

DER SPIEGEL 20/1992
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